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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Der Feuerwehrmann. 
Autorisierte Bearbeitung nach dem Französischen des Rene Gronge 
von Alfred Mayer-Eckhardt. 
(Nachdruck verboten). 
Als Findelkind war er aufs Dorf gekommen. Der Pächter 
Chavat auf les Oseraies hatte sich bereit erklärt, das eltern- 
un d namenlose Würmchen aufzuziehen. Dafür erwartete er 
natürlich dereinst eine Belohnung im Himmel. Und bis dahin 
Wachte er sich durch Ausnutzung der Arbeitskraft des Find- 
jjngs bezahlt, der schon vom siebenten Jahre ab sein Brot als 
Hütejunge verdienen musste. 
Klein, unansehnlich und mager wuchs Pierre Moulard, so 
hatte man ihn genannt, heran. Mit seinen krummen Beinen, 
hhermässig langen Spinnnearmen, dem zuckerhutförmig spitz zu- 
jaufenden Schädel war er von klein auf das Spottziel der Dorf- 
jugend. Er hatte ja niemanden, der sich seiner angenommen 
hatte. An dem Bastard durfte jeder ungestraft sein Mütchen 
Uhlen. Darum hatte er auch noch, als er längst erwachsen 
w ar, stets das Aussehen eines geprügelten Hundes. 
. Weil er doch nicht sein Leben lang Hütejunge bleiben 
Unnte, zur Feldarbeit aber für zu schwach gehalten wurde, 
hatte man ihn das Flickschustern erlernen lassen. Als er fünf 
undzwanzig Jahre alt war, hatte er sich 150 Franken erspart. 
as genügte zur Selbständigmachung. Er mietete einen alten 
Holzschuppen zwischen der Kirche und dem Kramladen der 
Hrosminets und flickte die Schuhe sämtlicher Bauern im Um 
reise von drei Meilen. Da er fleissig war und ordentliche 
■Arbeit lieferte, schlug er sich schlecht und recht durch. 
Aber innerlich wurmte es ihn doch, dass die Dorfburschen 
'l 1 nicht für voll nahmen. Im Wirtshause liess er sich nicht 
. lc ken, — er fürchtete zu sehr, gehänselt zu werden, und auf 
Rauferei mit den handfesten Lümmeln hätte er es doch 
n ' c ht ankommen lassen dürfen. Halbe Nächte lag er schlaflos 
Un d grübelte, wie er sich wohl in Respekt setzen könne. 
Eines Abends gab’s grosses Hallo. „Wisst ihr schon das 
öe ueste? Pierre Moulard hat sich zur Feuerwehr gemeldet!“ 
.Die Burschen lachten sich halbtot bei dem Gedanken. Der 
v ° '~ e >_ schwächliche Pierre in der Uniform der Feuerwehr 
r ^ n Uepigny! Was dem Bankert wohl einfiele! Der Gemeinde- 
5 • e ihm schon die Wege weisen! 
n .’^iHer alles Erwarten tat derGemeinderat das aber nicht. Als 
ac h drei Wochen der Beschluss herauskam, lautete er vielmehr: 
Ha L - Anerkennung seines gesitteten Lebenswandels, und da 
. ärztlichem Befinden Petent über ausreichende körperliche 
WiTfr e it verfügt, beschliesst der Gemeinderat von Trepigny 
^tit ° Ji e S en 6 Stimmen dem Gesuche des Pierre Moulard, ihn 
re i^ r die freiwillige Feuerwehr der Gemeinde Trepigny ejnzu- 
t ertler ®tattzugeben. Es wird erwartet, dass Petent durch 
PfljA es Wohlverhalten und pünktliche Erfüllung seiner neuen 
e n sich dieser Ehre jederzeit würdig erweisen werde.“ 
ZUi^ 111 nächsten Sonntage nach der Frühmesse trat also Pierre 
äau Se erSt - en Male auf dem Uebungsplatze hinter dem Schul- 
ayf j ^{l zum Exerzieren an. Nicht allein ganz Trepigny war 
Von g n “einen, um das mit anzusehen, — von Coucy, sogar 
ein etl PFßneuf waren sie hergekommen! Alles versprach sich 
etdenspass davon. Voran natürlich die Dorfjugend: 
phot. Becker & Maass, Berlin. 
Rudolf Schildkraut 
als Schauspieler Sand in „Der Schatten“ (Apollo-Theater“, Berlin). 
