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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

auf die feindliche Schanze! 
Sprung] — Auf! — Marsch 
Marsch! Hurra!“ 
Und mit gewaltigem Brau 
sen dröhnte es aus 600 
kräftigen Manneskehlen: 
»Hurra! Hurra! Hurra!“ 
Wir hatte aber kaum zu 
laufen angefangen, da liess 
Seine Exzellenz „Das ganze 
Halt“ blasen. Die Inspizie 
rung war zu Ende. 
Wir durften’s uns jetzt 
bequem machen: Die Ge 
wehre zusammenstellen, die 
Tornister ablegen und uns 
lagern. Aber als der rot 
bärtige Trompeter das Signal 
blies: „Die berittenen Herren 
Offiziere!“, da dachten wir 
trotz unsrer Erschöpfung 
nicht daran, uns niederzu- 
' e gen, sondern sahen und 
horchten auf die Dinge, die 
da kommen würden. 
Und die Dinge waren 
wert, dass man auf sie sah 
und horchte. Als Priem bis 
iu 'f 50 Schritte 
h-xzellenz 
an Seine 
herangesprengt 
' ar ,stieg dieser vom Pferde 
>nd ging ihm entgegen, 
' 7 oiauf natürlich auch er Och, Reg.-Rat 
’Ugleich seinen Ilolzbock Prof. Dr. Qumlich. 
rügelte und sich aus dem 
Sattel schwang. 
Her General reichte ihm 
die Hand und sagte: „Ich 
danke Ihnen, Herr Major. Ihr Bataillon ist das beste, es ist das einzig 
das ich im ganzen Armeekorps gefunden habe. Ich werde nicht 
v ersäumen, Seiner Majestät Bericht darüber zu erstatten.“ 
Hann sassen die Herren wieder auf, und es folgte eine eingebende, 
e ‘wa einstündige Kritik, von der wir natürlich wenig zu hören bekamen; 
d°ch konnten wir beobachten, wie der General öfters Fragen an den 
Ma i°r richtete, gewiss Auskünfte erbittend und examinierend, und wie 
® r 2 » den Antworten lebhaft mit dem Kopfe nickte. Die schlamm- 
besudelte Uniform schien wenig oder gar nicht beachtet zu werden. 
aJ urz u «d gut: Unser Priem hatte sich in kritischen, ernsten Stunden 
e 'u echter Feldherr entpuppt. 
^ach Verabschiedung 
Sommerfest der Arbeiter-Gärten vom „Roten Kreuz“ Berlin, Jungfernhaide. 
ct.nteminietnr V. Rheinbaben. Polizeipräsident v. Hertzberg. 
Reg.-Rat Beseler. 
Staatsminister v. Rheinbaben. 
Stadtverordneten-Vorsteher Kaufmann. 
Stadtschulrat Dr. Neufert. 
Dr. Alexander. 
Frau Minister v. Thielen. 
Frau Konsul Frankel. 
Seiner Exellenz führte er selber das 
Bataillon nach Hause und hielt auf dem Kasernenhof folgende Ansprache 
an uns: 
„Füsiliere! Ich hab’ es gewusst! Wenn’s drauf ankommt, wenn’s 
gilt, dann lasst Ihr Euern Major nicht im Stich, dann gebt Ihr die 
Knochen für ihn her. Ich weiss auch: Wenn es einmal im Ernstfälle 
drauf ankommt, wenn dem Vaterland Gefahr droht, wenn der König 
ruft, dann gebt Ihr nicht nur Eure Knochen, sondern auch Euer Blut 
und Leben her. Für Eure heutigen Leistungen spreche ich Euch allen, 
Mann für Mann, meinen herzlichen Dank und meine freudige An 
erkennung aus.“ 
Den Offizieren und Unteroffizieren hat er noch in besonderer Weise 
seinen Dank kundgetan. Dem Bataillon, das auf seinen Befehl am 
nächsten Tage dienstfrei war, spendierte er vier Tonnen Bier, eine für 
frohen Blicken. 
Vierzehn Tage später. 
jede Kompagnie, und die 
Hauptleute, die ja gleichfalls 
ins beste Licht bei Seiner 
Exzellenz gerückt waren, 
legten noch etwas hinzu. — 
Die nachfolgenden Szenen 
sind vom Burschen und vom 
Kammerkätzchen erlauscht, 
und auf Umwegen, aber aus 
zuverlässiger Quelle kamen 
sie zu meiner Kenntnis. 
Vor seiner Gartenvilla an 
gekommen, übergibt Priem 
an jenem denkwürdigen Tage 
dem Burschen das Pferd 
und steigt dann die Treppe 
hinauf, indem er lustig 
pfeift: „Macht mir keine 
Wippchen vor, Wippchen 
vor!“ 
Die Gnädige ist nahezu 
starr, sie riskiert gar keine 
Frage, aus der schlammigen 
Uniform liest sie totsichere 
Blamage heraus, und als 
der Eheherr ununterbrochen 
fröhlich weiterpfeift, rauscht 
sie endlich aus dem Salon 
mit den bitterbösen Worten: 
„Er wird alle Tage ver 
rückter!“ 
ln der nächsten Zeit ist 
jeder Verkehr zwischen 
ihnen so gut wie ausge 
schlossen. Die gnädige Frau 
wagt sich nicht mehr auf 
die Strasse, aus Furcht vor 
mitleidigen oder schaden- 
Major Priem und Gemahlin sitzen schweig 
Lehrer Loose. 
Er 
drückt auf den Knopf der 
sam beim Nachmittagskaffee im Salon 
elektrischen Klingel, der Bursche tritt ein. 
„Johann, nimm die Achselstücke von meinen Uniformen ab un 
lass den Oberstleutnantsstern darin anbringen.“ 
Johann hat nach kurzen Augenblicken kapiert und antwortet: „Zu 
Befehl, Herr — Oberstleutnant.“ 
Die Gnädige lässt ihre zornsprühenden Augen vom Herrn Gemahl 
zum Burschen hin und her blitzen und scheint nicht klar darüber zu 
sein, wer von den beiden der verrückteste ist. Als sie aber keine Miene 
macht, loszuwettern, da nimmt Priem ein grosses Blatt aus der Brust-
        
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