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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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In mindestens 3—4 Sportübungen muss er Matador 
sein. Muss in Iffezheim, Longchamps, oder im Prater 
als erster durchs Ziel gegangen, im August in St. Moritz 
die Meisterschaft beim Tennis errungen, im Januar auf 
Cresta run den Schnelligkeitsrekord mit dem Tobbogan 
geschlagen, beim Hockeyspiel im Kampf um das Eistor 
den unbestrittenen Sieg gewonnen haben, (gerade letzteres 
ist heut besonders empfehlenswert). Er radelt ausge 
zeichnet — aber nie als Sport — das wäre second rate. 
In den verschiedensten andern Sportübungen ist er 
Unparteiischer, Preisrichter, Gutachter bei Regatta, 
Taubenschiessen, Golf-Gymkhanaspiel usw. Beim Gor- 
don Bennetrennen der Lüfte oder des Benzin ist er 
mindestens Sach- und Fachverständiger. Autosport ist 
nämlich fast genau so feudal wie der Rennstall, wenn 
erauch ein wenigmehr in die hautefinance hineinreicht — 
durch den enormen Kostenpunkt und die Gefahr bleibt 
er salonfähig. - Luftsport sogar ist — kurz gesagt — 
patriotisch. 
Der Champion ist ein moderner Mensch. Schlank, 
nein überschlank! — Muskeln wie Eisen. Sehnen straff, 
gespannt (die man im Stalljargon trocken nennt und 
die ungeheuerliche Leistungen verbürgen). Seine Haltung 
ist vornüber, das ist von langer Hand her so Sitte. Er 
hat ein schmales, knochiges Gesicht, tiefliegende, scharfe, 
zweckentsprechende Augen. Ganz kurzgeschnittnes, 
oder fast garkein Haar. Eine Bartmouche an jedem 
Ohr. Ist er englishman oder Yankee, dann ist er sonst 
glattrasiert. Ist er Deutscher dann trägt er den kleinen 
Schnurrbart „kussbereit“, als Romane — wenn nicht 
völlig anglisiert — den assyrischen Stutzbart. Der 
österreichische Champion frisiert sich halt wie der Rudi 
Trautmannsdorff, oder der Nicki Lobkowitz — gelt! 
und das lässt ihm gut. 
Egal! Die Damen finden den Kerl alle „riesig interes 
sant“ — kolossal „Dämonisch“ — „very nice indeed“ — 
je mit allen Hunden gehetzter er aussieht. 
Verlumpt ist er nie, denn er schont Gesundheit und 
Kräfte wie eine schöne Frau von 40 Jahren ihre Reize. 
Sein Biceps, das Falkenauge und die unerschütterlichen 
Nerven sind sein Kapital, garantieren ihm den Lebens 
zweck. Ohne den Elan des Wettkampfes — ohne den 
Reiz der Lebensgefahr kann er kaum noch existieren. 
Er fällt dann wie das bekannte Gummimännchen vom 
Jahrmarkt mit einem kläglichen Laut zum Häufchen 
Unglück zusammen. 
Aber am Morgen ruft ihn die Fanfare zum neuen 
Kampf. Hat er den Schläger oder die Zügel in der 
Faust, strafft sich die Gestalt, die Züge beleben sich, 
der Griff wird Eisen, der Blick Stahl. „Auf lasst uns 
kämpfen, lasst uns siegen.“ 
Seine Einnahmen sind weit geringer wie seine Aus 
gaben. Dennoch ist er rangiert. Immer gentleman, 
immer tadellos gekleidet. Reist beständig von „Platz“ 
zu „Platz“, wohnt in den neusten und teuersten Palast 
hotels. Dies will in Biarritz, Homburg, Nizza, Ostende 
usw. er. 100 frs. pro Tag für lumpige Nahrung und Not 
durft des Lebens heissen. Er fährt nur 1. Klasse, wenns 
not tut Luxuszug. Mit den Gäulen zum grand prix de 
Paris mit dem rapide oder sogar „Extra“! 
