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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

In den Zelten! 
Von Ada von Schmidt. 
Nachdruck verboten! 
Die Linden herauf nach dem Brandenburger Tor 
wandern wir aus der durchglühten Stadt der sinkenden 
Sonne entgegen. Rechts über den Kuppeln des Reichs 
hauses entfacht ein Weltenbrand, glutrot flackert die 
Götterdämmerung im nördlichen Westen hoch hinauf, 
fest zum Zenith. Wie ein Stück Orient im Okzident 
stehen die Kuppeln schwarz und scharf gegen den 
leuchtenden Goldgrund. Von den schattenden Massen 
der Waldriesen des Tiergartens steigt die Nacht, die 
Siegerin, empor. Mitten im magischen Zwischenlicht 
des täglich sich erneuenden Kampfes des Tagesgetirns 
mit den Mächten der Finsternis, erglühen die mächtigen 
Bogenlampen in geisterhaft griinweissem Farbenspiel — 
bis endlich die samtne Schleppe der Nacht die Erde 
deckt und die elektrischen Lampen, blendendes Licht 
sprühend, das letzte Wort behalten. 
Tramonta! tönt es seufzend durch das All! 
Wir aber tauchen so recht mit Wonne in den 
Erfrischung hauchenden Waldesschatten des Tiergartens. 
Wandern nach rechts immer tiefer hinein, bis das Tosen 
der Weltstadt verebbt — aufgelöst wird in friedsamc 
Stille. Nur ab und zu klingt von fern her das tuten, 
jaulen oder grunzen eines Autos, das da aussen herumrast. 
Wie wohltuend ist diese dunkelnde Stille! 
Aber, was leuchtet dort weit hinter den hundert 
jährigen Stämmen der Kastanien und Linden hindurch, 
w ie funkelndes Geschmeide, rote, grüne, blaue Blitze 
sprühend — aufglänzend und hinter dunklem, sich 
dazwischen schiebendem Gebüsch verschwindend — und 
da wieder, wie eine Kette von köstlichen Juwelen, 
rec hts von uns den ganzen Rand des Waldparkes schier 
umklammernd. — Ist das eine Sinnestäuschung — ein 
Märchen aus „tausend und eine Nacht“ — liegt da ein 
Schatz vergraben und locken bunte Irrlichter in einen Tandem 
gefährlichen Sumpf? Trau — schau wem? — 
Dennoch lockt es uns unwiderstehlich nach jenem gleissenden 
Schein, wie die Motten ins Licht, taumeln wir auf den bunten Flimmer 
Vor uns, zwischen den Büschen wird es immer heller, farbiger, 
funkelnder. Wie in den Gärten der Ilcsperiden hängen grosse, leuchtende 
Blüten und Früchte in den Bäumen. Hunderte von bunten Lichtchen 
Schaukeln in Festons von Zweig zu Zweig von Säule zu Säule. Jauchzende 
Kl 
Kai 
an ge fliegen uns entgegen, durchdringen die Nacht — erfüllen den 
um. Schmetternder, rhythmischer Marsch mit Jan'tscbarengeklingel 
uud „der Kesselpauke dumpfem Gedröhn“ — Sanfte, süsse Walzet 
schmachten, getragen von den ersten Geigen, durch die Jasmin hauchenden 
Gründe. „Das ist ein Geigen und Blasen — ist eine tönende Lust!“ 
Gu erklingt sogar Wagners Jubelhymnus aus dem Tannhäuset 1 Alles 
®m Potpourri von Tönen auf uns einstürmend — uns nur ab und zu 
ein Stückchen Melodie erkennbar entgegentragend! 
Ja, was ist denn das? — Aber lieber Herr — das sind doch die 
Zelte — die Zelte von Berlin — wer kennt denn die nicht! 
