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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Er hatte es leise gesagt und seine kecken schwarzen funkelnden 
Augen Hessen die Gesichter der beiden andern nicht für eine 
Sekunde los. Er sah, wie der Zorn in ihnen aufsprang, wie 
böse hitzige Gegenrede ihm ins Gesicht fahren wollte — doch 
da gingen die Blicke der beiden, auf einmal gar nicht mehr 
zornig, sondern sehr überrascht, einen anderen Weg und hefteten 
sich auf einen Mann, der eben hereingekommen war und suchend 
umherblickte. 
Canouville wandte sich um, und als er diesen Mann sah, da 
lachte er leise auf. Dieses Lachen aber war so, dass auch die 
beiden andern ganz unwillkürlich in eine stille Heiterkeit gerieten, 
so dass es für den Frieden sehr gut war, dass jener Ankömmling 
sich umwandte und nicht sah, wie jene drei mit aufgestemmten 
Ellenbogen und breitem, keckem Lachen seinen Stolz herausforderten. 
.Hört, Kameraden“, begann Canouville nach einer Weile, „ich 
bin bereit, gegen euch beide zu wetten, dass ich binnen einer 
Woche das berühmte Strumpfband seiner Gattin besitzen werde.“ 
„Das Strumpfband mit den Brillanten und dem Wappen der 
Borghese?“ fragte Montfort mit lüsternen Augen. 
„Das der Fürst Camillo Borghese seiner Braut, der Pauline 
Bonaparte, verwitweten Ledere, amTage der Verlobungumgebunden 
hat“, sprach Canouville nickend. 
„Sie sind des Teufels,“ knurrte Septeuil. 
„Wahrhaftig, Canouville, das bringen Sie nicht fertig“, rief 
Montfort. „Pauliue war mit ihrem Bruder auf Elba — man sagt 
sie sei in letzter Zeit sehr ernst und tugendhaft geworden.“ 
Um die Lippen Canouvüles ging ein leises Lächeln voll Bosheit 
„Ich bin bereit, dreissig Flaschen alten Burgunder gegen Sie 
beide zu verwetten.“ 
• Septeuil und Montfort tauschten einen Blick. 
„Seien Sie kein Narr, Canouville,“ sprach der erstere kopf 
schüttelnd. „Wenn Pauline mit ihrem fürstlichen Gemahl auch 
auf keinem guten Fusse steht und beide in der Liebe ihre eigenen 
Wege gehen, so wird sie doch nicht wagen, dieses Strumpfband, 
von dem jeder weiss, aus der Hand zu geben. Parbleu, das wäre 
ja das Eingeständnis einer Untreue — und — bei allen Teufeln! 
man wahrt doch den Schein.“ 
„Ausserdem wissen wir“, setzte Montfort lauernd hinzu, „dass 
Sie seit der Fahrt nach Spanien mit Pauline nichts mehr zu 
tun hatten.“ 
Canouville indessen sass immer noch in seiner bequemen 
Weise, die Arme verschränkt auf dem Tisch liegend, und trommelte 
mit den zierlichen Fingern, denen man kaum ansah, .wie hart 
und sicher sie das Schwert zu führen wussten, und pfiff dabei 
den Marsch der Desaix’schen Reiter, mit dem sie bei Marengo 
den General Zach über den Haufen geworfen und dadurch dem 
alten biederen Melas, der schon mit der Siegesnachricht über die 
Bormida zurückgegangen war, auf seinen allzufrühen Triumph 
eine schlimme Enttäuschung gesetzt hatten. 
i Und wie er trommelte und pfiff und seine beiden Gefährten 
aus schwarzen, funkelnden Augen unverwandt und herausfordernd 
anblickte, da trieben in seinen Mienen hundert boshafte Teufel 
ein übermütiges Spiel. 
„Bah, meine Herren, Sie halten die Sache für unausführbar — 
also wetten Sie doch, dreissig Flaschen alten Burgunder!“ 
Da warf sich Montfort mit einem Gelächter in seinem Stuhl 
zurück. 
„Idols der Teufel, ich bin dabeil“ 
„Meinetwegen — ich auch,“ sprach Septeuil phlegmatisch. 
