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Full text: Berliner Leben Issue 13.1910

Onkel Eduards Winterreise. 
Humoreske in 3 Briefen von Hans Hildebrand. 
Nachdruck verboten. 
(1. Brief.) Schierke, den 24. Januar. 
Lieber Neffe! 
Du wirst Dich gewiss wundern, dass ich Dir gleich am ersten 
Abend schreibe! Eigentlich wollte ich sofort wieder abreisen, 
denn ein vernünftiger Mensch setzt sich nicht bei 15° Kälte in 
die verschneiten Berge. Aber da mit mir zusammen noch mehr 
solcher Toren angekommen waren, (als ob sie zum Freibad 
Wannsee hinaus wollten, so sind sie gestürzt) blieb ich und stieg 
resigniert in den Hötelwagen. Ich überlegte mir auch, dass es 
schliesslich einerlei wäre, in welchem Bett ich die letzte Krank 
heit meines Lebens zubrächte; denn dass ich morgen im Bett 
bleiben muss, weiss ich bestimmt. Fünf Mal habe ich bereits 
geniest, und diesmal ist der Schnupfen, der jetzt kommt, der An 
fang vom Ende! Wie immer wird der Schnupfen zwei Wochen 
kommen, zwei Wochen bleiben und zwei Wochen abziehen; 
darauf folgt diesmal Influenza und dann Schluss! Ihr beide, der 
infame Doktor und Du, habt mir die verrückte Leise eingeredet! 
Habt mir Nervosität angedichtet! Und die wäre hur in frischer 
Luft zu heilen! Dann allerdings käme ich kerngesund zurück, 
denn frisch ist es wirklich hier! In Berlin waren heute früh 
nur 2 0 1 — Je weiter wir fuhren, desto kälter wurde es! Als 
Eisklumpen bin ich im ITötel angekommen. Jedenfalls bist Du 
entschieden der Klügere von uns beiden! Junge, Du befindest 
Dich in Berlin, dem einzig bewohnbaren Orte der civilisierten 
Welt! Atmest in diesem Augenblick angenehme Wärme unseres 
gemütlichen Kontors! Siehst vom Fenster aus das prachtvolle 
pulsierende Leben der Leipzigerstrasse! Hörst das Klingeln und 
Tuten der Elektrischen und Autos, drückst Deine Glieder jetzt in 
meinen schönen, neuen, roten, englischen Ledersessel — Himmel, 
dabei fällt mir ein, dass er noch nicht bezahlt ist! 350 Mk. — 
das musst Du morgen gleich berichtigen 
Junge, Junge, was fiir’n Schafskopp war ich — verärgert und 
verwütet sitze ich — nein liege ich jetzt hier, — Du beerbst 
mich sehr bald! Und wenn Du nicht sonst ein guter und harm 
loser Junge wärst, den ich wie mein eigenes Kind liebe, dann 
würde ich noch in zwölfter Stunde mein Testament umstossen! 
Inzwischen wieder vier Mal geniest! Fühle auch schon leichten 
Schüttelfrost! — Aber ich verzeihe Dir, denn Du bist vom Arzte, 
dem elenden Ignoranten, beeinflusst worden! Grtisse ihn nicht 
etwa von mir! 
Ich werde Dir jetzt gewissermassen meine letzten Befehle 
geben! Dass ich hirnverbrannter, alter, beinahe 50 jähriger Esel 
Deinem Rate folgte, ist ja doch schliesslich meine Schuld. — 
Schon wieder zwei mal geniest! — — 
Flore also! Ich vergass, Dir zu sagen, dass sich drei Ver 
treter von ausländischen Fabriken gegen Ende Januar angemeldet 
Mine. Renee 
Instrumentalistill (Apollo Theater). 
haben. Mit Tuchproben aus Manchester, Seide aus Lyon und 
Spitzen aus Brüssel wollten sie zu mir kommen. Klingele mich 
sofort aD, und sollte ich überhaupt noch fähig sein, aufstehen 
zu können, möchte ich die Herren zum letzten Male selbst 
sprechen. 
