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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

erhalten habe. Zum Verständnis des folgenden muss ich diesen Herrn 
mit ein paar Strichen zeichnen. 
Ihm ging der Ruf voraus, dass er bei Seiner Majestät sehr gut 
angeschrieben stehe und dass er aussergewöhnlich rasch Karriere ge 
macht habe. Infolge seiner eisernen Strenge und hervorragenden Be 
gabung sei er in allen Rangstufen vom Bataillons- bis zum gegen 
wärtigen Korps-Kommandeur nie länger als ein Jahr bei einem Truppen 
teil belassen worden; er werde immer dorthin geschickt, wo irgend 
etwas nicht in Ordnung sei. Dann halte er gründlich Auskehr und 
bringe „Zug in die Kolonne“. Es ist also begreiflich, dass ihn Offiziere 
und Mannschaften fürchteten, bevor sie ihn kannten. Und als er kam, 
da musste man sehr bald einstimmig bekennen: „Man hat uns nicht 
die Hälfte gesagt.“ Er war noch viel schlimmer als sein Ruf. Ich will 
nicht bis ins einzelne schildern, wie er die Kasernen inspizieite und 
alles „verlottert und verbummelt“ fand: die Soldaten, die Uniformen 
und Ausrüstungen, die Stuben, alles — alles. Und er tauchte immer 
auf, wann und wo ihn kein ehrlicher Christenmensch vermutete. Von 
morgens 3 bis abends 10 Uhr war er allüberall: auf den Exerzier 
plätzen, in den Kasernen, Kammern und Küchen, Bureaus und Kasinos. 
Auf der Strasse ihm begegnenden Soldaten wusste er fast ausnahmslos 
etwas anzuhängen: entweder war das Honneur nicht ganz exakt, oder 
der Anzug war nicht tadellos, oder es fehlte sonstwo. Er sah effektiv 
alles. Es hagelte förmlich Arrest und Strafexerzieren, Aber von 
10 Uhr abends bis 3 Uhr früh wird er doch nach solchen Anstrengungen 
um so fester geschlafen haben? Nicht in die Hand! Nachts alarmierte 
er, heute diese Garnison, morgen jene. Wann er schlief, ruhte, ass? 
Ich weiss es nicht, ich weiss es wahrhaftig nicht. 
Neben diesen kleinen und kleinsten Inspizierungen hielt er aber 
auch eine gründliche grosse ab. Exerzieren und Gefechtsübung. An 
jedem Tage ein Regiment, jedes Bataillon lür sich. Unsere Garnison, 
die sein Standquartier war, nahm er zuletzt vor. So konnte noch eine 
Woche lang gedrillt werden. Das hatten wir natürlich nicht vorher 
gewusst, denn er arbeitete nicht nach einem bekannten Schema oder 
Plan, sondern kam immer unverhofft. 
Von Kameraden aller Garnisonen, die er sich schon hatte vor 
führen lassen, trafen geradezu niederdrückende Nachrichten ein. Trotz 
übermenschlicher Anstrengungen fand kein Bataillon Gnade vor ihm. 
Wie viele Offiziere würden in den nächsten Monaten „um die Ecke 
gehen“? Was für Schuhriegeleien für die Soldaten würden ersonnen 
werden? 
Die Ansprüche waren zweifellos übertrieben hoch geschraubt. Wenn 
auch ein oder das andere Regiment nicht ganz au fait gewesen sein 
sollte — ein ganzes Armeekorps wird niemals verbummeln. 
Und nun denke man sich unsern guten Priem auf seinem Holzbock 
zur Parade vor dieser Exzellenz! Als oberster Befehlshaber in einem 
Gefecht! Wenn Holzbock gerade seine Laune bekäme, etwa wenn 
Exzellenz zur Kritik blasen liessen, und er würfe ihm den Major vor 
die Füsse, der noch rasch einen abgeknabberten Kern abschösse, in 
der Verwirrung vielleicht einem hohen Begleiter des Gestrengen auf die 
Nasenspitze, bevor er melden könnte: „Zu Befehl, Euer Exzellenz . . .“ 
Solche und ähnliche Dinge wurden in jenen Tagen bald laut, bald 
leise verhandelt. Gewünscht hätte es dem Guten ganz gewiss keiner, 
aber ein Schlusseffekt ohne gleichen wäre es auf alle Fälle gewesen. 