„Topp, meine Herren, es gilt — und heute über eine Woche 
um dieselbe Stunde, ist der Austrag.“ 
Der Teufel aber, der zu jeder Zeit bereit ist, in eine Sache, 
die für ihn günstig scheint, sein Schwänzel hineinzustecken, hatte 
just nichls besseres zu tun, als in diesem Augenblick den Fürsten 
Borghese an den Tisch zu führen, wo soeben seiner Gattin feinstes 
Toilettenstück zum Gegenstand einer gewagten Mensur gemacht 
worden war. Indem der Fürst, der mit den drei Offizieren längst 
intim bekannt war, alle drei mit einem Blick, einem Lächeln 
und einem Nicken begrüsste, vornehm wie ein Fürst, dabei aber 
trotz aller Fürstlichkeit vertraulich wie ein Freund, legte er dem 
Canouville, der nur drei Sekunden lang erschrocken war, die 
Hand auf die Schulter. 
„Einer gegen zwei? meine Herren, das ist nicht reell. Lieber 
Canouville, das ist purer Mutwille. Wenn Sie es mir gestatten,' 
so wette ich mit Ihnen gegen Montfort und Septeuil.“ 
Mit diesen Worten hatte er eine Situation geschaffen, für die 
so schnell keiner von den dreien die richtigen Worte fand. 
Canouville war ziemlich verdutzt, Septeuil belrachtete mit einem 
halben Lächeln seine Fingernägel und Montfort studierte, auf 
infame Weise lächelnd, die Gesichter von Canouville und Borghese. 
„Aber Sie wissen ja garnicht, um was es sich handelt,“ be 
merkte Canouville nach einer Weile. 
„Das tut nichts; ich stelle mich blindlings auf Ihre Seite, 
denn ich weiss, wenn Sie wetten, so gewinnen Sie in der Regel“ — 
hier wurde das Lächeln Montforts noch infamer — „also lassen 
Sie mich an Ihrem Glück teilnehmen.“ 
Er nickte lächelnd allen Dreien der Reihe nach zu, denn alle 
drei blickten auf ihn — und alle drei mit anderem Ausdruck. 
„Sacre bleu, ich will Sie nicht herein reissen, Fürst!“ rief 
Canouville mit einem Lachen, das nicht so frisch und dreist wie 
sonst von seinen Lippen sprang. „Unsere Welte geht um eine 
faule Sache. Verliere ich allein, so darf ich lachen — fordert 
sie aber in ihrer Person ein weiteres Opfer, so könnte der Streich 
mir schwerer auf die Seele fallen als dreissig Flaschen Burgunder 
und fünfzehn Zoll rote Seide wert sind.“ 
„Oh — fünfzehn Zoll —“ rief Montfort mit einem heiseren 
Gelächter. „Lieber Fürst, Sie sind da in ein sauberes Liebes 
abenteuer hineingeraten.“ 
„Wenn das der Fall ist und die Angelegenheit das Eindringen 
eines Vierten nicht zulässt — “ 
„Im Gegenteil, Sie dürften bei der Sache eminent interessiert sein.“ 
„Per bacco, also ich werde unter allen Umständen mitwirken. 
Wenn Sie mein Freund bleiben wollen, lieber Canouville, so 
sträuben Sie sich nicht länger. Habe ich mit Ihnen den Schmerz 
des Verlierens zu teilen, so werde ich mit Ihnen lachen. Gewinnen 
wir, so lache ich doppelt mit Ihnen.“ 
„Aber warum wollen Sie denn gerade auf meine Seite treten?“ 
fragte Canouville, dem des Fürsten Eifer, mit den Strumpfbändern 
seiner Frau auch deren Repulatien zu verwetten, mehr und mehr 
unbehaglich wurde. Und umsomehr, als er sah, wie Montfort, 
der ein boshafter Mensch und von Napoleons Gnaden zwar ein 
Edelmann doch ohne Adel war, mit lüsternen Fingern an dem 
Brei knetete, den der Teufel mit höhnischem Gemecker zwischen 
den Uebermut der Trinkgenossen geworfen hatte. Die Geistes 
gegenwart aber, die den Canouville im Kampfe und bei den 
Frauen und auf dem glatten Boden der Diplomatie über so manche 
schlechte Stolle hinübergeholfen hatte, war ihm in diesem Augen 
blicke nicht hold. Und so kam es, dass diese fatale Wette, vom 
Uebermut angeregt, am Ende von zorniger Verlegenheit zum Ab 
schluss gebracht wurde. 
