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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Wo trifft sich Berlin! 
Von Ada v. Schmidt. 
(Nachdruck verboten.) 
Die noch Autoritätsglauben besitzen, sagen Paris ist die Ver 
gnügensstadt par excellence. Gewesen — aber nicht mehr! Die 
Zeit rettet heut schnell — nein, sie rast im Auto daher — dahin! 
Berlin ist vergnügungssüchtiger. 
Wo trifft man sich in Berlin? — Ach wollte man all’ die 
Lokale, Etablissements, Gärten usw. beschreiben, man schüfe eine 
Literatur in der Ausdehnung von Meyers Konversationslexikon 
und vergässe sicher das beste. 
Sprechen wir heut’ nur von einem nahezu klassich gewordenen 
Stelldichein von Berlin wie’s weint und lacht — liebt — hasst 
und nascht! Von einem seit Generationen zum heimlichen Ren 
dezvous und öffentlichen Treffpunkt benützten, charmanten Plätz 
chen mitten im Strahlenkern der Metropole — wo in aller Schnellig 
keit ein Millionengesehäft entriert — ein Ruf vernichtet — ein 
I-Ierzensbuud geschlossen — eine Absage bingeschrudelt — ein 
Todesstoss versetzt wird. Wo vornehm und gering — alt und 
jung Chokolade trinkt — Kuchen isst, flirtet, lacht, feilscht, kri 
tisiert — — ja wo? Bei Josty am Potsdamerplatz! — — 
Jetzt genau im Zentrum der immer stärker nach Westen hin 
inklinierenden Stadt. Im Brennpunkt des Riesenverkehrs, der sich 
von der Ladeugegend hier herüber nach der Wohngegend wälzt. 
Vor Jahrzehnten war das Urcafe von Josty an der Stechbahn, 
nahe dem alten Schloss, im damaligen Zentrum der aufblühenden 
Grossstadt. Mit dem Zuge der Zeit — mit dem glücklichen Spür 
sinn des kundigen Geschäftsmannes siedelte er nach dem Pots 
damerplatz über — und hat dies kaum bereut. 
Gibts in irgend einer Plauptstadt eine ähnlich günstig gelegene 
Stelle, wie diese Terrasse zwischen Potsdamer- und Bellevue 
strasse? — Von den goldigen Strahlen der Frühlings- und Herbst 
sonne verschwenderisch überschüttet — durch die mächtigen, alten 
Kastanien vor der Sonnenglut behütet — wenn es anfäugt zu 
nachten von den 20 Ampere starken, elektrischen Mitternachtsonnen 
taghell beleuchtet. Genau im Mittelpunkt von 5 von hier aus 
strahlenden, vom Riesenverkehr belebten Strassenziigen. Der ver 
lockende Talschluss dieses einzigen Ladenbazars der Welt, der 
Leipzigerstrasse! 
Gibt es so etwas in Paris •— dann bitte wo! Etwa am Rond 
Point, am Ende der Champs Elysees. Ja, da speist man bei 
Chevillard zu Abend, im Zimmer, hinter geschlossenen Stores, für 
60 bis 70 Francs. Nun, da bleibt die Masse selbstverständlich 
fort. Selbst das Cafd Rond Point haben wir an den schönsten 
Sommertagen selten voll gesehen. Eine unendliche Menschen 
menge flutet die Elysees auf und ab. Unter den Bäumen bilden 
sich auf den Samaritainstühlen kleine Kreise, die „trocken sitzen“, 
die man bei uns im Zoo die „Hungerleider* 1 nennt. Die Läster 
allee ist voll besetzt, aber nirgends ist hier so ein belebter, ge 
suchter Mittelpunkt, wo man aus vollem Herzen ruft: „Ah, da 
ist ja alle Welt — da muss man auch hin!“ Oder am Place de 
la Regence, gegenüber dem Theatre Franqais. Wo am Abend die 
kleinen Camelots ein infernalisches Gebrüll mit den nouvelleseditions 
ihrer Zeitungen machen. An der Ecke im Cafe Regence sitzen 
ist wohl amüsant — die alten Louvretore bilden einen grandiosen 
Hintergrund ■— aber ein Mittelpunkt ist hier nicht! Kein besonderer 
Pulsschlag der Riesenstadt ist zu spüren Der Grossstadtverkehr 
tobt sich mehr die beliebtesten Boulevards entlang, von der rue 
royale aus nach der Porte St. Martin. 
Etwa am Stephansplatz iu Wien? Wie der Münchener sagt: 
„dass ich nöt lach!“. — Dieser kleine, heimliche Platz, beschattet 
von dem gotischen Momunentalbau der wunderbaren Kathedrale, 
ist eigenartig. Dicht unter dem Riesenturm im Cald sitzen am 
Nachmittag die Gigerln und feschen Damen — um die Etalagen 
von Braun drängt sich's — und am „Stock im Eisen“ bleiben 
alle Touristen stehen — aber ein Zentrum — das klopfende Herz 
von Wien, nein, das ist er nicht. 
