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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

„Im Nachbarbade, in welchem^seiner Grösse wegen, das 
Strandleben ja in grösserer Blüte stebt, beobachtete ich einen 
jungen Menschen, welcher seinem Uebermute die Zügel 
schiessen Hess und wie ein Kobold zwischen den Zelten und 
Körben umhersprang, allerlei gutmütige Kurzweil treibend.“ 
„So, so! Nun hier an diesem Orte findet freilich ein 
Kobold keinen Platz für die Befriedigung seiner lustigen Launen. 
Hier ist es doch recht öde.“ 
„Das ist ja gerade der Magnet, der uns hierher gezogen 
hat. Wir wollen ja gerade Ruhe haben. Beliebt es uns, uns 
in den Strudel lustigen Treibens zu stürzen, ist es ein Leichtes, 
den Nachbarort aufzusuchen.“ 
„Da haben Sie recht, Herr Professor. Sagt denn aber 
Ihnen die stille Zurückgezogenheit zu, gnädiges Fräulein?“ 
wandte er sich an Cecilie. 
„Ganz ausserordentlich, Herr Fiedelmann!“ erwiderte 
diese. „Ich geniesse nur die grossartige Natur, die See, den 
Wald, bisweilen den Sonnenaufgang und fast immer den Sonnen 
untergang. Wir haben unten am Ausgange der schmalen 
Schlucht, durch, welche der einsame Fusspfad von der hohen 
Küste zum Strande hinabführt, unser Strandzelt stehen. Auf 
diesem romantischen Waldwege steige ich hinab, und setze mich 
in das Zelt, um das wundervolle Naturschauspiel zu betrachten“. 
„Dann ist es aber heut Zeit zu diesem Ihrem Spaziergange, 
sonst kommen Sie zu spät!“ warf Otto Fiedelmann ein und 
sein Herz fing an lebhafter zu pulsieren, denn er hoffte, das 
junge Mädchen wohl begleiten zu dürfen. 
„Heut nicht!“ wehrte dieses aber ab. „Wir haben einen 
zu weiten Spaziergang schon hinter uns. Auch rückt die 
Stunde des Abendessens heran.“ 
„Hoffentlich bin ich nicht Störenfried Ihres täglichen Lebens 
laufes geworden?“ 
„Gott bewahre!“ fiel der Professor ein. „Cecilie pflegt 
ja durchaus nicht jeden Abend die scheidende Sonne 
anzubeten.“ 
Frau Klimperer erschien und nahm Platz. 
„Denke Dir, Benno! Drüben die andere Wohnung ist 
bezogen. Heut Nachmittag ist der Justizrat Sithem nebst Frau 
und einem Neffen eingetroffen.“ 
„Also doch!“ entgegnete der Professor. „Ich hatte schon 
gehofft, wir würden allein hier bleiben können. Hoffentlich 
stören uns die Nachbarn nicht in unserem süssen Nichtstun!“ 
„Ich habe sie alle drei vom Hinterfenster aus gesehen, sie 
machen einen freundlichen Eindruck. Vielleicht erleben wir ein 
recht .harmonisches Zusammensein.“ 
„Ja, sie sind sehr nett!“ entschlüpfte es Cecilies Lippen. 
„Kennst Du sie denn?“ fragte ihr Vater überrascht. 
' Cecilie erblasste leicht und biss sich auf die Lippen. 
„Nein! Ich hörte es nur schon im voraus von den Haus 
leuten.“ 
„So, so! Na, die Leute werden aber kaum ein richtiges 
Urteil haben.“ 
Otto war die Verlegenheit seiner Nachbarin nicht entgangen. 
„Da gehen sie ja!“ tuschelte Frau Klimperer und zeigte 
in den Vorgarten hinab. 
„Richtig! Da schritten die neuen Hausgenossen der Pforte 
zu, um wohl noch einen Abendspaziergang zu machen. Sie 
sahen sich das Haus an, bemerkten die Familie Klimperer auf 
der Veranda und grüssten höflich hinauf. 
Otto glaubte wiederum wahrzunehmen, dass Cecilie ver 
legen wurde, ja sie errötete, als der Neffe des Justizrates 
seinen Gruss emporschickte. 
„Da steckt etwas dahinter!“ argwöhnte Otto im Stillen. 
„Die Leutchen kennen sich bereits. Hm!“ 
„Weisst Du, Wilhelmine!“ unterbrach der Professor seines 
ehemaligen Schülers Gedankengang. „Weisst Du, der Spazier 
gang hat mir heut ganz besonderen Appetit gemacht. Wie 
steht es denn mit dem Abendessen? Ich höre Lina schon so 
lange pfeifen. Wann hört dieses Konzert denn auf?“ 
„Wenn ich fragen darf, Herr Professor. Was hat das 
Pfeifkonzert mit dem Abendessen zu tun?“ 
„Sehr viel, mein Lieber! Sehr viel!“ 
Der alte Herr wollte soeben eine Erklärung folgen lassen, 
aber seine Gattin fiel ihm ins Wort und sagte: 
„Schlau muss der Mensch sein, Herr Fiedelmann. Unsere 
Lina ist eine Perle von Dienstmädchen, aber einen Fehler hat 
sie: Sie nascht gern ein bischen. Ich verlange daher von ihr, 
weil sie ja doch nun einmal zu einem musikalischen Hause 
gehört, dass sie, sobald sie eine Mahlzeit zubereitet, pfeift. 
