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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

zins, — anonym brieflhch senden, — kein Mensch würde je 
den Namen des Diebes erfahren. — — — 
Dieb! — — — 
Da krähte der Hahn. 
Sein Hahn! Grossmutters Hahn! — — — Der junge 
Mann hielt inne Würde der Greis aufwachen? Nein. 
Er schnarchte laut .... Alles ward wieder stille in der Neben 
villa und den Gärten. Den Atem anhaltend griff Maurice nach 
einem Paket Bankbillets — — — 
„ Kückerückühühüh. “ 
Die Banknoten entglitten seiner Hand und fielen zerstreut 
auf den Teppich nieder — — — 
Dieb! Er war ein Dieb! 
Dort in seinem vergoldeten Bauer erwachte der kampfes 
mutige Vogel, der Freund der Gallier, das Wappentier Frank 
reichs. Gleich einem Windhauch glaubte er Gross 
mutters Stimme zu vernehmen, die Stimme, die ihm ins Flerz 
drang: „Wenn Du den Hahnschrei vernimmst, denke an Deine 
Fahne, denke an Deinen Vater, denke an die Ehre! 
Die Ehre — — — Er schüttelte sich — Mit 
einem Ruck schüttelte er die Versuchung von sich ab und 
floh aus dem Zimmer — — — 
Die kühle Nachtluft fächelte seine Schläfen und liebkoste 
seine Stirn. Der berauschende Duft der purpurgluhenden 
Rosen und des Jasmin machten ihm förmlich trunken 
Die Ehre! 
Sein Vater und der Nachbar hatten Recht! Er wurde 
sich mit seinen Gläubigern einigen können; er würde arbeiten! 
Die Arbeit würde ihn trösten, ihn in seinen eigenen Augen 
wie denen der Welt reinigen! . . 
Voll Glücksgefühl, mit Siegruf sprang er in seinen Garten 
hinüber! . 
Maurice Berrier hatte die Probe bestanden, sich der Semen 
würdig gezeigt! Er hatte sich selbst besiegt und wurde von 
nun ab jeder Versuchung standhalten! 
ln diesem Augenblick krähte der Hahn zum dritten mal! 
Mein Freund Fritz. 
Humoristische Skizze von Hermann Dressier-Chemnitz. 
(Nachdruck verboten.) 
Eigentlich verdient er die Bezeichnung „Freund nicht, denn 
er hat mich arg malträtiert. . , 
Ich sitze im Zuge nach Wasungen, um all die reizenden 
Kleinbahnstationen Thüringens zu durchfahren. Da wird im 
letzten Moment die Coupetür nochmals aufgerissen. Eine Dame 
reicht ein Bündel Menschenkind herein, das sich als ein strammes 
dreijähriges Kerlchen ausweist. 
„Also still sitzen, bis dich der Schaffner herauslasst, 
p ritz, ade!“ , 
„Hm!“ macht Fritz und sieht scheinbar interessiert aut das 
Keklameschild der Dredener Hygieneausstellung. 
„Wie weit reist denn der kleine Mann?“ frage ich. 
„Bis Themar. Würden Sie wohl die Güte haben, ein 
wenig nach ihm zu sehen?“ 
„Gewiss, recht gern!“ 
„Danke Ihnen sehr!“ 
Die Türen werden zugeworfen. Das Signal ertönt. Der 
Zug setzt sich in Bewegung. 
Wir sind allein. 
Fritz ist also mein Schutzbefohlener. 
Ich sehe ihn genauer an. Ein munteres Kerlchen. Braunes 
Sammetjäckchen. Dito Höschen. Frisches Gesicht mit lachendem 
Mäulchen und grossen fragenden Augen. 
Fritz mustert mich gleichfalls und scheint in mir einen Freund 
erkannt zu haben, zu dem er in nähere Beziehungen zu treten 
wünscht. Im nächsten Augenblick klettert er auf den Sitz 
neben mich, wobei er mit den Stiefelsohlen meine hellen Hosen 
um einige Karrees bereichert. Er untersucht mit grösster Ver 
traulichkeit meinen Trauring. 
„Was hast du da?“ fragt er. 
