Das „Germania-Ensemble“
tritt z. Zt. im „Apollo-Theater“ auf.
phot. Ernst Schneider, Berlin,
Aber doch standen tatsächlich die gelbmiitzigen Musensöhne
im innigsten Zusammenhänge mit der Ausstaffierung des alten
Bürgermeisters. Auf ihrer mit Wappen, Schlägern, Trinkhörnern
und Bildern reich geschmückten Korpskneipe hatten sie eine
urfidele Fastnachtsfeier gehabt, der Jugendmut hatte noch höhere
Wogen als sonst geschlagen. Die letzten, welche die Kneipe
verliessen, waren ihrer drei gewesen, ein urgemütliches Kollegium.
Der im höchsten Semester stehende Schnorps und die im vorletzten
Semester stehenden Etzel und Pitschmann. Alle drei
wohnten in demselben Hause und hatten also gemeinsamen
Heimweg. Schnorps hatte unten seine Bude. Als er sie
öffnete, standen seine Hausgenossen noch bei ihm, bereitwillig
folgten sie ihm hinein, als er den famosen Vorschlag gemacht
hatte, bei ihm noch einen ordentlichen Kaffee zu brauen.
Dieser nächtliche Schluss der Fastnachtskneipe wurde aber
für den alten Herrn draussen im Stadtparke verhängnisvoll.
Der braune Trank der Levante hatte die Lebensgeister wieder
aufgerüttelt,
„Var müssen noch irgend einen Ulk machen!“ hatte Etzel,
der gern dazu neigte, begeistert gerufen.
„Gute Idee das!“ pflichtete Pitschmann verständnisvoll bei.
„Aber was für einen? So bezecht sind wir doch nicht,
dass wir nichts Besseres ausklügeln könnten, als das ewige
Schilderverwechseln und dergleichen.“
Stummes Nachdenken.
„Hm! Hm!“ brummte der bemooste Schnorps da vor sich
hin und rieb sich den rechten Ohrlappen. Das war für alle,
die ihn kannten, das sichere Zeichen, dass sein
Denken ein Resultat gefunden hatte.
„Hm! Hm! Dauert euch nicht bei dem kalten
Schneewetter der alte Meyer da draussen?“
Seine Freunde zuckten die Achseln.
„Was für einen alten Meyer meinst Du denn
eigentlich?“
„Na aber! Hier gibt es doch bloss einen Meyer,
der euch mit Fug und Recht bekannt sein müsste.“
Trotzdem wussten die anderen immer noch nicht,
wohinaus Schnorps eigentlich wollte.
Reibt euch doch euere dicken Schädel! Na?
Hilfts auch nicht? Dann werde ich euch draufstossen.
Ich meine den glorreichen Meyer, der
einstmals Vater dieser Musenstadt gewesen ist
und jetzt draussen im Stadtparke als Büste auf
hoher Säule bei diesem Wetter eklig frieren muss.“
„Ach so! Gewiss! Ich möchte jetzt nicht an
seiner Stelle da stehen!“
„Nun! Da ist mir Deine Bude und Dein Kaffee
lieber!“ bestätigte Etzel und goss sich die vierte
Tasse ein.
„Ich freue mich, dass Ihr mein Mitleid mit
dem alten Manne teilt. Also nun passt einmal
auf! Ich will ihm mein Bestes hingehen, was ich
besitze. Ich habe da noch einen alten Paletot.
Es ist freilich nur ein Sommergewand —“
„Ach so! Die Mostrichpelle!“ warf Pitschmann
dazwischen.
„Richtig! So nanntet Ihr ihn. Er kann aber
auch als bronzefarben angesehen werden.“
„Wenn man es will, ja!“
„Diesen Paletot wollen wir Meyern anziehen. Er wird
ihm passen. Ist er auch dünn, für ihn ist er wärmend genug,
denn der alte Herr hat sich ja wohl im Laufe der Zeit
abgehärtet. “
„Famos, Schnorps! Das machen wir sofort!“ rief Etzel
begeistert. „Ich habe noch ein altes Halstuch, das hole ich
und spende es meinerseits.“
„Und ich weihe dem guten, einsamen Manne da draussen
meine alte Wintermütze!“ vollendete Pitschmann den Plan.
