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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Kaisers die Genossin seines Exils, die schöne Paulinc Borghese, 
fehlte, die von Elba nicht mit nach Frankreich, sondern nach 
Rom gegangen war. Zum zweiten: dass Canouville zwei Tage 
nach der abgeschlossenen Wette, einen Tag nach dem Einzug 
Napoleons, spurlos aus Paris verschwand. 
Aus diesen beiden Dingen, die an sich keine Spur irgend 
eines ursächlichen Zusammenhangs hatten, desto enger aber mit 
dem Ausgang der Wette verbunden waren, glaubten die Beiden 
Hoffnung schöpfen zu dürfen, den verwetteten Burgunder nicht 
bezahlen zu brauchen und den Triumph obendrein zu gemessen. 
Und als der Tag der Entscheidung gekommen war, ohne dass 
sie Canouville zu Gesicht bekommen hatten, wurden sie mehr und 
mehr überzeugt, dass sie am Abend nur zu Dreien im „König 
von Rom“ Zusammentreffen würden. 
Das war aber eine Täuschung. Denn als sie am Abend in 
die Schänke traten, siehe, da sass Canouville in grösster Seelen 
ruhe, drehte seinen Schnurrbart und pfiff. 
„Nun, wie steht’s?“ 
„Gewonnen“ sprach Canouville gelassen. 
Da setzten die beiden sich still auf ihre Plätze. 
„Haben Sie das Ding mitgebracht?“ fragte Montfort nach 
einer Weile. 
„Gewiss. Wenn der Fürst kommt, werden Sie es sehen.“ 
„Nun denn, mon camarad,“ sprach Montfort zu Septeuil, 
„was denken Sie?“ 
„Pardieu — nichts. Lassen Sie die Batterie auffahren — aber 
sektionsweise, dass es kein Aufsehen gibt.“ 
Es dauerte nicht lange, da standen die ersten sechs verstaubten 
Flaschen nebst vier Pokalen auf dem Tische. Montfort blickte 
sie eine Minute lang in tiefem Nachdenken an, dann richtete er 
seine stechenden Blick auf Canouville. 
„Wenn der Fürst pünktlich ist, kann er in fünf Minuten hier 
sein. Freuen Sie sich nicht auf dieses Wiedersehen?“ 
Canouville hob mit einer leichten Bewegung seine Schulter 
und schwieg. 
„Die Sache hat ein Gutes“, fuhr der Oberst mit einem heissenden 
Lächeln fort. „Falls der Abend etwa nicht in der wünschens 
werten Gemütlichkeit enden sollte, so sind die notwendigen Zeugen 
sofort zur Hand.“ 
Canouville, der nach der Tür geblickt hatte, wandte Montfort 
langsam das Gesicht zu, in das eine leichte Röte gestiegen war. 
Ueber den funkelnden Augen hatten si h die dunklen Brauen linstet 
zusammen gezogen. 
„Ich danke Ihnen,“ sprach er langsam und sehr kühl, „ver 
mute aber, dass Ihre Dienste nicht in Anspruch genommen 
werden.“ 
„Ei, das wäre ja vortrefflich — indessen, ich bin gespannt. — 
Da ist der Fürst." 
Und so war cs. Borghese trat an den Tisch, reichte jedem 
der drei Herren zwei Fingerspitzen und setzte sich auf seinen 
Platz. Sein Blick ging über die Flaschen, dann lächelte er. Alle 
drei blickten ihn an. 
„Und die Rechnung“ fragte der Fürst gespannt. 
„Ist schon bezahlt,“ antwortete Montfort mit spitzem Lächeln. 
Da nickte der Fürst Canouville lachend zu. 
„Sehen Sie wohl, Freund, ich wusste, dass ich mich auf Sie 
verlassen durfte. Bitte Septeuil schenken Sie ein.“ 
Während Septeuil die Gläser füllte, grinste Montfort boshaft zu 
Canouville hinüber.' 
„Und nun ehe wir anstossen, den Beweis!“ rief er brüsk. 
