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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Bauernkunst. 
Plauderei mit 7 Original-Jllustrationen von Else Levin-Charlottenburg. 
S elten haben irgend welche Ausstellungen so viel Aufsehen erregt und so 
viel Bewunderung hervorgerufen, wie die Volkskunst-Ausstellungen, die in 
Berlin in letzter Zeit veranstaltet wurden. Es ist nicht nur Heimatskunst 
allein — im engeren Sinne — die uns verschiedentlich geboten wurde, 
nein, aus aller Herren Länder sandte man uns die schönsten Erzeugnisse volks- 
kiinstlerischen Hausdeisses, und in Anbetracht des vielen, wirklich Guten, das, 
sich zwanglos dem Ganzen einfügend, vor unseren Blicken ausgebreitet ward, 
dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Volkskunst so manchen neuen Industrie 
zweig ins Leben gerufen hat. Mit einem Schlage ist die Volkskunst sozusagen 
„Mode geworden“. — In die elegantesten Häuslichkeiten zog sie siegreich ein, 
ganz gleich, ob es sich um handgewebte Stoffe, geklöppelte Spitzen, Ketten, 
Stickereien, um Keramiken, Holzarbeiten aller Art oder um Möbelstücke handelt. 
So war es nicht zu umgehen, dass die „neue Richtung“ zu Stilwidrigkeiten 
reichlich Anlass bot, denn bei aller Bewunderung für die farbenfröhliche naive 
Volkskunst kann man es schliesslich kaum billigen, wenn in sonst „diskret 
abgetönten“ Salons urplötzlich neben Meissner- und Sevres-Porzellan ein mehr 
oder weniger echter Bauernkrug aus Hessen oder Tyrol in möglichst riesigen 
Dimensionen aufgestellt ist. Es ist schliesslich auch nicht jedermanns Geschmack, 
einen schön blau und rot gemalten Milchtopf neben eine kleine Bronze zu 
plazieren, und doch wird man solche Übertreibungen häufig genug finden. 
Aber nicht nur speziell Keramiken, sondern auch Holz- und Spahngegen 
stände im „Volkston“ erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit, und es lässt sich 
absolut nichts dagegen einwenden, wenn z. B. die hübschen bunten Möbel und 
die dazu gekörigen Innendekorationen da ihren Platz finden, wohin sie gehören. 
Küchen, Kinderzimmer, Diele, Loggia, Garten- und Logierzimmer, Veranden 
und Jungmädchenstuben, das sind Räumlichkeiten, denen eine Ausstattung im 
Bauernstil zum wirklichen Schmuck gereicht; hier wirkt das starke feste Material 
nicht störend, hier kommen die lebendigen, frischen Farben, die ungebrochenen 
Töne voll und ganz zur Geltung und bilden im Verein mit der übrigen Raum 
ausstattung, wie Tapeten, Läufer, Decken etc. ein harmonisches Ganze. 
Die vielen guten Stücke, die wir in den betreffenden Ausstellungen zu 
bewundern Gelegenheit hatten, fanden viel Nachahmung. Tischler, Töpfer, 
Mobeizeichner, Innenarchitekten, sie alle suchten und fanden hier Anregung in 
Hülle und Fülle, und bald entstanden auf neuer Basis einfache und billige, 
wirklich volkstümlich gehaltene Möbel, die sowohl auf dem Lande, als auch in 
Gross- und Kleinstädten gern gekauft und ob ihrer tatsächlich erwiesenen Zweck 
mässigkeit in den bereits erwähnten Räumlichkeiten ihre Stätte fanden. 
Doch neben den grosseren Möbelstücken kommen auch die kleinen 
Dekorationsgegenstände zu ihrem Recht; nichts macht ein Zimmer gemütlicher 
und traulicher als diese zierlichen Nichtigkeiten, die anscheinend nur zum Schmuck 
dienen, und die doch alle einen vorgeschriebenen Zweck haben. Die Volks 
kunst und ihre wirklich guten Imitationen kennt keine billige Dutzendware, keine 
wertlosen Bazarartikel, die nutzlos überall, wo sie nicht hingehören, herumstehen, 
den Platz verstellen, und meist als „liebenswürdige“ Angeb : nde von teuren 
Freunden und Angehörigen doch nicht so ohne weiteres „um die Ecke gebracht“ 
werden dürfen. Die Volkskunst kennt auch nicht die meist nicht billigen, dafür 
aber um so geschmackloseren Handarbeiten in Kerbschnitt, Tiefbrand, oder 
Brandmalerei. Wen z. B. stören sie nicht, die „tiefgebrannten“ und übermalten 
Haussegen mit den stereotypen Inschriften? Wieviel Zeit und wieviel Geld ganz 
unnützerweise mit solchen Handdekorationen vergeudet wird, das werden selbst 
die blutigsten Dilettanten hoffentlich einmal begreifen lernen. 
Warum also sein Zimmer mit „Selbstgebrannten“ Betten, Truhen, Stühlen, 
Spiegeln, Stiefelknechten, Bilderrahmen etc. ausstatten? Der einfache, farben 
fröhliche Bauernstil in seiner Anspruchslosigkeit wirkt ja so sehr viel dekorativer 
und da die Arbeit des Bemalens verhältnismässig wenig Mühe macht und keine 
grossen künstlerischen Vorkenntnisse voraussetzt, dürften sich auch weniger geübte 
Hände an diese Art „Handarbeit“ heranwagen. — Ratsam ist es natürlich, erst 
mit Kleinigkeiten den Anfang zu machen. Im allgemeinen huldigt man ja eigentlich 
nicht der Sitte, sich zu einem hübschen Knopf einen passenden Anzug anfertigen 
zu lassen, hier aber darf die Ausnahme gelten. 
