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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

er ohne Augenglass fast nicht lesen kann, enlziffert er das Schreiben 
mit schwerer Mübe. Dieses lautet: „Lieber Papa! Erhalte soeben die 
telegraphische Nachricht, dass mein bester Freund, sich beim Rennen 
in Hamburg stürzend, schwer verletzte und mich zu sprechen wünscht. 
Fahre daher sofort mit dem halbelf Zug hin. Beunruhigt Euch nicht, bin 
jedenfalls morgen zurück. Bitte mich beim Hausherrn zu entschuldigen. 
Gruss an Erna und Mama. Alfred.“ 
Herr Klobenstein machte den Gastgebern und seinen Damen Mit 
teilung und das Gespräch bewegte sich in der durch diesen Zwischen 
fall gegebenen Richtung. — — — 
Es war Mitternacht vorüber, als Klobensteins nach Hause zurück 
kehrten, wo sie die schlaftrunkene Mina empfing. 
Papa Klobenstein war gewohnt vor dem Schlafengehen noch ein 
wenig Zeitung zu lesen. 
„Mina holen sie mir mein Augenglas aus meinem Zimmer.“ 
„Aber der Herr muss doch die Brille schon haben, der Herr Baron 
haben dieselbe doch geholt,“ erwiderte erstaunt das Mädchen. 
„Was“, ruft Herr Klobenslein, „wer, wie, was?“ 
„Nun gegen zehn Uhr war doch der Herr Baron hier, sie hätten 
ihr Augenglas vergessen und da sie zum Kartenspiel doch eins benötigten, 
sei er schnell in einer Droschke hergefahren. Ich wollte es ihm holen, 
aber er wehrte ab, er wisse schon wo es läge und begab sich in Ihr 
Zimmer. Er muss es dann doch nicht so schnell gefunden haben, denn 
es vergingen gute zehn Minuten und ich wollte schon hinein und suchen 
helfen, da kam mir der Herr Baron aber schon entgegen. Er habe es 
und dann entfernte er sich wieder.“ 
„Was soll das heissen,“ fragen Frau Klobenstein und Erna zu 
gleicher Zeit. Dem Papa aber kommt ein eigentümliches Zittern in die 
Knie Es schwebte etwas Furchtbares, Unheilvolles heran, er wusste 
nicht, was es war. 
„Es ist gut, Sie können schlafen gehen,“ wendet er sich an Mina, 
was diese sich nicht zweimal sagen lässt. 
Von Frau und Tochter gefolgt, begibt er sich in sein Zimmer, auf 
dem Schreibtisch liegt die Brille. 
Alle drei stairen dieselbe an. Herr Kloberstein aber von einer 
furchtbaren Ahnung durchzuckt, will das Bild von der Wand heben, aber 
er kann cs nicht, alle Kraft hat ihn verlassen, erst, als Erna hilft, gelingt 
es. Er öffnet das Geheimfach, das Schliisselchen liegt an seiner gewohnten 
Stelle. Er nimmt es und öffnet den Geldschrank — ein Gtiff in eines 
der Fächer und — er sinkt ächzend seiner herbeieilenden Frau in die 
Arme. 
„Bestohlen,“ stöhnt er, „Alfred ein Dieb.“ 
Ein Doppelschrei folgt diesen schrecklichen Worten, Frau Kloben 
stein lässt ihren Mann los, so dass er fast hingestürzt wäre. Sie und 
Erna starren geistesabwesend Herrn Klobenstein an. Der untersucht 
nochmals das Fach, den ganzen Schrank. Leer. Kein Zweifel die 
400000 Mark, die er heute abend in Banknoten hineingetan, waren 
verschwunden. 
Doch halt, da liegt eine Karte, eine Visitenkarte des Barons. In 
zierlichen Lettern ist sein Name, sowie die Fieiherrnkrone darauf 
gedruckt. Auf der Rückseite liest er: „Lieber Papa! Verzeihen Sie 
meine Kühnheit, dass ich mir eigenhändig etwas mehr nehme, als Sie 
für die Mitgift bestimmten, aber dafür lasse ich Ihnen Ihre Tochter. 
Ich darf wohl annehmen, dass Sie mich nicht so schnell vergessen 
weiden und so grilsse ich Sie bestens. Alfred.“ — — — 
Prinzess Liliette. 
Märchen. Autorisierte Bearbeitung nach dem Französischen 
von Alfred Mayer- Eckhardt. 
(Nachdruck verboten). 
