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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Hans an und bestellte seinen Neffen nach seinem Hotel, es 
konnte sich ja auch um eine hübsche Manövererinnerung handeln, 
schöne Bilder, die oft bald verbleichen, oder durch ähnliche 
ersetzt werden. 
Eine Stunde später begrüssten sich Onkel und Neffe herzlich. 
„Na also Kurt, wieviel Verlobungen hast Du nun vor?“ 
„Aber nur die eine mit Elise Berg, wirklich eine Pracht 
erscheinung, doch wollte ich vorher Deinen Rat hören.“ 
„Schön ich werde mich also erkundigen, ob irgendwo ein 
Hinderniss vorliegt, mit der Dame bist Du doch einig?“ 
„Ja,“ nickte Kurt, „Sie wehrt sich nicht.“ 
„So, so, na das klingt ja etwas drollig, wäre aber eine 
feine Sache, wenn Du die ersten Jahre Deiner jungen Ehe 
Her weit ab vom Trubel grosser Städte verleben könntest; nun 
Ic h denke meine Erkundigung soll nicht lange dauern.“ 
Dann schrieb der Rittmeister an Hauptmann Berg und lud 
>kn zur Aufklärung der Angelegenheit nach Berlin ein. Die 
beiden Herren Kameraden gefielen einander, ein Hinderungs- 
P'und lag nicht vor, also konnte Hauptmann Berg seiner Tochter 
^ Hause mitteilen, dass sie ihren Bräutigam in den nächsten 
f agen erwarten könne. 
Fräulein Elise suchte zwar die engelgleiche Unschuld zu 
spielen, aber ihr Papa sang ihr das Versehen von Knospe 
und Rose vor. 
Von der Anhöhe neben dem Gute hatte man freie Aussicht 
Hs zu dem fernen Bahnhof und Fräulein Elise, die gut wusste, 
Wann die Züge ankamen, stand jetzt oft auf der Anhöhe und 
blickte in die Ferne. 
Schon nach wenigen Tagen stürzte das Fräulein atemlos 
ln das Zimmer. 
„Papa, Mama, zwei rote Husaren kommen in einem 
Wagen.“ 
„Werden vielleicht hier etwas vergessen haben, oder Du 
sollst Dir einen von beiden aussuchen.“ 
auch noch da,“ meinte die Frau 
doch zunächst abwarten, ob die 
„Nun da bin ich ja 
Hauptmann, „wir müssen 
Herren zu uns kommen.“ 
Fräulein Elise nahm den Besuch für gewiss an und erschien 
bald in einem reizenden, hellen Sommerkleide und da rollte 
a uch schon der Wag en auf den Hof. 
Rittmeister Hans, der zu Ehren der Brautfahrt Uniform 
angelegt hatte, gefiel den beiden Damen fast noch besser als 
Se m Neffe und da es kurz vor Tische war, nahmen die Herren 
nur ein Glas Wein und etwas frisches Quellwasser an. 
. Dann nahm die Gesellschaft Platz und Fräulein Elise fühlte 
Slc h wohl etwas unbehaglich; wenn es unter vier Augen 
gewesen wäre, — 
^ Ha stand der Leutnant auf und setzte sich an das Klavier, 
as fragwürdige Notenblatt vom Abschiedsabend erschien 
e aer und nach kurzem Vorspiel sang er: 
Und eh’ ein Monat noch verstrich 
Kam die Metamorphose, 
Da ist die Knospe still für sich 
Erblüht zur schönsten Rose. 
Da sprach der Leutnant wieder vor: 
„Die Hand musst Du mir geben, 
Da ich mein Herz an Dich verlor 
Für dieses Erdenleben.“ 
„Eine Liebeserklärung mit Musik, lasse ich mir gefallen,“ 
lachte der Flauptmann, und da hatte der Leutnant auch schon 
seine Elise gefasst und es ging an das Gratulieren. 
Unser Zoo. 
Von Ada v. Schmidt. 
(Nachdruck verboten). 
