Path:

Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Die Rettung des Theaterdirektors. 
Von Julius Knopf. 
(Nachdruck verboten.) 
Direktor Olten sass in seinem behaglich ausstaffierten Privat 
bureau, tief in Gedanken versunken. Gemeinhin gab er sich 
mit derlei überflüssigen Gehirnstrapazen nicht ab, indessen musste 
er seinem wohlfrisierten Plaupt notgedrungen die Last des Nach 
denkens auferlegen. Er. stand vor dem grossen Nichts, dem 
Ozean glich seine Kasse nur insofern, als tiefe Ebbe darin 
herrschte, die Flut wollte nicht kommen. In seinem Theater 
gähnte allabendlich eine erschreckliche Leere, trotzdem die Saison 
auf der Höhe Stand. Der ersehnte Schlager wollte sich nicht 
einfinden, es schien als wenn sämtliche Dichter von Russland, 
Frankreich und Skandinavien — die deutschen boykottierte er, 
weil sie deutsche waren — eine G. m. b. H. zur Fabrikation 
wertloser Theaterstücke gebildet hätten. 
Mit dem flüssigen Gelde war Olten lange bereits am Rande, 
und wenn ihn auch die Gläubiger nicht drängten, weil sie die 
Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen einsahen, so musste er doch 
wieder Mammon heranschaifen, um nicht seinen Kunsttempel zu 
schliessen. Und das mitten in der Saison tun zu müssen, dagegen 
sträubte sich sein Stolz. Direktor Ölten hielt auf Standesehre. 
Vergebens sann er nach, bei welchem Unglückswurm er 
einen grossen Pump anlegen konnte. Man war höflich, lehnte 
aber mit derselben Motivierung ab, mit der er deutsche Theater 
stücke zu refusieren pflegte: „Bedauere sehr, aber passt nicht in 
den Rahmen unseres Geschäfts.“ 
Wohl erhoffte Direktor Olten einen Aufschwung seiner Ver 
hältnisse durch das neue Stück eines renommierten Autors, zu 
dem bereits die Proben begonnen, aber immerhin: „das Premieren 
publikum ist wie der Kurs der Wertpapiere — unberechenbar. 
Und überdies wusste er noch nicht, wo er das Geld für Gagen 
und Dekorationen hernehmen sollte. — Es wäre zum Verzweifeln 
gewesen, wenn ein Theaterdirektor überhaupt in dieses Stadium 
seelischer Depression fallen könnte. Aber ein Theaterdirektor 
verzweifelt erst, wenn er es nicht mehr ist. . . . 
Ein schüchternes Klopfen. Der Bureaudiener trat ins Aller 
heiligste. 
„Sie wissen doch, dass ich nicht gestört sein will, Sie Doppel 
idiot!“ schnauzte der hohe Chef ihn an. 
Der mit diesem köstlichen Attribut beehrte Diener lächelte 
geschmeichelt. Statt jeder Entschuldigung überreichte er eine 
Visitenkarte und der Direktor las: „Langner, Kommerzienrat.“ 
Der Herr Kommerzienrat wünschte den Herrn Direktor zu 
sprechen. 
Direktor Olten war zwar nicht in der Laune, sich in eine 
Unterhaltung cinzulassen, aber immerhin — Kommerzienrat! 
Der Titel verband sich so eng mit dem Begriff des Mammons, 
dessen er so dringend bedurfte, dass er bitten liess. 
Kommerzienrat Langner trat ein. Ein Mann in den besten 
Jahren — die guten waren schon vorüber! —, mit gesuchter 
Eleganz gekleidet, fast zu jugendlich für sein grauhaariges Alter. 
Kurze, höfliche Begriissung, behaglich liess sich der Kommer 
zienrat auf dem weichen Polster nieder, dann begann er nüchtern, 
geschäftsmässig. „Ohne Umschweife, Herr Direktor, ich wünsche 
mich an Ihrem Theater mit vierzigtausend Mark zu beteiligen.“ 
Direktor Olten machte einen Luftsprung. Das heisst, er 
machte ihn nur innerlich. Aeusserlich wahrte er die selbst 
bewusste Haltung, die dem Plerrn der Rollen und Gebieter über 
sechzehn Schauspieler und vierzehn Schauspielerinnen — den 
Chor eingerechnet — gebührt. Mit kühlem Ton, in den er eine 
Nuance Wärme und Liebenswürdigkeit legte, erwiderte er: „Plerr 
Kommerzienrat, ich nehme Ihr Anerbieten gern an und —“ 
„Aber ich knüpfe eine Bedingung daran,“ fiel ihm der Geld 
mann ins Wort. 
