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Volume H. [1]

Full text : Berliner Leben (Public Domain) Ausgabe 14.1911 (Public Domain)

Das  „Germania-Ensemble“
tritt  z.  Zt.  im  „Apollo-Theater“  auf.

phot.  Ernst  Schneider,  Berlin,

Aber  doch  standen  tatsächlich  die  gelbmiitzigen  Musensöhne
im  innigsten  Zusammenhänge  mit  der  Ausstaffierung  des  alten
Bürgermeisters.  Auf  ihrer  mit  Wappen,  Schlägern,  Trinkhörnern
und  Bildern  reich  geschmückten  Korpskneipe  hatten  sie  eine
urfidele  Fastnachtsfeier  gehabt,  der  Jugendmut  hatte  noch  höhere
Wogen  als  sonst  geschlagen.  Die  letzten,  welche  die  Kneipe
verliessen,  waren  ihrer  drei  gewesen,  ein  urgemütliches  Kollegium.
Der  im  höchsten  Semester  stehende  Schnorps  und  die  im  vorletzten ­
  Semester  stehenden  Etzel  und  Pitschmann.  Alle  drei
wohnten  in  demselben  Hause  und  hatten  also  gemeinsamen
Heimweg.  Schnorps  hatte  unten  seine  Bude.  Als  er  sie
öffnete,  standen  seine  Hausgenossen  noch  bei  ihm,  bereitwillig
folgten  sie  ihm  hinein,  als  er  den  famosen  Vorschlag  gemacht
hatte,  bei  ihm  noch  einen  ordentlichen  Kaffee  zu  brauen.
Dieser  nächtliche  Schluss  der  Fastnachtskneipe  wurde  aber
für  den  alten  Herrn  draussen  im  Stadtparke  verhängnisvoll.
Der  braune  Trank  der  Levante  hatte  die  Lebensgeister  wieder
aufgerüttelt,
„Var  müssen  noch  irgend  einen  Ulk  machen!“  hatte  Etzel,
der  gern  dazu  neigte,  begeistert  gerufen.
„Gute  Idee  das!“  pflichtete  Pitschmann  verständnisvoll  bei.
„Aber  was  für  einen?  So  bezecht  sind  wir  doch  nicht,
dass  wir  nichts  Besseres  ausklügeln  könnten,  als  das  ewige
Schilderverwechseln  und  dergleichen.“
Stummes  Nachdenken.
„Hm!  Hm!“  brummte  der  bemooste  Schnorps  da  vor  sich
hin  und  rieb  sich  den  rechten  Ohrlappen.  Das  war  für  alle,