Seit frühem Morgen herrschte Festesstimmung im Königsschloss; 
heute sollte Prinzessin Liliette sich verloben. Das hohe Elternpaar, die 
zahlreichen Gäste, die geladen waren, die Dienerschaft — das ganze 
Land jubelte und freute sich. Emst und nachdenklich war allein die 
Prinzessin selbst. 
Sie harrte der Ankunft ihrer Patin, der Fee Liliane, die immer 
noch nicht kam. Wartend liess sie sich an einem der grossen Fenster 
nieder und blickte hinaus in die Landschaft, die ihr traurig erschien ; 
denn ihr eigenes Herz war von stiller Traurigkeit erfüllt. 
Und doch grünte und blühte es draussen, soweit das Auge nur 
reichte! Rosig und weiss erschimmerten die Obslbäume inmitten der 
üppigen Wiesen, als ob auch sie Festschmuck angelegt hätten. Und 
wie süss und stark dufteten die Blumen. 
Am Fusse der fernen Hügelketten am Horizonte ward eine Staub 
wolke sichtbar. Das war der Zug der Freier, die heute um der 
Prinzessin Hand anzuhalten kamen. Liliette erhob sich und ging , in 
ihre Kammer sich zu schmücken. 
Bald darauf sass sie im Thronsaale an der Seite ihres königlichen 
Vaters. Ein lilieuweisses, reich mit.Seide und Silber gesticktes Gewand 
umfloss ihre Glieder. Leuchtender als das Sonnengold fiel ihr Haar in 
üppigen Wellen ihr auf die Schultern. Ihre Ehrenfräulein umstanden sie. 
Der erste der Bewerber, Prinz Arduin näherte sich den Stufen des 
Thrones und liess sich auf's Knie nieder. 
Schlank, von hohem Wuchs, kühnen Blicks, trat er, von glänzendem 
Gefolge umgeben, vor. Ein reichciselierler Bruslpanzer glitzerte unter 
seinem pelzverbrämten Purpurmantel; an der Seite trug er einen langen 
Degen. Eine feine Narbe zog sich über seine Stirn und gab ihm ein 
stolzkriegerisches Aussehen. 
Auf den Wink des Königs erhob er sich und sprach: 
„Die Feinde meines Vaters verbündeten sich mit unsern Nachbar. 
Völkern und drohten in unser Reich einzufallen. An der Spitze unseres 
tapferen Heeres warf ich mich ihnen entgegen und schlug sie. Heute 
sind sie uns unterworfen und tributpflichtig, und meines Vaters Herrschaft 
steht fester denn je. Ich bin zu seiner Nachfolge dereinst berufen und 
suche eine Prinzessin, schön wie der Tag, die Krone mit ihr zu teilen; 
somit werbe ich um Prinzessin Liliette.“ 
Deren Augen hafteten mit bewunderndem Interesse auf der Gestalt 
des schönen Mannes. Der kühne Eroberer gefiel ihr gar wohl. Dennoch 
zögerte sie, zu antworten; eine feine Stimme erklang hinter ihr: „Warte, 
noch, sieh erst die Andern “ 
Die Stimme war ihr bekannt. Ihre Patin, die Fee war unsichtbar 
in den Saal hinter den Thron getreten, ihr zu raten. 
Da neigte Liliette das Haupt, und Prinz Arduin mit seinen 
Begleitern trat zurück. 
Prinz Aimery wurde hereingeführt. Er trug weisse Seide mit Gold. 
Brillanten schimmerten ihm auf Gürtel und Schuhen und funkelten hell 
auf, so oft ein Sonnenstrahl sie traf. Mit Grazie verneigte er sich vor 
der Prinzessin und erzählte: 
„Keiner am Hofe meines königlichen Vaters weiss die Feste und 
Vergnügungen anzuordnen, wie ich; von keinem werde ich übertroffenI 
Kürzlich wollte der König sein Geburtstagsfest feiern, aber die Kassen 
waren leer. Als er sein Missfallen kundgab, bat ich ihn, ohne Sorge 
zu sein und alles mir zu überlassen. 
Ich gab meine Anordnungen, und ein üppigeres, freudenreicheres 
Fest ward nie gegeben. 
Als es an’s Zahlen ging, erhöhte ich die Steuern und erhob eine 
Zwangsanleihe bei den reichen Bürgern und Privatbanken. Das Volk 
murrte wohl, verstummte aber, als ich drohte, einige Unzufriedene 
hängen zu lassen. 
