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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Glück. 
Militärhumoreske von Paul Thaler. 
(Nachdruck verboten.) 
Nicht doch gleich böse sein, Herrschaften, wegen der Uebeischiift! 
Ich weiss ja, was Sie sagen wollen. Die einen rufen: „Glück? Gibt s 
J a gar nicht!“ — Und die andern sagen: „Glück? Du lieber Himmel! 
Dem einen ist’s ’ne Königskrone, dem andern eine leere Tonne; diesem 
ist es Familien-Stilleben und jenem ein Schlemmen in Saus und Braus. 
Glück? Geschmackssache! Lediglich Geschmackssache 1“ 
Ich schliesse mich sämtlichen hochverehrten Vorrednerinnen duich- 
ails a n und bitte nun alleruntertänigst ums Wort, mit der Versicherung, 
dass ich nicht meine persönlichen Ansichten über das Wesen des Glücks 
au skramen, sondern eine kleine Geschichte brühwarm weiteieizählen 
w iH* die mir mein Freund Ipsego unter dem Siegel der tiefsten Ver 
schwiegenheit anvertraut hat. Ich höre das beiiällige „Ah!“ der nun 
interessierten Leserinnen und schiesse los. Damit aber niemand an- 
n eknie, dass ich eigne Erfindung und Phantasie mit einfliessen lasse, 
s ° erzähle ich wörtlich mit des Freundes ureigensten Worten: 
».Bei der Infanterie habe ich gedient. In unserm Bataillon war 
e *n Glücksmensch, der gleichzeitig ein Unikum, ein Original war und 
^ ei ausserdem unser Bataillons-Kommandeur, unser Major war. Jawohl, 
unserm vielgeliebten Major, von dem originellen Glücksmenschen, 
wiU ich erzählen. 
fakf^ Gan sa ^ e »vielgeliebt“, so ist das keine leere Phrase; es war 
»sch mehr als Verehrung, was sein ganzes Bataillon für ihn hegte, 
denn 
er war „eine Seele von Mensch“, und so was ist unter den 
„ * ’ " h r> Schön war er 
Soldaten, zumal unter den Vorgesetzten, se r, , _ ß pjo-ur mit 
^ nicht. Eher das Gegenteil. Eine untersetzte, m'g^^ N ^ die 
kurzem Hals, stark gerötetem Gesicht Herr 
zeitweilig einen zart bläulichen Teint au w o-ntigen, feuchf- 
SChaft ’ die Al 'g cul Diese wunderbaren, a gleich sam den 
schimmernden, glückstrahlenden Blauaugen ‘ nd> der sag t e 
gaazen Wer tief in diese Augen zu schaue^ ^ ^ argen 
s >ch: Die gehören entweder einem grosse Wenigs t e ns die Welt 
Schlemmer. Es war aber beides falsch geia • .... (l b er ihn 
kat nie etwas Poetisches von ihm und auch me c wa heute davon 
gekört, nicht einmal gerüchtweise. Trotzdem hm ic ^ Beson deres 
uberzeugt, dass Priem kein Herdentier, sondern e o 
gewesen ist. 
klären* S °’ ^ r ’ em hab’ ich gesagt, gell? Das muss ich natürlich er- 
kblaun ^ nser Major führte an warmen Sommertagen gebackene 
w ah . , ' la der Satteltasche mit sich und ass ziemlich oft eine davon, 
emlich itm durch den Saft das Eintrocknen seiner Stimme zu 
verhüten, denn Naschhaftigkeit w'ird’s doch nicht gewesen sein. Wenn 
er hoch zu Ross vor dem Bataillon hielt und mit seinem hellen, klang 
vollen Organ ein Kommando herausschmettern "wollte, dann warf er 
zuvor den Kopf halbrechts, blies die Backen auf wie ein Stabstrompeter 
und spuckte mit lautem Prusten den abgeknabberten Pflaumkern in 
elegantem Bogen weit fort. Das hatie man anfangs nicht so klar 
erkannt, dagegen w'ar schon in den ersten Tagen seines Majortums 
genau festgestellt worden, dass er bisweilen etwas Schwarzes in den 
Mund steckte. Das sprach sieh rasch herum, und hinnen kürzester 
Frist hiess er im ganzen Regiment nur noch „Major Priem“, wiewohl 
er ein Freiherr war. 
Doch das sind Aeusserlichkeiten. Ich will aber von seinem inneren 
Wert, von seiner Güte und sodann von seinem Glück erzählen. 
Während der ganzen Zeit des 1 speziellen Bataillons-Exerzierens setzte 
er pro Tag immer nur drei Stunden Dienst an, von 7 bis 10 Uhr vor 
mittags, und liess nie — nie nachexerzieren, selbst wenn es mal absolut 
nicht so klappte, wie er’s haben wollte. Man munkelte allerdings, dass 
wir dies weniger seiner Gutheit zu verdanken halten, als vielmehr 
seiner Frau Eheliebsten, die ein gar gestrenges Hausregiment führte 
und ihn pünktlich um 1 / 2 11 Uhr zum Frühstück erwartete, ja man 
sprach sogar von ihr als von einer Xanthippe. Nun sollte man meinen, 
dass er auf dem Exerzierplatz wenigstens ab und zu, etwa nach einer 
häuslichen Affäre, durch aussergewöhnliche Strenge hätte beweisen 
wollen, dass auch er einige Macht besass, wie doch so viele nach 
aussen hin eine Heldenrolle zu spielen suchen, denen im eigenen Heim 
die Gelegenheit dazu versagt ist. Bei Priem keine Spur davon! Zumeist 
klappte ja alles, weil jeder sein Möglichstes tat, um ihn zu erfreuen. 
