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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

dann konnte man die Fliegenstöcke mit viel fetterem Leim 
beschmieren, auf den dann nicht nur die Inseratenkunden, 
sondern vielleicht auch gar mal ein paar Fliegen gingen. 
Er kalkulierte noch, als schon die Stubentiir aufging und 
Krause sen. und jun. eintraten. Letzterer mit dem unschuldigsten 
Gesicht von der Welt. 
Und wieder hauchte, schrillte, examinierte und forschte alles 
durcheinander, bis Krause sen. als Urberliner kurz und bündig 
fragte: 
„Ihr seid wohl alle ’n bissken . . .?“ Ein Tippen auf 
die Stirn vervollständigte den Satz. 
Der Schluss der nun folgenden Szene war: Krause jun. 
beschwor und beteuerte, Krause sen. hielt den ein Viehalphabet 
deklamierenden Tierarzt am Rockkragen über das Treppen 
geländer, Klara heulte mit Mutter Krausens Mops um die 
Wette, der Pastor betete Pech und Schwefel auf dieses Haus 
herab, und der vierzehnsilbige Direktor beschloss, von 
Krause sen. ebenfalls unsanft an die Luft befördert, doch 
wieder zu dem mageren Leim überzugehen. — — — 
Derweilen schlief der, der alles verschuldet, wohlgemut 
auf seinem guten Gewissen und Elsas Handschuhen, die er 
sorgsam unter dem Kopfkissen verwahrte. Endlich gegen Abend 
erwachte er. Und nun zogs wie Dreschflegelgeklapper durch 
seinen Schädel, wie spanische Fliegen durch seinen Magen 
und wie Höllenqualen durch sein Herz. Was mochte er wohl 
alles angestiftet haben! 
Da fällt ihm das Abendblatt in die Augen, die Rückseite, 
kleine Anzeigen. Und dort steht fett gedruckt: „Falscher 
Max Kr . . . .! Wenn Sie noch einen Funken Ehrgefühl 
besitzen, kommen Sie zu meinen Eltern und rehabilitieren Sie 
mich! Seien Sie Mann und retten Sie meine Ehre. Sie 
treiben sonst in den Tod Ihre bis heute abend dreiviertel zehn 
Uhr noch fest auf Sie bauende E . . a W r.“ 
Unwillkürlich sah Kurt Fiedler, so hiess der Uebeltäter im 
profanen Leben, auf die Uhr. Gottlob! Es war erst acht 
Uhr. Also noch ein dreiviertel Stunden baute Blond-Elsa auf 
ihn, und dann war’s vorbei! Plötzlich sprang er auf. Musste 
es denn vorbei sein? Sprach nicht aus dem Inserat etwas 
wie herzliche Zuneigung, dasselbe Gefühl, das auch ihn gestern 
beschlich und ihm das Blondinchen als ein noli me tangere 
erscheinen liess? 
Nach dreissig Minuten klingelte Kurt bei Herrn Schlosser 
meister Winkler, nach einunddreissig streckte „sie“ ihm beide 
Händchen entgegen, klang es wie seelig Jauchzen an sein Ohr: 
„Ich wusste ja, Ihre Augen können nicht lügen!“ 
Nach fünfunddreissig Minuten dröhnte Kurt des alten 
Winkler Bierbass auf die Nerven: 
„Sie sind ja ein ganz niederträchtiger Halunke!“ Und 
besagter Halunke reicht dem menschenkundigen Vater die 
biedere Rechte mit den dankbaren Worten entgegen: 
„Da haben Sie vollkommen Recht!“ 
Nach fünfunddreissig Minuten hatte er zerknirscht alles 
gebeichtet, bei allen Heiligen der Vergangenheit, Gegenwart 
und Zukunft beschworen, dass Blond-Elsa noch rein wie 
Neuschnee sei, und nach einer Stunde sass eine kleine seelens 
vergnügte Runde um Mutter Winklers dampfende Ver 
lobungsbowle. 
Lottie-Erika Bachmeyer 
veranstaltete kürzlich im Saal Bechstein einen sehr erfolgreichen 
Arien- und Lieder-Abend. 
Da wurde trotz der späten Stunde wütend an der Tür 
klingel gerissen. 
Herein schob sich das Quintett, verstärkt durch Krause sen. 
und junior, Mutter Krause und den asthmatischen Mops. 
Verächtliche Blicke flogen über Elsa, doch wie ein kühner 
Ritter des minneliebenden Mittelalters stand Kurt mit einem 
Schritte vor der Aufklärung haben wollenden Rächerschar, die 
sich wie auf Kommando zum Karree formierte. 