Um mich zu belohnen, gestatlet mein königlicher Vater mir, eine 
Gattin zu wählen. Sie soll die Königin aller Feste bei Hofe sein. 
Deshalb werbe ich um die Prinzessin Liliette. Wählt sie mich, wird 
sie die meislbeneidete Frau des Erdballs.“ 
Leichte Röte ergoss sich über das liebliche Antlitz der Prinzessin. 
Welches junge Mädchen lockte der Gedanke nicht, sich von allem, das 
reich, selten und kostbar ist umgeben zu sehen? Aber wieder flüsterte 
die Fee Liliane: 
„Schweige.“ 
Nun kam die Reihe an Prinz Landolin. 
Ein ernster, vornehm aussehender Mann. Nicht mehr allzu jung, 
aber trefflich aussebend. Langsamen Schrittes trat er vor und sprach: 
„Lange habe ich am Hofe gelebt, und seine Ränke und Schleichwege 
kenne ich zur Genüge. Jetzt lebe ich meinen früheren Gefährten ferne 
und denke ihrer ohne Groll noch Trauer. Die Hälfte meines Reichtums 
gab ich der Kirche, die für mich betet. Nur einen Wunsch habe ich 
noch. Fern vom Geräusche der Höfe mit einem guten Weibe in stiller 
Zurückgezogenheit zu leben und den Rest meiner Tage im Kreise einer 
aufblühenden Familie ruhig zu gemessen.“ 
Liliette blieb unbeweglich, und der Prinz verliess den Palast. Der 
letzte der Freier wurde in den Saal geleitet. Ein junger Mann von 
sanft bescheidenem Wesen, mit schönem, bleichen Antlitz und mildem 
Blick. Sein Lächeln deutete auf unendliche Herzensgute. 
„Ich komme im Aufträge meines Herren, des Prinzen Rajanah. 
In seiner Begleitung durcheilte ich die Schlachtfelder, nicht um zu töten, 
sondern um das Elend zu lindern, die Verwundeten zu pflegen, zu retten, 
zu helfen, wo Hilfe möglich. In Friedenszeiten suchen wir die Hüllen 
der Armen auf, verbringen die Nächte am Lager der Kranken, tröste» 
die Waisen nnd schützen die Witwen. 
Einfach ist unser Leben j Glanz und Pt unk kennen wir nichl. Off 
habe ich meinen Gebieter ersucht, uns eine Königin zu geben; bis auf 
den heutigen Tag jedoch fand sich keine Prinzessin, die bereit gewesen 
wäre, auf die Freuden des Hofleb’ens zu verzichten um sich den Werken 
der Mildtätigkeit in unserm Lande zu widmen. 
Mein Herr sandte mich aus, für ihn die Hand der Prinzessin z» 
erbitten, wählt sie ihn, wird sie keine Gold- und Silber gestickten Ge- 
wändet tragen, kein Purpurkleid. Aber die Liebe ihrer Untertanen, d* e 
Herzen des Volkes und die ganze Liebe des Prinzen, meines Gebieters 
werden ihr zuteil.“ 
Wie Sphärenklang ertönten diese Worte in Liliette's Ohr. 
Von heftiger Bewegung fühlte sie sich ergriffen. Sie wandte sich 
um, ihre Tränen zu verbergen. 
Da stand ihre Patin im Strahlerglanze vor ihr und sagte: „N» n 
sprich!“ Und Liliette erklärte: 
„Sage dem Prinzen, ich willige ein, sein Weib zu werden!“ 
Der jimge Gesandte aber stürzte auf’s Knie. „Liliette“, schrie e r 
im Uebcrmass des Entzückens, „Deine Güte übertrifft noch ihren Ruhm, 
der bis zu mir drang! Ich selbst bin Prinz Rajanah! Und Du hist 
die Einzige, die begreift, dass es kein anderes Glück giebt, als das, 
sich dem Wohle anderer zu widmen!“ 
Wenige Wochen später reiste das junge Paar in seine Heimat’ 
Ehe die Prinzessin ihr Gemach verliess, blickte sie abermals durch das 
hohe Bogenfenster. Nie war ihr die Natur lieblicher und herrlicher 
erschienen. Und dennoch — es war dieselbe Landschaft, die Wiese» 
zeigten kein salteres Grün, noch waren die Blumen leuchtender »»^ 
faibenprächtiger. Aber das Glück hatte seinen Einzug in Lilie*t eS 
Herz gehalten.
        
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