In Zwischenzeiten ist er auch mal galant gegen 
schöne Damen, aber eine grosse Rolle spielt das in 
seinen Depencen nicht. Der Champion hat zu wenig Zeit 
dazu, tatsächlich! — Er hat auch keine Schulden — 
kleine Rechnungen — je nun! Im allgemeinen zahlt er 
bar, gibt gentile Trinkgelder. Er trinkt nicht, wenigstens 
nur Sportgetränke, alsoTee mitSelters,Citronenlimonade, 
Milch. Nach der Schlacht leichten Mosel, ein Glas Bier, 
nie unmässig, er zecht nicht! 
Das könnte sein Kapital verringern. 
Aber er spielt. In Monte Carlo, Luzern, Ostende 
usw. Nach dem Sportkampf, wenn er ganz ausgepumpt 
Romanschriftstellerin Emmi Eiert. 
ist, kommt der Kollaps, dagegen hilft der sanfte 
Stimulus am grünen Tisch — er kitzelt die überreizten 
Nerven nur angenehm. Er spielt beherrscht. Wie er 
beim Sport den Gegner beobachtet — schwache Seiten 
benützt, selber kalt Blut bewahrt, so behandelt er die 
Bank. Er steht mit der gelangweilten Miene des 
Millionärs beim Baccarat, zählt wie oft hintereinander 
die Karte für den Bankier schlug — er wartet beim 
trente et quarante auf den Moment — wenn er dann 
setzt, gewinnt er meistenteils. Er spielt immer leiden 
schaftslos und doch eigentlich um sein Leben, denn 
er lebt davon. Es klingt paradox, aber seine feste 
Einnahme ist — das Spiel! Er geht nach dem teuren 
Ostende um seine Finanzen zu sanieren. 
Er gewinnt auch Geldpreise, aber es ist mehr 
Sitte diese als minderwertig zu betrachten. Hat man 
die Wahl zwischen Geld- und Ehrenpreisen, wählt 
man die Letzteren und wenn man auch momentan 
keinen roten Heller in der Tasche hat. Der Rennstall 
— wenn er nicht rein Aktienunternehmen — „Gesell 
schaft mit beschränkter Haftpflicht“ ist ■— kostet mehr 
wie er bringt und hätte man mehrfach den grand prix 
mit ca. 300 000 Frs. gewonnen. — Aber man wird 
eingeladen, das Jahr lang, von Schloss zu Schloss, von 
Haus zu Haus, wenn man erst wirklich berühmt und 
Champion of the World — in allen Sätteln gerecht ist. 
Adel und Geldaristokratie reissen sich um den Mann. 
Er hat die vornehmsten Freunde und heisst er selber 
nur Mr. oder Herr Müller oder Smith — Herzoge, 
Grafen, Lords gehen mit ihm über den grünen Rasen — 
Arm in Arm — und fühlen sich geehrt! Sie befragen 
ihn beim Ankauf von Pferden, Autos, „lenkbaren Luft 
schiffen“, Yachten, bei der Anlage von Tennisplätzen 
und Golfwiesen, denn er ist ja in allem Autorität. 
Schon sein Name geht einen langen Weg, gewinnt die 
Hälfte des game. Der Glanz seiner Reihe von Siegen 
wirkt lähmend und wenn er unerwartet anmeldet, 
zahlen viele Reugeld und es kommt wohl vor, dass er, 
eventuell mit einem rechten, pardon, Schinder kon 
kurrenzlos über die Bahn geht. 