Canouville warf ihm einen Blick voll Zorn und Drohung zu, 
dann griff er schweigend in die Tasche und warf einen Gegen 
stand auf den Tisch; das war ein Streifen himmelblauen Seiden 
bandes, verziert mit blitzenden Brillanten und mit goldenen Schnallen. 
„Ei der Teufel, was haben wir da? fragte der Fürst laut auf 
lachend und griff nach dem Ding. 
„Das Beweisstück der abgeschlossenen Wette,“ antwortete 
Monlfort mit Zynismus. „Canouville hat mit uns gewettet, er 
könne innerhalb einer Woche in den Besitz des Strumpfbands 
einer uns wohlbekannten Dame gelangen. Sie, mein Fürst, haben 
sich dieser Wette angeschlossen. Und — prosit, meine Herren 
Glückspilze, Sie haben die Wette gewonnen.“ 
In den Augen des Fürsten wurde das Weisse plötzlich rot und 
sein Unterkiefer schob sich ein wenig vor. Seine zitternden 
Finger drehten das Strumpfband hin und her. Dann legte er es 
auf den Tisch. Seine Finger begannen auf der Marmorplatte 
seltsame Rythmen zu trommeln, während sein Blick langsam von 
einem zum andern ging. Auf dem Faunsgesicht Montforts blieb 
er haften. 
„Waren Sie es, der den Beweis für — die Untreue jener 
Dame geliefert hat?“ 
„Ich?“ rief Montfort mit brutalem Lachen. „Was fällt Ihnen 
denn ein? Was weiss ich von der Untreue irgend einer Dame? 
Ich habe gewettet, Canouville sei nicht imstande, das bewusste 
Strumpfband zu schaffen — aber“ — mit einem infamen Achsel 
zucken setzte er hinzu, „ich habe meine Wette verloren.“ 
Da sprang der Fürst auf, trat schwankenden Schrittes zum 
Buffet und trank schnell hintereinander zwei Cognaks. Langsam 
die Hände in den Taschen, in den Augen ein Licht, wie wenn 
an einem schwülen Sommerabend der Himmel gelb von Phosphor 
und Schwefel scheint, kehrt er an seinen Platz zurück. 
Da riss der Oberst sein gefülltes Glas in die Höhe. 
„Eine Schande ist,“ rief er, „dass solch ein Stoff so lange 
ungenutzt steht. Lassen Sie uns endlich beginnen.“ 
Er neigte sein Glas gegen den Fürsten, doch der stiess seinen 
Pokal so heftig zurück, dass das Kristall auf dem Marmor zerklirrte 
und der rote Wein wie Blut über den Tisch floss. 
„Danke, ich bin nicht dazu gestimmt. Entschuldigen Sie mich 
für heute Abend, meine Herren.“ 
Und schwer sich erhebend, fuhr er fort: 
„Darf ich Sie bitten, Herr Canouville, mich zu begleiten?“ 
Alle blickten auf den Fürsten. Sie sahen, wie seine Augen 
glühend und tollen Zornes voll auf den Mann stierten, den er für 
den Verführer seiner Frau hielt. Der Oberst Montfort, zitternd 
in der Wollust dieser Sensation, stemmte die Ellenbogen auf den 
Tisch und liess keinen Blick von den Gegnern. Es erschien ihm 
erstaunlich, wie ruhig Canouville blieb. Er wunderte sich noch 
mehr, als er sah, wie jener leise zu lächeln begann und sich ein 
wenig zu dem Fürsten hinüberbeugte, der nun leichenblass war. 
„Mit vielem Vergnügen,“ sprach er dann ruhig und ohne jede 
Hast. „Ich würde Sie dann bitten, mich zu Ihrer Gemahlin zu 
führen, damit ich Gelegenheit hätte, der Fürstin meine Verehrung 
zu Füssen zu legen und zugleich einen Gegenstand zurückzuer- 
stalten, den sie wohl schon bitter vermisst hat, und den ich eines 
ebenso schlechten wie übermütigen Witzes wegen mit vieler List 
ihrem Kammermädchen entführte, das, obwohl ich Offizier und 
von frischem Adel bin, dennoch meine leibliche Cousine ist.“ 
Montfort sackte in seinem Stuhl zusammen. 
