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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Schuld. 
Skizze von H. Teichmann. 
(Nachdruck verboten). 
„Nein, ich nehme keine Schüler mehr, — nie mehr. Das 
ist vorbei. Bitte sich nicht mehr zu bemühen“. 
Die jungen Männer, die mit Hoffnungen und Bitten herge 
kommen waren, sahen einander an. Also war es doch so 
wie sie gefürchtet. Der grosse Meister hatte abgeschlossen, 
arbeitete, lehrte nicht mehr. Die Meisterhand, die so viele 
herrliche Werke geschaffen, wollte ruhen. Und doch stand er 
erst auf der Höhe seiner Mannesjahre, war noch eine kraftvolle, 
anziehende Erscheinung. Freilich, sein Haar war in letzter 
Zeit ergraut, ein schwermütig stiller Zug lag in dem gütigen 
Gesicht. Ruhig und in sich verschlossen stand er da und 
wartete ungeduldig auf der Kunstjünger Fortgehen. Da ver- 
liessen sie zögernd das Haus. Der Bildhauer reckte sich. 
Gottlob, er war wieder allein — nein er hätte keinen jungen, 
ratheischenden Genossen mehr neben sich geduldet. Allein 
sein! Seinen Gedanken nachhängen, die doch so düster und 
melancholisch waren wie Zypressenhaine im November. Er 
schritt durch die Flucht der schönen Gemächer, die voll von 
erlesenen Kunstgegenständen schimmerten. Heute, an diesem 
grauen, verhangenen Herbsttage lag über den Bildern und 
Statuen eine leise, traurige Dämmerung, als wollten sie sich 
unkennbar machen, unaufdringlich erscheinen. Ludwig Wendland 
ging durch das Zimmer, ganz leise und sachte, als wolle er 
niemanden aus Schlaf und Ruhe stören. Und es war doch 
sonst niemand in der grossen, vornehmen Wohnung als er allein. 
Im letzten Raume führte eine kleine, weisse Treppe zum 
Atelier empor. Schwere, purpurne Samtvorhänge verhüllten 
die Türe, die in den Raum führte. Wendland machte vor 
dieser Tür halt. Dann fasste er leise den Vorhang und stand 
lange wie unschlüssig, regungslos. Er hob den Vorhang nicht. 
Er ging wieder zurück in die schweigenden Zimmer und sein 
Gehen sah fast wie Flucht aus. Er stellte sich zum Fenster 
und sah hinaus. Der kleine Platz vor dem Hause war ebenso 
dämmrig still wie die Wohnung. Leise fiel manchmal ein 
Blatt zur Erde, mit resignierter Wehmut. Auf dem Boden 
lagen schon ganze Teppiche solch flammender, rauschender 
Blätter. Und wie künstlerisch abgetönt und leuchtend die 
Farben drüben im Parke waren! Lange schon war er nicht 
draussen gewesen! Beinahe acht Tage. Seit dem Tage, an 
dem man den schmalen, dunklen Sarg hinausgetragen, der sein 
Weib umschloss. — — — 
Ein paar Spaziergänger schritten vorüber mit jenem sicht 
baren Genuss, den man an kühlen, frischen Herbsttagen beim 
Wandern empfindet. Auch Ludwig Wendland bekam plötzlich 
Lust zu gehen, lang und weit zu schreiten. Einmal schliesslich 
musste er diese Zimmer hier verlassen, musste wieder Menschen 
sehen und hören. 
phot. W. Fechner, Berlin. 
Frau Edda Wiese, die Tochter des bekannten Bildhauers Prof. M. Wiese, des 
ehemaligen Direktors der Kgl. Zeichenakademie in Hanau, an der Frau Wiese 
ihre künstlerische Ausbildung erlangte, veranstaltete vor kurzem in ihrem Atelier 
in Charlottenburg, Uhlandstr. 189 eine Ausstellung ihrer Kunststickereien 
für Mode und Haus, welche durch die ungewöhnliche Schönheit der zur Schau 
gebrachten Arbeiten täglich ein zahlreiches Publikum herbeizog. Frau Wiese’s 
Stickereien zeichnen sich sowohl durch eine mit vornehmsten Geschmack getroffene 
Farbenwahl, als auch durch Genialität des Entwurfes aus und sind von ihr selbst 
mit ungewöhnlichem Geschick angefertigt. Geradezu Epoche machend sind ihre 
gestickten Bilder, welche an die besten japanischen Stickereien erinnern. Eine 
Anzahl vorzüglich ausgeführter Schülerinnenarbeiten beweisen Frau Wiese’s Ge 
schick als Lehrerin. 
