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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Nach dem freundlichen Empfang durch den Hauptmann 
und dessen Familie stillte der Leutnant ehrlich seinen 
Hunger und Durst und für alle besonderen Wünsche wies ihn 
der Hauptmann an seine Tochter Elise, die gut in Küche 
und Keller Bescheid wisse, die auch noch kein gnädiges 
Fräulein sei, sondern der Liebling der Eltern; die Frau Haupt 
mann habe für die Soldaten zu sorgen. 
Das waren recht frohe Tage in Wiesenberg, aber scheint 
die Sonne noch so schön, einmal muss sie untergehn, am 
Montag früh musste die kleine Abteilung roter Husaren weiter, 
Sonntag Abend musste Abschied gefeiert werden. 
Natürlich war das Fräulein des Hauses sehr um ihren 
Schützling besorgt, rote Husaren-Leutnants haben junge Damen 
nicht oft zu beobachten und zu bemuttern und junge Leutnants 
haben gegen solche Pflege nichts emzuwenden, besonders 
wenn die Pflegerin so hübsch ist wie Fräulein Elise. Der 
Leutnant lebte mit dem Fräulein wie mit einer alten Bekannten 
und da Fräulein Elise bereits sechzehn Jahre alt und hübsch 
entwickelt war, so war es kein Wunder, dass der Leutnant 
zu ihr sagte, sie sei hübsch zum anbeissen. 
Das würde ihr wehetun, hatte das Fräulein geklagt und 
doch hatte der Leutnant sie nicht angebissen, hatte ihr nicht 
wehegetan, nur etwas entrüstet war Elise gewesen und vermied 
sorgsam alle dunklen Lauben. 
So kam der Abend des Abschieds heran, Hauptmann Berg 
hatte noch einige Nachbarn eingeladen, die teure Gattin hatte 
für ein gutes Abendessen gesorgt und bald herrschte in dem 
kleinen Kreise eine ungebundne, frohe Stimmung und in der 
Mitte des' Ganzen drehte sich flink und liebenswürdig Leutnant 
von Horn. Da dieser ja nicht verheimlicht hatte, dass er 
Klavier spiele, so hatte Elise ihn bald heran bekommen, es 
war ihr doch zu komisch, dass ein Leutnant so gut Klavier 
spielte. Schliesslich regte eine junge Dame an, ob der 
Leutnant nicht auch ein Lied vortragen möchte. 
„Ein Husarenleutnant und singen, meine Damen, seien 
Sie gnädig,“ lachte von Horn. 
„Und wenn es ein lustiges Husarenlied ist,“ ermunterte 
der Hauptmann. 
„Das kann ich, lachte von Horn, gleich stehe ich den 
Herrschaften zu Diensten.“ 
Mit den Worten verliess er das Zimmer und kehrte schon 
nach wenigen Minuten wieder und setzte sich an das Klavier. 
Das war ja ein tolles Notenblatt mit seinen vielen Strichen 
und Verbesserungen, aber der Leutnant schien seiner Sache 
sicher zu sein und begann nach einem kurzen Vorspiel: 
Ein Leutnant ritt durch Wald und Flur 
Mit seinen schnellen Reitern, 
Er war dem Feinde auf der Spur 
Im Kriegesspiel, dem heitern. 
Manöver wars und Fried’ im Land, 
Des freun sich die Husaren, 
Am 1. August beging Herr Andreas Köhler, der Geschäftsführer des be 
kannten Weinhausess M. Kempinski & Co., Leipzigerstrasse 25, das Jubiläum 
seiner 25 jährigen Tätigkeit bei genannter Firma. Herr Köhler, der sich durch 
seltene Tüchtigkeit und Pflichteifer zu seiner jetzigen Stellung emporarbeitele, ist 
Hunderttausenden von Besuchern der Kempinski’schen Weinstuben durch seine 
vornehme Liebenswürdigkeit bekannt, mit der er darauf bedacht ist, allen Gästen 
die gewünschten Plätze zu verschaffen, was bei dem dort herrschenden Riesen- 
andrange durchaus nicht leicht ist. Welcher Wertschätzung sich Herr Köhler 
auch bei seinen Chefs erfreut, beweist der Umstand, dass er anlässlich seines 
Jubiläums zum Prokuristen ernannt wurde. 