„Pierre, Dein Helm wackelt!“ „Pierre, halt’ das Gewehr 
gerade! Du stösst Dupont in die Augen!“ „Pierre, Du musst 
Dir’n andern Schädel anschaffen, — der Helm ist zu weit!“ 
Pierre aber liess sich nichts anfechten. Weder lachte er, 
noch liess er Zorn oder Aerger verspüren. Er wusste ganz 
genau, weshalb er die Flinte umkrampfte, weshalb er sich eifrig 
bemühte, Schritt zu halten. Und wenn er auch weidlich 
schwitzte unter der ungewohnten Uebung, — das Herz schlug 
ihm hoch, und seine Augen blitzten. 
Mit solchem Eifer war er dabei, dass der Leutnant ihn 
lobte. Als es hiess „Wegtreten“!“ wandte er sich kurz zu 
den Spöttern: 
„Lacht nur, — wer zuletzt lacht, lacht am besten. 
* * 
* 
Drei Monate später, in einer finsteren Februarnacht, wurde 
Trepigny aus dem Schlafe geschreckt. Die grosse Glocke 
läutete Sturm, — „Feuer!“ schallte es die Dorfstrasse entlang. 
„Feuer! auf Les Oseraies!“ 
Die Fenster flogen auf, die Leute strömten auf die Gasse, 
alles rannte nach Les Oseraies. Der Pachthof lag ein Stück 
entfernt, auf Bourgneuf zu, an einem kleinen Bache, dem 
Pirouet. 
Les Oseraies brannte wahrhaftig schon lichterloh. Zuerst 
waren die Strohfeime, — weiss der Henker wie, — in Brand 
geraten; das Feuer war auf die Ställe, in denen das Vieh 
ängstlich heulte, übergesprungen und hatte schliesslich das 
Wohnhaus der Chavat’s ergriffen. Allgemeines Durcheinander. 
Die Knechte und Mägde hatten zwar schon Kette gebildet, 
und von Hand zu Hand flogen die Eimer, aber was half das 
bischen Wasser gegen dieses Feuermeer! Alle halbe Minute 
ein Eimer voll! Dazu dieses Gehaste der Zugelaufenen, die, 
in der besten Absicht, zu helfen, lediglich Verwirrung stifteten 
und in ihrem Eifer, die Kühe und Pferde zu retten, die Lösch 
arbeit am Wohngebäude hinderten. 
Der Bürgermeister war als einer der Ersten zur Stelle; 
die Feuerwehrleute kamen hübsch einer nach dem andern an. 
Vergebliches Bemühen, Ordnung in den Haufen zu bringen! 
Alles schrie und tobte durcheinander. Die Spritze tat ihre 
Schuldigkeit nur halb. Nach einer Viertelstunde sah man, dass 
es unmöglich sei, des Feuers Herr zu werden. 
Plötzlich schrie der alte Chavat, der händeringend in Ver 
zweiflung vor den Spritzenmännern auf und ab lief: „Wo ist 
Adelaide?“ 
Eine Sekunde lang vielsagendes Schweigen, während die 
Flammen hoch auflohten. 
„Adelaide! Adelaide!“ stöhnte Chavat. Adelaide war sein 
sechsjähriges Töchterchen, ein süsses kleines Ding, das in 
einem Verschlag zwischen der Speichertreppe und der Vorrats 
kammer schlief. 
„Um Gotteswillen, Mutter, wo ist das Kind?“ Mutter 
Chavat, vom Feuerschein grell beleuchtet, sah aus wie ein 
Gespenst, „Ich dachte, Du hättest sie mit hinausgenommen!“ 
„Und ich meinte, Du!“ 
Die beiden Eltern stürzten auf das brennende Gebäude zu. 
„Adelaide! Kind! Wo bist Du! Zu Hilfe, um aller Heiligen 
willen, zu Hilfe!“ durch die rauchschwelende Tür wollten sie 
ins Haus, aber Grosclon, der Leutnant, stiess sie mit der Faust 
zurück. 
„Halt! Keine Dummheit! Unglück genug!“ Dann zu seinen 
Leuten; „Freiwillige vor!“ Zwei meldeten sich: Nicolas, der 
Schlächter, und der Lehrer Cremer. Aber als sie in das 
Haus treten wollten, stürzte das Dach zusammen und eine 
Funkengarbe sprühte in tausend Sternchen zum Himmel. In 
diesem Augenblicke ertönte ein schriller Schrei: „Papa — 
Mama!“ Vergeblich — da war keine Hilfe mehr möglich. 
Der Leutnant hatte mit dem alten Chavat einen förmlichen 
Kampf zu bestehen — mit aller Gewalt wollte der Greis in 
die Flammen, sein Kind zu retten. — Mutter Chavat lag ohn 
mächtig am Boden. Die Nächststehenden hielten sich Äugen 
und Ohren zu, um der grausigen Szene zu entgehen, — da 
wurde, einem verzerrten Schatten gleich, eine bizarre Gestalt 
auf der grellbeleuchteten Landstrasse sichtbar.
        
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