Da liegen sie, die Strasse „In den Zelten“ entlang, erstes, zweites, 
drittes, viertes Zelt. Von Zelten eigentlich keine Spur, sondern freundliche, 
mit Balkons, Terrassen und von Glasveranden umgebene Konzertgärten, 
geschmückte Restaurants im modernen Stil. Das Kronprinzenzelt ist 
s °gar ein besonders gefälliger Bau, vom Architekten Grisebach 1888 
ausgeführt. Und ringsherum jubiliert, klingt und singt es. Ein Charivari 
^°n Tönen dringt auf uns ein, ein schmetterndes Tschingdaratabumm — 
ass man erst meint taub werden zu müssen. In jedem dieser ganz 
lc ' l t uebeneinandeiliegenden Zelte konzertiert eine Militär- oder Marine- 
apelle, ein Zigeunerhäuptling mit seinen verschnürten Czardasleuten 
0 e r eine griechische-, bosnische-, schwedische- eine Damenkapelle ganz 
ln w eiss oder rot! — Das flötet und fiedelt, bläst, brummt, kratzt, 
Der neueste Triumph der Dressur. P llot 
Schimpanse und Orang Utang. Vorführung durch den Dresseur Ernst Perzina im »Apollo 
schlägt die Becken, lässt die Posaunen dröhnen, die Fagotte grunzen, 
wie's der ganz moderne, oder ganz alte Komponist verlangt. Durch 
diese quinkelierenden, dissonnierenden Harmonien hindurch bahnt sich 
mit unaufhaltsamer Wucht gerade eben ein alter Armeemarsch — der 
Hohenfriedberger — geblasen mit den tiefgestimmten Hörnern der Garde 
artillerie, seinen Weg! 
Die sich an den Zelten vorüber wälzende Menschenmenge horcht 
auf — einzelne summen die Melodie mit — alle aber — marschieren 
auf einmal in „gleichem Schritt und Tritt“! — Bis man an jenem Zelt 
vorüber und von einer andern Melodie förmlich eingehüllt ist. Wenn 
irgend möglich, richten es die nebeneinander konzertierenden Kapellen 
so ein, dass die eine pausiert, wenn die andere spielt. Aber da auf beiden 
Seiten mit vollen Backen geblasen wird, stimmt es nicht immer und so 
entsteht dieses erfreuliche Kaleidoskop von Tonfüllen. 
Die biedern Bürger, die bei Kaffee, Bier, Schinken und Eiern in 
ihren Zelten sitzen, merken das nicht so, sie hören nur ihre Kapelle. 
Der Berliner Mittelstand, der herpilgert, hat seinen ausgesprochnen 
Geschmack, seine Lieblinge. Er sitzt wo die Franzer spielen, oder die 
Dragoner, oder der Mikoscli, und denen folgt er durch alle Zelte, d. h. 
meistens hat wohl ein jedes Zelt seine Stammkapellen und sein Stamm 
publikum. Hier sitzen sie mit Weib und Kind, den Nachmittag oder 
den Abend — hier ist die Zeche nicht hoch — hier ist kein teures 
Entree — kein opulentes Trinkgeld an diverse Zahl- und andre Kellner 
zu entrichten. Das Publikum ist weder besonders elegant, noch inter 
essant, aber alleweil fidel und zufrieden mit sich und mit seinen Zelten. 
Aber da vor den Gärten auf der herrlichen, den Tiergarten be 
grenzenden Allee flutet die Woge der Zaungäste, Nassauer usw. auf und 
nieder — sich immer ersetzend — an schönen Sommerabenden nicht 
abflauend bis der letzte Geigenstrich verklingt. Liier 
an diesen schimmernden, flimmernden, tönenden Gärten 
geht jeder mal vorüber, der in Berlin wohnt — der 
nach hier kommt, denn dies ist eine Sehenswürdigkeit. 
Aber das Hauptkontingent hier stellt doch das Militär, 
die Gardegrenadiere mit ihrer Liselte oder Minette, die 
hier auf und ab pendeln, schäkernd sich einen derben 
Witz zurufend (aber anständig, meine Herrschaften, 
ganz anständig, da ist nichts zu wollen). Lisette ist 
im rosa Kattun, mit Plamburger Häubchen, bildhübsch! 
