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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

weise fühlte ich nichts davon! Ich klappte sogar meinen Kragen 
wieder herunter und fand zum ersten Male in meinem Leben, 
dass auch ein Pelz bei 15 0 Kälte zu warm sein konnte! Es war 
aber auch ein Wetterchen, Jungei Ich wünsche Dir von Herzen, 
Du fändest Deine Zukunft auch mal zu solcher Zeit und in einer 
so wunderbaren Gegend! Diese gewaltigen uralten Tannen mit 
ihren schneebedeckten Kronen und Aesten und Zweigen haben 
wirklich einen zauberhaften Reiz! Und wie das funkelt und 
glilzert und leuchtet, wenn die kleinen weissen Flöckchen langsam 
hernnterrieseln! Junge, ich glaube, ich werde wieder dichten 
können, wie zur Zeit meiner ersten Liebe! Ich bog bald nach 
links ab zu einer kleinen Anhöhe und da standen wir uns 
plötzlich gegenüber. 
Der zündende Funke musste bereits explodiert sein, denn wir 
wurden beide rot, und ich zog grüssend den Hut. Kannst Du 
Dir ihre schönen blonden Haare vergegenwärtigen? In dicken 
Zöpfen waren sie aufgesteckt und ein entzückender Hut sass 
darauf! Ihre herrliche Gestalt umschloss ein dunkelblaues Tuch- 
kosliim, und der fussfreie Rock Hess tadellos sitzende Pelzstiefel 
erblicken. Ich stellte mich vor, und zunächst schwärmten wir 
beide nur von der Gegend, die eigentlich zu dieser Zeit viel 
schöner sei als im Sommer. Dann aber sagte ich ihr, dass ich 
schon oft Gelegenheit hatte, sie zu bewundern! Sie sah mich 
sehr erstaunt an und fragte, wie ich denn gerade dorthin so oft 
käme, das sei doch eigentlich nichts für mich! (Sie hält mich 
also für einen äusserst soliden Menschen, der ich ja auch 
eigentlich bin!) Na, ich sagte ihr dann, dass ich recht gern die 
leichte Musik im Metropol hörte! Vor allem aber ihretwegen 
gern hingegangen wäre, und in Zukunft noch öfter da sein 
würde! Da lachte sie — beinahe beleidigend laut — aber es 
klang herzlich, und ich sage Dir, Junge, entzückend sah sie dabei 
aus! Ganz jung ist sie entschieden nicht mehr, aber das schadet 
nichts, wir passen um so besser zusammen. Aber komisch, sie 
vermied jetzt jedes Theatergespräch. Es war mir auch ganz 
lieb, denn ich begann von meinen Interessen zu erzählen; ich 
sagte ihr, dass ich ein Engros-Lager für Damen-Konfektion hätte 
— sie kannte sogar unsere Firma — und ich wunderte mich 
über ihre Kenntnis gerade auf diesem Gebiete? Ja, was soll ich 
Dir noch sagen? Wir haben 2 unvergessliche Tage zugebracht! 
Mit Ausnahme der Mahlzeiten waren wir immer zusammen. Sie 
ist ganz allein hier, natürlich unter falschem Namen, will wahr 
scheinlich nicht belästigt werden, weilt als einziger Gast beim 
Arzt und stammt aus guter Famile; ihr Vater war Professor; 
sie wohnt mit der verwitweten Mutter in Charlottenburg. Junge 
ich liebe sie von ganzem Herzen! Sie mus: meine Frau werden 
und mag meinetwegen weitermimen, wenn sie durchaus will! 
Leider muss sie morgen nachmittag schon wieder fort, da sie am 
28. vormittags in Berlin zu tun hat. (Wahrscheinlich ist Probe!) 
Sie hat mir nicht erlaubt sie aufzusuchen! Ich bin aber natürlich 
auf dem Perron und bringe sie zum Coupd! Vielleicht erkläre 
ich mich auch noch morgen früh! Ich fühle es, sie liebt mich! 
Mit herzlichen Grüssen — auch für den Doktor — 
Dein 
glücklicher Onkel! 
Rohrpostbrief in Berlin Nachm. 4 Uhr aufgegeben. 
(3. Brief.) den 28. Januar. 
Geliebter Junge! 
Ich habe bereits ihr Jawort! Else wird meine geliebte 
Frau — in 4 Wochen ist Hochzett! Und denke Dir, sie ist nicht 
die Fritzi M. von Metropol sondern Aber ich fahre fort, 
wo ich neulich aufhörte! Am vormittag ihrer Abreise, also 
gestern, wanderten wir noch mal dorthin, wo wir uns kennen 
gelernt hatten, aber ichfand keine passende Gelegenheit, sie wich mir 
immer aus, wenn ich anfangen wollte. Am nachmittag stand ich 
natürlich mit einem Rosenstrauss auf dem Bahnsteig. Sie freute 
sich sehr über die Blumen, erschien mir aber etwas traurig zu 
sein. Wahrscheinlich der Abschied, dachte ich. Ich küsste lange 
ihre Hand und bat um Erlaubnis, zu ihrer Mutter nach 
Charlottenburg kommen zu dürfen. Sie antwortete nicht gleich, 
nur als der Zug eben abfuhr, rief sie mir zu: „Kommen Sie erst 
zu mir in das Kaufhaus des Westens in die Damen-Konfektion, 
ehe Sie uns in Charlottenburg aufsuchen!“ Ein Tränchen flimmerte 
dabei in ihren Augen! Sprachlos starrte ich auf den abgefahrenen 
Zug! Ich begriff erst nach und nach alles! Du denkst wohl 
nun, dass ich enttäuscht war? I wo! Es ist ja viel viel besser so! 