Eine Weile später schritt er zwischen den Gängen dahin, 
die am einsamsten lagen. Doch es quälte ihn auch hier alles. 
Die Erinnerungen an seine Frau wurden hier fast noch mehr 
aufgewühlt wie im einsamen Zimmer. Hier waren sie zusammen 
gegangen, hier hatten sie das besprochen und dort jenes. Wie 
schwer, wie namenlos schwer man einen Menschen vermissen 
kann! Ob sich alle Lücken so zögernd schlössen? Wenn er 
wenigstens gezwungen wäre schwer zu arbeiten! Aber er 
musste nicht arbeiten. Niemand und nichts zwang ihn dazu. 
Ihm graute vor dem Atelier, darin so vieles haftete und lebte. 
Wendland bog in den Weg zur Stadt ein. Und hier kam 
ihm ein Freund entgegen, der lrohe Stunden mit ihm genossen 
und auch manch Leid hatte tragen helfen. Er rief: 
„Wendland, endlich sieht man Dich! Du schliessest Dich 
schon allzulange ein! Schickst alle Schüler, alle Freunde fort! 
Mensch! Nimm Dem Geschick nicht so schwer! Wir alle 
müssen einmal etwas Liebes hergeben!“ 
Der Bildhauer hatte eine fluchtartige Bewegung gemacht, 
doch dann überwand er sich. Vielleicht tat ihm eine Aus 
sprache wohl. So ging er ruhig neben Heym einher und sagtet 
„Ja, ich werde mich schon zurechtfinden. Ihr habt ja keine 
Ahnung, was ich verloren habe. Mein Weib, meine beste 
Freundin — nein, es gibt keine Bezeichnung dafür. D u 
kanntest ja meine Frau!“ 
Der andere nickte. 
„Ja, sie war ein schönes, gutes Wesen. Doch erinnere 
Dich: Unser Freund Hugler verlor auch sein Weib —- ut P 
jetzt? Jetzt besitzt er wieder eines und ist so glücklich wie 
zuvor. Du wirst wieder ein Glück finden“. 
Wendland schüttelte überlegen den Kopf. 
„Bei uns liegt der Fall anders. Um mich zu versteh® n > 
müsste ich Dir eigentlich eine Geschichte erzählen. WiU st 
Du sie hören? Sie ist ganz kurz“. 
„Ja mit Freuden. Vielleicht tut Dir sogar das Mitteilen 
wohl. Komm, wir gehen in das kleine Weinlokal. Um diese 
Zeit ist es wenig besucht“. 
Schweigend sassen sie dann vor den Gläsern, darin der 
edle Goldecker funkelte. Wendland dachte: ., 
„Soll ich den Schleier heben? Soll ich von der Schul 
sprechen, die so schwer auf mir liegt und doch Segen gebrach 
hat? Segen und Unheil zugleich.“ 
Heym drängte nicht. Und als Ludwig zu reden begann, 
drückte er ihm stumm die Hand. 
„Du kanntest Fräulein Ohlsen, das schöne Modell? Eig ent ' 
lieh war sie keines. Sie sass nur hie und da und gab nur 
Auserwählten den Götteranblick ihrer Glieder preis. Mir sass 
sie einmal. Zu meiner Circe. Ich war nie ein grob sinnlich® 
Mensch. Ich betrachtete die Modelle ebenso sachlich wie 
tote Gegenstände. Ich hatte meine Frau aus Liebe geheirate 
und ihr immer die eheliche Treue bewahrt. Aus einem g anZ 
natürlichen, nicht erkämpften Gefühl heraus. Und doch war 
mein armes Weib misstrauisch, eifersüchtig. Sie hing 10 
ausschliesslicher Treue und Hingebnng an mir. Zu Zelte 11 ’ 
wenn grosse Gedanken und Pläne in meinem Kopfe reifte , 
kam über mich ihr gegenüber eine grosse Kühle. 
entwickelte sich jedoch nur folgerichtig aus meinem angestrengt 
Schaffen. Dann war sie unglücklich und doppelt misstrauisc 
stürzte sich oft blindlings in einen Strudel von Zerstreuung® 11 ’ 
Dabei war sie oft unvorsichtig in der Wahl ihres Umgänge*’ 
Doch ich vertraute ihr so blind, dass nie während unse 
langen Ehe auch nur der Schatten eines Verdachtes m 
erwachte. Sie war eine so klare, einfache Seele, die Schleie 1 
vor mir lag. Jede Trübung hätte ich bemerken müssen. ' ^ 
dann — kam eben Fräulein Ohlsen, das Modell zu mir- 
hatte schon andere schöne Körper gesehen. Aber die
        
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