Dann kann sie nicht naschen. Unterbricht sie ihre Musik, 
dann weiss ich, sie ist auf fauler Fährte, und eile hinaus, um 
einen grösseren Beutezug zu verhindern.“ 
„Vorzüglich! Ganz vorzüglich!“ lachte der junge Gast. 
Lina konzertierte jetzt in dem dicht neben der Veranda 
belegenen Zimmer, ein Zeichen, dass sie die Speisen auf den 
Esstisch setzte. Als sie einmal innehielt, blickte Frau Klimperer 
nur über die Schulter. „Lina, pfeife!“ rief sie und sofort 
setzte das Mädchen ein, bis es selbst dann alsbald in der Tür 
erschien und meldete, es wäre nun angerichtet. 
Der Professor bot seiner Gattin den Arm und Otto 
Fiedelmann, erfreut, dieser Ritterpflicht überhoben zu sein, um 
seinem Herzenszuge folgen zu können, bat Cecilie, sie zu 
Tische führen zu dürfen. Aber nur leicht und oberflächlich 
legte sie ihren Arm in den seinen, eine unzweifelhafte Kälte 
beherrschte ihr ganzes Benehmen dem jungen Gaste gegenüber, 
sodass dessen Auspicien ziemlich auf Null herabzusinken 
begannen. 
„Sie wissen wohl, Herr Fiedelmann, dass in unserem 
Hause der Alkohol in jeder Form verpönt ist. Sie müssen 
nun schon so fürlieb nehmen!“ wandte sich Frau Klimperer 
an den jungen Mann und nötigte Platz zu nehmen. 
Die gebratenen Tauben waren gut, der Tomatensalat sogar 
sehr gut. Dann aber gab es noch geschmorte Birnen und als 
Getränk zum gesamten Abendessen Buttermilch. 
„Donnerhagel!“ fluchte Otto in seinem Innern. „Was ist 
das für eine Zusammenstellung? Na, wohl bekomm’s mir!“ 
Nach Tische sollte Cecilie die neue Komposition ihres 
Vaters Vorspielen, sie entschuldigte sich aber mit Kopfschmerzen 
und bat, sich zurückziehen zu dürfen. So setzte sich denn der 
Professor an das Pianino, welches er aus der nächsten Stadt 
gemietet hatte, und spielte selbst den „Strandkobold“ vor. 
Nach einiger Unterhaltung empfahl sich Otto dann. Im 
Garten traf er die heimkehrenden Nachbarn und sah sich im 
Vorübergehen den jungen Herrn genau an, soweit es das 
Abenddunkel gestattete. 
„Also Du bist der begünstigte Nebenbuhler!“ zürnte er 
leise vor sich hin. „Du und das Mädel, ihr beide kennt euch 
schon und trefft hier nicht zufällig zusammen. Ich durchschaue 
euer Spiel. Darum Hess sie mich, den reichen Freier, abblitzen! 
Na wartet! Schiessen werden wir uns nicht! Pah! Ich kriege 
noch eine andere, eine Bessere. Aber Rache ist süss. Na, 
wartet nur! — Und dazu noch geschmorte Birnen, Tomaten 
salat und Buttermilch! Donnerwetter!“ 
Aergerlich verschwand er im Walde und trat seinen 
Heimweg an. — — — 
„Eine wunderbare Erholungsstätte hier!“ lobte der Justizrat 
Sithem, als er mit seiner Gattin und seinem Neffen, einem 
frischgebackenen Regierungsassessor, auf der Veranda am 
Frühstückstische sass. Zufrieden blickte er über den Vorgarten 
hinaus auf die leichtbewegte See, deren weisse Kämme im 
Sonnenlichte des jungen Tages leuchteten. 
„Und diese himmliche Ruhe!“ ergänzte Frau Brunhilde. 
„Hier kannst Du Deine überanstrengten Nerven ausruhen lassen, 
lieber Reinhold.“ 
„Wollen wir uns nicht auch ein Strandzelt mieten?“ fragt 6 
der Assessor, der dafür besonderes Interesse zu haben schien. 
„Wozu denn, Norbert?“ fragte seine Tante. „Wir haben 
ja die prächtige Veranda hier.“ 
„Nun, ich denke doch, wir werden nicht immer und ewig 
hier oben kleben bleiben, Hebe Tante. Wer an die Waterkant 
geht, will doch auch den Strand in unmittelbarer Nähe gemessen.
        
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