Sie ist nur mal runtei geschlüpft, die Gnädige aus dem 
Hansaviertel weiss nichts davon. Sie geht nur einmal 
mit dem Wilhelm auf und nieder — mehr nicht — 
bewahre! Sonst hätte sie sich auch ganz anders 
„raus jemacht“. — „Die soll’n Sie mal Sonntag sehn“ 
— — im blauen Kostüm mit Riesenhut — hochchick 
— — aber längst nicht so hübsch wie am Wochentage. 
Und dann die kleine Ladnerin mit ihrem Verhältnis, 
oder allein, auf eine passende Ansprache hoffend! Lauf 
burschen, Stifte, Schneiderinnen, Näherinnen, Steno 
graphinnen, die Luft schnappen, Menschen sehen, Musik 
hören wollen. Zu dritt untergefasst gehen die jungen 
Mädel mit unternehmenden Mienen. Commis aus 
einfacheren Geschäften. Nicht etwa „Von Adam die 
drei Commis — — in Herrenraode sind das Genies.“ 
Nein, die ganze Signatur des Publikums ist eine 
harmlose, mittlere, aber auch selten etwas zweifel 
haftes, demi mondaines — lohnt sich hier nicht — — 
kommt nicht auf seine Kosten! Würde unangenehm 
auffallen. Setzt sich mal eine an einem Nebentisch, 
stösst Vater Muttern an: „Kuck mal Olle, det Jöhr 
mit dem Turban aufem Kopp.“ — — 
Mitten durch die sich nur langsam vorwärts 
schiebende, sich oftmals stauende Menschenmenge, den 
riesigen Grenadieren von den ersten Kompagnien direkt 
Fritz Schwarz. um und durch die Beine schlüpfend, winden sich 
Theater«. kleine Buben, ihre Plerrliclikeiten ausschreiend. Bunte 
Montgolfiers in allerlei Formen, dem Zeppelin, oder 
der grossen Cervelatwurst, die quieksend durch die Luft fährt und zu 
stark aufgeblasen mit einem Jammerlaut zerplatzend, in ein Nichts ver 
schwindet, den ganz neuen, winzigen Eindeckern, die durch die Luft 
schwirren, Kampfhähnen, Ringkämpfern usw., lauter Kram um 10-20 
auch 50 Pfennige. Aber sie machen gute Geschäfte in diesem Stückchen 
„Wurstel Prater“ von Berlin! Nein der Vergleich passt nicht — es 
ist hier anders, ganz anders wie in Wien — ländlich — sittlich! 
Der so unverkennbar militärisch, stramme Einschlag in und um die 
Zelte fehlt im Wiener Prater gänzlich, vollständig. 
Wo kommen die Zelte her? Woher stammt die Bezeichnung? 
Schon zur Zeit Friedrichs des Grossen nennt und kennt man „Die Zelte“ 
als Vergnügungsetablissements, deren erstes — ein wirkliches Leinewand 
zelt — 1745 errichtet wurde; aus dem Zelt wurden Häuschen, in 
denen man Kaffe und Bier bekam, aus den Häuschen moderne Restau 
rants, übrigens alle auch mit Konzertsälen, in denen man im Winter 
mollig warm sitzen kann. Aber so schön ist's doch nicht wie im 
Sommer in der lauen Juninacht, wo die Glühwürmchen durch die 
Jasminbüsche huschen und die Nachtigallen um die Wette mit den 
Kapellen musizieren. Ist es so recht schwebend heiss, dann sitzt es sich 
am besten hinter den Zelten, dicht an der stahlschwarz treibenden Spree 
in Kistenmachers Konzertgarten. Da ist auch Gondelstation und für 80 
Pf. fährt der Wilhelm die Lisette eine Stunde spazieren „im schwankenden 
Kahn — auf spiegelnden Wellen, gleiten wir sanft dahin“ — — 
Bei Kistenmacher und in den Zelten hat schon mancher grosse 
Würdenträger gemütlich gesessen — — so ein bischen Inkognito wie 
weiland Harun al Raschid!
        
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