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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

John nahm seine Schaufel wieder in die Hand und schob 
seinem Ungeheuer unermüdlich neue Nahrung in den gierigen 
Rachen. 
Die Maschine jagte in rasender Geschwindigkeit dahin, 
dass sich die Männer an den Barrieren festhalten mussten. 
Von Zeit zu Zeit spähte Jungwinter hinter sich, ob er nicht 
die glühenden Augensterne der Expressmaschine daherjagen 
sehe. Dann erfasste er die zweite Schaufel und warf ganze 
Berge von Kohlen in die Feuerbüchse. 
John sah nach dem Manometer. 
„Um Gotteswillen, dreizehn Atmosphären!“ schrie er und 
fiel seinem Führer in die Arme. „Noch eine Dampfspannung 
mehr, und wir fliegen in die Luft.“ 
„Wir müssen das äusserste wagen!“ rief er, „wir sind 
noch nicht am Ziele. Wenn wir nur erst aus dem Kurven 
terrain wären, dass sie uns sehen und unsere Zeichen verstehen 
können.“ — setzte er schaudernd hinzu. 
Jetzt erschienen in der Ferne zwei Lichter, noch klein und 
schwach zuckend, aber allmählich wachsend. 
„Sie sind in Sicht!“ schrie Jungwinter seinem Heizer zu, 
„sie kommen näher! Die neuen Maschinen laufen doch trotz 
ihrer Belastung schneller als unsere alten Braunkohlenkästen.“ 
Er zog den Griff der Dampfpfeife und Hess die Stimme 
seines eisernen Ungeheuers aufkreischen. 
Ob jener — sein Sohn — auf der Maschine es hörte? 
Wohl schwerlich — bei dem Getöse, welches das klirrende 
Eisen verursachte! 
Jetzt waren sie aus den Kurven heraus. Die letzte gerade 
Strecke lag vor ihnen, aber auch der tötliche Abgrund war 
nicht weit. Noch elf Kilometer Weges, noch fünf Minuten 
solcher Fahrt — und das Entzetzliche war geschehen. Jung 
winter erschauerte. 
Die Entfernung zwischen seiner Maschine und dem Express 
wurde immer noch kleiner. Man hatte ihn also noch nicht 
bemerkt. Es war auch kaum möglich. Diesen Nebel und 
diese dichten Regenschleier vermochte selbst das Licht eines 
Lichtspiegels kaum zu durchdringen. Oder man ahnte wohl 
auch nicht, worum es sich handelte! 
Er riss mit dem Schürhaken glühende Kohlen aus der 
Feuerbüchse, lud sie auf die Schaufel und warf sie in weitem, 
hohen Bogen seitwärts über die Barriere, dass ein Regen 
weissglühender Funken aufstob und in die Nacht emporschoss. 
Zwei — drei — viermal wiederholte er das. Mit zitternden 
Händen zog er die Uhr. Wie lange würde es noch dauern? 
Jeden Augenblick konnte er in die zertrümmerte Brücke ein- 
fahren. Jeder Augenblick konnte ihm und Jenen im Zuge den 
furchtbaren Tod bringen — und so kurz vor dem Ziele. 
Doch jetzt! — Jungwinter legte die Hand ans Ohr, und 
wie ein Freudenstrahl zog es über seine russgeschwärzten Züge. 
Ganz schwach hörte er es, aber auch ganz deutlich. Die 
Dampfpfeife seines Verfolgers hatte erklungen, jetzt wieder 
und nochmals — in der Signalsprache die Anfrage: „was soll 
das bedeuten?“ und nun Hess er sein Ungetüm die Antwort 
zurückbrüllen; indem er je einen langen und einen kurzen 
Pfiff aneinander folgen Hess; „Gefahr — — Gefahr!“ ihm 
klang es aber wie der Schrei:' „am Ziel — am Ziel!“ 
Wieder beugte er sich seitwärts und blickte zurück. 
Ja, die Entfernung schien sich zu vergrössern, der Express 
verfiel in ein langsameres Tempo. Jungwinter glaubte das 
kreischende Knirschen der Bremsen zu hören. Er stiess den 
Dampfhebel nach oben und riss den Stopphebel herab. Seine 
Maschine gehorchte. Nach wenigen Minuten hielt sie keuchend 
— und hinter ihr rollte langsam und langsamer der Express 
heran. Jetzt lief es wie ein Zittern durch seine ehernen Glieder, 
seine schlummernden Insassen durch den plötzlichen Ruck aus 
dem Schlafe schüttelnd. Aber er rief sie zum Leben. 
Bebend berichtete Jungwinter dem Zugführer den Zweck 
seiner Fahrt und fiel dann bleich und zitternd seinem Sohne 
in die Arme. 
