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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Doch nun sage ich mir den ganzen Tag: du bist nicht frei 
von Schuld! Man muss selbst gefallen sein, will man .eines 
andern Fall verstehen und verzeihen. So liegt selbst im Ver 
gehen ein Körnchen Segen.“ 
Hier brachen die Blätter ab und Wendland Hess stöhnend 
das Buch in den Schoss sinken. Sein Weib, sein reines, hin 
gebungsvolles Kind war eine Gefallene! Hastig durchwiihlten 
seine Hände die wenigen Briefe, die deutlicher noch von ihrer 
Schuld sprachen. Des Mannes Kopf fiel schwer auf die 
Schreibtischplatte. Das Bild seines Weibes war verwischt, er 
konnte das Letzterlebte nicht mit ihrer reinen Erscheinung in 
Einklang bringen. Schwer erhob er sich, langsam wanderte 
er mit dem Licht, das einen gaukelnden Schatten warf, durch 
die finsteren Räume, bis er wieder in seinem Atelier stand. 
Er hob mit zitternder Hand das Licht hoch und sah die Ge 
stalt aus kaltem Marmor an. Also dieser weiche Mund ver 
stand heisse Liebesworte zu flüstern, diese Augen hatten 
zärtlich in fremde Männeraugen geblickt. Und an der zarten 
Brust, die sich keusch unter dem Gewände hob, hatte vielleicht 
ein anderer Kopf geruht. —• — — Ein leises Stöhnen rang 
sich qualvoll aus Ludwigs Brust. Ihm drang bei dieser Vor 
stellung das Blut heiss zu Kopfe. Purpurne Ringe flimmerten 
vor seinen Augen. Ihm schien es, als sei die ganze hohe, 
reine Gestalt in glutrote Liebesflammen gehüllt, als wehe ein 
sinnlicher, gemeiner Duft um sein Weib. Taumelnd stellte er 
das Licht beiseite und ergriff einen schweren Hammer. Sausend 
fiel er auf das holde Haupt nieder. Dumpf und schwer klangen 
die Schläge, immer neue Schläge. Sie hallten seltsam wider 
in den schweigenden Räumen. Und Stück um Stück des 
weissen, kostbaren Steines fiel zu Boden. Nicht eher ruhte 
der einsame Mann, keuchend im Uebermass seines Schmerzes, 
bis die ganze hohe, stille Gestalt vernichtet war. Dann ver- 
liess er wankenden Schrittes sein Heiligtum.! & -j 
Heym erhielt am nächsten Tage einen Brief von Wendland 
mit nur wenigen Zeilen: 
„Ich reise für unabsehbare Zeiten nach Italien. Ich bitte 
Dich, meine Wohnung mit allem was darin ist zu veräussern. 
Du wirst in meinem Atelier das Bild meines Weibes zertrümmert 
finden. Es war schlecht. Ich legte zuviel hinein, was niemals 
existierte. Es gibt wohl keine Frau, zu der man aufsehen kann 
wie zu einer Heiligen. Alle sind schwach und wehrlos. Und 
wir Männer brauchen doch solche Frauen, um uns an ihnen 
aufzurichten. — Ich war auf dem besten Wege mich wieder 
zufinden. Nun ist alles aus. Könnte ich mich ebenso vertilgen 
wie das falsche Bild meiner Idealgestalt.“ 
Als Heym die zertrümmerten, herrlichen Glieder sah, 
schüttelte er wehmütig seinen grauen Kopf und sagte leise: 
„Deshalb verzweifelte er, weil er eine menschliche Schwäche 
an diesem Götterleib entdeckte und wusste nicht, dass gerade 
das Fehlen, das Irren, zum rechten Menschen macht? Dass 
wir alle nachsichtiger denken lernen, wenn wir selbst nicht 
ohne Fehler sind? Oh, Ludwig Wendland, Du schufest ein 
Heiligenbild hier und in Deinem Herzen, das man fromm 
verehrt, keinen Menschen aus schwachem Fleisch und heissem 
Blut. Heilige gehöhren in einsame Nischen, Menschen aber 
in Sturm und Kampf.“ 
Er hob ein Stück Marmor auf, das noch die weichen 
Linien des Mundes zeigte. Und dieser Mund schien ihm so 
gütig und schmerzvoll, als wüsste er von dem Leid und dem 
Unrecht, das man seiner Seele zugefügt hatte. 
