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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

Der Strandkobold. 
Von Burchard Friedrich. 
(Nachdruck verboten). 
Die Herbstsonne strahlte klar auf ein kleines Fischerdorf 
am Ostseestrande hernieder und liess die weissgetunchten 
Wände der echt ländlichen Häuser sich hell aus dem Grün 
der sie umgebenden Gärten abheben. Der ganze Ort bot 
einen unbestreitbar malerischen Anblick. Er schmiegte sich in 
eine kleine Senkung der Steilküste von verhältnismässig ganz 
respektabler Höhe hinein und wurde rings vom prächtigsten 
Buchenwalde umgeben, welcher bereits anfing, ein herbstliches 
Gewand anzulegen. Der Hochwald auf den bis an die See 
heranreichenden Bergen musste unwillkürlich jeden, der das 
von der Natur mit so verschwenderischer Fülle von Schönheit 
ausgestattete Rügen kannte, an die Stübnitz erinnern, nur dass 
statt der Kreidewände hier steile Lehmabhänge nach dem 
Strande abfielen. 
Touristen hatten das Dörfchen „entdeckt“. Natürlich 
musste ihnen ja die landschaftliche Schönheit desselben gefallen. 
Man sprach davon. In den Zeitungen wurde es gepriesen. 
So kam es zu dem üblichen Gange der Verhältnisse, dass schon 
im Sommer nach erfolgter Entdeckung sich Gäste einfanden, 
welche in aller Stille Gottes schöne Natur gemessen und in 
ländlicher Ruhe und in erquickender Weltabgeschiedenheit ihre 
angegriffenen Nerven wieder auffrischen wollten. Die weitere 
Konsequenz war, dass die Ortsbewohner, die von der hervor 
ragenden Schönheit ihres Heimwesens bisher keine Ahnung 
gehabt hatten, vielmehr nur bestrebt gewesen waren, ihr ganzes 
Trachten und Streben auf möglichst ergiebigen Fischfang zu 
richten, nunmehr genötigt wurden, für die Sommergäste Unter 
kunftsräume zu schaffen. Ziemlich mittelos, denn sie lebten 
nur von der Hand in den Mund, brauchten sie zum einfachsten 
Ausbau ihrer Häuser Geld, sie hatten aber eben keines und 
so drängten sie die Verhältnisse zu einem kapitalkräftigen 
Manne in der nächsten Stadt, welcher willig hergab, was sie 
verlangten und dabei ein gutes Geschäft machte, ein so gutes, 
dass er zu der Erkenntnis kommen musste, ein noch besseres 
würde sich ihm bieten, wenn er selbst Grundbesitz erwürbe 
und Häuser errichtete, in denen sich auch anspruchsvollere 
Leute wohl fühlen mussten. Dass aus der Sommerfrische sich 
schliesslich einmal ein Seebad entwickeln würde, stand ausser 
Zweifel. Er kaufte daher einige Grundstücke, Bauland, welches 
an beiden Seiten des Dorfes grösstenteils schon auf der Höhe 
der steilen Küste lag, und baute zunächst einmal ein einzelnes 
Haus. Eigentlich war es ein Doppelhaus, die Villa Nordstern, 
denn es bestand aus zwei kleineren Häusern, welche durch 
einen Zwischenbau, der die Veranden enthielt, verbunden 
waren. Alles war im norwegischen Stile errichtet. Man hatte 
eine ausgedehnte Fernsicht über die See, einen weiten Blick 
an der Küste entlang. 
Der Unternehmer hatte richtig spekuliert.p Kaum war die 
Villa Nordstern fertig, als sich auch schon Mieter meldeten. 
Den ganzen Sommer über hatte sie nicht leer gestanden. Ja 
selbst noch bei Beginn des Herbstes war sie als Erholungssitz 
verlangt worden. 
Den einen Flügel hatte der Professor Klimperer mit Frau 
und Tochter bezogen. Der alte Herr war Direktor eines 
Konservatoriums, ein nicht unbekannter, nicht unberühmter 
Musiker, dessen Kompositionen gern gehört wurden. Er wollte 
in der Einsamkeit, wie er sagte, einmal nur Mensch sein. — 
Vater, Mutter und Tochter hatten am Nachmittage einen 
weiten Strand- und Waldspaziergang gemacht und auf demselben 
einen ehemaligen Schüler des Professors ganz zufällig getroffen. 
Otto Fiedelmann war sehr reicher Eltern Kind, er hatte die 
Universität besucht und wollte ein paar Jahre seinen Passionen 
leben. Zu diesen gehörte in erster Linie die Musik. Um 
sich in die höhere Wissenschaft dieser einweihen zu lassen, 
hatte er in der Hauptstadt das Konservatorium des Professors 
einige Zeit besucht. Dann hatte er sich einer anderen Passion 
gewidmet. 
Er hatte auch im Hause des Professors Klimperer verkehrt. 
Der alte Herr mochte ihn gern leiden, weil er ein fröhliches, 
oft übermütiges junges Kerlchen war, welches den viel 
beschäftigten Mann aufheiterte und zerstreute. Frau Klimperer 
und ihre Tochter waren freilich anderer Meinung. Ihnen kam 
Otto Fiedelmann etwas protzig vor. 
Jetzt fügte es der Zufall, dass er mit den alten Bekannten 
fern von dem Getriebe der Welt zusammentraf. Er hatte im 
benachbarten grossen Seebade Aufenthalt genommen und 
durchstreifte die ganze Umgegend. 
Klimperers hatten ihn eingeladen, mit ihnen auf der Veranda 
des Nordsterns zu Abend zu speisen, und Otto hatte diese 
Einladung nur allzugern angenommen. Er war ein grosser 
Verehrer von des Professors Tochter Cecilie und hoffte in 
der späten Sommerfrische, zumal in der weltfernen Gegend, 
ihr nähertreten zu können, um erfolgreich zum Eheziele gelangen 
zu können. Wie hätte sein Geschick ihn sonst gerade hierher 
führen sollen? Das war eben ein Fingerzeig des Schicksals. 
So sass er denn höchlichst beglückt zwischen seiner 
Angebeteten und deren Vater, der seinerseits wirklich erfreut 
war, den jungen Mann wiederzusehen. 
„Ich faulenze mich hier gründlich aus,“ sagte schmunzelnd 
der Professor, indem er sich behaglich in einem bequemen 
Korbsessel zurechtsetzte. „Aber doch habe ich es, begeistert 
durch die Schönheit des Strandes, hier, nicht unterlassen können, 
ein heiteres Musikstückchen zu schaffen. Ich habe es „Strand 
kobold“ benannt. 
„Wie kommen Sie gerade auf diese Bezeichnung, Herr 
Professor?“ fragte Fiedelmann lachend. 
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