die  ihn  kannten,  das  sichere  Zeichen,  dass  sein
Denken  ein  Resultat  gefunden  hatte.
„Hm!  Hm!  Dauert  euch  nicht  bei  dem  kalten
Schneewetter  der  alte  Meyer  da  draussen?“
Seine  Freunde  zuckten  die  Achseln.
„Was  für  einen  alten  Meyer  meinst  Du  denn
eigentlich?“
„Na  aber!  Hier  gibt  es  doch  bloss  einen  Meyer,
der  euch  mit  Fug  und  Recht  bekannt  sein  müsste.“
Trotzdem  wussten  die  anderen  immer  noch  nicht,
wohinaus  Schnorps  eigentlich  wollte.
Reibt  euch  doch  euere  dicken  Schädel!  Na?
Hilfts  auch  nicht?  Dann  werde  ich  euch  draufstossen.
  Ich  meine  den  glorreichen  Meyer,  der
einstmals  Vater  dieser  Musenstadt  gewesen  ist
und  jetzt  draussen  im  Stadtparke  als  Büste  auf
hoher  Säule  bei  diesem  Wetter  eklig  frieren  muss.“
„Ach  so!  Gewiss!  Ich  möchte  jetzt  nicht  an
seiner  Stelle  da  stehen!“
„Nun!  Da  ist  mir  Deine  Bude  und  Dein  Kaffee
lieber!“  bestätigte  Etzel  und  goss  sich  die  vierte
Tasse  ein.
„Ich  freue  mich,  dass  Ihr  mein  Mitleid  mit
dem  alten  Manne  teilt.  Also  nun  passt  einmal
auf!  Ich  will  ihm  mein  Bestes  hingehen,  was  ich
besitze.  Ich  habe  da  noch  einen  alten  Paletot.
Es  ist  freilich  nur  ein  Sommergewand  —“
„Ach  so!  Die  Mostrichpelle!“  warf  Pitschmann ­
  dazwischen.
„Richtig!  So  nanntet  Ihr  ihn.  Er  kann  aber
auch  als  bronzefarben  angesehen  werden.“
„Wenn  man  es  will,  ja!“
„Diesen  Paletot  wollen  wir  Meyern  anziehen.  Er  wird
ihm  passen.  Ist  er  auch  dünn,  für  ihn  ist  er  wärmend  genug,
denn  der  alte  Herr  hat  sich  ja  wohl  im  Laufe  der  Zeit
abgehärtet.  “
„Famos,  Schnorps!  Das  machen  wir  sofort!“  rief  Etzel
begeistert.  „Ich  habe  noch  ein  altes  Halstuch,  das  hole  ich
und  spende  es  meinerseits.“
„Und  ich  weihe  dem  guten,  einsamen  Manne  da  draussen
meine  alte  Wintermütze!“  vollendete  Pitschmann  den  Plan.
Sie  tranken  ihren  Kaffee  aus,  vermummten  sich  und
wanderten,  die  bezeichneten  Sachen  unterm  Arm,  wieder  in
die  kalte  Februarnacht  hinaus,  um  das  Denkmal  zeitentsprechend
umzugestalten.  Ungestört  konnten  sie  ihr  Werk  vollenden,
denn  einen  „Nachtrat“  gab  es  in  den  Anlagen  nicht.  Dann
kamen  sie  überein,  sich  kurze  Zeit  auf’s  Ohr  zu  legen,  den
Wecker  aber  so  zu  stellen,  dass  sie  wieder  frühzeitig  auf  dem
Plane  erscheinen  konnten.  Einer  sollte  das  bürgermeisterliche
Denkmal,  sobald  es  hell  wurde,  im  Auge  behalten,  um  abzuwarten, ­
  welche  Wirkung  der  Ulk  haben  und  wie  sich  der
Schlussakt  gestalten  würde.  Die  beiden  anderen  sollten  alle
in  der  Nähe  wohnenden  Korpsbrüder  von  der  nächtlichen  Tal
in  Kenntnis  setzen  und  sie  möglichst  alle  heraustrommeln.
Frühzeitig  waren  auch  wirklich  alle  zur  Stelle  und  keiner
wollte  wieder  weichen,  weil  der  anbrechende  Wintertag  so
herrliches  Wetter  mit  sich  brachte.  Sie  konnten  unausgesetzt
das  Denkmal  im  Auge  behalten,  je  unauffälliger,  je  mehr  Lustwandler ­
  der  prächtige  Sonnenschein  herauslockte.  UnbefangenBürgermeister ­

  Meyer.

Faslnachtserzählung  von  Burchard  Friedrich.

