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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

„Da kommt Pierre — hast Dich nicht gerade übermässig 
beeilt, mein Junge “ schimpfte der Leutnant. 
Pierre schritt aber mit der denkbar gleichgültigsten Miene 
von der Welt zur Feuerstelle, riss seinen Helm herunter, warf 
ihn in die Flammen. — „So! den hole ich mir jetzt da wieder 
heraus!“ 
Mit gleichen Füssen sprang er in die Glut. Noch einmal 
sah man ihn sein Polichinell-Gesicht zurückwenden — es trug 
ein breites Grinsen zur Schau — war es das Lachen eines 
Narren oder des Siegers? — dann tauchte er unter — — 
Noch ehe zwanzig Sekunden verstrichen waren, kam er 
wieder zum Vorschein. An dem noch unzerstörten Kamin 
seitlich der Ställe kletterte er an den Mauerhaken empor; auf 
dem Kopfe trug er ein in Decken gewickeltes Bündel. 
„Brav! Warte, wir helfen!“ rief der Leutnant. 
Pierre antwortete nicht. Abermals verschwand er — und 
sprang, halberstickt, aus der brennenden Haustür. Das ohn 
mächtige, aber noch lebende Kind legte er in Chavats Arme. 
Dann äffte er: 
„Pierre, Dein Helmbusch wackelt! Pierre, halt das Gewehr 
gerade! Pierre, schaff Dir'n andern Schädel an! Da habt Jhr’s, 
Ihr Schafsköpfe! Nun könnt Ihr lachen! Nun lacht doch! 
Es lachte aber keiner. Die alten Chavats wussten nicht, 
wie sie Worte des Dankes finden sollten, — der alte Mann 
stammelte, die Frau schluchzte. Der Leutnant aber Hess seine 
Kompagnie antreten und präsentieren. Ein brausendes „Hoch!“ 
erschallte zum blutrot erleuchteten Himmel, als das vollständig 
ausgebrannte Gebäude in sich zusammenstürzte. 
Herbstgold. 
Von Ada v. Schmidt. 
(Nachdruck verboten.) 
Das Auto wartet unten vor dem Büro in der Friedrich 
strasse. Der Herr wird mit dem Geschäftsfreund aus Wien 
nach den anstrengenden Abrechnungen einen Ausflug in die 
Umgegend von Berlin machen. — Der lächelt ein bischen 
herablassend. Umgegend von Berlin gibts eigentlich nicht! 
Berlin hat doch keine Umgegend — d. h. keine nennens- und 
besuchenswerte. Hat keinen „Wald- und Wiesengürtel“ — 
keine Ringe und keinen Prater, nicht Schönbrunn und Hietzing 
— noch Wienerwald, Semmering und Raxgebiet. — Es steht 
doch längst fest, dass Wien die schönste und lustigste Stadt 
Europas ist, wie Paris die interessanteste! — Dass Berlin, 
etwa so wie Chikago, ein unglaublich schnell aus der Erde 
geschossener Emporkömmling in überaus prosaischer Umgebung 
ist — — Sand! Sand! — — 
Nun „quod erat demonstrandum“! 
Töff — Töff! — — Das zittert und stampft und der windig, 
nervöse Chauffeur mit seiner Tute kann die Ungeduld des 
Benzins kaum noch bändigen. 
„Wo wollen wir hin“, fragt Herr Müller mit einer gross 
artigen Rundbewegung von West nach Nord — von Ost nach 
Wirkl. Geheimer Rat Ernst von Leyden f. 
