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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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nach seiner Meinung „über alles Mass gefallsüchtig“. 
Ja, sie wusste, dass sie schön war, und da auf die 
Dauer der ewige Zank um dieselben „Blicke, die sie 
nicht werfen sollte“, sich wiederholte, so wurde sie, 
vielleicht dadurch, erst doppelt kokett. 
Und das ist ein Fehler an jedem Künstler, der auf 
der Bühne, vor dem Publikum, nur der Allgemeinheit 
gehören darf. 
Ein höchst gefährlicher Fehler ist das aber an einem 
Tierdresseur, der seine scheinbar „so willigen und 
folgsamen Zöglinge“ nicht einen Moment unbeauf 
sichtigt lassen darf; obgleich das Publikum glauben 
soll: „Die Tiere machen ja „Alles von selbst“! 
Mag ein Tier noch so willig scheinen, mag es noch 
so freudig an die „Arbeit“ gehen — wenn der Bändiger 
nicht beständig Obacht gibt, kann der geringste äussere 
Anlass das Tier so zerstreuen, dass der Mensch seine 
Autorität nur mit Anspannung aller seiner Kräfte 
wahren kann. 
Die vielumstrittene „Macht des Menschenblicks“ 
auf Tiere spricht wohl auch hier — ein wenig — mit. 
Nur ist es in Augenblicken wirklicher Lebensgefahr 
sehr schwer, und nur den Wenigsten gegeben, die 
starre Schärfe in ihrem Auge lange genug festzuhalten, 
wenigstens so lange, bis Hilfe von aussen her ge 
kommen ist. 
Lässt aber ein Mensch, der sein Leben aufs Spiel 
setzt — denn ein unberechenbarer Zufall kann es ihm 
rauben — sich während dieser Tollkühnheit durch 
irgend etwas im Publikum ablenken, so mag es immer 
hin anfangs noch gut für ihn ablaufen, in dem Moment 
aber, in dem die Tiere seine Unaufmerksamkeit fühlen, 
ist sein Leben keinen Pfifferling mehr wert. 
Die ganze Dressur-Methode hat im Laufe der Zeiten 
eine vollständige Veränderung erfahren. 
Wirkliche, für die starken Tiere fühlbare Schläge 
werden nur in Ausnahmefällen erteilt. 
Denn die Hiebe, die ein Bändiger so reichlich 
seinen Zöglingen versetzt, entsprechen viel mehr 
unserem freundlichen „Beklopfen“ unserer Haustiere, 
wie Hunde oder Katzen. 
„Dressur“ ist es, wenn — auf solche Schläge 
hin — das Tier sich brüllend oder fauchend empor 
bäumt, und, scheinbar ernstlich, Miene macht, sich auf 
seinen Herrn und Meister zu werfen. — 
Natürlich gibt es auch hier, wie überall, Unterschiede. 
Jedes Tier ist — wie ja die Menschen auch! — 
schon von Natur gut — oder bösartig veranlagt. 
Ein Tier der letzten Kategorie ist in den weitaus 
meisten Fällen überhaupt nicht zu dressieren; sondern 
nur als „Schaustück“ im Käfig zu verwenden. — 
Nun, die erwähnte „Macht des Menschenblickes“ 
fällt bei den auf der niedrigsten Stufe der Tierwelt 
stehenden Schlangen ganz fort. 
Der „Dresseur“ muss ihnen — rein mechanisch — 
vor allem das „Beissen“ abgewöhnen, indem er ihnen 
— oft monatelang! — mit nie erlahmender Geduld, 
stachlige Kugeln und dergleichen geschickt in den 
Rachen schiebt, damit die Tiere so allmählich daran 
gewöhnt und, durch eigene Schmerzen, immer wieder 
daran gemahnt werden: Das ist dein Herr und Meister! 
Im Uebrigen muss er selbst, schlangengleich, es 
verstehen, gegebenen Notfalles sich aus einer gefahr 
drohenden Umschlingung herauszuwinden. 
Man wird auch häufig die Beobachtung machen 
können, dass eine Bändigerin — allerdings mit 
lachendem Munde! — ihrem Gehilfen ein schnelles 
Wort zuruft, dass dieser dann, nicht hastig, aber doch 
mit bemerkenswerter Eile, hinzuspringt;, und eine der 
Schlangen — den Missetäter! — mit sicherer Hand 
„ablöst“, und gewöhnlich sofort hinter die Kulissen 
trägt. — 
Miss Eva war unter Tieren gross geworden. 
Ihr Vater hatte mit einer grösseren Menagerie 
Deutschland, Frankreich, Italien und die Schweiz jahr 
zehntelang bereist. 