„Verdammt, ist das wahr?“ schrie er. 
Canouville wandte sich zu ihm und legte seine beiden geballten 
Fäuste hart vor sich auf den Tisch. 
„Das, meine Herren, ist die Wahrheit und der anrüchigen 
Wette ganzes Geheimnis. Zuviel,“ zu dem Fürsten zurückge 
wandt, „um mit billigem Witz darüber zu prahlen, doch zu wenig, 
dünkt mich, um darüber Blut zu vergiessen, genügend, um viele 
solche Dinger —“ dabei hob er zierlich mit zwei Fingern, das 
von allen so angestaunte Strumpfband der Pauline Bonaparte, 
Fürstin Borghese, in die Höhe — „mit viel zu guter Farbe rot 
zu färben.“ 
Da warf sich Montfort mit Gelächter in seinen Stuhl zurück. 
„Bah, das ist zu blödsinnigl“ rief er. 
Doch niemand achtete auf ihn. Canouville sprang auf, reckte 
sich zu seiner ganzen Höhe empor und sprach, ein wenig bleich 
im Gesicht, doch mit blitzenden Augen und klingendem Stahl in 
der Stimme. 
„Und nun, Fürst Borghese, wenn es ihr Wunsch ist, für den 
Scherz Genugtuung zu nehmen, — ich und meinSchwert sindbereit.“ 
Das war ein schönes stolzes Bild, dem jedoch ein Teilchen 
Lächerlichkeit nicht ermangelte. Die zierliche weisse Hand 
Canouvilles hielt nämlich immer noch den fatalen Gegenstand 
der Welte umspannt, und als diese Hand im Eifer des Augen 
blicks gegen den Fürsten in die Höhe fuhr, da baumelten die 
fünfzehn Zoll blauer Seide lustig um seine Finger und Hessen die 
Brillanten in allen Farben blitzen^wie lustige Schlangenäuglein. 
Nun war aber der Fürst Camille Borghese zwar ein stolzer 
Römer, daneben aber ein zu fröhlichen Dingen sehr geneigter 
Mann und einem Scherz gegenüber durchaus kein Haarspalter. 
Ob er Respekt halte vor der frischen kecken Männlichkeit des 
Reiterführers, der sich nicht scheute, neben seinen jungen Adel 
eine kammerdienende Cousine zu stellen, — oder ob er das un 
widerstehlich Komische empfand, zu sehen, wie dieser tapfere 
Krieger ihm als Fehdehandschuh das Strumpfband seiner Frau vor 
die Fiisse zu werfen im Begriffe schien, — genug, er griff mit 
schneller Hand nicht nur nach dem Strumpfband, sondern zugleich 
nach der ausgestreckten Hand Canouvilles und hielt beides fest. Und 
er atmete tief auf wie ein Mensch, der aus schreklichen Träumen 
mit plötzlich erwachten Sinnen in den goldenen Tag hineinspringt, 
„Der Witz obwohl schlecht und — bei Gott! — sehr gefähr 
lich, soll Ihnen verziehen sein. Das Strumpfband aber gebe ich 
selbst an den richtigen Ort zurück, um zu vermeiden, dass Ihnen die 
goldenen Schnallen nebst den gebührenden zornigen Worten um 
die Ohren fliegen. Und wenn Sie alle, meine Herren damit ein 
verstanden sind, dass diese Affaire nicht bis über das Gebiet 
unseres Tisches hinauskommt, so habe ich nun nichts mehr da 
gegen, wenn wir mit dem Gelage beginnen. 
Und die Propfen knallten und der Wein schäumte. Die 
Gläser klangen aneinander und es dauerte nicht lange, da be 
gannen die lustigen losen Kinder Bachus um den Tisch zu hüpfen, 
nach dem der unliebsam bekannte knochige alte Herr mit seinem 
unheimlichen dunklen Augenlöchern bereits in höchst verdächtiger 
Weise hingeschielt hatte.
        
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