Path:

Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Glück weicht immer weiter zurück in endlose Ferne! Wozu sich be 
teiligen an dieser fruchtlosen Verfolgung!“ 
„Aber empfinden sie denn nicht,“ warf ich ein, „den Adel dieses 
ständigen menschlichen Ringens nach einem unerreichbaren Ziel? “ 
„Ich sehe die Nutzlosigkeit zu klar! Gewiss, ich werde auch ferner 
hin von Zeit zu Zeit reden und schreiben — zum Zwecke der Geistes 
gymnastik, zum Vergnügen . . . aber mein Leben einer Chimäre 
widmen Ich bitte Sie!“ 
Ich bestand auf meiner Meinung. Mit derselben ungeduldigen 
Handbewegung, mit der er die blauen Wolken seiner Cigarette zerstreute, 
schnitt er mir das Wort ab. 
Wie ein Popanz erschien er mir, der mir da Dinge zuraunte, die 
ich nicht hören wollte. Ich riss mich los und stürmte in den Park; 
ich wusste, dass ich dort Eva in einer Ecke lesend finden würde. 
Das Leben leuchtete aus ihren grossen lachenden Augen, aus ihrer 
blühenden Haut, ihrem duftenden Haar, aus der wollüstig-üppigen 
Haltung ihres geschmeidigen Körpers .... Zum erstenmal bog ich 
ihren Kopf zurück und zog ihn in meinen Arm; verzehrend durchdrangen 
sich unsere Blicke in glühendem Begehren. . . Sie zitierte im Atem . . . 
trunken von Freude, fühlte ich, dass sie mein ward! . . . Und wie 
würde sie es erst sein, wenn der Vierziger mit dem struppigen grauen 
Haar, der ich bin, den Glanz und die Frische der Jugend wiedergewonnen 
haben würde! .... Das Leben, das wir führen würden, im Glanze 
meines wissenschaftlichen Triumphes, auf der Sonnenhöhe des Ruhmes! 
„Eva“ flüsterte ich, „wie liebe ich dich!“ 
Ein Strahl glücklicher Verklärung leuchtete in ihren halbgeschlossenen 
blauen Augen auf, um sofort wieder zu erlöschen. Ihre Arme, die mich 
umschlangen und an sich gepresst hatten, stiessen mich fast widerwillig 
zurück. Als ob sie etwas in ihrem Gedächtnis suche, fuhr sie mit der 
Hand zur Stirn und sprach, mit einer Stimme, die aus weiter Ferne zu 
kommen schien. 
„Lieben? . . . Wie bald wird es zum Ueberdruss! Diese Freuden 
haben solch bitteren Nachgeschmack!“ 
„Aber der Wonneschauer, der uns noch soeben durchrieselte? Denn 
auch du verspürtest ihn, leugne es nicht!“ 
„Eine Illusion mit der die Natur uns betrügt? ... Ja, ich werde 
Dein sein, aber ohne diese Schwärmerei, mit der Künstler und Pensions 
mädchen die Liebe verhimmeln.“ 
Verstört, stammelnd erhob ich mich . . . fort, — nur fort von 
■I . . ... 
dieser blühenden Jugendschöne, die redete wie — ein altes Weib! 
Hier in meinem Laboratorium, wohin ich geflüchtet war, und, die Stirn 
in die Hand pressend, auf und ab ging, ward mir das Eitle meines Tuns 
klar! Den äusseren Schimmer der Jugend hatte ich den dreien wieder 
geben können, — mehr nicht. Sie glichen in Jugendlichkeit einbalsa 
mierten Mumien! Aus ihrem früheren Leben hatten sie die Erfahrung 
des gereiften Alters übernommen, — nicht aber den unvereinbaren 
Gegensatz — die Begeisterungsfähigkeit der Jugend. Ohne Begeisterung 
aber ist das Genie ohnmächtig! Runzeln lassen sich auslöschen, die 
Wohlgestalt des Körpers wieder hersteilen, das Blut kann wieder heiss 
und stiirmich rollen — ich habe den Beweis geliefert, aber die alles 
belebende Begeisterung, die die Wissenschaft befruchtet und über alles 
triumphieren macht . . . sie wird nicht wieder geboren! 
Wozu mich also verjüngen? . . . Meine Entdeckung würde der 
Menschheit verderblich werden, würde die Welt mit unnützen Wesen 
Übervölkern! . . . Und dann — ich leide zu sehr! 
Zum Fenster hinaus, die riesigen grünen Phiolen, die ich iiir mich 
präpariert hatte! In tausend Scherben liegen sie zerschellt auf dem Pflaster! 
Die Aufzeichnungen, die das enthielten, was ich für die grösste Entdeckung 
aller Zeiten hielt, — da liegen sie, ein rauchender Dunghaufen, im 
Säurebad. Und ich, ich, der ich ein zweiter Faust, hätte neugeboren 
werden können, ich setze den kalten Lauf des Revolvers an meine 
Schläfe der Finger krümmt sich am Abzug Eva, 
geliebte Eva!“ .... 
