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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

aber schnell geflohen vor all dem Geheimnisvollen, das sich 
mir aufdrängte und meine Seele beunruhigte. Und doch zogs 
mich wieder hin mit zwingender Macht. Ich fand nirgends 
Ruhe. Mich lockte die Einsamkeit, das Treiben eines Volkes, 
dessen Jahrtausende alte Geisteskultur eine fanatische Priester 
kaste uns unverfälscht in seiner ganzen Eigenart bis in die 
Gegenwart hinübergerettet hat. Mit zäher Energie habe ich 
mich durchgerungen bis zu den heiligen Statten einer wunder 
baren Religion. In Kilwanani fand ich das lang Gesuchte: 
Einen Freund, einen jener verschlossenen Brahmanen, der mir 
sein Vertrauen schenkte und mich einführte in den märchen 
haften Zauber eines Götterkultus, der, hinabreichend bis in das 
weiteste Einst, den Geist seltsam gefangen nimmt und erfüllt 
mit einem unbestimmten Sehnen nach einem unfassbaren, über 
irdischen Glück. Und in einer Umgebung, deren landschaft 
liche, bizarre Schönheiten allein schon das Gemüt mit ehrfurchts 
vollen Schauern durchzittern Hess, hat Abatri mir den Schleier 
von den Augen gezogen. Eine andere AVelt tat sich mir auf, 
wie im Traum lebte ich die Tage dahin, sass in nächtlicher 
Stille auf einem Felsstück des verfallenen Burgtores und lauschte 
hinab in die Tiefen der Felsengänge jener Insel, woher wie 
Geisterstimmen die getragenen Gesänge andächtiger Brahmanen 
hervortönten. . . Der Mondschein lag auf dem stillen Wasser 
des Sees wie das Glühen eines geheimnisvollen Feuers in 
seinen Tiefen. Oft habe ich die Augen geschlossen . . . Und 
fühlte nur das Wehen einer unsichtbaren Macht, die mein 
Denken von allem Irdischen ableitete und hinführte zu dem 
ewigen Rätsel unseres Seins, — dem, was . . . wird. Oft 
hat der braune Priester neben mir gesessen. Ich habe seinen 
Worten gelauscht, die er mit geschlossenen Augen, bewegungs 
los wie eine Statue, in wilder V erzückung vor sich hinmurmelte. 
Er lehrte mich auf die Stimme meiner Seele hören, lehite mich 
glauben an das, was der Brahmanismus in phantastische Formen 
gekleidet hat, an die Seelenwanderung, die je nach Verdienst 
seiner Taten den sterbenden Hindu in glücklicher oder unglück 
licher Existenz, als Gott, Mensch, Tier oder Höllenbewohner 
wieder erstehen lässt. Monatelang habe ich in jener Einsam 
keit mit mir gerungen, habe meinen Kinderglauben zusammen 
gerafft und ihn gegen meine Zweifel ins Treffen geführt. Aber 
immer häufiger habe ich mit mir Zwiesprache gehalten, habe 
tastend in die Vergangenheit zurückgegriffen und zu erforschen 
gesucht, wer und wo ich selbst gewesen bin, . . . früher, 
früher, bevor ich als Hans Herwart diese Welt . . . wieder 
betrat . . , 
Das Letzte war kaum noch vernehmbar. Eine druckende 
Stille folgte. Aus dem Gesicht der Hausfrau, die ihren Sessel 
weit in den Schatten gegen die offenen, in den Salon führenden 
Flügeltüren gerückt hatte, war alles Blut gewichen Und diese 
geisterhafte Blässe wurde noch gehoben durch das dunkle Haar, 
das sie in zwei Wellen bis tief in die Stirn frisiert trug. Eine 
seltene Erregung war über die sonst so müde, apathische rrau 
gekommen. Alles an ihr schien in Aufruhr. Ihr Atem flog in 
fast hörbaren, kurzen Stössen, die Hände presste sie nervös 
ineinander, schlang die Finger zusammen, dass die Helenke 
knackten. . , 
Da sagte des Hausherrn rauhe Stimme, und er sprach 
unnatürlich laut, als er diese unbequeme Stimmung absichtlich 
zerstören wollte . . . 
„Aber mein bester Herr Herwart, das sind doch alles 
Märchen . , . Märchen! Da passen Sie gut zu meiner Frau, 
die sich auch mit solchem . . . Zeug den Kopf verdreht! . . . 
Seelenwanderung!! . . .“ Er lachte dröhnend. Dann aber 
beugte er sich besorgt vor. 
„Dir ist nicht gut, Ellen . . . ? Dich greift diese Unter 
haltung an, nicht wahr?“ 
Fast heftig kam die Erwiderung . . . 
„Nein, nein! Ist’s doch endlich etwas anderes als unsere 
alltäglichen Gespräche! Und . . . gerade dieses . . . dieses . . . !“ 
Und wie eine Aufforderung zum Weitersprechen war jetzt ihr 
Blick zu Herwart hm. Der schien nichts . . . nichts gehört 
zu haben, hielt den Kopf tief gesenkt. Fast hätte man meinen 
können, er schliefe . . . 
Merres glaubte irgend etwas sagen zu müssen, nur um 
endlich diesen kleinen Kreis von der fast hypnotisierenden 
Wirkung dieser Worte zu befreien. Und doch klang’s nur 
zaudernd, als er begann . . . 
