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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

schon. Sie passen nicht immer auf! Was soll denn auch 
passieren? Die Häuser, Käfige, Umzäunungen sind derart sicher 
und praktisch, dass wirklich noch keine kleine Lilli oder Elly 
vom bösen Tiger aus Bengalen gefressen worden ist. 
Die ganze Gegend, um den so überaus günstig im Westen 
der Stadt dicht am Tiergarten gelegenen „Zoologischen“ ist 
mit Mann und Maus abonniert und betrachtet für seine Kleinen 
den Zoo am Morgen als eignen Garten. 
Der erwachsene Berliner pilgert lieber am Nachmittag oder 
Abend hin, es konzertieren täglich zwei bis drei Militärkapellen. 
Es findet sich bei einigermassen gutem Wetter stets eine unab 
sehbare Menschenmenge ein und es entfaltet sich Abends im Glanz 
der unzähligen Sonnenbrenner immer ein überraschend reizvolles 
Leben und Treiben. Um 6 Uhr, im Hochsommer um 7, ist 
Fütterung der wilden Tiere, selbst für den, der das oft haben 
kann, allemal ein interessanter Moment. Nähert man sich am 
Donnerstag, am Mittwoch ist Fasttag, der Gegend der Raub 
tierkäfige, so hört man schon von weitem ein Knurren, Brummen, 
Jaulen. Die da drinnen, mit der gut gehenden Uhr im Magen, 
merken schon längst, dass die Bedeutungsvolle Stunde naht. 
Aufgerichtet, mit dem Schweif die Gitterstäbe peitschend, 
schlürfen sie auf und nieder, jeder auf seine Weise einen 
Ton der Ungeduld ausstossend — immer den nämlichen 
oder durch eigenartigen Zwischenlaut variiert. Da heulen 
die Hyänen, schnarchen die Jaguare, schreit der Leopard, 
weil ihm der Bauch knurrt. Da winseln die Luchse, pfauchen 
die kleinen Tiger, bellt der Schakal. Eine Höllenmusik 
alles allzumal. Man hat sich auf einen Platz auf den Stufen 
gegenüber den Käfigen gerettet — möchte sich eigentlich 
Ohren und Nase zuhalten. Neben einem zieren sich ein 
paar junge, hübsche Damen und lassen sich auf ihrem erhabenen 
Standpunkt gern von ein paar Herren unterstützen. Da packen 
einen winzige Fäuste krampfhaft an — so ein Wicht will noch 
höher hinauf, wo er besser sehen kann. Wir helfen ihm — 
heben ihn auch mal hoch, damit er die wilden Bestien 
ordentlich erschauen kann. Mama, eine Stufe unter uns, dankt 
verbindlich. 
Ein Aufseher fährt den Karren mit den Fleischstücken 
herein. Jetzt wird das Heulen und Jaulen ohrenzerreissend. 
Da — -— „Erhebt sich der Leu mit Gebrüll und es wird 
still“! Der alte Wissmannlöwe hat den Blutdunst in seinem 
Windfang gespürt — er schüttelt sein mähniges Haupt und 
ein Klang entrollt dem Gehege seiner schadhaften Zähne, dass 
die Wände zittern — all das kleine Geschmeiss duckt sich — 
horcht auf — schweigt. Freilich wenn der Wagen weiterge 
schoben wird, der Fütterer einzelne Stücke herausgreift, hebt 
das Getöse mit frischen Kräften wieder an. 
Das mächtige bengalische Tigerpaar hat im Aussenkäfig 
bekommen, mit einen Satz schwingen sie sich auf die Felsen 
im Hintergrund, kauen, fetzen, reissen! 
Ein kleinerer Tiger, gewandt wie eine Schlange, springt 
bis zur Decke seines Käfigs, wohin ihm der Mann seinen 
Brocken Fleisch hält — mit der Pranke reisst er ihn durch 
die Stäbe — kauert sich befriedigt zusammen. Ein Löwe 
muss von seiner Löwin getrennt werden — bei der Fütterung 
hört die Gemütlichkeit auf. — —- 
Draussen ist nun die Dämmerung mit lindem Schleier über 
Busch und Baum gesunken. Die Tiere schlafen! Aber jetzt 
erwacht der vielleicht schönste Moment des Gartens. Die 
Beleuchtung ist feenhaft. Die eigenartigen Kioske, fremd 
ländischen Tempelbauten, die eleganten Restaurants gewinnen 
durch die Bogenlampen und farbigen Birnen ein romantisches 
Leben. Sind wir noch hoch oben im prosaischen Norden? 