Wer sich an den billigen kleinen Gegenständen sein Heil versucht, wird 
gleich herausfinden, ob er sich auch an grossere Stücke, womöglich an eine 
ganze Einrichtung heranwagen kann. 
Wir bringen hier auf unserm Bilde ein paar sehr hübscher „Beispiele“, 
zierliche, buntgemalte Gegenstände, die völlig unabhängig von einander, sich speziell 
zu Geschenkzwecken eignen. 
Da sehen wir eine grosse Spahnschachtel, die besonders zur Aufnahme 
von Kragen, Krawatten, Rüschen, Handschuhen, Bändern etc. gedacht ist. Aber 
auch als Bonbonniere, oder als Versandhülle für feineres Obst, wie Aprikosen, 
Pfirsiche, Kirschen u. s. w. wird sie sicherlich Liebhaber finden. — Ebenso 
hübsch ist die zierliche Miniaturschachtel, die sich als Behälter für Pfefferminz 
plätzchen, Drops und andere Reiseerfrischungen besonders „regen Zuspruchs“ in 
jeder Beziehung erfreuen dürfte. — 
Der Stiefelknecht — eine recht praktische „Liebesgabe“ — gehört ins 
Fremden- oder Kinderzimmer, auf der Diele, selbst falls diese im Bauernstil 
eingerichtet ist, würde er doch wohl eine zu passive Rolle spielen. 
Allerliebst ist das runde Spahnkorbchen. Als Dessertbehälter gedacht, bildet 
es einen reizenden Schmuck für die Tafel; was sich auch von dem, mit farbigen 
Ornamenten recht bunt bemalten Untersetzer sagen lässt. Je nach der Grösse 
des Körbchens füllt man es mit Chocolade, Confekt. Trauben, Rosinen, Knack 
mandeln, Feigen, Datteln, Nüssen jeder Art, oder auch mit Mandarinen und 
ähnlichen Südfrüchten. Sehr hübsch wirkt das zierliche Körbchen auch als 
Schlüssel- oder Loffelbehatter; man stellt es in der Diele auf, statt der etwas 
steifen Visitenkartenschalen, und es leistet uns gute Dienste als Sammelstelle für 
Nähutensilien aller Art, auch kleinere Handarbeiten beherbergen wir in dem 
„hölzernen“ Geschenkarlikel. 
Die lustig bemalte eckige Schale, sowie das niedliche, farbenfrohe Marken 
kästchen, gehören auf den Schreibtisch eines freundlichen Logier- und Jungmädchen 
zimmers, und wenn unsere Anregung Nachahmung finden sollte, werden sich wohl 
bald Schreibzeug, Kalender, Notizblock, Karten- und Briefhalter, und alles, was 
zu einer „ganzen Garnitur“ gehört, dazugesellen. 
Die Technik, in der unsere Beispiele ausgeführt worden sind, ist denkbar 
einfach. Temperafarben bilden das Hauptarbeitsmaterial, Ölfarben wirken bei 
den meist kleinen Mustern zu klecksig, Wasserfarben aber besitzen nicht die 
genügende Deckkraft, Gouache dagegen aber ist ebenfalls zu empfehlen. ie 
Gegenstände werden mit einem entsprechend breiten Vertreiberpinsel in Rot, Bau, 
Grün, Gelb, Weiss oder sonst einer ungebrochenen Farbe angestrichen, wo 
zu bemerken ist, dass die Farbe ziemlich dick angerührt werden muss und dass 
unvermischte Töne am besten wirken. Die wirklich sehr primitiven Mus^r 
werden, sobald der Grund aufgetrocknet ist, mit Bleistift leicht und mognc 1 
sauber aufgezeichnet; wer sich nicht sicher fühlt, mache sich erst eine gute Pause 
von dem Ornament und übertrage dasselbe mittels Graphit- oder Ölpapiers au 
den zu bemalenden Gegenstand. Es ist durchaus nicht nötig, alles abzuzirK 
im Gegenteil, je primiliver die Hilfsmittel sind, desto „echter“, desto dekorativer 
wirkt die Arbeit. Damit wollen wir aber nicht sagen, dass unordentliches, u e e 
liches Arbeiten hier am Platze wäre, aus den Modellen werden unsere Le 
selbst erkennen, wie weit der „künstlerische Schwung“ gehen darf. Wie bereits 
erwähnt, halte man sich an unvermischte Farben, fahle, flaue Tone sind ganz un^ 
gar zu vermeiden, die Volkskunst kennt sie nicht. Wem diese kleinen Gegenstan 
gelingen werden, der wird sich sicherlich bald grösseren Gegenständen zuwena * 
Laubsäge und eigenes Zeichentalent greifen hilfreich ein, und da das Rohmateria 
verhältnismässig billig ist, dürfte wohl manch Leser oder Leserin GeschmacK 
den farbenfreudigen Arbeiten finden und eine „eigene imitierte VolksKU 
ausstellung“ im eigenen Heim eröffnen.
        
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