Sie tranken ihren Kaffee aus, vermummten sich und
wanderten, die bezeichneten Sachen unterm Arm, wieder in
die kalte Februarnacht hinaus, um das Denkmal zeitentsprechend
umzugestalten. Ungestört konnten sie ihr Werk vollenden,
denn einen „Nachtrat“ gab es in den Anlagen nicht. Dann
kamen sie überein, sich kurze Zeit auf’s Ohr zu legen, den
Wecker aber so zu stellen, dass sie wieder frühzeitig auf dem
Plane erscheinen konnten. Einer sollte das bürgermeisterliche
Denkmal, sobald es hell wurde, im Auge behalten, um abzuwarten,
welche Wirkung der Ulk haben und wie sich der
Schlussakt gestalten würde. Die beiden anderen sollten alle
in der Nähe wohnenden Korpsbrüder von der nächtlichen Tal
in Kenntnis setzen und sie möglichst alle heraustrommeln.
Frühzeitig waren auch wirklich alle zur Stelle und keiner
wollte wieder weichen, weil der anbrechende Wintertag so
herrliches Wetter mit sich brachte. Sie konnten unausgesetzt
das Denkmal im Auge behalten, je unauffälliger, je mehr Lustwandler
der prächtige Sonnenschein herauslockte. UnbefangenBürgermeister
Meyer.
Faslnachtserzählung von Burchard Friedrich.
(Nachdruck verboten.)
Der Aschermittwoch hatte begonnen. Die Anlagen
der Universitätsstadt prangten im winterlichen
Schmucke, die Bäume und Sträucher trugen blendende
Schneekappen und die Rasenflächen, welche mit
ihrem frischen Grün zur Sommerzeit das Auge erfreuen,
glitzerten im Scheine der Wintersonne, als
°b gütige Feenhände eine Unzahl edler Sternchen
darauf ausgestreut hätten. Das prächtige Februarwetter
hatte schon vom frühen Morgen an Spaziergänger
auf die Promenadenwege hinausgelockt.
Ziemlich in der Mitte der nicht allzu ausgedehnten
Anlagen, erhob sich auf einem freien Platze, von
einem eisernen Gitter umgeben, ein steiler Marmorsockel,
welchen die bronzene Büste des Schöpfers
dieses kleinen Parkes krönte, des verstorbenen
Bürgermeisters Meyer. Der alte Herr schien heute
ome sonst nie bemerkte Anziehungskraft zu haben.
Jeder blieb vor ihm stehen, ja, es bildeten sich
häufig Gruppen und ausgelassene Fröhlichkeit
Herrschte bei jung und alt. Der weiland gestrenge
Bürgermeister sah aber auch zu spassig aus. So
Hatte er sich der erstaunten Welt noch niemals gezeigt.
Ein freilich nicht mehr neuer Paletot ruhte auf
der Büste Schultern und umhüllte den oberen Teil
des Unterbaues, vorn zugeknüpft, mit an den Seiten
schlaff herniederhängenden Aermeln. Ein etwas schmutziges
und zerrissenes, gelbes Tuch war leicht um den Hals geknotet,
den Kopf bedeckte eine alte, schwarze Krimmermütze. Der
unten noch hervorsehende Sockel erweckte infolge seiner
Weissen Marmorfarbe den Anschein, als ob der alte Meyer
e 'n im hohen Schnee watender Invalide wäre.
Die ersten Besucher der Anlagen waren merkwürdigerweise
Studenten, welche alle gelbe Mützen trugen. Was hatten diese
gerade heut so zahlreich und so früh hier zu schaffen? Das
Universitätsgebäude lag ziemlich entgegengesetzt. Um dorthin
z u gelangen, brauchten sie nicht gerade am alten Meyer yorbeizudefilieren.
Sie sahen auch garnicht aus, als ob sie das
Kolleg besuchen wollten, denn kein einziger trug die bekannte
Weine Heftmappe unter dem Arme. Wollten sie ihre von
Wner schweren Fastnachtssitzung erhitzten Kopfe in der frischen
Morgenluft kühlen? Das erschien vielleicht wahrscheinlicher,
denn sie sahen alle fürchterlich verkatert aus. Warum aber
schliefen sie nicht erst lieber aus. anstatt schon mit den Bäckerjungen
den Tag zu begrussen? Warum blieben sie alle in den
Anlagen? Ja! Wer kann einen Menschen ins Herz sehen?
In diesem Falle freilich wäre dies nur etwas hellsehenden
Augen nicht allzu schwer gefallen. Aber die Hellseher
erschienen erst viel, viel später auf der Bildflache und, als sie
da waren, mischten sich mit den gelben Mützen schon viele
r °te, grüne, blaue, schwarze und weisse, da lustwandelten
auch schon Herren im Cylmder und mit Filzhüten aller Art,
junge Damen in Pelzkappen und buntgarnierten Winterhüten.
e *bst die routiniertesten Hellblicker waren da mit Blindheit
^Schlagen.