Es gehört kein übertriebener Lokalpatriotismus dazu, den 
Berliner Zoologischen Garten schön — eine Sehenswürdigkeit 
ersten Ranges zu finden. Jedenfalls besitzt er kaum in den 
Tierparks der europäischen Metropolen einen ebenbürtigen 
Rivalen. Die „Menagerie“ des Jardin des Plantes ist nicht den 
Ansprüchen einer Stadt wie Paris entsprechend, — Seine 
Lage im Südosten — zwar ziemlich dicht an der Seine, mit 
den flinken, kleinen Dampfern bequem zu erreichen — ist nicht 
günstig. Ein Vergnügungspark ist er ganz und gar nicht. Er 
ist im Sommer nur von 11-5, im Winter von 11-4 Uhr geöffnet, 
Die Warmhäuser der recht mässigen Exemplare von grimmigen 
Katzen sind nur am Donnerstag zugänglich. Im Jardin des 
Plantes finden keine Konzerte statt, sind keine Restaurants — 
er dient vorwiegend wissenschaftlichen Zwecken. Der Paris 
Reisende fühlt sich moralisch verpflichtet die „Galerie de 
Zoologie“ zu besuchen, wandelt allein am Palais des singes, 
dem Fosse auxours vorüber, wo „Martin“ unser Petz um einen 
Apfel oder eine Tomate seine Spässe macht — und ist schwer 
enttäuscht. — •— 
Sehr feudal wohnt seine Majestät Löwe und Tiger in Wien 
bei Kaiser Franz Josef zu Gaste. „Im Garten von Schön 
brunnen“. Am südöstlichen Ende des Parkes, unterhalb „des 
Gloriett’“ haben sich die Habsburger zum höchsteignen Ver 
gnügen einen Tierpark angelegt, mit besonders gemütlichem 
Winterlogis. Unter dem jetzigen Kaiser ist dieser kleine 
„Zoologische Garten“ völlig Gemeingut Wiens geworden — 
wie der Schönbrunnerpark, der ein Wallfahrtsort der Wiener, 
immer für Sie offen und ohne Entree zugänglich ist. Es sind 
einige sehr schöne Exemplare wilder Tiere hier, besonders 
ein schwarzer Tiger, aber mit den zoologischen Gärten Berlins, 
Hamburgs, Londons oder Amsterdams ist er nicht zu 
vergleichen. — 
Die geschmackvollen Anlagen bieten an einzelnen Stellen 
hervorragend malerische Bilder — im jungen Frühlingsgrün 
ebenso wie im goldroten Herbsteszauber, und haben den Zoo 
zum beliebtesten Sommeraufenthalt in Berlin gemacht. 
Am Vormittag steht er im Zeichen des Kindes! 
Der Tourist, der zu seinen Explorierungsfahrten in fremder 
Stadt meist den Vormittag verwendet, ist bas erstaunt über 
das Gekribbel und Gekrabbel auf den breiten, schöngehaltnen 
Promenadenwegen. Das schreit und quiekst, johlt, weint und 
lacht mit den Papageien, Arras, Tauben usw. um die Wette. 
Das tummelt sich mit Reifen, Ball, Diabolo — das purzelt, 
rollt im Sande, steht wieder auf, klopft sich den Kies aus dem 
gestickten Kleidchen. Das trippelt um das Affenhaus in kurzen 
Röckchen und langen, nackten Beinen und dem, auch bei dem 
kleinsten Mädelchen, modernen Riesenhut aus weiss, rosa oder 
blauer Seide. Die Buben, aalgleich in gestreiften sweatern 
oder Matrosenkitteln, mit der Mütze S. M. Schiff „Hohenzollern“, 
„Freia“ usw. Sie teilen ihr Frühstücksbrot mit dem putzigen 
Bären. Sie klauben mit den kleinen Händen Chokoladc aus 
dem Automaten für den Bettelaffen, der seinen langen, hagern 
Arm durch das Gitter streckt — und schreien vor Vergnügen, 
wenn er die Emballagen mit geschickter Hand entfernt und 
ihnen grinsend und schmatzend ins Gesicht wirft. Sie um 
stehen bewundernd das Elefantenbaby und den staunenswert 
langhalsigen Sprössling der Giraffenmama. Sie reiten auf 
Zebras und Kamelen und gebärden sich um die Stunde als 
die unumschränkten Herren des Schauplatzes. 
„Gibt es wirklich in Berlin so viel Kinder auf einmal“ — 
soll ein mit den Verhältnissen in unsrer Metropole Unbekannter 
bei diesem Anblick ausgerufen haben. 
Auf den Bänken längs der Anlagen sitzen die dazu 
gehörigen Bonnen, Ammen, Kinderfrauen, Kindergärtnerinnen, 
Ayas, nurses, Gouvernanten usw. mit ihrer Häkelarbeit, ihrem 
Schatz, ihrer Flirtation, denn so etwas gibts Vormittags auch 
1 
Flügel 
Berlin SW. 
Kochstrasse 60,62.
        
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