Ich benutzte noch den nächsten Schnellzug, übernachtete im 
Fürstenhof, da ich meine gute alte Anna nicht nachts erschrecken 
wollte und war vormittags im Kaufhaus des Westens! Na, und 
das Uebrige erfährst Du heute abend bei meiner lieben Schwieger 
mutter, Frau Professor Fischer, Charlottenburg, Berlinerstr. 6 II, 
die Dich freundlichst bittet, das Verlobungsfest mitzufeiern! Ich 
habe das Essen bei Adlon bestellt übrigens tip top, Couvert 
20 Mark ohne Wein, Schmidt-Erfurt schickt die Blumen, und 
Zeeck druckt die Anzeigen. Telefoniere doch auch den Doktor 
an — ich habe leider keine Zeit mehr — ich Hesse ihn herzlich 
grüssen, und er möchte auf jeden Fall mitkommen! Meine Nerven 
sind tatsächlich — d. h. im Falle ich welche habe — wieder ganz 
in Ordnung! 
Schicke mir unseren Robert sofort. Er muss Wein zur 
Schwiegermutter bringen. Du weisst, ich bin in diesem Punkte 
peinlich. Liebe einen guten „Troppen“, — und ob die beiden 
Frauen so'n richtigen Geschmack haben, — also lieber meine 
Sorten, nicht wahr, Junge, die kennen wir beide! Inzwischen 
grösst Dich herzlich 
Dein überglücklicher alter Onkel! 
P. S. Meine Else ist übrigens von ihrem Arzte auch in die 
Winterfrische geschickt worden, um sich nach der anstrengenden 
Weihnachtszeit im Geschäft zu erholen! 
Und dann noch etwas — falls Du Dich über die entgangene 
Erbschaft zu sehr grämen solltest! In meinem neuen Testamente 
werde ich Dich nicht ganz vergessen, weil Ihr, Du und der Arzt, 
gewissermassen meine Lebensretter seid! 
Die Sandalen. 
Eine Gaunergeschichte von Adolf Abter, Berlin. 
(Nachdruck verboten.) 
Ich erwachte, denn ich hatte ganz deutlich gehört, wie man 
von aussen einen Schlüssel in das Schloss zu meiner Türe steckte. 
Ich hielt den Atem an und lauschte . . . Nichts. Aber ich hatte 
mich sicher nicht geirrt. Mein Gehör ist scharf und mein Schlaf 
leise. Ich erhob mich vorsichtig von meinem Lager, legte das 
Ohr an die Türe und horchte angestrengt hinaus. Da — ein 
leises Zurückziehen des Schlüssels. Nach ganz kurzer Pause ein 
neuer Versuch, meine Türe zu öffnen. Einbrecher! schoss es 
mir durch den Kopf . . . Furcht habe ich nie gekannt. Die 
Herren Gauner wollte ich herzlich begriissen! Auf Zehenspitzen 
schlich ich zum Nachtschränkchen und nahm einen Revolver 
heraus. Dann stellte ich mich so, dass ich mit der linken Hand 
rasch und bequem das elektrische Licht einschalten konnte. 
Jetzt öffnete sich die Türe, wunderbar leise und mit einem plötz 
lichen Ruck. Ein Kopf lugte ins Zimmer. Ich stand mit ver 
haltenem Atem. Eine schlanke schwarze Gestalt schob sich 
hinein. . . . 
Da — knips! Ich hatte das Licht eingeschaltet. Die Gestalt 
fuhr herum. Aber schon hatte ich den Revolver erhoben und 
den Lauf gegen die Brust des Einbrechers gerichtet, 
„Eine einzigste Bewegung — und ich schiesse' Sie über - den 
Haufen, Halunke!“ 
„Ach verzeihen Sie, ich bin in ein verkehrtes Zimmer geraten!‘ 
Heiliger Strohsack, der Einbrecher war — ein Weib! Und 
ein junges, hübsches obendrein. Mit einer wunderbaren Figur» 
die in dem schwarzen Trikot, den sie trug, geradezu verführerisch 
wirkte. Auf dem Kopfe hatte sie eine Art Sportmütze aus 
schwarzem Tuch und an den Füssen dunkle Sandalen. 
„Mein Fräulein, Sie haben sehr recht. Sie sind nicht in Ihr 
Zimmer geraten. Und ich muss mich entschuldigen, dass ich Sie 
in so unvollständiger Toilette empfangen und in einem so un 
höflichen Tone begrüsst habe,“ entgegnete ich ihr. 
„Wie ich nur so irren konnte! Aber mein Schlüssel passte 
genau zu Ihrer Tür. Bitte nochmals um Verzeihung.“
	        
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