Denn der Fürst Borghese, weit entfernt, den Unmut Canouvilles 
tragisch zu nehmen, rief lachend: 
„Aber, mein Lieber, warum ich Ihre Partei ergreife? Weil 
Sie allein stehen; weil ich weiss. dass Sie gewinnen werden; 
weil — ein Dutzend Gründe für einen. Also schlagen Sie ein!“ 
„Ohne dass Sie wissen, um was es sich handelt?“ 
„Parbleu — wissen Sie was? Ich stehe im Begriffe, meinem 
kaiserlichen Schwager entgegen zu reisen. In einer Stunde ver 
lasse ich Paris. Sie sehen also, ich habe jetzt keine Zeit, lange 
Erklärungen anzuhören. Versprechen Sie mir, Ihr Möglichstes 
zu tun, die Wette zu gewinnen, und ich bin zufrieden. Heute 
über eine Woche aber bin ich wieder hier, und während wir 
den Wein trinken, den Sie und ich gewinnen werden, mögen Sie 
mir die Affaire auseinanderlegen.“ 
„Wenn Sie mit Gewalt wollen — meinetwegen denn,“ sprach 
Canouville mit einem Achselzucken. 
„Also abgemacht, meine Herren!“ rief der Fürst. „Apropos, 
hat einer von Ihnen Lust mit mir zu wetten, dass Canouville und 
ich gewinnen werden?“ 
Montfort grinste wie ein Satan, die anderen schüttelten stumm 
ihre Köpfe. 
„Nun, denn nicht. Also auf Wiedersehen heute über acht Tage- 
Und stolz und würdevoll, wie es sich für einen Fierzog von 
Guastalla und Epigonen Seiner Heiligkeit Paul V. geziemte, nicht 
wie ein Mann, der sich eben zum Gegenstand unauslöschlichen 
Gelächters einiger weinerhitzter Ritter vom Schlachtfeld gemacht 
hatte, schritt er zur Tür hinaus. 
* * 
* 
Man weiss, mit welcher Schnelligkeit Napoleon nach seiner 
Flucht von Elba wieder in Paris erschien. Man weiss, dass diese 
Schnelligkeit nur von einem Ding übertroffen wurde — von der 
Schnelligkeit nämlich, mit der der dicke Bourbone aus seinem eben 
eingenommenen Reiche wieder ausrückte. Und während der eine, 
zum ungeheuren Gaudium aller Zeiten und Nationen, verschwand, 
nicht viel anders als ein Hausknecht, der in Abwesenheit der 
Herrschaft sich auf deren Polstern und Betten geiäkelt hat, z°g 
der andere in Paris wiede. ein, unter dem Jubel eines Volkes, 
das sich merkwürdigerweise stets weit mehr von Gefühlen als 
von Gedanken hat leiten lassen. 
All dieVielen, die die Liebe, die Ergebenheit oder die Berechnung 
an das Geschick des korsischen Imperators geknüpft hatte, tauchten 
in Paris wieder auf. Das war eine Begeisterung an der Seine, 
dass selbst die Pessimisten und Vorsichtigen sich mit mehr oder 
weniger erheblichen Vorbehalten Bonapartistcn nannten. Canouville 
würde in diesen Tagen nicht gewagt haben, irgend jemandem 
eine Wette darauf anzubieten, dass Minister Talleyrand’s Fuss, 
der zwar lahm doch erstaunlich wegsicher war, jemals wieder mit 
Glück auf bourbonischen Wegen wandeln würde. 
Zwei Dinge gaben in diesen Tagen den beiden Freunden 
Septeuil und Montfort viel Veranlassung, mit den Köpfen ZLl 
schütteln. Zum ersten: dass unter dem Fleer von Begleitern des
        
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