Am Alsterpavillon in Plamburg sitzt zum five o clock die eine 
Plälfte von tout le monde und die andere wandelt vorüber. 
Im Hyde Park, zur Zeit der season, vereinigt sich die erste 
Gesellschaft Londons, reitet, fährt, autelt, — unter den Bäumen 
sitzen Lady’s und Missis, lassen sich bewundern und flirten — 
über zu anderer Zeit im Jahre ist er leer! 
Die Terrasse bei Josty aber ist, wenn es das Wetter erlaubt, 
niemals leer! Ja, es kann schon recht kalt sein. Die Hände 
reibend, Kragen hochgeschlagen, überquert man mitten in der 
schäumenden, schier über die Ufer flutenden Brandung des unge 
heuren, aber tadellos geleiteten Verkehrs den Platz. — Aber heut’ 
bei dem Sturm sitzt doch kein Mensch bei Josty — wetten wir! 
Verloren! Alles voll! Beinah bis auf den letzten Platz. Einer 
wärmt eben den andern, gegen den Wind bietet das Haus Schutz. 
Mit den Füssen im Wasser sitzen sie — und da, wo es im Zwischen 
raum der grossen Markisen runter tropft. Egal, man bleibt nicht 
lange — trinkt seinen Kaffee — spricht ein Wort — starrt in 
das Gewiihle. Auf den übetwältigenden Andrang von Gefährten 
aller Art, die gleich einer Kavallerie-Attacke mit Fanfaro den 
Platz von allen Seiten zu stürmen scheinen. Der pompöse Schutz 
mann an der Potsdamer, wie. Fels von Erz, hebt nur die Hand — 
und das „Ganze Halt“ geblasen — stehen die Elektrischen, die 
Motoren, die Taxas still wie eine Mauer und von der Linkstrasse 
laufen ein ganzer Haufen kleiner Mädelchen furchtlos über den 
Platz. 
Die Josty Terrasse ist nicht wie auf den Boulevards ein Trottoir- 
Cafü — das passt nicht für uns. Eine steinerne Balustrade um 
gibt das etwas erhöhte Parterre mit Tischchen. Dicht am Haus 
auf der wieder um ein paar Stufen höheren Veranda sitzen die 
Habitues auf ihren Stammplätzen, die sie jeden Tag genau auf die 
Minute einnehmen und der stattliche Oberkel ner — eine allen 
Berlinern seit Jahren wohlbekannte Persönlichkeit — reicht ihnen 
die gewünschte Zeitung, schon an der beliebten Stelle aufge 
schlagen, hin. Hier sieht man Berühmtheiten von Berlin, eigen 
artige Physiognomien, vornehme Erscheinungen, Offiziere, Plerren 
mit der Mappe vom auswärtigem Amt, auch Damen. Hier sitzt 
man länger, studiert seine Zeitungen, die in zahlloser Auswahl 
vorhanden sind. Man blickt nur auf, wenn eine ganz besonders 
tadellose Epuipage vorüber rollt, oder wonn das Silberhorn des 
kaiserlichen Autos erklingt. Sonst ist man hier gegen die Aussen- 
welt ein wenig blasiert — man kennt das alles zu gut — zu 
gut! — 
Da unten wandelt sich kaleidoskopartig das Feld, und bleibt 
doch immer dasselbe! Menschen — Mensch nl — je schöner 
das Wetter, desto mehr! Die. Kreise um die Ti-che werden grösser 
und man rückt enger zusammen, dennoch können sich die aalge 
wandten Küfer im weissen Habit kaum noch durch die winzigen 
Zwischenräume winden, über den Köpfen die Tablett, n mit den 
Arrangements von Kaffee, Tee, Eis usw. balanziereud, es den 
geschicktesten Jongleuren zuvortuend. 
Hier hocken ein paar Geschäftsmänner mit wichtigen Mienen 
verhandelnd, jeden Vorteil zu erspähen, jede Schwäche des Andorn 
zu benützen trachtend. Hier umer freiem Himmel, auf neutralem 
Boden wird der Abschluss des Millionencoups gewagt. Sie schütteln 
sich die Hände und direkt von hier fährt vielleicht der eine mit 
der Potsdamer.- der andre mit der Anhalter Bahn nach West 
oder Süd — wer weiss wohin! 
Schon sitzt am selben Tisch ein junges Mäd 1, etwas geniert, 
sie ist zum ersten Mal hier — sie weiss nicht was sie bestellen 
soll und väterlich rät der Küfer zu Chokolade und Apfe torte. 
