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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

Tief gräbt das Reptil seine scharfen Zähne in ihr 
Fleisch. 
Sie schreit laut auf! 
Dabei zuckt ihr Leib — 
Und an zwei anderen Stellen wird sie gebissen. 
Nun verliert sie die Besonnenheit. 
Sie kreischt laut und schlägt dabei mit der einen 
frei gewordenen Hand nach der zischenden Bestien. 
Da 1 
Ein scharfes Krachen und Bersten — — 
Dann ein leiser, knisternd verrauschender Laut. 
Caboratti selbst hat bei der Polizei die Anzeige er 
stattet, dass seine Frau „verunglückt“ sei. 
Als er dann mit den Beamten in seine Bude 
zurückgekehrt war, hat er vor allem — laut lachend! 
— sämtliche Käfige öffnen wollen. 
„Um den Herren doch meine Freunde vorzustellen!“ 
Mit Gewalt hat man ihn entfernen müssen. — — 
In der Irrenanstalt, wohin man ihn gebracht hat, 
gilt er als „unheilbar!“ 
Dreimal lang einmal kurz. 
Nach dem Leben erzählt von Richard Wandelt. 
(Nachdruck verboten). 
Der Expedient Freiberger, einer inzwischen längst 
von der Bildfläche verschwundenen originellen Tages 
zeitung, sass an seinem Schreibtische und bearbeitete 
emsig das Steckenpferd seines Verlegers Dr. Burg, die 
Tourenbücher der ihm unterstellten Zeitungsfrauen. 
Tiefe Seufzer entrangen sich seiner Brust bei dem Ge- 
an den gestrigen bösen Auftritt mit Dr. Burg, der ent 
deckt hatte, dass die neue Adresse eines stadtbekannten 
Bankiers in einem Reservetourenbuch noch nicht notiert 
war. Zum xten Male kollationierte Freiberger heute 
bereits die Bücher, damit ihm nur ja kein Irrtum unter 
lief und doch wuchs seine Unruhe immer mehr, je 
näher der Zeiger der Normalzeit-Uhr der 11. Stunde 
rückte. Denn piinktiich um 11 Uhr erschien der hohe 
Chef. Eine Ahnung sagte ihm, dass Dr. Burg, einmal 
misstrauisch geworden, ihm jetzt täglich die Hölle 
heiss machen würde. 
Freiberger’s Ahnung sollte nicht trügen. Um 11 Uhr 
betrat Dr. Burg mit einem knurrenden „Morgen“ die 
Expedition, erkundigte sich in sichtlich übler Laune 
beim Expeditions-Vorsteher nach den wichtigeren Vor 
fällen, erteilte gereizten Tones einige Rügen und ging 
in sein Privatzimmer. Er konnte kaum seine Garderobe 
abgelegt haben, da ertönte schon schrill die elektrische 
Klingel im Botenzimmer und zwei Minuten später 
wurde Freiberger mit seinen Tourenbüchern ins Aller 
heiligte beordert. 
Schon nach kurzer Zeit vernahm das Expeditions 
personal die immer lauter werdende Stimme des All 
gewaltigen und jeder freute sich im Stillen, dass nicht 
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Antoinette Dell'Era 
trat am 3. Juni aus dem Verband des Kgl. Opernhauses. 
er der Unglückliche ist, der diesen Zornesausbruch 
über sich ergehen lassen muss. Nur einer, der jüngste 
der Beamten, hatte Mitleid mit dem armen Freiberger 
und sann darüber nach, wie er den armen Teufel aus 
der Patsche helfen konnte. 
Da hatte er auch schon einen guten Einfall, der 
nicht nur seinem kollegialischen Mitgefühl Ehre machte, 
sondern auch einen neuen Beweis dafür erbrachte, 
dass er um einen Ausweg nie verlegen war. 
Conrad Müller, besagter jüngste Angestellte, nahm 
seinen Notizblock und seinen Kohinoor und eilte 
spornstreichs, der fragenden Blicke seiner Kollegen 
nicht achtend, zur Tür des Zimmer des Chefs, klopfte 
energisch und trat auf das ärgerliche „Herein“ sich 
verbeugend ein. Dr. Burg, der inzwischen schon einige 
Bleistifte und Federhalter zerbrochen und durch Auf 
schlagen der Faust auf das Pult sein Schreibzeug ins 
Wanken gebracht, starrte den Eintretenden fragend an- 
„Sie wünschen?!?“, „„Herr Doctor haben eben nach 
mir geklingelt““. „Ich habe geklingelt?“ „„Jawohl 
Herr Doctor, dreimal lang und einmal kurz““. „Ja 
was wollte ich doch bloss?“ — Dr. Burg sinkt sinnend 
auf seinen Stuhl, wühlt mit beiden Händen in seinen 
Locken. — Freiberger benutzt auf ein stummes Zeichen 
Miiller’s den günstigen Moment und verschwindet 
lautlos und unbemerkt. — Nach minutenlangem Nach 
denken richtet sich Dr. Burg wieder auf, geht mit 
grossen, raschen Schritten in seinem Zimmer auf und 
ab und murmelt: „Ja, was wollte ich doch bloss, wenn 
ich geklingelt habe, muss ich doch von Ihnen was ge 
wollt haben?“ Er setzt sich abermals, wühlt abermals 
in seinen Haaren, steht wieder auf, läuft wieder hin 
und her und fängt erneut zu murmeln an. Endlich 
nach Minuten rafft er sich zu einem Entschlüsse auf, 
wendet sich direkt an den mit keiner Wimper zuckenden 
Müller und sagt: „Geklingelt habe ich nach Ihnen, 
nicht war, dann muss ich doch auch von Ihnen etwas 
gewollt haben, nicht wahr, es fällt mir jetzt aber absolut 
nicht mehr ein, na es wird mir schon wieder einfallen, 
dann werde ich Sie wieder rufen“. 
Müller verschwindet und setzt sich auf seinen Platz. 
Leise lächelnd amüsiert er sich darüber, wie Dr. Burg 
jetzt noch eine ganze Weile sich den Kopf über seine 
Vergesslichkeit zerbrechen wird, ohne darauf zu kommen, 
dass er überhaupt nicht geklingelt hat, und wie er dann 
weiter angestrengt darüber nachsinnen wird, bei 
welcher Arbeit er unterbrochen wurde. Müllers Kal 
kulation, dass seine List nicht umsonst gewesen, 
stimmte, denn als nach etwa einer Stunde Dr. Burg 
sein. Gedächtnis wiedergefunden und erneut den armen 
Freiberger citierte, war dieser inzwischen vom Kassierer 
mif Quittungen fortgeschickt worden. 
Diese Komödie wiederholte sich jetzt durch Wochen 
hindurch jeden zweiten oder dritten Tag; jedesmal, 
wenn Dr. Burg mit Freiberger tobte, erschien Müller 
mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt mit Notiz 
block und Bleistift, jedesmal verschwand Freiberger 
bei dieser Gelegenheit und jedesmal marterte Dr. Burg 
vergeblich sein Hirn, um zu ergründen, weshalb er die 
elektrische Klingel in Bewegung gesetzt und drei mal 
lang und ein mal kurz geklingelt, und nie kam er 
darauf, dass Müller Komödie spielte. 
Lange Jahre sind darüber vergangen und sollte 
Dr. Burg durch diese Zeilen, falls sie ihm zu Gesicht 
kommen, sich seiner damaligen „Gedächtnisschwäche“ 
erinnern, so wird er hoffentlich ebenso herzlich darüber 
lachen, wie damals sein gesamtes Personal.
        
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