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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

„Siehst Du wohl, Auguste,“ was Du Dir eingebrockt hast. 
Es hilft nichts, depeschiere an Frau Walter, dass sie ihr Kind 
anderweitig unterbringt. Wir sind nicht da, um uns unnötige 
Scherereien aufzuladen.“ 
Das wollte nun die gutmütige Frau nicht und da ihre Töchter 
nicht mehr zu bewegen waren, Lenchens „Hiitung“ zu über 
nehmen, sie von ihren Söhnen aber Gewalttaten befürchten 
musste, so blieb ihr nichts anderes übrig, als sich selbst dauernd 
mit der Kleinen abzugeben, was bei den oft sehr absonderlichen 
Wünschen des Kindes keine leichte Arbeit war. Dass sie dabei 
überhaupt nicht zur Rübe kam, dass sie von morgens früh bis 
abends spät auf den Beinen sein musste, dass an einen Nach 
mittagsschlaf gar nicht zu denken war, verstand sich von selbst. 
Das Schwerste für die arme Frau waren die Stunden, wo ihr 
abgearbeiteter Mann zu Hause war und der Ruhe bedurfte. Wenn 
es dann garnicht mehr ging, dann wurde Lenchen in die Küche 
„abgeschwommen“, worüber Johanna zwar anfangs brummte, sie 
sei kein Kindermädchen. Ein Dreimarkstück aber hatte den ge 
wünschten Erfolg, und merkwürdig, während sonst die gegen 
seitige Hochachtung der Menschen bei näherem Umgang meist 
in die Brüche zu gehen pflegt, Lenchens Achtung vor Johanna 
nahm bei längerem Verkehr erheblich zu, so dass sie in der 
Küche, wenn auch nicht gerade musterhaft, so doch ganz er 
träglich artig war. 
Endlich kam die allseitig herbeigesehnte Stunde der Rückkehr 
des Walter’schen Ehepaares. Bis zum letzten Augenblick zitterte 
Frau Müller in dem Gedanken, dass der Rechtsanwalt noch einmal 
seinen Aufenthalt verlängern werde, allein zum Glück erfolgte 
nichts derartiges. Die Droschke fuhr vor, die Mutter eilte, nein 
sie stürzte die Treppe in die Höhe und schloss Lenchen unter 
Freudentränen in die Arme, eine Begrüssung, welche diese mit 
mässigem Verständnis über sich ergehen liess. Als aber der 
Kleinen die Zärtlichkeit über wurde, sagte sie einfach: 
„Nu will ich spielen.“ 
Jetzt erst kam die Mutter dazu, Frau Müller zu begrüssen und 
ihr für die Pflege der Kleinen zu danken. 
„Sieht sie nicht angegriffen aus?“ fragte sie besorgt, „aber 
das ist ja natürlich, die Trennung von der Mutter —“ 
Und wieder erfolgte eine Fülle von Liebkosungen. 
„Ach ja, bald hätte ich vergessen, ich habe für ihre Töchter, 
sie sind gewiss reizend zu Lenchen gewesen,“ (Frau Müller 
empfand ein unbehagliches Gefühl), ich habe ihnen eine Schachtel 
Konfekt mitgebracht, Kinder' essen ja so gern Siissigkeiten.“ 
„Das will ich haben 1“ sagte Lenchen, welche dem letzten 
Teil der Unterhaltung mehr Aufmerksamkeit wie bisher ge 
schenkt hatte. 
„Für Dich habe ich etwas zu Hause, mein Liebling“, suchte 
die Mutter sie zu beschwichtigen. 
„Nein, ich will aber das haben,“ dabei blieb es. 
Die Mutter wusste nicht, was sie tun sollte, Frau Müller aber, 
die mit dem Loswerden ihrer Verantwortung auch ihre Energie 
wiedergewonnen hatte, nahm die Schachtel und legte sie in die 
Stube der Mädchen. Zwar protestierte Lenchen, aber da sie 
wohl einsehen mochte, dass ihre Einwendungen erfolglos seien, 
so beruhigte sie sich. Während dessen berichtete Frau Walter 
von ihrer Reise, von ihrer Vaterstadt und von den Geschäften 
ihres Mannes, dann kam sie wieder auf ihre Sehnsucht nach dem 
Kinde zurück. 