„Einen Ring!“ 
„Warum denn?“ 
„Weil ich verheiratet bin!“ 
„Verheiratet? Warum denn?“ 
„Junge, das kann ich dir nicht sagen!“ 
„Warum denn nicht?“ 
„Weil du noch zu klein bist!“ 
„Warum bin ich denn zu klein?“ 
— Allmächtiger Gott! — „Weil — weil — — —“ 
Er reisst mich selbst aus meiner Verlegenheit um eine 
Antwort, indem er plötzlich fragt: 
„Wie heisst denn du?“ 
„Onkel!“ 
„Onkel? Aus Berlin?“ 
„Nein, aus Chemnitz!“ 
„Onkel, ich will Schokolade haben!“ 
„So ?!“ 
Ich öffne meinen Handkoffer und entnehme ihm eine Tafel 
meiner Reiseschokolade. 
Fritz erfreut sich unterdessen an einem ganz merkwürdigen 
Spiele. Er drückt mit |dem Zeigefinger in meinen Hut eine 
Beule und freut sich, wenn dieselbe unter leisem Knall wieder 
herausspringt. 
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Ich nehme ihm den Hut weg und halte ihm dafür die 
Schokolade hin. 
Er scheint diesen Tribut der Humanität für ganz selbst 
verständlich zu halten, denn er greift mit beiden Händen zu. 
„Nun, wie sagst du da?“ 
Er beisst erst hinein, dann fragt er: 
„Hast du noch welche?“ 
„Gib mir noch welche!“ 
„Erst musst du die hier essen!“ 
Er unterzieht sich diesem Aufträge mit grossem Eifer, 
verwendet dabei aber die Schokolade äusserlich als Ver 
schönerungsmittel an Gesicht und Händen. Als ein Feind 
aller Halbheit versieht er auch meine Krawatte und das Ober 
hemd mit einigen braunen Linien, nachdem er an meinem 
rechten Aermel einen deutlichen Fingerabdruck hinterlassen hat. 
ln Anbetracht dieser wenig künstlerischen Veranlagung 
kann ich ihm natürlich keine zweite Tafel Schokolade bewilligen 
und sinne eben darüber nach, wie ich ihm diese Eröffnung 
möglichst schonungsvoll beibringe, als der Zug in Meiningen 
einfährt. — Die Schaffner rufen den Ort ab. 
„Was sagt der Mann, Onkel?“ 
„Er sagt Meiningen!“ 
„Muss ich hier raus?“ 
„Nein. Ich werde dir’s schon sagen!“ 
„Warum macht er denn aber die Tür auf?“ 
„Er will sehen, ob du noch da bist!“ 
„Bin ich noch da, Onkel?“ 
„Aber gewiss!“ 
Der Zug fährt an. Fritz fällt hin und stösst sich ein ganz 
klein wenig an die Nase. Die Folge davon ist, dass er in ein 
mörderisches Gebrüll ausbricht. 
Ich setze ihn also neben mich, streichle ihm die Bäckchen 
und suche ihn zu beruhigen. 
„Tut nicht mehr weh, Fritzei, ja?“ 
„Mamaaah! — Mamaaah! —“ 
„Nicht mehr weinen Fritzchen! Wer so weint wird nicht 
Soldat!“ 
Hilft nichts! 
„Mamaaah! — Mamaaah! —“ 
Ich bin in der grössten Verlegenheit. Soll ich seine Seele 
durch eine zweite Tafel Schokolade wieder ins Gleichgewicht 
bringen? Auf keinen Fall, wir steigen sonst beide als Mohren aus. 
Da blitzt mir ein rettender Gedanke auf. Ich ziehe meine 
Taschenuhr hervor und halte sie ihm ans Ohr. 
Das hilft. 
Sofort ist er ruhig. Er lauscht dem Pulsschlage der Zeit! — 
Jedoch nicht lange, so interessiert ihn der Anblick des Sekunden 
zeigers. Er versucht mehrmals, ihn aufzuhalten, was ihm aber, 
dank dem Uhrglase, nicht gelingt. 
„Mach mal auf, Onkel!“ 
„Geht nicht, ist zugeschlossen!“ sage ich. 
„Papa seine kann ich aufmachen!“ 
„So? Wie machst du denn das?“ 
„Hinwerfen! sagt er lakonisch, und schon liegt mein 
Chronometer am Boden. 
„Junge! Das musst du nicht machen. Geht sonst kaputt!“ 
fahre ich ihn ärgerlich an.“
        
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