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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

wie sie sich gab, war anders als sonst. War sinnenverwirrend. 
Sie kam entgegen, forderte heraus. Ich schuf ein Werk voll 
sinnlichen Zaubers und beging zugleich eine schwere Schuld 
an meinem Weibe. Ich brach ihr die Treue. Das kommt ja 
wohl bei Männern, zumal bei Künstlern leicht vor. Naturgemäss 
vernachlässigte ich in jener Zeit mein Weib sehr, ja, ich 
wusste oft nicht, dass ich überhaupt eines besass. Sie erfuhr 
schliesslich auf gemeine Weise von meinem Treubruch und 
zugleich fielen die letzten sinnlichen Bande, die mich an das 
Modell geknüpft und die mich zum Schuft gemacht hatten.“ 
Wendland schwieg erschöpft. Er trocknete sich die Perlen 
von seiner Stirn und trank heftig ein paar Schlucke. Heym 
fragte leise: 
„Und Deine Frau?“ 
„Ja meine Frau — Gott ich sehe sie noch vor mir, wie 
Weiss und entsetzt ihr Gesicht war. Ich dachte, sie würde 
sich etwas antun, sich trennen von mir, — das Schrecklichste 
malte ich mir aus. Doch nichts dergleichen tat sie. Sie nahm 
mich voll Mitleid mit meiner tiefen Reue in die Arme, tröstete 
mich und verzieh mir. Und sieh, das hebt sie in meinen 
Augen hoch über alles Weibliche. Es musste sie doch schwer 
und tief getroffen haben. Und nie rächte sie sich, nie suchte 
sie kleinlich meine Schuld hervor. Ich bemühte mich, mit 
doppelter Liebe und Treue gut zu machen und so lebten wir 
«in ideales Eheleben, — bis sie mich vor kurzem verliess. 
Und deshalb empfinde ich den Schlag so schwer. Gibt es 
noch ein solch edles Geschöpf auf dieser weiten Welt?“ 
Heym nickte ernst und sagte dann: 
„Ich glaube Dir gern. Doch komm zu uns zurück. Ver 
nachlässige nicht Deine Kunst, Deine Freunde! — Hast Du 
ein Bild von Deiner Frau?“ 
„Ja, — es ist fast fertig. In Lebensgrösse. Ich spüre 
Jetzt förmliche Sehnsucht, es heute noch zu vollenden. Komm 
mit mir. Sieh es Dir an.“ 
Die beiden verliessen das Lokal und schritten durch die 
dunkle Herbstnacht der einsamen Behausung Wendlands zu. 
,nd dann hob er den schweren Vorhang seit langen Tagen 
wieder und sie traten in das Atelier. Von den Sockeln 
schimmerten die weissen, schönen Leiber und Heym blieb 
Zaghaft vor so viel Schönheit stehen. Doch Ludwig zog ihn 
fort, zu einer Ecke hin, wo fast vollendet eine herrliche Gestalt 
stand. Rein wie Vesta und lieblich wie Aphrodite. Kindlich, 
y°H holder Reinheit blickte Ludwigs Weib hernieder. Auf 
mrer hohen Stirn lag so reiner Friede und tröstliche Unschuld, 
dass sie Heym fast zu übermenschlich dünkte. Weich und 
Weiss flössen die Falten des Gewandes an der schlanken 
Uestalt herab. Heym dachte: 
„Das ist eine Heilige, zu der man beten könnte. Sieht 
So ein sterblich Weib aus?“ 
Doch er sagte nichts. Wendland aber musste in seinen 
■^ u gen lesen, denn er sagte leise: 
Professor Ludwig Knaus j. 
Mitglied und Ehrensenator der Komgl. Akademie der Künste. 
