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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

kommen. Und wenn, ■— — dann war es zu Ende ein für 
allemal, das würde sie nie überwinden. 
Als sie dann seinen Schritt hörte und er bald darauf in 
fröhlicher Laune ins Zimmer trat, musste sie sich gewaltsam 
zusammennehmen, um ihm nicht zu verraten, dass ein kleiner 
Zufall sie zur Wissenden machte. Immerhin forschte sie, so 
gut es, ohne aufzufallen, ging, in seinen Zügen, konnte aber 
nichts aussergewöhnliehes darin entdecken. Rudolf war lieb 
und freundlich, wie immer. 
Es kamen für Erna Marner schlaflose Nächte, denn lange 
wollte es ihr nicht gelingen, ihrem Manne auf die Spur zu 
kommen. Wenn er die Wohnung verliess und sie ihm nach 
kurzer Zeit nachfolgte, war er regelmässig schon, wie in den 
Erdboden hinein, verschwunden. 
Endlich^ auf die Gefahr von ihm entdeckt zu werden, ging 
sie knapp hinter ihm und konnte sehen, wie er die Tram be 
stieg. Wohl fuhr sie in der nächstfolgenden nach, aber ihren 
Mann fand sie natürlich nirgends mehr. 
Unverdrossen tat sie am nächsten Abend dasselbe und 
diesmal gelang ihr eine weitere Entdeckung. In dem Schaffner 
ihres Wagens erkannte sie den Mann, der gestern auf der 
Tram Dienst gehabt hatte, mit der Rudolf gefahren war. Von 
diesem erfuhr sie, dass er den Herrn Ingenieur sehr gut kenne 
und dass derselbe stets bis zum Schlüsse der Bahn am West 
ende der Stadt fahre und dann, soviel er gesehen habe, den 
Weg in die Heide hinein nehme. 
Jetzt wurde die Sache geheimnisvoll. Frau Erna kam sich 
wie ein Detektiv vor. 
Die Einladung einer Freundin musste am nächsten Abend 
herhalten, dass sie vor Rudolf das Haus verlassen konnte. Mit 
der früheren Tram fuhr sie zur Stadt hinaus und wartete dort, 
hinter einer Hecke verborgen, die Ankunft der nächsten Elek 
trischen ab. 
Ihr Mann kam. Ein Liedchen trällernd, wie es seine Ge 
wohnheit war, ohne nach rechts oder links zu schauen, schritt 
er rasch in die Heide hinein. 
Es war ein stiller Spätsommerabend und die Heide blühte. 
Erna Marner folgte in ziemlicher Entfernung ihrem Gatten. 
Nach einiger Zeit tauchten am Horizonte Gebäulichkeiten auf 
und diesen strebte Rudolf Marner zu. Erna blieb plötzlich 
stehen. Blitzartig war ihr eine Erkenntnis geworden, die Er 
kenntnis, dass ihr Verdacht gerechtfertigt und das Schlimmste 
Tatsache war. Was wollte ihr Mann abends, schon seit vielen 
Monaten, in dem nur von Heidebauern besuchten Heidekruge. 
Es war kein Zweifel möglich. Das Heideröslein, so nannte 
man des Wirtes schönes Töchterlein, von dem sie schon ge 
hört hatte, war der Magnet, der grössere Anziehungskraft 
besass, als sie. Auf weitere Entdeckungen verzichtete sie und 
kehrte nach Hause zurück. Auf dem Wege hatte sie Müsse, 
ihre weiteren Schritte zu überlegen. Das war schnell getan. 
Keine Minute länger mehr blieb sie in seinem Hause, heute 
noch würde sie zu ihren Eltern gehen. Nun war alles vorbei. 
Diesem Entschlüsse folgte die Tat. Für Rudolf liess sie zwei 
Zeilen zurück: „Amüsiere Dich gut beim Heideröslein, ich 
bin zu den Eltern. Erna.“ 
Als sie in das heimelige Wohnzimmer zu Hause trat, wo 
sich ihre glückliche, sonnige Jugendzeit abgespielt und Vater 
und Mutter bei der gewohnten Abendbeschäftigung traf, war 
es mit ihrer Fassung vorbei. 
Weinend fiel sie der Mutter um den Hals und klagte ihr 
Elend. Ernas Vater, der Herr Geheimrat, schüttelte bedenklich 
sein Haupt. Echte Weiberart, so ohne etwas Gewisses zu 
wissen davonzulaufen, meinte er, wodurch der Strom der 
Tränen noch reichlicher floss. 
„Schön“ sprach er endlich,, „also bleibst du heute hier. 
Schlafen wir erst eine Nacht darüber und morgen werden wir 
dann sehen, da wird sich die Sache, ich zweifle nicht daran, 
in einem anderen Lichte zeigen.“ — 
In aller Frühe begab sich der Geheimrat zu seinem Schwieger 
sohn, um ihn noch, bevor er ins Büro ginge, zu treffen. 