Sophie Schröter, 
Lieder-, Oratorien- und Opernsängerin, Gründerin der ersten 
deutschen Schule für „natürlichen Kunstgesang“ auf alt 
italienischem Prinzip. Das System dieser bekannten Künstlerin 
beruht auf der alten italienischen Lehrmethode der Durch 
bildung aller derjenigen Kopf- und Halsmuskeln, die den Ge 
sangton beeinflussen, durch welche der Tonkörper in sich 
stetig wachsen und die Stimme von Jahr zu Jahr schöner, 
weicher und voller sich entwickeln muss. 
/ 
„Aber wo ist denn Lenchen?“ 
„Vielleicht in der Küche,“ erwiderte Frau Müller. 
„In der Küche?“ Um Gotteswillen, wie leicht kann sie dort 
zu Schaden kommen! . 
Johanna hatte die Kleine nicht gesehen, man suchte sie 
überall, endlich fand man sie im Zimmer der Mädchen, emsig 
damit beschäftigt die Finger abzulecken. Auffällig war aber 
ihre Stille. 
„Dem Kinde wird doch nichts fehlen?“ fragte die Mutter be 
sorgt, „Lenchen ist Dir nicht gut?“ 
Die Kleine schüttelte den Kopf, aber machte ein jämmerliches 
Gesicht dazu. 
„Herr Gott, das Kind ist krank; ich muss fort, entschuldigen 
Sie mich, Frau Rat, Lenchen muss sogleich ins Bett.“ 
Ehe Frau Müller noch ein Wort sagen konnte, waren beide 
die Treppe herunter, und da die Hausfrau die Besorgnisse betreffs 
Lenchens Gesundheit nicht teilte, so empfand sie ein Gefühl 
endlosester Befriedigung, das auch noch anhielt, als ihre Kinder 
nach Hause kamen. 
„Mutti“, sagte Eva, „Lenchens Sachen sind ja noch hier.“ 
„Dann bringe sie schnell herüber, Frau Walter wird sie wohl 
schon vermissen. Aber spute Dich, Kind, es gibt gleich Abend 
brot, Du weisst, Vater liebt es nicht, wenn jemand zu spät 
kommt.“ 
Eva eilte fort, sie kam aber trotzdem erst, als die Familie 
schon bei Tisch war. 
„Nun?“ fragte die Mutter, als sie däs betretene Gesicht des 
Mädchens sah, „was ist Dir denn passiert? Du siehst ja so 
verweht aus.“ 
„Ja, denk nur, Lenchen ist krank?“ 
„Krank?“ rief Frau Müller entsetzt. 
„Ja, Mutti,“ sagte Eva, „Lenchen hat sich fürchterlich über 
geben,“ eben kam der Doktor und Frau Walter sagte zu ihm: 
„ach Gott, das Kind hat den Blutsturz, es hat bei Rats dauernd 
in der Küche sitzen müssen, wer weiss, was die einfältige Köchin 
ihm da gegeben hat.“ 
Frau Müller sah sprachlos ihren Gatten an. 
„Und?“ fragte dieser. 
Der Doktor sah Lenchen an, schüttelte den Kopf und sagte: 
„Mandelschokolade, das stammt nicht aus der Küche, aber be 
ruhigen Sie sich, gnädige Frau, es ist alles heraus, Gefahr ist 
nicht vorhanden.“ 
Frau Müller stieg eine entsetzliche Ahnung auf. 
„Geh doch einmal in Eure Stube, Eva, oben auf dem Kleider 
schrank steht eine Schachtel mit Konfekt, das Frau Walter Euch 
mitgebracht. Bringe es her.“ 
Mit dem Ausdrucke des grössten Ekels kam Eva zurück, die 
geöffnete Schachtel weit vor sich haltend, sie war bis zur Hälfte 
leer, der noch vorhandene Rest des Konfekts zeigte deutliche 
Spuren von Lenchens Tätigkeit, teils waren die Stücke an 
gebissen, teils enthielten sie Abdrücke der Finger oder sie waren 
wenigstens ganz und gar beleckt! Ganz gegen seine Gewohn 
heit brach der Rat in ein schallendes Gelächter aus. 
„Nun, ich denke, solchen Gast laden wir uns bald einmal 
wieder ein, nicht wahr, Auguste?“ 
„Nie!“ erwiderte seine Frau, „lieber zehn eigene Kinder als 
ein fremdes!“ 
„Und was wird aus dem Konfekt?“ fragte Günther, als die 
Mädchen es mit Abscheu bei Seite stellten, „gebt es mir, ich 
esse es auf, und was ich nicht mag, das gebe ich den Jungens 
in der Klasse 1“
        
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