Sie sind gar lustig und galant 
Bei Wirten, die nicht sparen. 
Denn wer geschwitzt fürs Vaterland, 
Kann Speis’ und Trank vertragen 
Und reicht recht viel die liebe Hand, 
Es findet Platz im Magen. 
Dann geht ein lustig Leben los, 
Zwei Kameraden blasen 
Und jung und alt und klein und gross 
Die tanzen auf dem Rasen. 
Des Wirtes schönes Töchterlein 
Gefallt dem Leutnant mächtig, 
Doch sind auch solche Mägdelein 
Mit Worten nicht bedächtig. 
Der Leutnant ,,gnädges Fräulein“ spricht 
Da lacht der Mund, der lose, 
,,Ein gnädig Fräulein bin ich nicht 
Erst Knospe noch nicht Rose.“ 
Mit einigen rauschenden Akkorden hatte der Leutnant geschlossen 
und der Jubel brach los, denn die Melodie war zu einfach 
und lustig und die beiden letzten Verse gaben so manches 
zu denken. 
„Und wer hat wohl das Lied gemacht,“ fragte eine der 
Damen. 
„Der Name steht leider nicht auf dem Zettel und es fehlt 
auch wohl der Schluss,“ meinte von Horn. 
„Muss jede Sache haben,“ lachte der Hauptmann, während 
zur gleichen Zeit, ein Signalhorn zur Ruhe rief. 
„Morgen haben die Herren einen strammen Ritt vor, da 
heisst es früh satteln, also meine Herrschaften, füllen wir noch 
einmal die Gläser zum Abschied für Herrn von Horn und 
seine Husaren.“ 
Der Hauptmann stiess mit Herrn von Horn und seinen 
Gästen an, dann empfahl sich der Leutnant allerseits, nur 
Fräulein Elise war verschwunden, sie hatte sich in ein Neben 
zimmer in Sicherheit gebracht, da sie dem Leutnant nicht recht 
traute, aber weit war sie nicht fort, sodass Herr von Horn sie 
bald entdeckte. 
„Mein verehrtes Fräulein, Scheiden tut weh“, dabei hatte 
er ihre Hand ergriffen und zog das Fräulein etwas näher an 
sich, dem doch recht peinlich zu Mute war; aber ich komme 
sehr bald wieder und dann“ — Fräulein Elise wäre am liebsten 
davongelaufen, aber der Leutnant hielt fest, ja er zog sie sogar 
näher und drückte einen Kuss auf ihre Lippen, der sie ganz 
verwirrt machte. „Adieu, mein liebes Lieschen, ich komme 
bald wieder.“ 
Dann eilte der Leutnant aus dem Zimmer, während Elise 
das Gesicht mit ihren Händen bedeckte, oh, sie hatte alles 
verstanden, das war ein Verlobungskuss gewesen, Tränen der 
Freude rollten über ihre rosige Wangen. 
Da die Husaren am nächsten Morgen früh ausrückten, 
waren die Damen noch nicht zu sehen, um so tätiger war der 
Hauptmann, der überall nachhalf, wo etwas fehlte und mit dem 
Leutnant plauderte, der ihn zum Besuche seines Gutes einlud. 
Dann noch ein kurzer Dank des Leutnants für die liebevolle 
Aufnahme, die er mit seinen Leuten gefunden hatte, ein 
kräftiges Hoch auf den Hauptmann und die Husaren ritten 
davon. Von dem Fenster ihres Schlafzimmers hatte Fräulein 
Elise alles beobachtet und als sich der Zug der Soldaten i n 
Bewegung setzte, flüsterte sie leise ja, ja, der kommt wieder. 
Im nächsten Quartier der Husaren schrieb der Leutnant 
zunächst einen etwas verwirrten Brief an den Onkel, in dem 
er ihm mitteilte, dass Fräulein Elise Berg so wunderbar gut 
und schön sei, dass er sie heiraten müsse und zwar sehr bald- 
Der Herr Rittmeister schmunzelte vergnügt, sein Neffe war 
alt genug, Geld war genügend da, warum sollte der Leutnant 
nicht heiraten, natürlich musste die Angelegenheit ruhig über 
legt werden. 
Zehn Tage später waren die Husaren in ihre Garnison 
zurückgekehrt und am Tage darauf langte auch bereits Onke
        
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