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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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Im Grunewald. 
Die Geschichte eines Ausflugs. 
Von Julius Knopf. 
(Nachdruck verboten.) 
Das ewige Qleichmass des Dienstes hatte bewirkt, 
dass im Laufe der Jahrzehnte aus dem frischen, ideal 
erfüllten Jüngling ein trockner, verknöcherter Beamter 
geworden war. Der Kanzleisekretär Paul Gerber war 
zuverlässig wie ein Beamter, und nüchtern, wie ein 
ungesalzener Hering. Gewissenhaft absolvierte er seine 
Bureaustunden, die er mit dem Abschreiben von 
Reskripten ausfüllte und, je nach der Jahreszeit, ent 
weder mit dem Schelten über unzulängliche Heizung 
oder mit dem Töten zudringlicher Fliegen, ln beidem, 
im Schimpfen sowohl, als auch im Fliegentöten, hatte 
er es zu einer gewissen Virtuosität gebracht. 
So lebte er als eine Stütze des Staates, der ohne 
ihn für hundert Mark Aktenpapier jährlich weniger ver 
braucht haben würde. Seine Tage verliefen gleich- 
mässig, wie die Schwingungen eines Faucoultschen 
Pendels; er zählte zu den beneidenswerten Menschen, 
die höchlichst zufrieden mit sich sind. Von der hohen 
Warte seines Beamtentums blickte er auf alle diejenigen 
seiner Mitbürger geringschätzig herab, die aus irgend 
einem Grunde mit dem Gesetz in Konflikt gekommen 
waren. Unverzüglich hatte er den Verkehr mit einem 
seiner besten Freunde, einem kleinen Journalisten, ab 
gebrochen, als dieser wegen eines sogenannten Press 
vergehens zu fünfzehn Mark Geldstrafe verurteilt 
worden war. 
Paul Gerber hatte es vorgezogen, unverehelicht zu 
bleiben. Manchmal ertappte sich der alte, verknöcherte 
lunggeselle wohl auf dem Gedanken, dass es doch 
wohl nicht so übel gewesen wäre, eine Vertreterin 
dieses nach Schopenhauer, breithüftigen, krummbeinigen 
Geschlechtes mit seiner Hand beglückt zu haben, aber 
entschlossen trieb er diese ketzerische Idee in die 
Flucht. Ja, wenn es in den Warenhäusern eine Ab 
teilung für Eheschliessu’.gen gegeben hätte, Umtausch 
gestattet! . . . 
Es war ein wunderschöner Sonntagmorgen. Paul 
Gerber blickte aus seinem vier Stock hohen Chanibre- 
garniezimmer auf die Strasse hinab. Da sah er die 
Menschen in Feiertagskleidung nach dem nahen Stadt 
bahnhof eilen, es trieb sie hinaus ins Freie, in die 
frische, freie Luft des Waldes. Die Frauen trugen 
umfangreiche Pakete mit Atzung, die Männer pafften 
ihre Zigarre, die Kinder hüpften und sprangen voraus, 
wie junge Lär 1er. Der hartgesottene Bureaukrat 
überlegte, auch er fühlte sozusagen ein gewisses Be 
dürfnis, sich einmal auszulüften, den Staub des Alltags 
abzuschütteln. Seit Jahren war er nicht über den Tier 
garten hinausgekommen, aber an diesem entzückenden 
Morgen lachte die Sonne so verlockend, blaute der 
Himmel so freundlich, fächelte die Luft so liebkosend, 
kurz und gut, Paul Gerber zog den alten Adam aus 
und seinen schwarzen Anzug an, nahm Mantel und 
Regenschirm und fuhr nach dem Grunewald. 
Ethel Whitside, 
Bolle of America, mit ihren Piccaninis. (Apollo-Theater, Berlin). 
Es ging bequemer, als er gedacht hatte. Zwar war 
er der achtzehnte Passagier im Coupee, aber seine Mit 
reisenden waren alle recht manierlieh, bis auf einen 
kleinen, bissigen Foxterrier, der ihn anknurrte, weil er 
seinen Schirm nicht von ihm beknabbern lassen wollte. 
