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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Matin, dem Eclair anbot. Bisweilen nahm man ihm eine ab 
und er heimste ein 20 Frankenstück dafür ein; das war dann 
jedesmal ein Festtag. Nur konnte man sich dabei nicht regel 
mässig sattessen; die Zimmermiete war er schon zwei Monate 
schuldig, und jetzt begannen auch noch die Kleider zu ver- 
schleissen. Demnächst würde er sich auf keiner Redaktion 
mehr zeigen können! 
Sein letztes Manuscript konnte er nicht einmal mehr abtypen 
lassen und in Handschrift, zumal seiner, las es Niemand. 
Schon besser, er machte Schluss; so hatte er denn seinen 
alten Revolver zu sich gesteckt — — —. 
Es war Mittag. Auf allen Bänken des Parks sassen lustig 
schwatzende, Butterbrod kauende Mädel, die nach alter 
Pariser Tradition hier ihre Mittagsfreistunde verbrachten. Die 
Frühlingssonne kitzelte den Uebermut in den jungen Dingern 
wach, die sich vor Ausgelassenheit kaum zu halten wussten. 
Mancher neckische Anruf flog zu Gontran, als er melancholisch 
durch den Park schritt; ein blitzhübscher Racker hielt ihm 
eine angeknabberte Brotkurste hin: hast Du Appetit? — — 
Schnell machte er, dass er fortkam; wenn man wirklich 
Hunger leidet, tut solcher Scherz wehe, selbst wenn er von 
einem netten Mädchen kommt und harmlos gemeint ist. 
Endlich hatte er sein Versteck erreicht. Aber noch hatte 
er sich nicht lange niedergelassen, um in neues Grübeln zu 
versinken, als er durch ein freundliches — „Sie gestatten“ — 
aufgeschreckt wurde. 
Ein hübsches blondhaariges Ding in schwarzem Rock und 
heller Bluse setzte sich auf die Bank. Wie alle andern, zog 
auch sie aus ihrer Handtasche ihr Frühstückbrot hervor. 
Es war ein schwatzhaftes Persönchen. Ohne viele 
Umschweife leitete sie die Unterhaltung ein. In fünf Minuten 
War Gontran darüber unterrichtet, dass sie bei Mme. Courteiine, 
rue de Richelieu, Absteckerin sei; dass sie Colette Patin 
heisse, rue de Maubeuge wohne und 80 Franks monatlich 
verdiene. Sie hoffe in ihrem Beruf Karriere zu machen; ihre 
Prinzipalin habe gesagt, sie habe Talent; von Juli ab bekomme 
sie schon 100 Franks! Sie wolle etwas grosses werden! 
Und was sind Sie? Wie em employe sehen Sie nicht aus; 
haben Sie studiert? Es geht Ihnen wohl augenblicklich nicht 
sehr gut? Sind Sie vielleicht ein Künstler?“ 
Gontran musste unwillkürlich lächeln: „Etwas ähnliches; 
lc h schreibe Geschichten für Zeitungen.“ 
„Ah“ meinte die Kleine. „Was denn zum Beispiel? 
Sowas lese ich auch gerne.“ 
Er zog eine alte Nummer des Matin aus der Tasche. 
»Hier, das ist von mir.“ 
Aufmerksam las sie die kleine Erzählung; währenddessen 
betrachtete Gontran sie mit stillem Vergnügen. 
„Das ist hübch“ sagte sie dann, „aber es scheint, Sie 
verdienen nicht viel dabei; Sie sind doch ein feiner Herr, 
und “ 
„Sie haben schon recht Fräuleinchen. Es geht mir nicht 
§ u b lange nicht so gut, wie Ihnen.“ 
„Oh! — Sie haben aber doch zu Essen?“ 
„Zuweilen’“ 
f 
.. . .../£■ . 
Elisabeth Hartmann, 
Altistin am Hoftheater in Schwerin, erzielte durch ihre Mitwirkung als Solistin 
in dem grossen Domchor-Konzert und im Konzert in 
der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche vielen Beifall. 