Lange Zeit verfloss und Ludwig Wendland schien ver 
schollen, Da drang eines Tages über die Alpen her die 
Kunde von einem Meister, der das köstlichste Kunstwerk 
geschaffen. Alle Zeitschriften brachten dessen Abbildung, die 
Zeitungen waren voll des Lobes. Heym aber erhielt eine 
Kiste, die er begierig öffnete. Er entnahm ihr einen Gipsabguss, 
der in wundervoller Feinheit und voll plastischen Lebens vor 
ihm stand. Er zeigte zwei Gestalten, Mann und Weib. Die 
kraftvolle Gestalt des Mannes lag am Boden, der steil abfiel. 
Er schien sich eben von einem schweren Fall erheben zu 
wollen. Das Weib, das auch gefallen schien, hatte sich schon 
halb erhoben und half dem Mann mit einer schönen, starken, 
mitleidsvollen Gebärde. Die Züge des Weibes erinnerten Heym 
an die stille, reine Gestalt in Wendlands Atelier. Es War 
das gleiche Gesicht, nur der Ausdruck war ein anderer. Dies 
hier war ein menschliches Weib, keine unberührte Heilige. 
Stolz und frei trug sie ihr Haupt trotz des Falles. Liebe und 
Güte schimmerten in dem schönen Gesicht und mitleidig ruhten 
ihre Augen auf dem’Manne. 
Heyms Augen leuchteten. Ja, das war der Urbegriff des 
menschlichen Weibes: Fehlen, Irren und doch Hoheit, Reinheit. 
Ein Brief von Wendland lag dabei. Er schrieb: 
„Mein Freund! Meine Seele erhob sich wie ein Phönix 
aus der Asche der Enttäuschung, des Schmerzes. Denn ich 
kam, tastend und schwer, zu der Einsicht, dass das Weib 
auch ein Mensch ist mit menschlichen Schwächen und den 
gleichen Rechten wie wir. Ohne die Schuld meines Weibes 
wären unsere letzten Ehejahre zu einer Hölle geworden, 
während sie doch in Wirklichkeit ein Eden waren. Ich bereue 
nicht das Vernichten des Bildes meiner Frau. Denn das war 
eine falsche Darstellung. Sie war eine Heilige. Und an 
solche stellt man zu hohe Ansprüche. Je höher wir einen 
Menschen stellen, je mehr wir ihn mit dem Nimbus der Grösse 
umgehen, je tiefer trifft uns sein Fehlen und Fallen. Wir 
bedenken eben nicht, dass uns diese Menschen dann erst 
nahegerückt sind, dass sie aus der eisig reinen Höhe der 
Vortrefflichkeit zu uns ins Tal der Menschlichkeit gestiegen 
sind. Diese Erkenntnis ist bitter für uns. Doch wenn wir zu 
ihr gelangen, sind wir selbst besser und grösser geworden. 
Nur kleine, enge Seelen vermögen nicht zu verstehen und die 
Schuld einzugestehen.“ 
Heym unterbrach sein Lesen und nickte. Er sah zärtlich zu 
den weissen, |schönen, gefallenen Gestalten hin, auf deren durch 
sichtigen Gliedern die Sonne warme, goldene Lichter streute. 
Heiligabend. 
\ Wenn Kerzenglanz und Tannenduft 
VV Aus trautem Stübchen dringen, 
Wenn durch die klare Winterluft 
Die Weihnachtsglocken klingen, 
Dann zieht in jedes Menschen Brust 
Ein tief Empfinden ein, 
Und bei der Kinder frohen Lust 
Glaubt jeder jung zu sein- 
Und jubelnden Herzens denkt man zurück 
An süsse, vergangene Zeit: 
0, Jugend, o Liebe, o selig' Glück, 
Wie liegst du so nah’, — so weitI 
So nah’, weil die Erinn'rung heut' 
Zu dir zurück uns führt; — 
So weit, weil Dich in Wirklichkeit 
Doch nur die Jugend spürt. 
Drum freut euch, Kinder, geniesst die Zeit, 
Sie währt nicht allzu lang’; — 
Bald zeigt sich mit Unbarmherzigkeit 
Das Alter allmählich und bang. 
Dem „Heiligabend", der heut’ uns beglückt, 
Folgt, eh’ wir uns dessen verseh'n, 
Ein heil'ger Abend, den auch wir bedrückt 
Als letzten im Leben begeh'n. — 
fldo Conrad 
Kinder- and Kur-Milch 
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