Unser Bataillon kam nämlich in der Tat zu allerletzt an die Reihe, an 
einem Tage für sich. 
Früh um fünf sollten wir in feldmarschmässiger Ausrüstung auf 
dem grossen Exerzierplatz stehen, in Paradestellung. Der Major befahl 
daher: „Um 4 Uhr antreten auf dem Kasernenhof!“ Die Hauptleute 
befahlen: „Um 3 Uhr antreten zum Appell im vorgeschriebenen Anzug!“ 
Die Korporalschaftsführer weckten ihre Abteilungen um Mitternacht zur 
Vorbereitung auf den grossen Tanz. 
Punkt 4 Uhr ritt der Major durchs Kasernentor auf den Hof, wo 
die vier Kompagnien angetreten standen. Nachdem er die Meldungen 
der Kompagniechefs entgegengenommen hatte, ritt er vors Bataillon 
und hielt nach dem üblichen Morgengruss: „Mojen, Füsiliere!“,, dem 
der sechshundertstimmige Gegengruss: „Mojen, Herr Major!“ heut 
förmlich Glück wünschend folgte, eine kurze Ansprache: Es solle jeder 
seine Pflicht tun, dann werde es schon gehen. 
Ich habe in meinem ganzen Leben nie wieder einen Menschen in 
so wohltuender, auf die ganze Umgebung sich übertragender Kühe 
gesehen, wie unsern Major an diesem Tage. 
Er reitet an der Spitze seines Bataillons auf den Exerzierplatz. 
Da tummeln sich, also kurz nach 4 Uhr, schon zwei Reiter dort herum. 
Einer mit breiteu roten Hosenstreifen. Wahrhaftig, es ist Exzellenz 
und sein ihn stets begleitender Trompeter. Da schlag doch einer lang 
hin! Der kontrolliert also schon gleich den Aufmarsch. Dem Major, 
der ihm Meldung machen will, winkt er von weitem ab und reitet 
immer weiter seine Achten, als ob er sonst nichts sähe. Harmlos, was? 
Ja Jung’! Der Kuckuck soll es da riskieren, die mitgebrachten Schnuren 
auszupacken, um daran das Ausrichten vorzunehmen. Beschummeln 
lässt der sich nicht! 
Um 1 / 2 5 rückt die Regimentsmusik heran. Seine Exzellenz kon 
feriert ein Weilchen mit dem Regimentslambour. Inzwischen sammelt 
sich ein grosser Stab um ihn: der Brigade-General, unser Oberst, die 
Stabsoffiziere, des Regiments und die Adjutanten dieser Herren. Um 
5 Uhr beginnt unsere Vorstellung. Während der Nacht hat es in 
Strömen geregnet, jetzt bricht die Sonne durch; möchte das ein gutes 
'Omen sein! 
Das Bataillon steht mit „Augen rechts“ wie eine Mauer; kein 
Nasenflügel bebt, keine Muskel zuckt, starr sind alle Augen auf Seine 
Exzellenz gerichtet, dem der Major jetzt rapportiert. 
„Guten Morgen, Füsiliere!“ 
600stimmig antwortet es: „Guten Morgen, Euer Exzellenz!“ 
Priem reitet vor die Front und kommandiert: „Achtung! Präsentiert 
das Gewehr!“ 
Der Griff klappt wie ein einziger, kurzer Schlag, und die Regiments 
musik spielt den Präsentiermarsch: „Seiner Majestät, dem König . . . .“ 
Langsam, ganz langsam reitet der Kommandierende die Front ab. 
Er moniert ein weniges, hier eine schiefe Helmspitze, dort eine Falte 
im Rock, Geringfügigkeiten, die den schärfsten Korporalsaugen ent 
gangen sind. Er sieht alles. 
