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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Beine rauschen würde. — Da lag das Myrthenkränzlein, das 
geweihte Licht. 
O, wie würde sie schön heute aussehen — ob er dann auch 
einmal die grossen dunklen Augen auf sie richten würde? Ob 
er auch einmal sie fragen würde, die doch alles so fleissig gelernt 
hatte? O, wie wird er staunen, wenn er sie heute sieht, nicht 
mehr das arme Mädchen in dem schlechten kurzen Kleidchen, 
sondern im langen Kleid, gross und schlank, ihr klopfte das 
Herz in der Brust. Kaum konnte sie einen Bissen essen. 
So, nun waren sie fertig I Grossmutter sah noch einmal mit 
einem befriedigten Blick an ihrem Enkelkinde hinunter und 
lächelte dann ein glücklich trübes Lächeln: „Dass das die Mutter 
nich erlebt hat.“ 
Dann gingen sie — feierlich hallten die Glocken, der Sonnen 
schein lag breit auf der Strasse, eine kühle von Myrrhen ge 
schwängerte Luft legte sich auf ihre Sinne in der Kirche! 
Da stand der junge Geistliche — vor ihm die Schar, die 
heute aufgenommen wurde in die Gemeinschaft der Christen, dort 
ihr Bekenntnis abzulegen, ernst und voll klang seine Stimme, 
als er jede Einzelne segnete. 
Lenes Knie bebten, als sie vor ihm stand — noch nicht 
einmal hatte er auf sie gesehen — und sie hatte sich so hoch 
gereckt, dass sie über die andern alle hinwegragte, vergebene 
Mühe — nun stand sie vor ihm, ihre heissen Blicke loderten ihn 
an, ihr Atem ging schnell, sie verstand nicht, was er sagte — 
in seinen frommen Worten hörte sie nur die Stimme, und als 
sie den Kelch trank, da flüsterte Satanas ihr zu — ob er jetzt 
sieht, wie schön du bist? Da hatte die „Sünde“ von ihr Besitz 
genommen. Alles versank vor ihren Augen, nur er stand da, 
nur er war in der Kirche und sie. Wie im Taumel ging sie 
nach Hause, wie im Traum hörte sie die vom Weinen erstickte 
Stimme der alten Grossmutter, die ihrem Enkelkinde Alles, Alles 
wünschte, alles Gute, und „den Frieden der Seele, der höher ist, 
denn alle Vernunft.“ 
Spätnachmittag — die Sonne sendet schräge Strahlen auf die 
Erde — Lene steht im Felde, einen grossen Strauss Blumen in 
den Händen, für ihn hat sie ihn gepflückt, sie will ihn noch 
einmal sehen, er soll ohne all die andern sie noch einmal sehen 
in ihrem Staat, dann wird er gewiss — — 
Sie weiss nicht, was geschehen soll, sie fühlt nur ein Brennen 
m ihrem Fierzen, einen Krampf in ihrer Brust, dass sie keine 
Ruhe findet. 
Da kommt der junge Vikar den Gartenweg entlang, die 
schwarze Gestalt wirft einen langen dunklen Schatten — da steht 
Lene vor ihm und hält ihm schweigend den Strauss hin, er will 
ihn nehmen — da sieht er auf sie, die letzten Sonnenstrahlen 
werfen zitternde' Reflexe auf ihr krauses rotes Haar, zittern in 
den grünen Augen, die einen verzehrenden Blick auf ihn heften, 
die Hand sinkt ihr herunter — „weiche von mir — Satanas“ — 
und er eilt mit bleichem Antlitz davon! Der Strauss liegt auf 
c * er Erde, Lene neben ihm, die Hände ins feuchte'Gras gekrallt, 
Helene Achterberg, 
eine geborene Berlinerin und ehemalige Schülerin der Seebach-Schule, 
wurde nach erfolgreichem Gastspiel auf 5 Jahre als Heroine an die 
Schiller-Theater engagiert. 
ihr Körper zuckt in tränenlosem Schluchzen, eine wilde Gier hat 
sie gepackt — o, wie sie ihn hasst, die Augen könnte sie ihm 
auskratzen, zerreissen könnte sie ihn, bis er am Boden läge, zer 
treten möchte sie ihn. Endlich wird sie ruhiger — sie steht auf 
und geht heim, da überfällt sie ein Grauen vor dem Leben in 
dem stillen kleinen Stübchen — sie wendet sich, geht die Land 
strasse entlang — aus einem Gartenrestaurant tönt Gesang und 
Musik und Jauchzen — die Saaltüren sind weit offen, grelles 
Licht flutet in den schon dunkelnden Garten — sie steht, ohne 
es zu wissen,' in der Tür und schaut verloren in das Gewühl. 