Nach zehn Minuten hatte Kurt seine zweite Beichte 
beendet, schluchzte Klara an „Maxens“ Brust, der Mops an 
Mutter Krausens, die Kriegsruftante an der des Tierarztes und 
der Mandel-minus-einssilbige Vetter an Krause seniors, er 
vergoss Freudentränen, denn der Leim konnte wieder fett 
geschmiert werden: Krause sen. hatte einen alkoholfreien 
Reklameauftrag erteilt! — — — 
Spät abends knallte es ganz fürchterlich hinter der soeben 
ins Schloss gefallenen Haustür. War es diese, — oder war 
es ein „Küsschen“ in Ehren? Leise aber innig raunte es: 
„So, das ist der Dank, weil Du wirklich so standhaft warst 
gegenüber Klara Müller und dem Onkel Tierarzt und dem 
Vormund Pastor und der Tante Heilsarmeekapitänin — —“ 
„— und dem Vetter Patentfliegenstockreklamegesellschafts- 
direktor!“ beendete Kurt, als er merkte, dass Elsa die Luft 
knapp wurde, und dann knallte es noch einmal so fürchterlich 
die Haustür schloss sich definitiv hinter dem überglücklichen 
Doppelgänger von Max Krause junior. 
Nur eine Midinette. 
Von Alfred Mayer-Eckhardt. 
(Nachdruck verboten;. 
Zwei Fünf-Sousstüke klapperten noch in der Tasche de r 
recht fadenscheinig gewordenen Hose; die rechte Stiefelsonie 
wies ein mächtiges Loch auf; das Haar war bereits seit secn 
Wochen nicht geschnitten, und die Wäsche zweifelhaft, sollte 
er nun als Gentleman sterben, der, obgleich in’s Elend g era ^ n / 
sein Letztes dahingab, um noch im Tode so anständig als moglic 
aufzutreten, und sich die Haare schneiden, oder den schu 
flicken lassen? Oder als Philosoph erhaben über die kleinlichen 
Vorurteile der Aussenwelt hinwegsehen und zum letzten lvl a 
den knurrenden Magen füllen? 
Eigentlich tat das Hungern, an das er sich übrigens bereits 
gewöhnt hatte, lange nicht so wehe, als das Bewusstsein, im 
Aeussern zu verkommen. Darin unterschied sich eben de 
Aristokrat vom Pöbel, der immer nur über den leeren Baue 
zu jammern weiss! , 
So dachte Gontran de Lupigneau-Keramec, als er über d ea 
sonnendurchglühten Pont Alexandre III schritt um dann, sic 
rechts wendend, den glitzernden Fluss entlang den luilerie 
zuzustreben. Dort wusste er eine einsam versteckte Bank, w 0 
er sich noch einmal zu ruhigem Nachdenken niederlassen woll e > 
ehe er zum Alleräussersten schritt. 
Wodurch hatte er eigentlich das alles verdient? Sein ea 
Eltern war er ein guter Sohn gewesen; stets hatte er sic 
anständig gehalten, nie gelumpt oder schlimme Streiche ve fU j 
Na ja, — seine kleine Freundin hatte er gehabt, auch ab un 
zu im Club ein wenig gespielt, — wie alle jungen Leute sein 
Standes, — aber nie übertrieben. Wenn er nicht ar k® 1 ^ ( 
gelernt hatte, — Gott das hatte er eben nicht nötig 8f.. a , 
Unter seinen Verhältnissen war das doch keine solche Sun > 
dass das Schicksal ihn dafür so hart strafen musste! _ ''j n 
er nur früher Offizier geworden! Da wäre er doch jetzt 
einer anständigen Stellung unter Dach! 
Jetzt war’s schon fast ein Jahr her, seit er durch Zusarnme^ 
bruch jener elenden Banque Commerciale et Industrielle 
einem Schlage sein Vermögen einbüsste und rat- und ni 
dastand in der Welt. 
Seine Clubfreunde hatten keinen Rat für ihn 
seine Verwandten nur die hochweise, moralische Reden ^ 
„suche Dir Arbeit“. Das war bequemer und billiger für s ’ 
als ihm zu helfen. Zum Henker, sollte er vielleicht Waren 
Commis werden und den Damen, in deren Salons er gjp ,j 
und geflirtet hatte, Handschuhe verkaufen? Lieber die Kug^ 
Da hatte er begonnen, kleine Erzählungen und Skizzen^ 
schreiben, die er den grossen Zeitungen, dem Figaro,
        
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