Jetzt kommt der Parademarsch in Kompagniefronten. Die Kapeü e 
spielt merkwürdigerweise nicht unsern Regiments-Marsch, -sondern auf 
Befehl Seiner Exzellenz: „Macht mir keine Wippchen vor!“ — 
Dann folgen, eine Stunde lang allerlei Exerzitien: Griffe, Schwen 
kungen, Märsche, auch im Laufschritt, Jeder einzelne von uns ist unter 
dem schweren Gepäck schon durchgeschwitzt und überzeugt, dass bisher 
alles „tadellos“ war. 
Der General spricht kein Wort der Kritik, besieht sich die Sache 
von weitem und hetzt hin und wieder seinen Adjutanten mit neuen 
Befehlen zu unserrn Major. 
Das Exerzieren ist zu Ende. War’s gut? Wir hoffen’s! J etzt 
aber kommt die Klippe, an der Priem zerschellen wird, zerschellen 
muss: das Gefecht. 
Das gewählte Gelände ist bedeckt: hügelig, bewaldet. Das Bataillon 
soll eine auf dem Exerzierplatz befindliche feindliche Schanze stürmen. 
Die vier Kompagnien haben aber zunächst ganz verschiedene Aufgaben! 
Rekognoszierungen, Plänkeleien mit feindlichen Abteilungen, Ueber- 
schreiten von Hindernissen wie Schluchten, Gräben, Draht- und andern 
Sperren, von Pionieren ausgeführt usw. Dass Dich . . , ! — 
Während der General seine Idee vorträgt, spielt er mit dem Fern 
glas, als wollte er immer wieder sagen: „Macht mir keine Wippchen 
vor! Ich sehe alles, auch in der Ferne.“ 
Der Major erteilt kurze, klare Befehle. Die Kompagnien rücken 
ab. Es wird ein heisser Tag. Was gäben wir darum, wenn wir unsern 
aufrichtig verehrten Bataillons-Kommandeur heute wenigstens aus dem 
Schlimmsten herausreissen könnten! Aber die Aufgabe ist wohl gar z“ 
schwer. Er scheint jedoch die ganze Last und Verantwortung auf sich 
allein nehmen zu wollen, denn er lässt den Hauptleuten gar keinen 
Spielraum für eigenmächtiges I-Iandeln, sondern jagt seinen Adjutanten 
mit gemessenen Befehlen von Kompagnie zu Kompagnie, und wo 
die 
da 
Situation sich plötzlich ändert, etwa durch Auftauchen des Feindes, 
ist er selber zur Stelle. Sieh, da kommt er wieder angesaust! A ber 
wie sieht er aus? Unglückswurm! Flat ihn wahrhaftig Plolzbock 
irgendwo in den Schlamm gesetzt. Anzusehen wie ein einziger Dreck 
klumpen, vorn und hinten. Auch das Gesicht ist voll Spritzer. Aber 
seine Augen leuchten. Glückstrahlend, ruhig, als ob nichts, rein g at 
nichts passiert wäre. 
Nach ca. 3 Stunden lagen wir drei ersten Kompagnien 
150 Schritte vor der zu erstürmenden Schanze, hinter kleinen 
wollen-Deckungen. Wie er das Kunststück fertig gebracht hat, 
etwa 
Sand' 
ist mb 
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nie klar geworden, genug: wir lagen da. Totmatt allerdings und n 
zum Auswringen. Als nach etlichen Minuten auch die vierte Kompag 111 ^ 
ankam, der die schwerste Aufgabe zugefallen war, da hörte icb> 
unser ITauptmann, der selber patschnass war, bewundernd äusseri 
„Donner und Doria, das riecht nach Schweissl“ 
Der General hielt jetzt mit seinem Gefolge an der Schanze. 
Viel Zeit zum Verschnaufen konnte uns Priem nicht gönnen, 
wenigen Minuten zog er den Degen und gab das Zeichen zum 
Nach 
Sturm- 
auf d* 
Die Plauptleute hatten uns schon im Liegen die Bajonette 
Gewehre aufpflanzen lassen; nun sprang jeder vor seine Kompag 
riss den Säbel aus der Scheide und kommandierte: „Zum
        
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