Caboratti, der als Dompteur bei ihm in Gage 
gestanden, hatte kluger Weise des Direktors Töchterlein 
Interesse und Neigung für sich einzuflössen verstanden; 
und nach dem Tode des Alten hatten Beide dann 
doch noch soviel aus dem stark verschuldeten „Bestand“ 
retten können, dass sie sich die oben erwähnten 
Tiergruppen hatten zusammenstellen können. — 
Auf ihren Wanderzügen waren sie auch nach Rom 
gekommen, wo sie ihre „Bude“ in der Nähe des 
Triumpfbogens aufgeschlagen hatten. 
Schon am Abend der ersten Vorstellung waren 
die Gatten heftig aufeinandergeprallt, weil Caboratti 
sich bitter über die Zudringlichkeit der „goldenen 
Jugend“ Roms beklagt hatte, die Eva — seiner Meinung 
nach! — durch übermässig freundliches Entgegen 
kommen nur noch mehr herausgefordert hätte. 
Sie hatte, etwas mitleidig lächelnd, nur die Achseln 
gezuckt und war, wie gewöhnlich zu dieser Zeit, in 
den Schlangenwagen geklettert, um mit den Tieren 
eine neue „Pose“ zu proben. 
Sie hatte sich dazu einen Haufen Felsstücke zu 
sammengebaut, ihn mit Zwergpalmen malerisch 
dekoriert, und das Ganze mit einem weissen Fell so 
überdeckt, dass sie auf einen Stuhl dahinter bequem 
mit ihren Schlangen sitzen konnte. 
Vom Publikum aus machte das den Eindruck, als 
ob sie sich direkt in ein Schlangennest gesetzt habe; 
denn aus der Kiste hinter dem Ausbau zog sie die 
Reptile, eins nach dem andern langsam heraus und 
Hess dieselben sich um ihren Körper schlingen. 
Nur sehr selten pflegte Caboratti bei diesen Proben 
anwesend zu sein, gewöhnlich „assistierte“ irgend ein 
Bediensteter. 
Heute war kein Wärter in der Bude zu sehen. 
Eva wird zornig. 
Sie ruft die Verschiedenen bei Namen! 
Keine Antwort! 
Aber sie muss proben; denn heute Nachmittag 
will sie doch zum ersten Mal dem Publikum den 
neuen Tric vorführen. 
Da geht Caboratti, scheinbar zufällig, vorüber: 
„Na? — Warum probst Du nicht? 
„Ich habe keine Bedienung!“ 
„Dann werde ich Dir helfen!“ 
Sie ist zwar erstaunt; aber die Zeit drängt. 
Da steht Caboratti auch schon neben ihr im Käfig. 
Sehr behutsam, immer bemüht, ihr die Reptile 
möglichst bequem an- und umzuschlingen, „stellt“ er 
die Gruppe. 
Vier mächtige Anakonden! 
Die Köpfe der Beiden, die sich um ihren Oberleib 
ringeln, hält Eva mit den Händen fest. 
Sie muss alle Muskeln anspannen, denn von beiden 
Seiten drängen die Reptile nach ihrem Kopf hin, um 
dort einen neuen Halt zu finden. 
Auch die beiden Andern, die sich um die Beine 
ringeln sollen, drängen jetzt langsam, aber stetig, 
nach oben. 
In dem Glauben, dass Caboratti hinter ihr stehe, 
ruft sie ihm zu — 
Er soll die beiden Oberen ablösen! 
Keine Antwort! 
Sie kann sich nicht wenden — — 
Sie muss — soweit sie sie sehen kann! — Alles 
im Auge behalten. 
Auf einmal kreischt sie auf! 
Allmächtiger Gott ! 
Dieser wahnsinnige Druck um die Hüften!! 
Die eine Schlange muss sich unter dem Sitz des 
Sessels durchgewunden haben und klemmt und presst 
nun den Menschenleib auf die Platte des Stuhls. 
Nun ziehen sich auch die Ringe um ihren Hals 
mehr und mehr zusammen. 
Sie keucht —! 
Die Hände, soweit es die Umschlingung der Ober 
arme durch die Reptile gestattet, greifen planlos hier 
hin, dorthin 
„Caboratti!!“ keucht sie im ohnmächtigen Kampf. 
Sie fühlt ihre Kraft erlahmen. 
Eine wahnsinnige Anstrengung macht sie, sich mit 
samt dem Stuhl auf den Boden zu werfen. 
Vielleicht, dass durch den Schreck dann die Würger 
von ihr ablassen. 
Der Sessel schwankt; aber sie hat nicht mehr die 
Kraft, ihn zum Falle zu bringen. 
Sch weisstriefend ringt sie um ihr Leben! — 
Da 
Ein Hohnlachen hat ihr Ohr getroffen! 
Ein dämonisches Lächeln auf den Lippen steht 
Caboratti vor dem Gitter: 
„Gefällt dir das nicht, mein Täubchen?“ 
Sie schauert zusammen. 
Dabei hat sie die eine Schlange nicht mehr halten 
können — —
        
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