Aufatmend spazierte Gerber endlich im Grunewald 
umher, er fühlte sich froh und frei, wie seit vielen 
Jahren nicht. 
Nachdem er einige Zeit marschiert war, verspürte 
er ein eigentümliches Gefühl um die Magengegend; 
Paul Gerber konstatierte, dass er Hunger hätte. Er 
war gerade an einer einsamen Stelle angelangt, wo er 
ungeniert seinem Essbedürfnis fröhnen durfte. Darum 
machte er sichs bequem, breitete seinen Ueberzieher 
aus, setzte sich darauf und schmauste. Es schmeckte 
ihm ganz ausgezeichnet. 
Die drei Paar Klappstullen verschwanden mit einer 
unheimlichen Geschwindigkeit, sie erfüllten ihren 
schönen Beruf und sättigten den Hungrigen. Ein 
herrliches Wohlgefühl durchzog seine ausgedörrte 
Seele. Nun fehlte nur noch eines zu seinem voll 
kommenen Glücke: eine Zigarre. Er sah nicht ein, 
weshalb er sein Glücksbedürfnis nicht befriedigen 
sollte, und so zündete er sich das ersehnte Rauchobjekt 
an und lebte sich aus. 
Göttliche fünf Minuten waren es, die ihm das Schicksal 
gewährte. Er dehnte und streckte sich und blies kunst 
volle Ringel, deren Entsteigen in die Lüfte er mit 
Schöpferfreude verfolgte. 
Plötzlich entriss ihn eine rauhe Mannesstimme seinen 
seligen Träumen. „Herr, hier darf nicht geraucht 
werden. Wissen Sie das nicht? Sie haben sich straf 
bar gemacht.“ 
Strafbar! Das entsetzliche Wort drang wie der 
Posaunenton des jüngsten Gerichtes an sein Ohr. 
Paul Gerber sprang auf. Er stand einem Forstbeamten, 
der bereits sein Notizbuch aus der Tasche gezogen 
hatte, gegenüber. Herrgott, wollte der Mann ihn auf 
schreiben, ihn anzeigen? Um alles in der Welt, das 
durfte nicht geschehen! Und wenn er den Förster mit 
seinem Taschenmesser, an dem noch einige gekochte 
Schinkenfetzen hafteten, erdolchen sollte. 
Vorläufig aber hiess es für ihn, diplomatisch sein, 
er musste sich auf’s Parlamentieren verlegen. „Herr 
Oberförster“, sagte er mit bebender Stimme — „sehr 
geehrter Herr Oberförster, lassen Sie nur dies eine 
Mal Gnade für Recht ergehn, ich bin seit Jahren nicht 
im Grunewald gewesen und wusste nichts von dem 
Rauchverbot“. 
Der Forstbeamte setzte ein diabolisches Lächeln auf. 
„Das sagen alle. Fauler Zauber! Kenn’ ich. Und im 
übrigen —“ stolz auf seine Wissenschaft akzentuierte 
er den Satz mit eherner Wichtigkeit —! „Unkenntnis 
der Gesetze schützt vor Bestrafung nicht“. 
Bestrafung! Paul Gerber knickte zusammen, es riss 
etwas in ihm. Seine Knie schlotterten, er wurde weiss, 
wie sein frisch gebügeltes Oberhemd. Endlich raffte 
er sich auf und fragte mit zitternder Stimme: „Steht 
denn eine schwere Strafe darauf?“ 
„Ach, ist ja nicht so schlimm“, war die gleichmütige 
Antwort, „nur drei Mark. Aber nun fix: wie heissen 
Sie, wo wohnen Sie und haben Sie eine Legitimation 
bei sich?“ 
Immer schwüler ward dem armen Delinquenten zu 
Mute. Er, Paul Gerber, evangelisch, fünfundvierzig
        
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