Da, was ist das? Steht dort am Schenktisch nicht „er"? Sein 
lockiges Haar, seine breite Gestalt — ohne zu wissen, was sie 
tut, steht sie neben ihn und starrt ihn mit ihren Augen an, da 
fällt sein Blick auf sie, . „ei, was fiir'n feiner Vogel“ •—■ er sieht 
ihr lächelnd ins blasse Gesichtchen —, „da, dir is wohl kalt — 
trink mal — man feste, immer runter, so, nu bekommst Du gleich 
Farbe. Na, wie is, wollen wir einen tanzen?“ Ohne weiteres 
schlingt er seinen Arm um sie und sie wirbelt mit ihm dahin, 
ohne Gefühl, ohne Besinnung. Nein, „er“ war es nicht, gar 
nicht sein Gesicht, seine Augen, dennoch hält die zuerst geschaute 
Aehnlichkeit sie im Bann — sie trinkt wieder, hastig, in grossen 
Zügen, er lacht wieder, und wieder fliegen sie dahin, bis ihr die 
Sinne vergehen und sie wie leblos in seinen Armen hängt. Da 
führt er sie in den nun völlig dunklen Garten. Aus allen Gängen 
tauchen Paare auf, in den Lauben hört man Küsse tauschen und 
heisse Flüsterworte, dort ein Kreischen, da ein Lachen. Das 
Alles legt sich ihr um die umnebelten und erhitzten Sinne, und 
als er den Arm fest um ihre Taille legt und sie in die Ver 
schwiegenheit einer dunklen Laube ziehen will, folgt sie ihm 
willenlos. Da kommen aus dem Nebengang laut johlend mehrere 
Burschen, die den Saal verlassen haben, um sich draussen ein 
Mädel zu suchen, sie stossen Lene an, wollen sie von dem Manne 
fortreissen, unzüchtige, rohe Worte sprechen sie ihr in’s Ohr. 
Da reisst sie der Mann zu sich und mit der freien Faust schlägt 
er den einen zu Boden — ein wildes Ringen beginnt, Lene steht 
schreckensbleich, da sieht sie einen blitzenden Gegenstand aus 
der erhobenen ITand des Einen herniedersausen und mit einem 
Entsetzensschrei wirft sie sich dazwischen, um den Mann zu 
schützen — — sie liegt am Boden —• Blut strömt aus der Wunde 
mitten in der Brust und färbt das weisse Kleid rot. Sie stehen, 
nüchtern geworden, vor dem Ereignis, dann flieht Alles im 
Dunklen dahin — aus dem Saal klingt grell Musik und Lachen 
und Kreischen. 
■■1 * 
* 
Frühmorgens, im kleinen Stübchen schwelt die Lampe, auf 
dem Tisch liegt Grossmutlers Kopf müde in den Arm gebettet, 
die Bibel liegt vor ihr offen — sie hat die ganze Nacht in Angst 
und Schreck auf ihr Enkelkind gewartet, in ihrer Not die Bibel 
genommen und zu Gott, dem Vater aller Witwen und Waisen gebetet, 
dass er ihr Enkelchcn erhalte, „rein an Leib und Seele,“ und 
als der alte, schwache Körper sein Recht forderte, in Angst und 
Pein, schlief sie ein, ruhig und friedlich — — — 
* * 
•X“ 
Draussen schwirren Stimmen — 4 Männer tragen eine Bahre, 
eine bleiche stille Gestalt liegt da, ein friedlicher Ausdruck liegt 
in den kindlichen Zügen, die ersten Sonnenstrahlen weben eine 
Strahlenkrone um ihr rotlockiges Köpfchen, es wie einen Heiligen 
schein umgebend — die Männer haben die Mützen abgenommen 
und drehen sie verlegen in den Händen: „Willem, nu jeh Du 
rein — Du kennst sie ja — was sollen wir sagen — — •— 
Und eben krähte der Hahn zum dritten Mal! —
        
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