Dreihundert Meter vor ihnen reckte der Süderturm seinen 
gigantischen Bau in die Nacht empor, und in seinem Wächter 
zimmer lag ein zitternder Mensch vor dem Telegraphenapparat 
auf den Knieen, halte die Hände gefaltet und stierte — auf 
Antwort wartend — in das tote Räderwerk, das der Blitz 
schlag zusammengeschmolzen hatte. — 
Und wieder dreihundert Meter weiter spannten in grässlicher 
Tiefe die Fluten des Tay die Ringe ihrer grünschillernden 
Wogen wie der Lindwurm, der sich auf sein Opfer stürzen 
will. Und in ohnmächtiger Wut darüber, dass ihm sein Opfer 
durch den Mut eines deutschen Maschinenführers entrissen 
worden war, warf er seinen brandenden Gischt am Mauerwerk 
empor und raste brüllend gegen die Fesseln, die ihm deutsche 
Ingenieure als eiserne Bänder und stählerne Nieten um die 
wilden Muskeln geschmiedet hatten. — — 
$ ❖ 
* 
N.B.; Die Brücke über den Tay ist von einem deutschen 
Ingenieur erbaut, Harold Stoss mit Namen. Sie ist 1878 
eingestürzt, und zwar in einer Sturmnacht, in welcher der Blitz 
einen Pfeiler am Süderturm traf und zum Teil umstürzte. 
Seelenwandemng. 
Skizze von Walther Kabel. 
(Nachdruck verboten.) 
„ . . . Bringen Sie Ihren Freund nur zu uns, Herr Doktor. 
Ich habe stets mit Vorliebe interessante Menschen in unser 
Haus gezogen. 
„Interessant?!“ meinte Dr. Merres nachdenklich. „Das ist 
vielleicht zu wenig, vielleicht zu viel gesagt. Herwart ist kein 
interessanter Gesellschafter im eigentlichen Sinne. Bei seiner 
ausgesprochenen Eigenart wirkt er nur im kleinen Kreise, und 
auch da — sehr verschieden. Der plötzliche Tod seiner 
Eltern, die das einzige Kind in glänzenden Verhältnissen zurück- 
Hessen, ein von Jugend an in ihm schlummernder Hang zu 
phantastischem Grübeln, schliesslich ganz besonders seine 
Reisen, die ihn in aller Herren Länder führten und ihn von 
den verschiedenartigen Eindrücken doch nur das in sich auf 
nehmen Hessen, was die Kultur jedes Volkes ihm Geheimnis 
volles, Wunderbares darbot, das alles hat meinen, ich möchte 
sagen „armen Freund“ zu einem mystischen Schwärmer ge 
macht, der meiner Ansicht nach zurzeit einfach gemütskrank 
ist. Und doch habe ich Sie gebeten, verehrteste Freundin, 
Herwart in Ihre Häuslichkeit einführen zu dürfen. Er ist hier 
fremd, und ich möchte ihn nicht zu viel sich selbst überlassen, 
muss für Abwechslung sorgen — will eben versuchen, ihn aus 
seiner phantastischen Welt auf unsere nüchterne Erde zurück 
zugeleiten.“ 
Die schlanke Frau hatte zuerst dem Besucher aufmerksam 
zugehört. Dann schien ihr Blick zu erlöschen, haftete jetzt 
starr auf der Ecke des bronzenen Rahmens eines Bildes, die 
ein durch die halb geschlossenen Jalousien dringender Sonnen 
strahl gleissen und glitzern Hess. — 
ln der Etage wurde eine Tür krachend zugeworfen. Da 
fuhr Frau Ellen Wieler zusammen. 
„Verzeihen Sie, Herr Doktor,“ sagte sie ohne jede Ver 
wirrung mit einem krankhaft müden Lächeln, „ich verliere mich 
so oft mit meinen Gedanken in weite Fernen, kann mein 
Denken so schwer konzentrieren. Aber ich habe trotzdem 
alles gehört, was Sie sagten.“ Und nach einer Pause. „Dann 
sehen wir uns also heute Abend wieder. Um halb acht, 
wenn ich bitten darf.“ — 
Ueber den vier Menschen, die an demselben Abend in 
dem Arbeitszimmer des Hausherrn zwanglos um den Tisch vor 
dem hohen Paneelsofa beisamrhensassen, lag eine wunderbare 
Stimmung, die ihnen der aufgezwungen hatte, der jetzt kaum 
zwei Stunden als neuer Gast in diesen Räumen weilte. Herwärts 
geistreicher Art, mit der er den entlegensten Themen eine 
allgemein interessante Seite abzugewinnen verstand, besonders 
aber seiner weichen, träumerischen Sprechweise, die gerade m 
ihrer Monotonie einen seltsamen Reiz ausübte, hatten sich die 
Anwesenden nicht entziehen können. Er hatte seinen Klub 
sessel weit ab von dem Tische bis fast in den kleinen Erker 
gerückt. Um ihn lagerte eine verschwommene Dämmerung, in 
der sein blasses, bartloses Gesicht mit der hohen Stirn und 
den nervös schillernden Augen wie ein körperloses Haupt gegen 
die dunkle Tiefe des Zimmers sich schob. Sein schwarzer 
Smokinganzug, die breitgebundene, ebenso schwarze Krawatte, 
in der nur eine Perle wie ein heller Fleck schimmerte, voll 
endete diese Täuschung. 
Herwart sprach gerade von seinem letzten Aufenthalt m 
Indien. . . „Fast ein Jahr hatte ich am Rande der indischen 
Wüste viele Meilen von Bhiwani, der nächsten Stadt der 
Provinz Radschputa, zugebracht. Kilwanani hiess das Dörfchen, 
lag an einem See, aus dessen Mitte sich eine kleine, Wild- 
zerklüftete Felsinsel erhob, deren uralter Palmenhain von den 
Ruinen einer verfallenen Radjahburg überragt wurde. Schon 
einmal hatte ich das Wunderland Indien kennen gelernt, war
        
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