Verständnislos, erschreckt starrte der Direktor den ITelfer in 
der Not an. Der Kommerzienrat beruhigte ihn: „Nur eine ganz 
kleine Bedingung, die Sie mit Leichtigkeit erfüllen können. Sie 
gestatten doch?“ Er zog eine dicke Zigarre aus der Tasche und 
zündete sie gemächlich an. Inzwischen durchkreuzten die selt 
samsten Vermutungen des Direktors Plirn. Wollte der Mann 
Regisseur oder Dramaturg an seiner Bühne werden. Es gab auch 
solche Käuze. Nun wohl, mochte er! 
Doch Kommerzienrat Languer war nicht von dieser Sorte. 
Den Rauch seiner Importe mit einem genussfrohen Pah! aus- 
stossend, fuhr er mit der beringten Rechten über sein borstiges 
Haar und meinte leichthin: „An Ihrem Kunstinstitut wirkt eine 
junge Schauspielerin — ja, hm, Ellen Kaden heisst sie, Die 
Dame ist talentvoll“ — der Direktor schnitt eine Grimasse, doch 
der Kommerzienrat sah darüber hinweg —“ ich finde sie sogar 
sehr talentvoll, und da ich junge, hübsche Talente fördere, so 
habe ich mich der Kleinen —“ er korrigierte sich —“ des 
Fräulein Ellen angenommen, nach Kräften. Also kurz und 
bündig, Herr Direktor, ich sehe, Sie verstehen mich ■—“ Olten 
griente — „geben Sie dem Fräulein Kaden die Rolle der Eva 
in dem Schauspiel „Gesprengte Fesseln,“ das Sie jetzt heraus 
bringen wollen, und die vierzigtausend Mark stehen Ihnen sofort 
zur Verfügung.“ 
Der Direktor erblasste. Die kleine Kaden hatte ein pikantes 
Gesicht, schöne Arme und eine herrliche, naturechte Figur — 
darüber war er orientiert — im übrigen aber war sie eine 
schwach begabte Schauspielerin. Ueberdies hatte er dem Star 
seines Theaters, der feschen Frau Soldau, die Rolle der Eva 
schon zuerteilt. 
Fatale Situation das, schreckliches Dilemma! Die vierzig 
tausend Mark bedeuteten seine vorläufige Rettung, aber das Geld 
war teuer bezahlt. Mittelmässige Aufführung —- Krach mit der 
Soldau — spinöse Presse! Aber trotzdem, da half kein Sperren. 
Besser ein schlechtes Theater, als gar keins. 
„Einverstanden, Plerr Kommerzienrat!“ 
Und er unterschrieb einen Vertrag, in dem er sich ver 
pflichtete, die Rolle der Eva in dem Schauspiel „Gesprengte 
Fesseln“ von Fräulein Kaden spielen zu lassen. 
Eine Minute später war er glücklicher Besitzer eines Schecks 
über vierzigtausend Mark. 
Gerettet! Aber auch gerichtet. 
Denn kaum zwei Stunden nach diesem glücklichen Abkommen 
wurde der Star gemeldet. Frau Soldau rauschte herein, Zorn 
und Verachtung in ihren Blicken, Wut und Rachedurst in der 
Spitze ihrer manikürten Fingernägel. 
Dem Direktor wurde schwül zu Mute. Das konnte nett 
werden, denn wie alle Stars war Frau Soldau rücksichtslos und 
temperamentvoll. Olten bedauerte, dass sich unter seinen 
Requisiten weder ein kugelsicherer Panzer, noch eine fingernägel 
sichere Gesichtsmaske befand. 
Lange Zeit zu überlegen blieb ihm nicht, „Herr Direktor“, 
kreischte es, die Kaden, die Person, hat mir erzählt, dass sie die 
Rolle der Eva spielen wird. „Ist das wahr, Herr Direktoorrr?“ 
Die drei R’s rasselten mit bedrohlicher Schärfe. 
Der Direktor säuselte sanft: „Aber beruhigen Sie sich doch, 
Kindchen.“ 
Aber das Kindchen machte von dem heiligen Vorrechte aller 
Stars Gebrauch und schrie den Direktor an. „Ja oder nein?“ 
gellte es im Diskant höchsten Zornes. 