(Nachdruck  verboten.)
Der  Aschermittwoch  hatte  begonnen.  Die  Anlagen ­
  der  Universitätsstadt  prangten  im  winterlichen
Schmucke,  die  Bäume  und  Sträucher  trugen  blendende
Schneekappen  und  die  Rasenflächen,  welche  mit
ihrem  frischen  Grün  zur  Sommerzeit  das  Auge  erfreuen, ­
  glitzerten  im  Scheine  der  Wintersonne,  als
°b  gütige  Feenhände  eine  Unzahl  edler  Sternchen
darauf  ausgestreut  hätten.  Das  prächtige  Februarwetter ­
  hatte  schon  vom  frühen  Morgen  an  Spaziergänger ­
  auf  die  Promenadenwege  hinausgelockt.
Ziemlich  in  der  Mitte  der  nicht  allzu  ausgedehnten
Anlagen,  erhob  sich  auf  einem  freien  Platze,  von
einem  eisernen  Gitter  umgeben,  ein  steiler  Marmorsockel, ­
  welchen  die  bronzene  Büste  des  Schöpfers
dieses  kleinen  Parkes  krönte,  des  verstorbenen
Bürgermeisters  Meyer.  Der  alte  Herr  schien  heute
ome  sonst  nie  bemerkte  Anziehungskraft  zu  haben.
Jeder  blieb  vor  ihm  stehen,  ja,  es  bildeten  sich
häufig  Gruppen  und  ausgelassene  Fröhlichkeit
Herrschte  bei  jung  und  alt.  Der  weiland  gestrenge
Bürgermeister  sah  aber  auch  zu  spassig  aus.  So
Hatte  er  sich  der  erstaunten  Welt  noch  niemals  gezeigt.
Ein  freilich  nicht  mehr  neuer  Paletot  ruhte  auf
der  Büste  Schultern  und  umhüllte  den  oberen  Teil
des  Unterbaues,  vorn  zugeknüpft,  mit  an  den  Seiten
schlaff  herniederhängenden  Aermeln.  Ein  etwas  schmutziges
und  zerrissenes,  gelbes  Tuch  war  leicht  um  den  Hals  geknotet,
den  Kopf  bedeckte  eine  alte,  schwarze  Krimmermütze.  Der
unten  noch  hervorsehende  Sockel  erweckte  infolge  seiner
Weissen  Marmorfarbe  den  Anschein,  als  ob  der  alte  Meyer
e 'n  im  hohen  Schnee  watender  Invalide  wäre.
Die  ersten  Besucher  der  Anlagen  waren  merkwürdigerweise
Studenten,  welche  alle  gelbe  Mützen  trugen.  Was  hatten  diese
gerade  heut  so  zahlreich  und  so  früh  hier  zu  schaffen?  Das
Universitätsgebäude  lag  ziemlich  entgegengesetzt.  Um  dorthin
z u  gelangen,  brauchten  sie  nicht  gerade  am  alten  Meyer  yorbeizudefilieren.
  Sie  sahen  auch  garnicht  aus,  als  ob  sie  das
Kolleg  besuchen  wollten,  denn  kein  einziger  trug  die  bekannte
Weine  Heftmappe  unter  dem  Arme.  Wollten  sie  ihre  von
Wner  schweren  Fastnachtssitzung  erhitzten  Kopfe  in  der  frischen
Morgenluft  kühlen?  Das  erschien  vielleicht  wahrscheinlicher,
denn  sie  sahen  alle  fürchterlich  verkatert  aus.  Warum  aber
schliefen  sie  nicht  erst  lieber  aus.  anstatt  schon  mit  den  Bäckerjungen
  den  Tag  zu  begrussen?  Warum  blieben  sie  alle  in  den
Anlagen?  Ja!  Wer  kann  einen  Menschen  ins  Herz  sehen?
In  diesem  Falle  freilich  wäre  dies  nur  etwas  hellsehenden
Augen  nicht  allzu  schwer  gefallen.  Aber  die  Hellseher
erschienen  erst  viel,  viel  später  auf  der  Bildflache  und,  als  sie
da  waren,  mischten  sich  mit  den  gelben  Mützen  schon  viele
r °te,  grüne,  blaue,  schwarze  und  weisse,  da  lustwandelten
auch  schon  Herren  im  Cylmder  und  mit  Filzhüten  aller  Art,
junge  Damen  in  Pelzkappen  und  buntgarnierten  Winterhüten.
e *bst  die  routiniertesten  Hellblicker  waren  da  mit  Blindheit
^Schlagen.
            
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