Der Tip. 
Von Adolf Abter (Hamburg). 
(Nachdruck verboten.) 
Mein Freund Max ist ein bekannter Berliner Rennstallbesitzcr. 
Seine Pferde gehören zwar nicht zur ersten Klasse, aber sie verdienen 
doch ihren ITafer reichlich. Und stets, wenn sie ein Rennen gewinnen, 
zahlt der Toto eine schöne Quote. Denn Max ist ein cleverer Sportsman 
und managet seinen Stall ganz vorzüglich. Er versteht es, dass seine 
Pferde immer ein niedriges Gewicht vom ITandicaper zudiktiert be 
kommen und weiss vor allem, wann er seine Pferde wetten darf und 
wann nicht. Da ich nun sein Freund bin und immer eine grössere 
Summe mitanlege (aus Freundschaft), schickt er mir zuweilen seine 
„totsicheren“ Tips. 
Eines Sommermittags überbrachte mir der Depeschenbote folgendes 
Telegramm: 
Morgen IToppegarten viertes Rennen totsichere Sache. Hoch 
einsteigen. Pferd steht an der Maschine mindestens 300:10. 
Erwarte Dich morgen mit erstem Zug. Max. 
Donnerwetter, das Geld kannst du gebrauchen, sagte ich mir. 
Ich eilte zur Bank — damals hatte ich noch Bankkonto — und hob 
fünfhundert Mark ab. Dann suchte ich meinen Freund Bernhard auf 
und veranlasste ihn, mitzufahren. Er konnte zweihundert Mark flüssig 
machen. Zwei andere Freunde gaben mir je hundert Mark mit. Mein 
Bruder liess sich im Geschäft fünfzig Mark Vorschuss geben und 
ausserdem brachte er von seinen Geschäftskollegen weitere hundert 
fünfzig Mark. Das ganze Geld sollte im vierten Rennen gewettet werden. 
Mit schwerem Gelde in der Tasche fuhren Bernhard 
nach Berlin. 
Am Lehrter Bahnhof erwartete uns Max. 
und icb 
„Es ist eine totsichere Sache“, sagte er nach der Begru 
„Plast Du Geld mitgebracht?“ 
„Ueber tausend Mark!“ 
„So ist's gut. Das lohnt sich wenigstens.“ 
ssuoU 
„Ist es aber auch ganz sicher, Max? Das Geld gehört 
teilff eise 
und 
- mick 
einigen Freunden, die sich den ganzen Monat dafür plagen müssen: 
ich möchte wirklich nicht —“ 
„Es ist ein gelaufenes Rennen, sage ich Dir,“ unterbrach er ^ 
„Gibt mindestens dreihundert lür zehn. Habe selbst schon tausend * 
bei Plorner in Wien untergebracht und tausend bei Topping und Sp in 
in Holland.“ 
„Und wie heisst das Pferd?“ 
,dle r 
„Damit Du es in der ganzen Stadt herumbringst, he? Den 
Tip 
sage ich Dir draussen auf der Bahn. Jetzt gibst Du mir fünfhun 
der* 
rbring eI) ' 
Mark, die will ich in der Stadt bei ein paar Buchmachern untere 
Wenn Du alles am Toto anlegst, werden die Odds kürzer.“ 
Ich gab ihm die fünfhundert Mark. 
„Nur Sieg? Wollen wir nicht auch Platz wetten, Max/ 
, , r„h S3» e 
„Hier hast Du Dein Geld! Kannst wieder abdampfen! re 
Dir doch, ’ne totsichere Sache!“ 
„Also gut, nur Sieg.“ 
„Vom Gewinn ziehe ich mir den vierten Teil ab.“ 
„PIm —, hm —“ 
„Wie denn?“ 
„Es ist gut.“ 
„Um drei beginnt das Rennen. 
Adieu!“ 
„Adieu, Max. Brich’s Genick!“ 
„Danke. Gleichfalls.“ 
Wir treffen uns dann drauss el1 
Bernhard und ich speisten dann in einem vornehmen 
restaurant Unter den Linden. Sogar eine pflasche Mumm 
extra 
dr)' 
spendierten wir uns. Wir konnten’s ja! Ein paar Stunden S P 
ater 
die 
waren wir ja entsetzlich reicht nei einer nenry vuay 
Zigarre schwer! Aber die Leibbinde machte sich so vornehm!) o 
llte a ° 
wir, wie wir das viele Geld am besten anlegten. Bernhard wo ^ 
einige Wochen nach Paris fahren. Ich war für die Riviera. Schhes 
Rivie rä 
einigten wir uns dahin, dass wir vierzehn Tage an der lieblichen 
na 1 
cb 
verweilen (mit kurzem Abstecher nach Monte Carlo!!) und dann 
Paris fahren wollten. Zweihundert Mark sollten dem Asyl für 
lose in unserer Vaterstadt überwiesen werden. 
■K 
Kurz vor dem ersten Rennen trafen wir mit Max auf 
Bah» 
zusammen. 
„Alles untergebracht,“ meldete er.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.