In der Hauptstadt, wo er sein hochelegantes 
Domizil hat, häufen sich die höflichen Einladungen 
und dringlichen Aufforderungen als Preisrichter — 
Protektor zu erscheinen, einen neuen „Platz“ kreiren zu 
helfen, ihm durch sein Erscheinen Klang und Wichtig 
keit zu verleihen, wenn auch wohl sich selbst zu be 
teiligen für einen derartigen Matador auf dem be 
treffenden Felde eine zu grosse Ehre für den erst 
aufkommenden Platz wäre. Dann ist natürlich Reise 
und Aufenthalt frei, auch ein kostbares Geschenk als 
Erkenntlichkeit für Bemühungen üblich. Er kann allen 
Aufforderungen unmöglich nachkommen — sein Tag 
müsste 24 Stunden haben und er dann noch die Nacht 
zu Hülfe nehmen. 
Einen bürgerlichen Beruf hat er natürlich nicht, wie 
könnte er, die Arbeit, das Training, die Uebungen, 
Reisen, Gutachten usw. nehmen mehr als ein Leben 
in Anspruch. Er ist — wenn Engländer — „jüngerer 
Sohn“, wenn Deutscher Leutnant oder Referendar ge 
wesen, leistete so Hervorragendes auf irgend einem 
Sportgebiet, dass er „quittierte,, und sich ganz diesem 
widmete. Wenn Franzose, dann war er etwa Politiker 
und Patriot, brauchte nichts zu quittieren und wenn 
Oesterreicher, ist er am Ende gar noch Oberleutnant. 
Auf jeden Fall ist er ein ungemein in Anspruch ge 
nommener, tätiger, leistungsfähiger Mensch! — 
Doch schliesslich „tout passe, tout casse, tout lasse“! 
Der Champion, der auch seinen Lebensmotor meister 
lich zu steuern vermag, merkt, wenn das „Kapital“ 
auf die Neige geht. Ehe man am start etwas weniger 
ehrfurchtsvoll den Hut vor ihm zieht, hat er den Glanz 
seiner mastership of the world mit samt seiner nun 
etwas ausgemergelten Persönlichkeit von einer „Dollar 
prinzess“, nicht billig, ankaufen lassen. Er zieht sich 
zum allseitig „tiefsten Bedauern“ noch vor der Zeit 
zurück — erscheint bei allen Konkurrenzen nur noch 
als Protektor im Viererzug oder mit Deimler oder gar 
Zeppelin 8 oder 9. Dazwischen wird er nach Karlsbad, 
Gastein, Vichy oder Aix les bains gehen müssen. Aber 
auch in’ dieser angenehm vergoldeten Assiette wird er 
kaum alt werden. 
Unsere Bilder. 
Ernst Kreowski, einer unserer eigenartigsten 
Lyriker und Publizisten, dessen Bild wir auf der 
zweiten Textseite bringen, feierte kürzlich hier in 
Berlin seinen fünfzigsten Geburtstag. Kreowski, ein 
geborener Ostpreusse, war zuerst in München an 
sässig und als Kunst- und Theaterkritiker tätig; dort 
erzielte er 1889 seinen ersten Erfolg in der breiteren 
Oeffentlichkeit durch das von uns in der vorliegenden 
Nummer zum Abdruck gelangende Gedicht „Der 
Fahnenträger von Hanau 1813“, welches bei einem 
poetischen Ausschreiben mit dem ersten Preise gekrönt 
wurde. Er gab dann eine literarische Monatsschrift 
heraus und war von 1898 bis 1902 Redaktionsmitglied 
der Zeitschriften „Vom Fels zum Meer“ und „Garten 
laube“. Seit 1903 lebt Kreowski als freier Schrift 
steller in Berlin. Seine gesamten poetischen Arbeiten 
erschienen in den drei Bänden „Schlagende Wetter“, 
„Von goldener Spindel“ und „Rotfeuer“. Wohl die 
grösste Verbreitung fand aber sein mit emsigem Fleiss 
und erlesenem Geschmack zusammengestelltes Werk 
„Richard Wagner in der Karrikatur“. — Von den ach 
so zahlreichen schriftstellernden Frauen sind einige
        
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