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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

lasche, entfaltet es langsam und überreicht es mit einer knappen Ver 
beugung seelenruhig feiner Frau Eheliebslen. 
Diese errötet beim Lesen des Schiiftstücks tief und tiefer, spricht 
halblaut und zitternd vor Erregung die drei Worte: „Oberstleutnant! — 
Garde! — Berlin!“ und fliegt schliesslich mit dem Jubelruf: „Heinrich! 
Männe!“ dem Gatten an den Hals, der inzwischen — unhöflich genug — 
wieder gepfiffen hat: „Macht mir keine Wippchen vor, Wippchen vor! 
Denn ich bin vom Gardekorps, — Gardekorps!“ — — — — 
Am selben Tage wurde bei unserm Parole-Appell u. a. folgender 
Befehl ausgegebeu: 
„Stillgestanden! Unser Bataillons-Kommandeur, der Herr Major 
Freiherr von N. ist zum Oberstleutnant befördert und ins xte Garde- 
Grenadier-Regiment nach Berlin versetzt worden. — Rühit euch!“ 
Er war noch lange nicht an der Reihe gewesen, befördert zu 
werden, und hatte einen tüchtigen Springer gemacht. 
War das kein Türkei, kein Glück? Wenn man unter „Glück“ 
nach der landläuflgen Auffassung etwas plötzlich von aussen Heran 
kommendes versteht, so antworte ich: Nein! Durch seine eigne Kraft, 
durch seine Güte und durch sein Talent hat er nach meiner Ueber- 
zeugung so Glänzendes geleistet. Aber seine früheren Schnitzer in 
Felddienstübungen? Ich weiss es nicht. Vielleicht Unachtsamkeit oder 
eben wirklich — Schnitzer. Jedenfalls kann und wird von oben herab 
nie mehr gefordert werden als ganze Krafteinsetzung und Befähigung 
in entscheidenden Stunden, wo’s gilt. Wenn ich Priem einen Glücks 
menschen nenne, dann meine ich es so, dass er sich sein Glück selber 
geschmiedet hat, von innen heraus.“ — — — 
So weit mein Freund Ipsego. Seine Schlussbemerkungen über das 
Glück decken sich ganz mit meinen Anschauungen, denn .... 
Doch ich habe ja, um überhaupt zu Worte zu kommen, feierlich 
versptechen müssen, meinen Geist für mich zu behalten. Nichts für 
ungut I 
Die Geschichte von Lai. 
Eine chinesische Sage; nach dem Französischen des Rene Grouge 
von Alfred Mayer Eckhardt. 
Mit gutem Recht galt Lai, Sohn der alten Lou und selbst Vater 
des jungen Sau für den weisesten unter den Einwohnern des Dorfes 
Young-Doun. Er hatte die Schriftgelchrten studiert , und bekleidete den 
Rang eines Sint’sai, der. ihm das Recht verlieh, die schwarz eingefasste 
blaue Seidenrobe zu tragen und beim Präfekten empfangen zu werden. 
Später konnte er vielleicht den Grad eines Tschinschi erreichen, dessen 
Einkommen ihm mit Mutter, Weib und Kind ein bequemes Leben er 
möglichen würde, — halb auf Kosten des Kaisers, halb auf Kosten der 
seiner Verwaltung anvertrauten Untertanen. 
Von böswilliger Seite angezettelte Ränke drohten leider Lai die 
höhere Laufbahn zu versperren. Ihm verursachte dies kein anderes 
Empfinden, als tiefe Wehmut, die durch die unendliche Güte seines 
Charakters gemildert wurde.. Obgleich er ausserordentlich arm war, 
nahm er nie fremde Mildtätigkeit in Anspruch, teilte vielmehr noch 
gerne den letzten Mundvoll Reis mit den Sperlingen. Es hiess, er ver 
stände sich ein wenig auf Zauberei; das war jedoch nicht bewiesen. 
Die Gelehrten neigen vielmehr der Ansicht zu, dass Lai geistigen Ver 
kehr mit den Göttern unterhielt, die ihn ' dadurch für sein ergebungs 
volles Entsagen schadlos halten wollten. 
Von seinen Tugenden verdient gewiss seine Liebe zu seiner Mutter 
an erster Stelle gerühmt zu werden. Folgende Tatsache gibt eine 
Probe davon. 
Lou wurde alt und ward traurig, auch Lai altern zu sehen. Tag 
und Nacht kauerte sie auf einer schmutzigen Matte und wiederholte, 
beständig den Kopf schüttelnd: „0 Lai, ein Mond folgt dem andern — 
Schon wandelst Du gebeugt, wie die Lotosblüte wenn der Abend naht. 