Resigniert senkte der Direktor das Haupt. „Also ja!“ 
Der Wutausbruch, der nun folgte, war in den Annalen der 
Theatergeschichte noch nicht dagewesen. Schreie tönten, gegen 
die der berühmte Wolterschrei ein zartes Flüstern gewesen ist — 
Aber da eine gütige Natur es in ihrer erhabenen Weisheit ein 
gerichtet hat, dass selbst die kräftigste Stimme nur eine gewisse 
Zeit im Stadium des Fortissime gehalten werden kann, so geschah 
es, dass sich Frau Soldau nach Verlauf einer halben Stunde 
heiser geschrieen hatte und die Aermste nicht mehr Piep 
sagen konnte. 
Und krächzend nur kam es noch heraus: „Bin ich nicht viel 
talentvoller als die Kaden?“ 
„Gewiss!“ beeilte sich der Direktor zu versichern. 
„Na — also — warum?“ schluchzte sie. 
Der Direktor streichelte sanft ihre mollige Wange, da er sah, 
dass sie schminkefrei war. Ein derber Klaps liess ihn die Pland 
schnell zurückziehen. „Lassen Sie die Albernheiten, Herr 
Direktor, ich bin durchaus nicht in der Stimmung!“ klang es 
gereizt. „Vor allem bitte ich um eine Erklärung. Wenn Sie 
mir die Rolle entziehen, so ruinieren Sie meinen Ruf, meinen 
künstlerischen natürlich I“ korrigierte sie sich. 
Pause — Schluchzen — Weinen — Pause. 
Endlich: „Warum haben Sie mir das angetan, Herr Direktor? 
Und nun schilderte der geplagte Bühnenleiter wahrheitsgetreu 
die entsetzliche Geldklemme, in der er sich befand und das Anerbieten 
des Kommerzienrats, das er notgedrungen hatte annehmen müssen. 
Der Diva verheultes Gesicht klärte sich, wie der Himmel 
nach einem Wolkenbruch, ein holdseliges Lächeln blitzte auf. 
„Aber Direktorchen, wenn’s weiter nichts ist — warum haben 
Sie mir das nicht gleich gesagt. Lassen Sie mir die Rolle und 
ich beteilige mich gleichfalls mit vierzigtausend Mark, sodass Sie 
dem faulen Kommerzienrat das Geld vor die Fiisse werfen 
können. — Mein Freund wird mir die Summe mit Vergnügen 
zur Verfügung stellen.“ 
Und ohne eine Antwort abzuwarten, telephonierte sie, während 
der Direktor mit scheinbarer Diskretion sich in die Lektüre eines 
Briefes vertiefte, in Wahrheit , aber gespannt die Ohren spitzte —" 
In der Tat, der „liebe süsse gute Freund“ stellte das Kapit 3 * 
zur Verfügung. Ein heiliger Freudenschauer überrieselte den 
beglückten Direktor, auch diese vierzigtausend Mark durfte er 
unter keinen Umständen schiessen lassen. So ein Riesenviech 
war er denn doch nicht. Da hiess es, seine gesamte Gerissenheit 
zu Plilfe nehmen 
So unterschrieb er denn zum zweiten Male an diesem herr 
lichen Freudentage einen Vertrag, gemäss dem er sich ver 
pflichtete, die Rolle der „Eva“ in dem Schauspiel „Gesprengte 
Fesseln“ von Frau Soldau spielen zu lassen. 
„Nur eine kleine Bedingung muss ich daran knüpfen, mein 
liebes Kind,“ schmeichelte der Direktor, „um Ruhe zu haben, 
wirst Du die Rolle abwechselnd mit Fräulein Kaden proben. 
„Nur keinen Skandal vor der Premiere.“ 
Misstrauisch sah die Künstlerin ihren Direktor an. „Aber ich 
spiele doch die Rolle sicher?“ 
„Na natürlich!“ 
„Ehrenwort?“ 
„Du hast meine Unterschrift,“ beteuerte der Direktor m 1 ' 
Emphase, und das. ist mehr wert, als Ehrenwort und so ne 
faulen Sachen.“ 
Ein gleiches versicherte er am anderen Tage dem hübschen 
Fräulein Kaden, als sie ihn, den Vertrag in der Pland, wegen 
der doppelten Rollenbesetzung interpellierte. Auch der Geliebten 
des Kommerzienrats sagte er: „Liebes Kind, selbstverständlich 
spielen Sie die Rolle der Eva.“ 
Und in der Tat, Direktor Olten erfüllte seine Verträge, beide 
Damen spielten die Rolle. Frau Soldau am Abend der Premiere, 
F'räulein Kaden am Abend der sechsundzwanzigsten Aufführung'
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.