Ja — ja! Sie wollen sich hier treffen und zusammen spazieren 
gehen, nicht etwa wie der Berliner sagt — losgehen — o nun! 
Aber zu Haus ist Mama stets dabei und sie haben sich so viel 
zu sagen 
Nebenan ist eine schöne Dame hinget'eten. Schlank mit 
Schl ppchen, sehr engem Paletot und Ries nh it. Mit dezidierten 
Bewegungen hat sie sich so gesetzt, dass das chike Kosiürn un- 
gemein prall anliegt und die Formen der Figur z ir G ütung bringt 
Der Kellner lächelt diskr.-t, auf wen wartet sie heut’? „Cobbler 
gefällig?*' Sie nickt, lüftet den grosspunkligen Schleier nur so 
weit, dass die roten Lippen liir den Strohhalm frei werden Natür 
lich wartet sie auf jemanden, aber sie regt sich nicht auf, wenn 
der nicht kommt — kommt ein andrer. 
Am Nebentisch die beiden, ganz jungen, nach Berlin komm 311 
dierten Artillerieoffiziere, die unaufhörlich Erdbeertorte mit Schlag 
sahne essen, finden sie sehr schön — wer weiss! Die waren 
Cadetten zusammen und haben sich nach dem königlichen Diens 
genau vor Josty getroffen. Na, die machen aber Augen. 
Zwei Damen, mit Paketen schwer beladen, sinken totmüde au 
ihre Stühle. Sie waren shopping bei Wertheim, Tietz, Jandor , 
Ehlermann, Herpich, Grünfeld usw. usw. Sie müssen sich erho e 
ehe sie mit der P Q oder O Bahn — worüber sie noch uneins 
sind — zu ihren Laren und Penaten heimkehren. Bevor sie wtec e 
mit Sack und Pack abziehen, haben sie sich hierher für einen 
neuen Einkaufsbummel verabredet. . 
Ganz an der Balustrade lehnt ein Jüngling im lockigem H®at 
Ach! — — Er hat eine rote Rose im Knopfloch — recht auffäl tg 
schön (so verlangte es das süsse Briefchen, das ihn hierher be- 
stellt) und riecht ein bischen stark nach Pomade. Er war c , 
wartet, wartet! Schon ist er beim dritten Windbeutel und mu ss 
nun einen Cognak darauf setzen. Drüben aber beim Schultheiss 
lauern drei echte Berliner Rang — — nein Backfischchen J ,n 
wollen sich tot- schief- oder krank lachen, die bösen, bösen 
Mädchen. 
Eine sitzt schon lange am Rande nach der Potsdamerstiass 
zu — ganz unverabredet. Dort ist .es kühl und sie bekoni 
eine rote Nase — schlimm — schlimm! Sie geht — überquer 
auf spitzen I-Iacken den Platz und erobert ein Fenster im La 
Fürstenhof und wartet immer weiter. 
Camelots gibt’s übrigens hier auch, nur nennen wir sie Zeitungs^ 
ausschreier, und mit erhobner Stimme bieten sie die *B. 
und den neusten Mord feil und über die Balustrade wandert so 
mancher Groschen um die „Wahrheit“ zu erkaufen. 
Am w-irmen Abend wird die Terrasse zum Kaffeeklatsch, zum 
Teekränzchen Familienweis sitzt man mit Bekannten zusammeu, 
plaudert, medisiert. Wenn der Werder blüht, wird die Terrasse 
spät, wenn die Extrazüge kommen, völlig von blühenden Iursc 
zweigen überflutet. „Wenn der Birnamwald heran — rückt zum 
Schlosse Dunsinan.“ Die Pärchen kommen alle mit mächtigpm 
duftend wei-sen Büschen uuter denen es sich so herrlt 
schäkern lässt. 
Ist weit drinnen in der Stadt in dem Deutschen Theater, den 
Kammerspielen, dem Neuen usw. Premiere, so branden die Wog eö 
doch bis hier her! - Grossarlig die Sorma! Ja — aber C 'S 
Stück? — — Hm! —- PIm! Aber die Sorma — unsere Sorma 
Je später der Abend — je mehr Paare! Um 12 Uhr verlose 
ein Teil der strahlenden Beleuchtung — aber das Leben eo 
noch lange nicht ab — — 1 . , ,l 
Wann — wir wissen es nicht — wir erlebten’s noch nten • 
Kinder= und Milch 1 
anerkannt bestens bewährt, liefert überallhin die 
Milchkuranstalt am Victoriapark 
BERLIN SW.47, Kreuzbergstr. 27-28 
Telephon Amt VI, No. 1070. 
flerztlich empfohlen auch halbfett, 
wenn fette Milch nicht vertragen wird, 
ferner vorzüglichen yoghurt, 
V 2 Liter 0,35 M. excl. Glas. 
Prospekte gratis tt. franko.
        
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