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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Wintersport im Riesengebirge. 
Von Dr. med. H. E. Schmidt. 
(Nachdruck verboten.) 
Der „Wintersport“ ist heutzutage nicht nur Modesache, 
sondern für manche Leute geradezu ein Bedürfnis geworden. 
Das gilt in erster Linie für den arbeitenden Grossstädter, der 
viel im Zimmer sitzt, wenig oder gar keine körperliche Be- 
wegung hat und den Winter fast nur vom Hörensagen kennt, 
da eine fürsorgliche Stadtverwaltung das bischen Schnee, der 
gelegentlich mal auf die Strasse fällt, als Verkehrshindernis 
betrachtet und sofort beiseite schaffen lässt. Kein Wunder, 
dass sich der Winter vor diesen feindlichen Bestrebungen in 
die Berge gefluchtet hat; dort allein trifft man ihn noch in 
seiner ganzen Schönheit und weissen Pracht. 
Für den Berliner ist er ziemlich leicht zu erreichen. Nach 
sechsstündiger Eisenbahnfahrt ist man im Riesengebirge angelangt, 
das von allen deutschen Mittelgebirgen am meisten alpinen 
Charakter besitzt. Von den Orten, die als Winterfrischen 
ebenso gut besucht sind, wie als Sommerfrischen, kommen auf 
deutscher Seite vor allem Krummhübel und Schreiberhau, auf 
österreichischer Spindelmühle in Frage. 
Am schnellsten von Berlin aus ist Krummhübel zu erreichen, 
das auch landschaftlich an erster Stelle rangiert. Nirgends hat 
man die wuchtige Silhouette des Kammes so greifbar nahe 
vor Augen wie in diesem, besonders in seinen oberen Teilen 
durch eine grossartige Scenerie ausgezeichneten Gebirgsdorfe. 
Freilich kann man es bei warmen Wetter, wie z. B. in den 
Weihnachtstagen 1909, erleben, dass im Dorfe selbst kein 
Schnee liegt. Aber dicht oberhalb von Krummhübel findet 
man schon im Dezember immer Schnee. Wer also ganz sicher 
gehen und mitten im verschneiten Walde wohnen will, der 
Kirche Wang im Winterkleid. 
ziehe auf eine höher gelegene „Baude“, eines jener eigenartigen 
Gebirgsgasthäuser, von denen auf deutscher Seite besonders 
die Hampelbaude, die Prinz-Heinrich-Baude und die Schlingel 
baude, auf österreichischer die Riesenbaude und Spindelbaude 
stark besucht sind. 
Der Wintersport selbst besteht hauptsächlich im Rodeln 
und Schneeschuhlaufen; beides, besonders das Schneeschuhlaufen 
erfordert Uebung und Vorsicht und ist keineswegs ungefährlich — 
falls man eben die nötige Uebung nicht besitzt. Wenn man 
sieht, wie unvorsichtig gewisse Jünglinge und Backfische aus 
Berlin W. W. ihre Rodelschlitten sausen lassen, so kann man 
sich nicht darüber wundern, dass man viele der besagten 
Kategorien mit blauen Augen und verpflasterten Nasen herum 
laufen sieht, ganz abgesehen von den Arm- und Beinbrüchen 
Ein kleiner Ski-Läufer. 
und anderen schweren Verletzungen, die fast nur durch eigene 
Schuld herbeigeführt werden, und dazu beitragen können, einen 
so gesunden und fröhlichen Sport ungerechtfertigter Weise zu 
discreditieren. Wers nicht kann, der soll es lassen! Für solche 
Leute bieten die völlig gefahrlosen Hörnerschlittenfahrten eine 
genussreiche Entschädigung, da hier die Lenkung des Schlitten 
in den Händen verlässlicher Führer liegt. Herrlich sind die 
Wanderungen im Gebirge, die wegen der kühleren Temperatur 
bei weitem nicht so anstrengen wie im Sommer, vorausgesetzt, 
dass man nicht bei Neuschnee auf unbegangenen Pfaden 
wandelt, auf denen man natürlich bis zum Knie in den Schnee 
sinkt. Den grössten Genuss wird jedenfalls der haben, welcher 
durch Combination von Wandern und Rodeln für Abwechse 
lung sorgt.* $ 
In der Kleidung dominiert der Sweater. Unbedingt 
erforderlich sind ferner eine wollene Mütze, die über die Ohren 
gezogen werden kann, lange wollene Rodelhandschuhe, wasser 
dichte Wickelgamaschen, feste Bergstiefel und ein langer Berg- 
Abendstimmung an der Schlingel-Baude. 
stock. Die Kniehose ist nicht nur für Herren, sondern auch 
für Damen als äusserst praktisch zu empfehlen. Zweckmässig 
für Wanderungen sind Schneereifen, welche das tiefe Einsinken 
des Fusses beim Neuschnee verhindern, und Eissporen auf 
vereisten Wegen. Auf allen Bauden werden Rodelschlitten 
verliehen, die man im Tale bei einem bestimmten Gastwirt 
abgiebt; sie werden mit dem nächsten aufwärts fahrenden 
Hörnerschlitten dem Baudenwirte wieder zugeführt. 
Vorzuziehen sind natürlich eigene Schlitten, deren Besonder 
heit man genau kennt, und auf denen man selbstverständlich viel 
sicherer fährt. 
Manches Hesse sich noch von der Schönheit der Winter 
landschaft sagen. Zauberhaft wirkt der vereiste Wald, in dem 
das grosse Schweigen herrscht, und die seltsamen Gebilde, 
welche der Rauhreif an den Telegraphenstangen und dem 
Knieholzgestrüpp formt, finden täglich neue staunende Bewunderer. 
Schön ist es, im Schneegestöber durch den stillen Wald zu 
schreiten, noch schöner, wenn die Sonne auf dem weissen 
Kamm die wundervollsten Lichteffekte schafft oder flimmernd 
durch die vereisten Tannenwipfel strahlt. Und wer da der 
Meinung ist, dass der Schnee immer weiss aussieht, der wandere 
mal bei hellem Sonnenglanze durchs Riesengebirge, und er 
wird bald sehen, dass es auch blauen Schnee gibt, den die 
Zauberin Sonne durch Contrastwirkung von Licht und Schatten 
schafft. 
Wer einmal auf der Dorfstrasse von Krummhübel in der 
Silvester-Nacht in das neue Jahr hineingerodelt ist, beim Klange 
der Kirchenglocken, der wird diese eigenartige Neujahrsfeier 
nie vergessen. 
Noch sind die Tage der Rodler! Ein bischen Wintersport 
wird manchen durch die Strapazen der Berliner Winter 
vergnügungen geschwächten Organismus wieder Erholung und 
Kräftigung bringen. Drum auf in die Berge und —- Ski- 
und Rodel-Heil!
        
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