Schillernde Wasser erglänzen in mattem Schein. Exotische 
Wasserpflanzen, Lotosblüten auf Riesenblättem schwimmen 
darauf. Grosse Vögel auf langen, rosa Beinen stehen am 
Rande, blicken träumend auf das fremdartige Leben um sie her. 
Sind’s Ibisse aus Alt-Aegypten, der Pharaonen heiliges Tier, 
oder Flamingos von der afrikanischen Steppe. Leise ziehen 
weisse Schwäne ihre Strasse. Enten ducken ihren Kopf unter 
dem schimmernden Flügel, gar zu laut dröhnt die Musik, zu 
geräuschvoll gebärdet sich die bunte, hin und her flutende 
Menschenmenge und die bis an den Rand ihrer friedlichen 
Oase an Tischen sitzende. 
Sind das dort Paradiesvögel — Papageien — tropische 
Blüten? Wie bunt ist dies Menschengewühl. Was schwenkt 
da, noch aus dem erstaunlichen Farbenkonglomerat heraus 
fallend? — — Ein Riesenhut! Blau, rot, mit einer verschwen 
derischen Blumenfülle bedeckt — mit einer mächtigen Pleureuse 
überschattet, vom Paradiesreiher gleich einer Kaskade silbrigen 
Wassers überronnen. Unsere Damenwelt ist ja heut erstaunlich 
kühn in der Konzeption märchenhafter Hüte. Aber tatsächlich 
geben sie dem Bilde einer mondänen Menge etwas besonders 
malerisch farbenfrohes, mag ein Einzelexemplar auch manchmal 
„schon nicht mehr schön sein!“ 
Dicht herum, wo die unendliche Prozession der Musikhörer 
wallfahrtet, sitzt enggedrängt, da bleibt kein Stuhl frei, die 
„kalte Küche“ d. h. die zu Bier und Kaffe belegte Brötchen 
geniessen. Sie leben billig und haben den Vorzug beständig 
lästern zu können. Weiter hinein unter den mächtigen, alten 
Bäumen auf etwas aufgemauerter Terrasse bekommt man 
warmes Abendbrot, auf der einen Seite mit Bier — auf der 
andern ist „Weinabteilung.“ Das Essen ist vorzüglich. Wie 
eine Zeitlang Dressei und Adlon, verheisst der Klang des 
Namens des jeweiligen Traiteurs immer viel. 
Noch höher hinauf auf der um das ganze Etablissement 
herumlaufenden Veranda, im Winter mit Glas geschlossen, 
versammelt sich die creme de la creme •—- culminiert der Luxus, 
die Vornehmheit. Liier isst man nicht mehr — hier speist man! 
Am Rande der Terrasse, an den Tischen mit den 
bekömmlich rot beschatteten Lampen, die dem Arrangement 
erst das wahrhaft Exklusive verleihen, erhält man unbestellt 
gar keinen Platz. Der hochfeine Ober im Frack sieht einen 
höchst erstaunt über das Ansinnen an. Auch der höfliche 
Manager zuckt die Achseln: „Alles vorbestellt“! Auf den 
elegant gedeckten Tischen stehen Vasen mit Blumen, stehen 
die Sektkühler schon bereit, ebenso der Ständer mit dem 
rechaud. Reizende Damen in hellen Spitzenmänteln schleppen 
ein wenig müde heran, gefolgt von Herren in glänzenden 
Uniformen oder dem typischen schwarzem Anzuge. — Man 
hat sich verabredet. Es sitzt sich hier entzückend — man 
hat einen reizvollen Überblick über die malerische Gartenanlage, 
die hyperelegante Menge da unten. Die Damen hier tragen 
die Hüte um einen Stich kleiner, um eine Nüance farbloser. — 
Man betrachtet von hier — von dem Umkreis der rot- 
verschatteten Lampen — das Publikum gewissermassen aus 
der Vogelperspektive — von einem andern Stern. Aber 
während man den frappierten, fransösischen Sekt trinkt, sieht 
man doch interessiert herab auf hervorragend, elegante 
Erscheinungen die — nur nicht ganz so exklusiv sind. 
Man scherzt, man flirtet an allen Tischen, oben und unten. 
Man begrüsst sich unter einander — oder auch nicht. Es 
sitzen da auch anonyme Tische ein wenig um die Ecke herum, 
wo man nicht gesehen wird! Aber man amüsiert sich prächtig 
in diesen lauen Sommernächten im Garten des Paradieses, aut 
dem seltsamen Hintergrund der wilden Bestien, die da g ar 
nicht fern von hier in ihren Käfigen ruhig schlafen. Nur ganz 
selten dringt durch das Getöse der Musik und der Menschen, 
wie ein Laut aus einer andern Welt, ein tiefes Grunzen oder 
Brummen — ein Klang wie ferner Donner — der König d er 
Tiere träumt! 
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