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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Sie wandte sich zum Gehen. 
..Mein Fräulein, Sie müssen es schon dulden, dass ich Sie 
noch nicht gehen lasse.“ 
,,Was soll das heissen?“ fragte sie kurz. 
„Das soll heissen, dass ich mich noch ein wenig mit Ihnen 
unterhalten will. Also sie bleiben. Ich werde inzwischen meinen 
Anzug vervollständigen.“ 
„Sie werden mich nicht zwingen, bei Ihnen zu bleiben!“ 
„Ich muss so unhöflich sein und Ihnen widersprechen.“ 
, Unverschämt! Ich werde um Hilfe rufen!“ 
„Daran hindere ich Sie nicht, mein Fräulein. Wenn ich 
Ihnen aber in Ihrem Interesse raten darf, drücken Sie auf jenen 
kleinen Knopf. Das ist das Glockenzeichen für den Oberkellner.“ 
„Für was halten Sie mich?“ lautete ihre Antwort hierauf. 
„Für eine entzückende Hochstaplerin und Hoteldiebin.“ 
„Sie sind ein sehr liebenswürdiger Herr!“ 
„Nicht wahr? Meine Liebenswürdigkeit geht sogar so weit, 
dass ich Ihren unangemeldeten nächtlichen Besuch weder dem 
Hoteldirektor melde noch — der Polizei, was ja eigentlich meine 
Pflicht wäre.“ 
„Ich danke Ihnen sehr, mein Herr. Aber Sie werden Ihr 
Schweigen von Bedingungen abhängig machen, fürchte ich.“ 
„Allerdings, mein Fräulein.“ 
„Und welches wären die Bedingungen?“ 
„Erstens, dass Sie jetzt ein halbes Stündchen mit mir ver 
plaudern, zweitens, dass Sie das Hotel bis morgen früh um zehn 
Uhr verlassen haben.“ 
„Sie sind sehr gütig. Ich willige ein. 
„Also, bitte, nehmen Sie sich einen Stuhl. Während ich mich 
ankleide, erzählen Sie mir etwas von Ihren letzten —“ 
„Ich bitte Sie recht sehr, verlangen Sie nicht von mir, dass 
ich Ihnen aus meinem Leben erzähle, unterbrach sie mich. 
„Ist Ihnen das so peinlich? Ich möchte aber doch einige 
diesbezügliche Fragen an Sie richten.“ 
„Warum sind Sie so unbarmherzig?“ 
„Ihre Spezialität sind Hoteldiebstähle? war meine Antwort. 
»Ja,“ gab sie zögernd zu. 
„Ein interessanter Beruf! Sind Sie noch nie dabei ertappt?“ 
„Nein. Heute zuerst.“ 
„Wie nennen Sie sich in diesem Hotel?“ 
„Viola Ulsbofer aus Meran.“ 
„Aber das ist nicht Ihr richtiger Name?" 
„Nein.“ 
Ich hatte mich mittlerweile angekleidet und setzte mich nun 
ihr gegenüber. Den Revolver hatte ich läDgst wieder fortgelegt. 
Sie war eine pikante Schönheit. Hatte helblondes Haar und 
klarblaue Augen. Und kleine, schmale wohlgepflegte Händchen. 
„Sie sind noch jung,“ begann ich wieder. 
„Vierundzwanzig.“ 
„Wie kommen Sie zu diesem entsetzlichen, gefährlichen Beruf?" 
Max Lolifing 
der bekannte Bassist des Hamburger Stadttlieaters, gastierte mit 
grossem Erfolge in der Oper „Die Regimentstochter“, welche am 
Neujahrstage im Königlichen Opernhause aufgeführt wurde. 
„Es ist die Gefahr, die mich reizt. Denken Sie: des Nachts 
schleiche ich über lange Korridore. Jeden Augenblick kann mich 
jemand entdecken. Vor der Tür des Zimmers, in das ich cin- 
dringen will, horche ich. Ich höre die regelmässigen Atemzüge 
meines Opfers. Es schläft. Dann öffne ich ganz leise die Türe. 