„So war mein Weib. So sah ihr Inneres und Äusseres 
aus. So lebt sie in mir, so bleibt sie mein eigen,“ 
Der Freund sah die tiefe Ergriffenheit auf Ludwigs Zügen 
und entfernte sich still und leise. Wendland aber sank nieder 
und berührte die schmalen, schönen Füsse, die so unberührt 
aussahen, als könne nie Erdenstaub sie entweihen, mit den 
Lippen. Bis spät in die Nacht hörte man ihn arbeiten, voll 
glühender Liebe und Schaffenslust. Als er müde das Atelier 
verliess, war er ein anderer geworden. Wie wenn ein schwerer 
Bann von ihm genommen wäre, so schritt er dahin. Nun hatte 
er seine Kunst wiedergefunden, nun besass er ein Lebensziel. 
Es zog den Künstler in das Zimmer seiner Frau, dass er 
bis jetzt gemieden hatte. Er fühlte Sehnsucht, jeden ihr 
eigenen Gegenstand zu berühren. Er kam zu ihrem Schreibtisch. 
Alles lag schön geordnet. Auch die Laden zeigten die gleiche 
Ordnung. Nur eine von ihnen war verschlossen. Hatte sein 
Weib vor ihm Geheimnisse hier verwahrt? Leise und nach 
sichtig, wie über eine Kindertorheit lächelnd, schloss er die 
Lade auf: sie enthielt nichts, nur eine Briefkassette und ein 
Buch. Das übliche Tagebuch einsamer Menschen. Er öffnete 
die Kassette und fand einige Briefe und trockene Blumen. 
Sicher von ihm, aus seiner Brautzeit, obgleich er sich nicht 
erinnern konnte, ihr jemals einen Palmenzweig und eine 
Kastanienblüte gegeben zu haben. 
Und dann las er das Tagebuch von Anfang bis zu Ende. 
Las die Geschichte eines einsamen Menschen, der mit schweren 
Leidenschaften und nie schlafendem Misstrauen durchs Leben 
geht, der sich in das Leben nicht schicken kann und sich 
endlich einem verbotenen, tief verborgenen Glücke in die 
Arme wirft. Wendland rieb sich die Augen. Stand das alles 
wirklich da, träumte er nicht? 
„Heute habe ich ihn wiedergesehen. Er übt eine eigen 
tümliche Macht über mich aus. Ich beichtete es meinem 
Manne. Doch der glaubte wohl, ich wolle mich einer Eroberung 
rühmen, seine Eifersucht wecken. Ich merkte es, wie er 
lächelte, ein wenig spöttisch und nachsichtig. Ich bin in seinen 
Augen ja ein Geschöpf, das niemand begehren und lieben 
kann, das selbst nie einen Fehltritt tun kann. Dieses Ver 
trauen ist nicht ehrend, da es aus grosser Eigenliebe, zu grosser 
Wertschätzung entspringt. Und nun tue ich es vielleicht aus 
wildem Trotz und weil ich mich grenzenlos einsam und ver 
lassen fühle. 
Er will mich besuchen. Aber ich fürchte mich, dass ich 
zu schwach sein werde. Mein Mann merkt noch immer nichts. 
Ich muss lächeln über seine Vertrauensseligkeil. — Nun ist es 
geschehen. Wie ist die Sünde, die bewusste, freiwillige, 
lockend und unwiderstehlich! Nur einen kleinen Augenblick 
überlässt man sich ihr und ist schon rettungslos gefangen! — 
Es ist, als ob man auf der Welt nichts ungestraft tun dürfe. 
Ich schäme mich fast meines heimlich genossenen Glückes — 
und segne es doch. Denn nur so kann ich das Schreckliche, 
das ich immer gefürchtet, ertragen. Ludwig hat mir die Treue 
gebrochen. Diesmal war ich vollständig ahnungslos. Wohl 
deshalb, weil auch meine Sinne fernab wanderten. Sonst 
wäre ich rein wie früher, ich hätte es nimmer verwunden! 
s 
Flügel 
Berlin SW. 
Pianos 
Kochstrasse 60/62.
        
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