Path:

Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Knospe und Rose. 
phot. Julius Staudt, Berlin. 
The great Georgetty’s Fils (Akrobatische Neuheiten). 
Apollo-Theater, Berlin. 
„Ist auch vorläufig noch nicht nötig. Zunächst hast Du 
ein Jahr treu deinem Könige und Vaterlande zu dienen, sonst 
kommt Dich nächstens der Gensdarm abholen.“ 
„Wirklich, wirklich, lieber Onkel!“ 
„Da wirst Du schon einen Beruf kennen lernen, der sonst 
sehr geachtet ist und das Leben als junger Offizier ist ein 
recht angenehmes, wenn man immer ein anständiger Mensch 
bleibt und dazu noch die notigen Märker hat.“ 
„Das ist ein guter Ausweg, Onkel, bitte sage mir, was 
ich zunächst zu tun habe.“ 
„Nichts, zunächst fahre ich morgen nach meiner alten 
Garnison zu den roten Husaren, wo ich noch bekannt bin und 
will sehen, wie es mit dem Avancement steht und ob das 
Regiment einen anständigen Einjährigen brauchen kann.“ 
„Das ist prächtig, Onkel, da könnte ich ja einige Jahre 
zulegen, wenn nur das Gut nicht wäre.“ 
„Nun vorläufig hat es noch keine Not damit, ich halte 
schon noch ein paar Jährchen aus, fühle mich auch im Freien 
sehr wohl, habe auch nicht die geringste Lust, 
noch eine Frau zu nehmen.“ 
Bei dem Rittmeister ging alles schnell und 
schon nach fünf Tagen war alles geordnet und 
in zwei Wochen konnte Kurt sich zum Dienst 
melden, natürlich brachte ihn der Rittmeister 
an Ort und Stelle. 
Der Rittmeister hatte sich nicht getäuscht, 
sein Neffe war bei den lustigen, lebensfrohen 
Reitern so aufgelebt, dass er dem Onkel vor 
geschlagen hatte, bei der Truppe zu bleiben. 
Dagegen hatte der Onkel nichts, Geld genug 
war vorhanden und für den Onkel war es ein 
Vergnügen, auf seinem Pferd durch Wald und 
Feld zu reiten und auf alles Acht zu geben, 
wenn er sich auch um Einzelheiten weniger 
kümmerte, von denen er noch zu wenig verstand. 
Seinen Neffen, dem des Rittmeisters frühere 
Kameraden das beste Zeugniss ausstellten, be 
suchte dieser einige Male im Jahr und im 
Sommer kam auch der Neffe zu Besuch nach 
Hause. 
Da nahte wieder der Herbst und das grosse 
Manöver; das giebt ja dann ein gar lustiges 
Leben, aber mitunter heisst es auch, alle Kräfte 
einsetzen. Aber während der Rittmeister Hans 
von Horn sich vor der grössten Sonnenhitze in 
kühle Sicherheit bringen konnte, musste der 
Neffe Kurt mit seinen Husaren quer über die 
flachen Wiesen und die Mittagssonne brannte 
so heiss nieder, als ob es sich um einen Proberitt 
in Kolonialsachen handle; einige junge Husaren 
Hessen auch bereits traurig die Köpfchen hängen, aber der 
Leutnant von Horn suchte sie zu trösten, da hinter der nahen 
Anhöhe lag nach seiner Karte das Gut Wiesenberg, wo sie 
Ruhe fanden. Kaum waren die Reiter um die Ecke, als das 
Gut ganz nahe vor ihnen lag und die Pferde sich ohne 
Kommando in einen leichten Trab setzten. 
Die Tore des Gutshofes waren weit geöffnet, auf dem 
Hofe war ein grosses Sonnenzelt errichtet und neben dem 
Eingang stand Hauptmann a. d. Berg zum Empfang seiner 
Gäste bereit. 
„Leutnant von Horn,“ meldete sich der Führer. 
„Hauptmann Berg,“ herzlich willkommen, ich habe etwas 
vorgesorgt, ich kenne ja die Geschichte aus eigner Erfahrung. 
Dann führte der Hauptmann seinen jungen Kameraden nach 
seinen zwei Zimmern, die mit frischen Blumen geschmückt 
waren — eine zarte Aufmerksamkeit der Tochter des Hauses, 
die der Leutnant an der Mittagstafel kennen lernte. 
Eine Manöver-Geschichte von A. Preuss. 
(Nachdruck verboten). 
Auf Rittergut Bergen, das im ganzen Kreise 
als Musterwirtschaft gelten konnte, war das 
Unglück eingekehrt und hatte den Besitzer im 
kräftigen Mannesalter dahin gerafft, nachdem 
Herr von Horn seine Gattin schon vor mehreren 
Jahren verloren hatte. 
Der Bruder des Verstorbenen, Rittmeister 
Hans von Horn, war sofort helfend einge- 
sprungen und da auf dem Gute alles in bester 
Ordnung war, fiel es ihm nicht schwer, alles 
ln dem alten Geleise zu erhalten. Nur sein 
Neffe Kurt machte dem Rittmeister Sorge. Kurt 
War in seiner Jugend immer etwas schwächlich 
gewesen, deshalb hatte der Verstorbene ihn das 
Abiturienten-Examen machen lassen; nahmen die 
Kräfte nicht genügend für die Anstrengungen in 
der Landwirtschaft zu, so konnte er jeden 
anderen Beruf ergreifen, für den er Neigung 
fühlte; eine Zeitverschwendung war es auch 
nicht, denn von der Erwerbung des Rechtes 
z ur einjährigen Dienstzeit bis zur Reifeprüfung 
War der Weg nicht mehr weit. 
Dann war Kurt wieder auf das Gut des 
Vaters gekommen und hatte sich in der frischen 
Luft und ungebundenen Freiheit gut erholt; da 
kam der rasche Tod des Vaters, der ihn 
schwer niederdrückte. 
Dann hatte er eine Zeit lang still für sich dahin gelebt, 
aber Onkel Hans war ein energischer Herr, der gut wusste, 
dass das beste Mittel gegen eine solche Verdüsterung des 
pemütes ehrliche Arbeit sei; Kurt musste sich für einen 
kferuf entscheiden, aber diese Entscheidung war nicht so leicht. 
Da war dem Rittmeister ein rettender Gedanke gekommen. 
Kurt spielte im Salon Klavier, für Musik hatte er eine grosse 
Zuneigung, da trat der Onkel in den Salon. 
„Halt, Du könntest ja ein tüchtiger Musikmeister werden, 
aber das ist auch nur so ein halber Beruf, ohne einige gute 
Begabung bleiben die Leute Stümper.“ 
„Jawohl, Onkel, Musik gewährt mir eben Zerstreuung.“ 
„Jetzt ist es für Dich aber Zeit, an ernste Arbeit zu 
e uken, da vergisst man am leichtesten die Leiden der Zeit.“ 
. „Sehr richtig,“ meinte der Neffe, „wenn die Wahl nur 
^J c ht so schwer wäre, ich möchte doch nicht nach kurzer 
eit meinen Beruf wechseln.“
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.