Aber an manchen Tagen geriet’s beim besten Willen nicht so wie er’s 
verlangte. Im höchsten Unwillen, dessen er überhaupt fähig war, rief 
er dann manchmal nahezu weinerlich: „Ja, wenn Ihr nicht tun wollt, 
was ich Euch befehle, dann zieh’ ich meinen Rock aus und geh’ ins 
Zivil! Dann könnt Ihr sehn, wo ihr einen Major her kriegt!“ —Regel 
mässig hei dem Wort „Zivil“ schnappte seine hohe Stimme zitternd, 
heiser krähend über. 
Na, die Sorge um einen andern Major wäre uns jedenfalls bald 
abgenommen worden, aber einen so guten bekamen wir sicherlich nie 
wieder. So einer fällt im Laufe eines Jahrhunderts wohl nur einmal 
vom Himmel. 
Neben diesen glücklichen und beglückenden Eigenschaften muss 
ich nun um der Wahrheit willen leider auch ein paar kleine Schwächen 
berichlen. 
So ein Original wie er selber, war auch sein Streitross. Aeusser- 
lich unansehnlich, klapprig. Inwendig voller Feuer und — Tücke. 
Laufen konnte das Satansvieh wie der Sturmwind — was sag’ ich! — 
wie der Blitz. Nur eine Untugend hatte das Beest. Er blieb mitunter 
im rasendsten Tempo plötzlich und ohne höheren Auftrag stehen wie 
festgewurzelt, steifbeinig wie ein Plolzbock, ohne mit der Wimper zu 
zucken. Dann sauste der Major im hohen Bogen aus dem Sattel über 
das Haupt des vieledlen Renners hinweg in den Sand, und der blinkende 
Helm leistete sich vom Kopf des Feldherrn herab denselben Salto 
mortale wie dieser vom „Holzbock“ herunter. 
Dass Priem tatsächlich ein Glücksmensch war, würde schon der 
Umstand beweisen, dass er bei diesen gar nicht ganz seltenen Purzel 
bäumen niemals Schaden litt. Er kam wie eine fallende Katze immer 
mit allen Vieren gleichzeitig auf den Erdboden, raffte sich mit einer 
Geschwindigkeit von Nullkommanix auf, stülpte den Helm über und 
sass — eins - fix - drei - hastenichgesehn — quietschvergnügt wieder im 
Sattel, als ob nichts, rein gar nichts passiert wäre. Worauf „Holzbock“ 
mit dem dümmsten Gesicht von der Welt weitertrabte, auch, als ob 
nichts, rein gar nichts passiert wäre. Die beiden hatten sich ganz 
entschieden gesucht und gefunden, weil sie unbedingt zusammen 
gehörten. 
Zur Vervollständigung der Charakteristik muss ich bedauerlicher 
weise noch einen kleinen Defekt aufdecken, bevor ich das eigentliche 
Glück, oder richtiger, den höchsten Glückstag unseres Majors beschreibe. 
Das schulmässige Exerzieren auf ebenem Terrain hatte er raus. 
Das giug wie am Schnürchen. Aber — aber! Er konnte kein Gefecht 
leiten. Für den Felddienst hatte er wohl kein Talent. Wenn er nur 
mit seinen vier Kompagnien gegen einen markierten Feind zu Felde 
zog, da karn’s ja nicht drauf an, da hatte ihm keiner was zu sagen. 
Die ITauptleute durften sich höchstens auf die Zunge heissen. Sowie 
jedoch eine grössere Gefechtsübung im Regiment oder gar in der 
Brigade stattfand, geriet er in die Klemme und sass in tausend Aengsten. 
Wie sollte es erst im Divisions- und Korps-Manöver werden?“ 
(Die von Ipsego vermeldeten Kuriosa, die sich auf den „Schlacht 
feldern“ infolge dieses Defekts entwickelten, muss ich unterschlagen, 
weil sie in ihrer schlagenden Kürze allzu drastisch sind, als dass ich 
sie an dieser Stelle wiederzugeben wagte, weil ich sie aber auch nicht 
langatmig umschreiben mag, wodurch die Würze leiden oder ganz ver 
loren gehen würde.) 
Selbstverständlich wird von jedem höheren Offizier, weit mehr als 
schneidiger Drill im Exerzieren, kriegstechnische Gewandtheit und 
Begabung erwartet, und so war wohl Priem selber ebenso wie jeder, 
der ihn und seine schwache Seite kannte, fest überzeugt davon, dass er 
den Gipfel seiner militärischen Laufbahn bereits erklommen hatte, und 
auch den wohl nur durch besondere Glücksumstände. Die Ahnung 
vom nicht allzu fernen Ueberlritt des unkriegerischen Bataillons- 
Kommandeurs in den „wohlverdienten Ruhestand“ wurde jedem zur 
Gewissheit, als eines Tages die Meldung eintraf, dass unser Armeekorps 
als neuen Kommandierenden Seine Exzellenz, den plcrrn General v. F.
        
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