Mit einer Haarnadel, die ich zuerst biege. Habe lange geübt, 
bis ich das Biegen der Nadel und das geräuschlose Oeffnen der 
Türe so verstand, dass ich meinen ersten Versuch wagen konnte. 
Es war in München. In einem grossen, vornehmen Hotel. Ich 
habe gezittert vor Aufregung. Ach, es ist eine herrliche nerven 
erregende Angst! Und als ich zum ersten Male einen Brillant- 
ring, fremdes Eigentum in Händen hielt, hätte ich laut jubeln 
mögen! Mitunter aber wird mein Versuch, ein fremdes Zimmer 
zu öflnen, gehört. Die meisten rufen sofort: Wer ist da? Dann 
flüchte ich über die Korridore zurück in mein Zimmer. Ach, 
diese köstliche, wunderbare Angst!" 
Sie hatte sich erhoben und stand aufrecht im Zimmer. Ihre 
Wangen glühten und ihre Augen leuchteten wie im Fieber. Und 
ein Zittern durchlief ihren Körper . . . 
„Sie sollten einen Arzt aufsuchen, Fräulein Ulshöfer. Ich 
glaube, es ist Krankheit, die Sie zum Diebstahl verführt. Bedenken 
Sie nur, wie leicht kann man Sie überrumpeln! Und nicht jeder 
verfährt so mit Ihnen, wie ich. Bedenken Sie die Folgen Ihres 
Handelns!“ 
„Aber das ist es doch gerade, was mich reizt! Das ist doch 
die Gefahr, in die ich mich begebe!“ 
Haben Sie keine Eltern oder Geschwister?“ fragte ich in der 
Hoffnung, dass ich bei ihnen etwas für die Unglückliche tun könnte. 
„Nein, ich stehe ganz allein in der Welt.“ 
„Fräulein Ulshöfer, ich möchte morgen mit Ihnen weiter 
plaudern. Meine Bedingungen nehme ich zurück.“ 
„Ich werde um neun Uhr im P'rühstückssaal sein.“ 
„Es soll mich sehr freuen, Sie dort zu treffen. Und nun: 
Gute Nacht!“ 
„Gute Nacht!“ sagte sie und bot mir ihr kleines Händchen. 
Als ich am nächsten Morgen erwachte, fiel mein erster Blick 
zuerst auf ein paar kleine Sandalen aus dunklem Leder, die vor 
mir auf der Bettdecke standen. War es ein Traum? — 
Ich rieb mir die Augen — — wahrhaftig! Da standen die 
Sandalen, die ich in der letzten Nacht an Violas Füssen gesehen 
hatte. Welch’ kleinen Fuss sie hatte! Wie kamen die Sandalen 
auf mein Bett? Da bemerkte ich ein paar Zeilen unter der 
Sohle der rechten Sandale. Geschrieben mit Tinte in zierlicher, 
enger Schrift: 
Sehr verehrter Herr, Ihr Triumph über mich hat mich nicht 
ruhen lassen. Um drei Uhr morgens habe ich meinen Besuch 
bei Ihnen wiedeiholt. Um sieben Uhr reise ich fort. Nehmen 
Sie diese Sandalen zur Erinnerung an Ihre dankbare 
Viola Ulshöfer. 
Menuett. 
Von Ada v. Schmidt, Görlitz. 
(Nachdruck verboten ) 
Vor etwa 15 bis 20 Jahren tanzte man den bezaubernden 
Walzer und die unvermeidliche Polka, natürlich mit ihrem be 
treffenden Pas — schlecht oder gut — aber es galt für chik den 
Contre und quadrille ä la Cour nur vornehm nachläsig zu durch 
schlendern. Für den Herrn der Schöpfung waren gerade dazumal 
fast absatzlose Lackschuhe ä la mode — was die Grazie dieses 
Schlenderns zum Ueberfluss in laatschen verwandelte. Selbst die 
zierlichsten jungen Damen machten einen so ungraziös wie mög 
lichen Eindruck. 
Ganz anders heut! Das ästhetische Auge des Kaisers liebt es 
bei seinen Bällen nur Anmutiges — Schönes zu sehen. Natürlich
        
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