Sonst weisst Du ja alles und hast Vollmacht. Nun Gott be 
fohlen! Mein Testament liegt im 2. Fach links im Schreibtisch 
der Privatwohnung! 
Denke auch manchmal an den guten dummen Onkel, den Du 
selbt in den Tod geschickt hast! Im ganzen habe ich jetzt zwölf 
mal geniest, meine Nase ist dick verquollen, und die Augen 
tränen wie bei einem alten Säufer! Drei Wärmeflaschen liegen 
bereits in meinem Bett. Es grösst Dich' herzlich, wahrscheinlich 
zum letzten Male, 
Dein 
Onkel Eduard. 
(2. Brief.) Schierke, den 26. Januar, 
Mein lieber Neffe! 
Mach noch keine Schulden auf die Erbschaft, . denn wahr 
scheinlich ist es damit aus! Ich bin fuchsmunter, habe weder 
Schnupfen noch Schüttelfrost, sondern fühle mich frisch und 
kräftigt. Aber, mein Junge,, eine .andre Krankheit, für immer 
unheilbar, hat sich bei mir eingestellt! Vielleicht liegt sie hier sogar 
in der Luft, denn man bemerkt manches beim Rodeln und Schnee 
schuhlaufen! Junge, setz Dich erst hin! Dein alter Onkel ist 
verliebt und zwar bis über die Ohren. Aber nun willst Du sofort 
wissen, in wen! Ich weiss ja garnicht, wie ich’s Dir erzählen 
soll! Und ganz sicher bin ich auch nicht, ob sie mich nimmt! 
Aber schliesslich freut sich wohl auch eine verwöhnte Theater- 
prinzessin, in gesicherte gute Verhältnisse zu. kommen. 
So will ich Dir genau erzählen, wie alles gekommen ist. 
Nachdem ich neulich Abend den Brief geschrieben hatte,, ging ich 
in denkbar schlechtester Launp auf mein Zimmer. Es liegt nach 
der ITauptstrasse, die zum Brocken hinaufführt. Ich konnte mich 
an dem Abend wütend über die Lage ärgern, denn ungefähr das 
Leben wie bei uns „Unter den Linden“ um 12 Uhr mittags 
spielte sich hier ab. In fröhlichster Laune tummelten sich Er 
wachsene und Kinder da unten herum! Schlitten sausten vorüber, 
Scbneebälle flogen herbei und Schneemänner wurden gemacht! 
Ich sah ein Weilchen zu, glaubte sie schon an dem Abend ge 
sehen zu haben, aber legte mich doch bald hin, da ich meiner 
Sache nicht ganz sicher war. Doch im Traum sah ich immer 
eine grosse schöne Blondine mit keckem Filzhütchen und langer 
wallender Feder. Und immer hatte sie das Gesicht der Fritzi M. 
vom Metropol-Theater. Was meinst Du nun, mein Jungchen, 
wen ich am nächsten Morgen sehe, als ich gegen 9 Uhr 
durch den Vorhang blinzle, da die Sonne verführerisch herein 
guckt? Die reizende Erscheinung von gestern Abend! Die 
kleine Fritzi! Das schönste Weib, welches ich kenne 1 Ebenso 
frisch, blühend, elegant und chic wie auf der Bühne! 
Zugleich bemerkte ich auch, dass mir garnichts fehlt, dass ich 
tadellos geschlafen habe und ziehe mich mit Windeseile an! 
Unten im Frühstückszimmer alles gerammelt voll! Schnell stürze 
ich den Kaffee herunter und dann ihr nach! Ich hatte von 
meinem Fenster aus genau beobachten können, wohin sie 
gegangen war. Es waren wieder 15 0 Kälte, aber merkwürdiger-
        
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