„Aber das ist ja schrecklich! Haben Sie jetzt vielleicht 
Hunger? Ja? Kommen Sie her, wir teilen — — ich habe 
genug!“ 
Tatsächlich hatte er seit gestern Mittag zum letzten mal 
gefrühstückt und seitdem nichts mehr genossen. Zögernd nahm 
er das dargereichte Brötchen. 
„Aber warum arbeiten Sie denn nicht mehr?“ 
„Ich habe noch eine Arbeit fertig, aber die muss erst auf 
der Schreibmaschine abgetypt werden, und das kostet zwei 
Franks!“ 
„Und die haben Sie nicht?“ 
„Ich habe nur noch 50 Centimes. Ich bin einfach am 
Ende,“ fuhr er heraus. Es tat ihm wohl, sich noch einmal 
einem Menschen anvertrauen zu können, und so erzählte er 
seine ganze Geschichte dem armen kleinen Mädel mit den 
guten blauen Augen. 
„Wird das denn gedruckt, wenn’s abgetypt ist? Die zwei 
Franks leihe ich Ihnen; aber Sie müssen mir versprechen, dass 
Sie mich um 7 Uhr hier am Parkeingang abholen und mir 
zeigen, dass es abgeschrieben ist. Ich bringe Ihnen auch etwas 
für heute Abend mit, damit Sie nicht hungrig zu Bett gehen, — 
und sobald Sie von der Zeitung Geld bekommen haben, geben 
Sie mir meine zwei Franks wieder. Jetzt muss ich ins 
Geschäft. Hier sind zwei Franks. Ein Stückchen dürfen Sie 
mich begleiten, kommen Sie!“ 
Gontran wusste nicht, wie ihm geschah. Er wurde rot, 
wie ein frischgesottener Hummer, — aber er hätte nicht das 
Herz gehabt, nein zu sagen. Die Kleine war zu lieb und 
treuherzig. Totschiessen konnte er sich ja ausserdem noch immer. 
Er dankte. „Sie haben viel Vertrauen zu einem Fremden.“ 
„Sie sehen ja so anständig aus, also auf Wiedersehen 
um sieben!“ 
Das kleine Erlebnis hatte ihn aufgeheitert. Das Vertrauen 
des gutherzigen Mädchens durfte er nicht täuschen. Er kaufte 
sich zunächst noch ein paar Semmeln, die er hastig verschlang, 
und ging dann zur nächstgelegenen Schreibstube, sein Manuscript: 
„Die Tänzerin“ zu diktieren. Wenn der Matin es ihm abkaufte 
war er wieder für ein paar Tage gerettet! 
Punkt sieben war er zum Rendez-vous zur Stelle. Die 
Kleine erwartete ihn schon mit einem Paket. 
„Ich weiss etwas für Sie. Hören Sie mal, — der Wein 
wirt in dem Hause in dem ich wohne, sucht jemand der alle 
Tage zwei oder drei Stunden kommt, seine Bücher in Ordnung 
zu halten; das passt für Sie. 50 Franks monatlich, — und 
Sie behalten dabei noch genug Zeit für Ihre Geschichten. Ich 
habe ihm schon von Ihnen erzählt, kommen Sie nur gleich mit.“ 
Das war entschieden ein Glückstag heute! Ja, ja, jeder 
Mensch hatte seinen Schutzengel, — und der seine sah aus 
wie eine rosige blonde kleine Modistin in schwarzem Rock 
und heller Bluse! 
Dass die beiden nun die besten Freunde wurden, versteht 
sich von selbst. Er hatte jetzt jemand, der sich seiner annahm, 
und sie jemand, für den sie sorgen konnte. Es kam, wie es 
immer kommt, — namentlich in Paris. 
Die kleine regelmässige Einnahme bei dem Weinwirt gab 
ihm festen Halt, zumal die gutherzige Wirtin ihm auch täglich 
ein Frühstück und ein Glas Wein gab, so dass er dafür kein 
Geld auszugeben brauchte. Und da die schlimmste Not über 
standen, hatte er auch mehr Ruhe für seine Schriftstellerarbeit, 
die immer besser wurde; Ablehnungen erfolgten immer seltener. 
G. Sch wechten 
Flügel 
Berlin SW. 
Pianos 
Kochstrasse 60/62. 
I
        
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