Immer grösser wächst Dein Sohn Saö heran. Was soll aus mir, Eurer 
aller Mutter werden?“ 
Lai tat, als ob er lache. Er befahl seinem Sohne Saö, der bereits 
sieben Jahre alt war, Kinderkleider anzuziehen, legte selbst das kurze 
Gewand des Jünglings an, lehrte seiner Frau das Stäbchenspiel und 
spielte mit ihr vor den Augen der alten Lou, damit sie glauben solle, 
sie habe ihr Alter überschätzt. 
Ein anderes Mal brachte der Winter schreckliches Elend über das 
Dorf Young-Doun. Die Hungersnot hatte die Reisvorräte erschöpft, und 
die Requisitionen seitens der Mandarinen hatten die Bevölkerung dem 
nackten Elend preisgegeben. Dank der weisen Vorsicht Lai’s konnte 
die alte Lou eine Zeit lang von Khoun-Doun, (eine Art roter Bohnen) 
leben; indessen wurde sie dieser einförmigen Nahrung bald überdrüssig 
und verlangte nach Fisch. Fisch! Lou konnte nicht daran denken, 
Fische zu kaufen. Jeder andere hätte darauf verzichtet, den phantastischen 
Wunsch zu erfüllen. Aber, wie gesagt, der Philosoph kannte kein Zagen, 
wo es seine Mutter galt! 
Unverzüglich begab er sich zum nahen Teich, hackte ein Loch in’s 
Eis und rief die Fische. Und er rief mit solch süsser flehender Stimme, 
dass die Fische herbeischwammen. Lai brauchte sich nur über das 
Loch zu bücken und sie mit den Händen zu greifen. 
Leider war der Teich nur klein. Der Fischvorrat ging zur Neige, 
und die Hungersnot dauerte fort. 
Die alte Lou siechte dahin. Lai, sein Weib und sein Sohn Saö hatten 
nichts mehr zu essen als die Excremente von Raben, die sie auf den 
Feldern sammelten. 
Ein zur Berichterstattung Abgesandter aus dem nächsten Yamoun 
reiste durch das Dorf. Er wurde von tiefem Mitleiden erfasst, sandte 
einige Mass Bohnen und ordnete an, dass die Verteilung in sparsamster 
Weise von Tag zn Tag vorgenommen werden solle, so, dass auf jeden 
Haushalt ein bestimmter kleiner Anteil käme. 
Lai betrachtete sein Teil. Er sprach zu seiner Frau: 
„Das genügt gerade, unsere Mutter am Leben zu erhalten. Wir 
alle können nicht hiermit leben. Es ist am besten, dass die von uns, 
die am meisten Hunger leiden, ihr Leben opfern, um das der anderen 
zu erhalten.“ 
„Du, Lai, hast niemals ITunger,“ meinte die Frau. 
„Du auch nicht“ antwortete Lai. 
„Aber Deine Mutter Lou?“ 
„Und unser Sohn Saö?“ 
„Die eine ist leider zu alt, der andere zu jung um zu begreifen. 
Bete zu den Götern, Lai!“ 
Lai warf sich vor dem Hausaltar zur Erde; als er sich erhob 
weinte er. 
„Dies haben die Götter mir geantwortet, Weib,“ sprach er: „Mann 
und Weib, die unter einem Dache hausen, können noch Kinder zeugen, 
wenn sie die, die der Himmel Ihnen sandte, verlieren; verlieren sie 
aber die Mutter, wer ersetzt sie ihnen?“ 
Erdrückt durch die Wucht ihres Schmerzes schwiegen beide lange. 
Endlich sprach Lai: 
„Saö muss sterben.“ 
Die Frau antwortete nicht. Schweigend willigte sie ein. 
Dann wurde der Knabe gerufen. Lai licss ihn sich entkleiden und 
ihm die weisse Seidenrobe anziehen, das Sterbeklcid derer, die lebendig 
begraben werden. 
Saö begriff, welches Opfer von ihm verlangt wurde; er warf sich 
vor der Mutter zur Erde, erbat denSegen der alten Lou und folgte Lai, 
der ihn, Hacke und Spaten auf der Schulter, auf den Platz führte, wo 
sich der Tempel des Luc-Po, des Blitzgottes, erhebt. 
Hier augelangt, kniete das Kind auf einen ITaufeu dürren Laubes 
nieder, während Lai die ersten Schläge mit der Spitzaxt tat. 