Das Dienstmädchen öffnete ihm und rief sogleich: ,, Gott 
sei Dank, der Herr Geheimrat, ich wusste mir schon nicht 
mehr zu helfen. Die gnä’ Frau und der gnä’ Herr haben heute 
Nacht nicht hier geschlafen. Frau Marner liess für den Herrn 
ein Briefchen zurück und kaum war sie fort, kam ein solches 
vom Herrn für die gnä’ Frau. Gerade wollte ich dieselben zu 
Ihnen tragen.“ 
Der Herr Rat war sehr erstaunt und trat ins Zimmer, wo 
die beiden Schreiben auf dem Tische lagen. Das seiner 
Tochter steckte er zu sich, das andere öffnend, las er: 
„Muss heute Nacht noch verreisen. Komme morgen Abend 
zurück. Näheres mündlich. Rudolf.“ 
Der Geheimrat sagte zu dem Mädchen, es möge sich 
einen freien Tag machen, die Herrschaften kämen erst am 
Abend zurück. Er begab sich wieder nach Hause. 
Als er seiner Tochter den Brief ihres Mannes zeigte, rief 
diese empört: „Alles Lüge, ich weiss wohl, wo er war und 
ist.“ Dann versank sie in tiefes Sinnen. Plötzlich sprang 
sie auf. 
„Papa, gleich nach Mittag musst du mit mir hinaus zum 
Heidekruge, wir wollen Rudolf überraschen. Du wirst sehen, 
dass ich ihm nicht Unrecht getan habe.“ 
Die feste Ueberzeugung seiner Tochter raubte dem Herrn 
Geheimrat seine Sicherheit und er hielt es für seine Pflicht, 
Ernas Wunsche nachzukommen. So fuhren sie hinaus vor die 
Stadt und schlugen dann den Weg in die Heide ein. 
Zehn Minuten mochten sie gegangen sein, als beide plötz 
lich stehen blieben. Ein ganz eigentümliches Geräusch wurde 
hörbar, das sie sich nicht erklären konnten. Erstaunt sahen 
sie sich um. Die Fleide war menschenleer soweit das Auge 
reichte, da rief der Geheimrat auf einmal: „Erna sieh doch“ 
und er zeigte in die Luft. 
Das Geräusch kam von dort. Einer Riesenlibelle ver 
gleichbar flog es da oben heran. Mit mächtigen, grünen 
Flügeln, die in der Sonne glänzten. 
„Ein Aeroplan“ rief der Rat und beide staunten. Der 
kühne Luftfahrer zog wie ein Adler grosse Kreise, stieg 
immer höher und höher und entschwand dann über die Heide 
hin den Blicken der Beiden. 
Der Geheimrat war mächtig bewegt und mit feierlicher 
Stimme sprach er: „Ich danke meinem Schöpfer, der mich 
dies noch erleben liess. Das ist ein herrlicher, unvergleichlicher 
Triumph des Menschengeistes.“ 
Die Freude über dieses Erlebnis verdrängte alle anderes 
Gedanken, bis der Heidekrug in Sicht kam. 
Nun dachten der Geheimrat und Erna wieder an die Ver 
anlassung ihres Ganges. 
Vor dem Kruge standen viele Heidebauern. An ihre 
aufgeregten Geberden erkannte man, dass sie etwas nicht a - 
tägliches beschäftige. Der dicke Wirt aber führte einen regel 
rechten Tanz auf, schrie ununterbrochen: „Hurrah, er fliegt» e s 
ist gelungen“ und warf trotz seiner grauen Haare in juge n ' 
lichern Uebermute sein Käppchen in die Höhe. 
Dann brachen alle in einen ohrenbetäubenden Lärm a ^ S| 
schwenkten wie rasend ihre Hüte. Der Aeroplan wur 
wieder sichtbar. Majestätisch flog er heran, senkte sich 
sam, berührte mit den Rädern den Boden und hielt we®g e 
Schritte vom Geheimrat und seiner Tochter. Ein Mann 111 
blauer Bluse sprang hinzu und der Aviatiker sprang von seine® 
Sitze herab. — Starres Staunen — dann die Rufe: „Fm 3, 
Papa! Rudolf!“ Erna Marner lag in den Armen ihres Gatte® 
Im Heidekruge lösten sich das Staunen und die K atse 
Rudolf Marner erzählte, der Krugwirt habe ihm seinen grossen 
Schuppen zur Verfügung gestellt und hier habe er mit eine® 
Monteur in den Abendstunden der letzten Monate seinen 
Flugapparat angefertigt. Niemanden, selbst Erna nicht, h a 
er etwas verraten wollen, bis das Werk gelungen war. ,< t 
habe er den Probeflug gemacht. Wie, könnten sie nun sei ^ 
beurteilen. Der Geheimrat befahl dann seiner Tochter 
beichten. Zum Schlüsse erfuhr diese noch vom Krugwirt, ^ 
mit einer ganz verstaubten Flasche nahte, dass das Hei j 
röslein schon seit einem Jahr in der nahen Hauptstadt vel 
heiratet sei. —
        
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