Süd. „Befehlen Sie nach Schloss Tegel, der Jungfernheide, 
Weissensee, nach Rummelsburg, Treptow, nach Villenkolonie 
Karlshorst, in den Machnow er Forst, nach dem Grunewald?“ 
„Halt, halt! Lauter unbekannte Grössen ausser dem Grune 
wald. Also am liebsten dorthin. Nach dem Dorado des 
echten Berliners. Wo immer „Holzauktion“ ist und man sich 
die Sachlage nach glaubhaften Schilderungen ungefähr nach 
dem Moserschen Vers vorstellt „Hier sind Bäume, da sind 
Bäume, und dazwischen — Zwischenräume“!“ — — 
Bald erregen die ziemlich verdorrten Bäume am Potsdamer 
Platz das Missfallen des weitgereisten Gastes. „In Paris 
blühen die Kastanien jetzt zum zweiten Mal!“ 
Ach du lieber Gott — ja, das tun sie wohl, aber wie! —' 
An den seit Ende Juli braunen, raschelnden Besen der alten 
Kastanienbäume auf der Place de l’etoile, in den champs und 
dem Tuilerien Garten sind wirklich wieder einige weiss 
oder 
rot schimmernde Kerzen erblüht. Aber gerade diese frischen 
Blüten lassen die dennoch fortschreitende Verwesung nur n° c 
unheimlicher erscheinen, so ungefähr wie das Gesicht einer 
alternden beaute, die die geschwundenen Reize mit Schnun 
zurücktäuschen möchte. — 
Auch die squares sind um' die Zeit verstaubt und ver 
wittert und das Bois recht dünn geworden. 
Jetzt sausen wir den Kurfürstendamm herunter. Hier ^ 
frische Luft und ein lustig sportliches Treiben. Reiter® 1, 
Damen und Herren in Kavalkaden. Elegante Gefährte. u . 
zählige Autos, die gleich unserm hinausrollen aus dem nie 
endenden Getümmel, dem nervenaufreizenden und -zerrüttend 
Tohu Wabohu, das gestern nacht in der Friedrichstrasse de 
Gast in höchstes Erstaunen versetzt hat. , 
„Ja, hören Sie, Herr von Müller, um die Zeit schla en 
wir aber längst in Wien!“ 
Ueber die Halensee Brücke geht’s nach Kolonie Gfun e 
wald und hier gfüsst uns noch spät im Jahre lichtes, friscn 
Grün in mit Liebe gepflegten Gärten. Reizende Villen mg 
aus diesen Gärten, mit Veranden, von Geranium förmlich ube 
flammt. — Die Balkons, wie riesige Blumenkörbe voll bun e 
Betunien. Die Beete von Canna indica, in den prächtig 
Formen und Farben an jene seltsamen Wunderblüten von 
Sundainseln, die Orchideen, gemahnend, und darüber wehen ’ 
schwebende Phönixwedel, Cycas und Musa paradisae. 
lieh ein jedes Eigenheim ein kleines Märchen an phantastisch 
Reiz — oder an gemütlichem Behagen, oder vornehms 
Luxus. Ueberall Plätzchen, wo man gern mitsitzen möchte 1 
traulichen Kreis. r g 
Lunapark ist uns viel zu „gemacht“! Wir gleiten 
Hubertusallee entlang, wo am reizenden, weidenumtrauef^ 
im tiefdunklen, fast schwarz schimmernden Wasser sich 
Veranden eines eleganten Restaurants einladend spiegeln, y 
winken gedeckte Tischchen, Rosenhüte, Reiher, Straussenlede 
schöne Augen, heitres Lachen. 
„Wollen wir hier Hütten bauen?“ — 
„Nein! Hinaus — hinaus!“ 
Einzelne Kiefern ragen als Sinnbild der Kolonie Uri® ^ 
wald aus den sonst mit Ziersträuchern anmutig bepnan 2 
Grundstücken. Die waren lange hier, ehe man nur an V* 
dachte und man gewährt ihnen Unterstatt, weil sie die I Ne 
anlagen vor zu argem Sonnenbrand schützen. • U tit 
Hier wohnen bekannte, genannte Leute, viele die sich 
Buen retiro selbst erwarben. ( p eI - 
Der Häuser werden weniger, der Kiefern mehr! 
Wald kommt auf uns zu, die Stadt verschwindet, dort un ^ 
spiegelt sich, just wie ein Bild des zu früh versterbe 
Leistikow, der sanftblaue Herbsthimmel im Hundekehiens 
Ruhevoll. Von Kiefern umsäumt. Daran ladet ein mäc 
Restaurant, wie das Jagdschloss eines Millionärs gebaut, 
Hirschen bewacht, zum Eintritt. Terrassen, Gärten, f 
Hier bröckelt schon ein grosser Teil der zur Wagenburg> ^ 
Autoprozession verdichteten Schar der Ausflügler ab. 
ist auch gut sein. Vorzügliche Küche. Auf der glasgesc u
        
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