Obgleich es sehr kalt war, vergoss Lai grosse Tropfen Schweisses. 
Ach, wie gerne hätte er das. Kind erst getötet, anstatt es lebeedig ein- 
zugraben in die geheimnisvolle Erde! Aber das wäre eine Entweihung 
gewesen, die die Götter nicht' dulden. Saö musste der Vorschrift gemäss 
lebend in aufrechter Stellung begraben werden. Lai musste also ein 
tiefes Loch machen, und jeder Schlag, den er mit der Spilzaxt tat, 
zermalmte ihm das Herz. 
Da gab die Axt plötzlich einen hellen Klang. Lai hielt inne • • • 
War dies Täuschung? .... Von neuem hieb er ein — . . - • 
Diesmal war kein Zweifel mehr möglich .... Lai blickte hinab, 
auf dem Boden der Grube schimmerle eine Urne. 
Unter tausend Vorsichtsmassregeln öffnete Lar sie; o Wunder! sie 
war mit Goldstücken gefüllt! 
Und indem Lai und sein Sohn entzückt den gefundenen Schal 2 
durchwühlten, fanden sie unter dem Geld versteckt ein Pergament. Es 
enthielt die Worte: „Der Himmel sendet dem getreuen Sohne, der sein e 
Pflicht erfüllte, diese Belohnung. Die Behörden und die Nachbarn 
mögen sich hüten, daran zu rühren!“ 
So rettete Lai nicht allein seinen Sohn und seine Familie, sondern 
auch das ganze Dorf vor dem Hungertode. Denn er war mildtätig unc 
hatte eine offene Hand. 
Die alte Lou lebte noch lange Jahre im Uebetllusse. Saö wuchs 
heran und wurde Gouverneur der Provinz. Lai und sein Weib aber 
widmeten ihr Leben ganz dem Dienste der Götter. 
Eine nachgelassene Künstler-Lithographie von f Franz Skarbi" ■ 
Es dürfte noch zu wenig bekanut sein, dass der, zum Bedauern der Nun 
weit, jüngst allzu früh verstorbene Professor Franz Skaibina in «er 
ein eifriger Förderer der Origina’-Künstlersteinzeichnungeu gewesen > s ; 
d. h. jener Reformbewegung, welche dom immer mehr Allgemein!? 
werdenden Kunsthunger Originale erster Meister (Steinkunstgemal / 
geboten sehen will und das zu ganz wohlfeilen Preisen. Schon « u 
hatte Skarbina für die in R. Voigtländer’s Verlag in Leipzig erschienene 
farbigen Künstlersteinzeichnungen das herrliche Blatt geschaffen „ 
Kaiserliche Schloss in Berlin“ und später das reizende kleinstädtisc 
Nachtwächleridyll „Hört Ihr Herren und lasst Euch sagen“. Kurz ▼ 
seinem Tode noch vollendete der Meister für den gleichen Verlag ,n 
Reichsdruckerei ein neues Bild „Der Gendarmenmarkt in Berlin“. 
mit war Skarbina auf seinem Spezialgebiet, der künsterischen Schildern = 
Berliner Lebens. Es ist geradezu erstaunlich, welch ausserordentlich i® 1 
volles Blatt da entstanden ist, mit diesem von frischem Schnee bedeck 
Platz, voll vom Grossstadtleben, umringt von den ernsten architektonisc 
Denkmälern, die schon den alten Meister Menzel immer wieder * 
künstlerischen Schaffen gereizt haben. Hinsichtlich der Künstlers®!^ 
Zeichnung im allgemeinen darf in Erinnerung gerufen werden, dass)® 
Abzug der vom Künstler eigenhändig hergestellten Originaldruckste 
als Originalbild zu betrachten ist, zum Unterschied von den von fre® 
Händen abhängigen Reproduktionsverfahren. Also jeder unserer v 
ehrten Leser hat somit Gelegenheit für 6 Mark in .dem „Gendarm 
markt“ einen echten Skarbina zu erwerben. 
Kinder= und Kur=Mi!ch | 
anerkannt bestens bewährt, liefert überallhin die 
Milchkuranstalt am Victoriapark 
BERLIN SW.47, Kreuzbergstr. 27-28 
Telephon Amt VI, No. 1070. 
flerztlich empfohlen auch halbfett, 
wenn fette Milch nicht vertragen wird, 
ferner vorzüglichen Joghurt, 
l / 2 Liter 0,35 M. excl. Glas. 
■ 
Prospekte gratis u. franko. 
■ 
Btt
        
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