„Sie sagen . . .: „Märchen!“ Herr Wieler! Das trifft die 
Sache doch nicht ganz.“ Er wollte weitersprechen. Da schien 
Herwart zu erwachen. Und offenbar nahm er seine Rede dort 
wieder auf, wo er vorher verstummt war. Er konnte auch den 
Freund nicht gehört haben, sonst hätte er ihn nicht so rück 
sichtslos unterbrochen . . . 
„Die Menschen hasten an vielem vorüber, das sie wie eine 
dumpfe Mahnung einen Augenblick wohl undeutlich empfinden. 
Die meisten sind zu bequem, um den Schwingungen ihrer Seele 
bis über die Schwelle aufdringlichster Wirklichkeit zu folgen. 
Wohl Jeder hat schon einmal dieses geheimnisvolle Rück 
erinnern an ein früheres Dasein gespürt. Es ist wie ein Flüstern 
eines zweiten Ichs in uns, das uns zuraunt . . . „Du bist schon 
einmal auf Erden gewandelt in anderer Gestalt! Merke auf, 
das hast du schon einmal erlebt, empfunden, mit diesem 
sprachst du schon früher in fernen Zeiten, als ihr beide . . . 
noch andere wart . . . “ 
Wieder die Stille. — Und über Frau Ellen lief ein Er 
schauern, als jetzt der Wind mit pfeifendem Ton in den Ofen 
stiess, die Kohlen prasselnd nachfielen und die Flammen plötzlich 
hochzüngelten, die Scheiben des Bücherschranks in helle Röte 
tauchten und ebenso schnell erloschen . . . 
Dann richtete sie sich auf, stützte die Hände wie im Krampf 
auf die Armstützen des Sessels, und mit völlig veränderter 
Stimme, heiser, keuchend klang’s zu Herwart hinüber: 
„Sagen Sie doch diesen ungläubigen Narren, wer Sie einst 
gewesen, . . . sagen Sie es ihnen, damit sie glauben lernen!“ 
ln der Luft lag’s jetzt wie die Vorahnung einer Katastrophe. 
Wieder Herwärts Stimme, farblos wie die eines Sterbenden, 
der schon mit halbgebrochenem Blick eine Vision erschaut, dem 
des Geistes letztes Regen die Gedanken formt. 
„Ja, ich habe gelebt, lebe . . . werde leben! Habe gelebt 
in einem grossen Palast, um den Palmen rauschten, den die 
Zauberdüfte eines Blumenmeeres umwehten, trug prächtige, 
diamantbesäte Gewänder, einen Turban mit Reiherstutz — vor 
mir beugten sich Scharen von Kriegern . . . Ich war ihr Fürst 
. . . einst, einst . . . Auf dem Rücken eines weissen Elefanten, 
über mir den Baldachin, umgeben von meinem jubelnden Heere, 
zog ich ein in eroberte Städte. — Ich habe dieses Einst noch 
mals durchlebt in jenen Traumnächten auf der Insel Kilwanani . . . 
Ich habe nicht geträumt, ich weiss es . . . Ich sehe noch das 
Bild jener stolzen Frau vor mir, die, eine besiegte Königin, mich 
vor den Toren einer hohen Felsenburg empfing . . . Die Sonne 
gleisste auf den schimmernden Rüstungen ihres Gefolges . . . 
Unter ihrem Helm quoll ihr dunkles Haar hervor, fiel herab 
über den blinkenden Panzer in langen Locken . . . Ihre Augen 
schauten mir entgegen in ohnmächtigem Hass . . . Aber unsere 
Blicke tauchten in einander, Hessen sich nicht los, bis . . . “ 
Da tönte ein wildes, jubelndes Lachen, das Lachen einer 
Irren, durch das Zimmer. Ellen Wieler war aufgesprungen, zu 
Herwart hingeeilt, hatte sich vor ihm auf die Knie geworfen, 
umschlang ihn . . . Und gellend schrie sie jetzt, ihn zu sich 
herabziehend mit unwiderstehlicher Gewalt .... 
„Du bist’s . . . du . . . du!!“ — Und wieder das schrille, 
furchtbare Lachen, das in dem Raume widerhallte wie Dämonen 
gelächter ... — 
* * 
❖ 
In einer Privatheilanstalt aber lebte noch jahrelang eine 
schlanke Frau, die ihr volles Haar noch immer tief in die 
Stirn frisiert trug. Und jedesmal, wenn der Arzt bei der Tages 
visite ihr Zimmer betrat, kam sie ihm langsam entgegen, fragte 
mit einer Stimme, in der es wie hoffende Seligkeit lag: 
Ich sehe ihn doch wieder, Herr Doktor? Einst . . . einst . . . 
ln Kilwanani an dem verfallenen Tore der alten Radjahburg 
werde ich ihn erwarten, ich, seine besiegte Königin •. . . “ 
Und der Arzt nickte nur. 
Othello. 
Novelle von J. F. Humpf. 
(Nachdruck verboten). 
Siegfried Berger war Heldendarsteller im Stadttheater in N. 
und begeisterter Schauspieler. Seine Frau Julia spielte mit ihm 
gewöhnlich die weibliche Hauptrolle. Er hatte vor einem 
Jahre, als er mit der neu eingetretenen jungen Heldin zum 
erstenmale in Romeo und Julia zu spielen hatte, sich durch ihr 
leidenschaftliches Spiel hinreissen lassen und sie kurz darauf 
geheiratet. 
Erst in der Ehe merkte er, dass ihre Leidenschaft mehr 
im Blute lag als in dem schauspielerischen Sichgehenlassen, 
s 
Flügel 
Berlin SW. 
Pianos 
KocHstrasse 60/63.
        
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