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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

Unsere Bilder. 
Auf der erster! Seite sehen unsere' Leser den Fürsten 
Bülow, der in früher Morgenstunde alltäglich seine 
Kräfte durch einen ausgedehnten Spazierritt im schönen 
Tiergarten stählt. — Maria Reisenhofer, die ebenso 
schöne wie vortreffliche Salondame, die jetzt wiederum 
in der weiblichen Hauptrolle des „König“ im Lessing 
theater allgemeine Bewunderung erregte, geht am 
1. Juni mit einem eigenen Ensemble nach Frankfurta.M., 
um dort die Titelrolle in „Lysistrata“ zu kreieren. — 
Die 18jährige erfolgreiche Pianistin Helena Lewyn 
debütierte neulich mit dem Berliner Philharmonischen 
Orchester mit grösstem Erfolge. Die junge Amerikanerin 
studierte bei Fannie Bloomfield-Jeiseer, Leopold Go- 
dowsky und Conrad Ansorge. — Hilde Auerbach, 
eine jugendliche Geigerin, wurde am 5. Dezember 1893 
zu Berlin geboren. Sie erhielt ihre Ausbildung bei 
Professor Issay Barmas, welcher der talentvollen jungen 
Künstlerin eine ruhmreiche Laufbahn verspricht. — Der 
Wiener Komiker Max Pallenberg, der dort zu den 
beliebtesten Schauspielern gehört, eröfnet am 27. Mai 
im Lustspielhaus ein vierwöchentliches Gastspiel. — 
Das Russische Hofballet, das bis vor Kurzem bei 
Kroll gastierte, erregte durch die Vortrefflichkeit seiner 
Leistungen und die künstlerische Ausbildung der Mit 
wirkenden das allgemeinste Interesse. Selbst diejenigen, 
die sich nach „Sardanapal“ feierlichst geschworen hatten, 
nie wieder eine Balletaufführung zu besuchen, wurden 
wiederholt meineidig. Der Stern des Ensemble ist 
Anna Pawlowa, die durch ihre vollendete Grazie 
und ihr ausdrucksvolles Mienenspiel den reichen Beifall) 
den sie allabendlich fand, vollauf verdiente. Aber auch 
die Solokolleginnen, deren Bilder wir hier bringen, 
stehen ihr nicht viel nach. — Ferrucio Busoni, 
der grosse Meister am Flügel, hat eine altberlinische 
Oper komponiert. Nach Leoncavallo wird nunmehr 
ein zweiter Italiener uns eine Oper aus dem alten 
Berlin bescheren, die der berühmte Pianist und Komponist 
auch texllich selber vollendete. Das Werk, an dem 
Busoni bereits seit 1906 schreibt, liegt nunmehr end 
gültig vor. Es führt den Titel „Die Brautwahl“; den 
Stoff entnahm er der E. T. A. Hoffmannschen Er 
zählung. „Musikalisch phantastische Komödie in drei 
Akten mit einem Nachspiel“ nennt Busoni sein Werk, 
das in Berlin um das Jahr 1820 spielt. Der erste Akt 
in den Zelten mit seinem damals schon bunten Leben 
und einer richtigen Musikkapelle auf der Bühne, die 
beim Aufgehen des Vorhangs den Hebräermarsch aus 
der Oper „Moses“ ertönen lässt, so dass Busonis Oper 
mit Rossini beginnt. Dann führt uns „Die Brautwahl“ 
in die Spandauerstrasse, nach dem Rathaus und ferner 
in den Tiergarten. — Ein iii letzter Zeit vielgenannter 
Rechtsanwalt ist Dr. Alsberg, der Bohn in dem 
bekannten Sensationsprozess Friedberg verteidigte. In 
Bonn im Oktober 1877 geboren, Hess sich Dr. Alsberg 
1906 in Berlin nieder und erwies sich bereits in 
mehreren grossen Strafprozessen als sehr tüchtiger und 
schlagfertiger Verteidiger. — Zu den gesuchtesten und be 
liebtesten Anwälten Berlins gehört Dr.j u r. J.Werthauer, 
dessen schöne Frau vor ihrerVerheiratung kurze Zeit dem 
Metropoltheater angehörte und viel Aufsehen erregte. — 
Allabendlich geht jetzt mit viel Erfolg die Operette 
„Herbstmanöver“ im Berliner Theatef in Szene, 
deren Hauptdarsteller bei Publikum und Kritik grosse 
Anerkennung fanden. — In der bekanntlich unsolidesten 
Stadt der Welt, hört das Leben und Treiben auch nicht 
einmal in tiefnächtlicher Stunde auf. Den Mittelpunkt 
desselben bildet die im Bilde gebrachte' Ecke Unter 
den Linden und Friedrichstrasse. — Eine sehr grosse 
und nicht zu unterschätzende Bedeutung hat das 
Seminar für orientalische Sprachen, zu dessen 
hervorragendsten Dozenten die Professoren Dr. Julius 
Lippert, Dr. J. Kalitsunakis' und Dr. Alfred 
Forke gehören. Professor Dr. Lippert wurde am 
9. September 1866 in Stannaitschen in Ostpreussen ge 
boren und besuchte das Gymnasium in Gumbinnen. 
Er studierte in Berlin Orientalische Sprachen und war 
nach Beendigung seines Studiums einige Jahre an der 
Kgl. Bibliothek tätig. 1897 machte er zwecks Studiums 
afrikanischer Sprachen eine Reise nach Tunis und 
Tripolis. Im Jahre 1900 wurde er als Bibliothekar und 
Lehrer des Arabischen und der Haussa-Sprache am 
Seminar für Orientalische Sprachen angestellt. 1902 
wurde er zum Pofessor ernannt. 1905 nahm er als 
Delegierter des Seminars für Orientalische Sprachen 
am Orientalistenkongress in Algier teil. Unter seinen 
Publikationen sei als Hauptwerk die Herausgabe und 
Bearbeitung des Ibn al-Kifti erwähnt, Leipzig 1903.-> 
Der bekannte Augenarzt Prof. Hirschberg wählte ihn 
zum Mitarbeiter bei der Uebersetzung und Herausgabe 
der „Augenheilkunde des Ibn Lina“ Leipzig 1902. — 
Professor Dr. Kalitsunakis wurde in Canea, 
der Hauptstadt der Insel Kreta, am 18. Februar 
a. St. (= 2. März n. St.) 1878 geboren. In der 
selben Stadt erhielt er seine Schulbildung in der Volks 
schule und in dem dortigen klassischen Gymnasium. 
1894 Hess er sich an der Universität von Athen imma 
trikulieren und studierte dort bis 1901 klassische 
Philologie. Nach bestandenem Doktorexamen kurze 
Zeit in der Hellenischen Schule von Canea angestellt, 
kam Dr. Kalitsunakis von 1902 bis 1904 als Stipendiat 
der Regierung von Kreta nach . Jena und Berlin, um 
Philologie und Philosophie weiter zu studieren. Nach 
seiner Rückkehr in die Heimat bekleidete er die Stelle 
eines Lehrers in dem sogen. Hierodidaskaleion und 
später am Gymnasium von Canea, von wo er 1906 an 
das Orientalische Seminar als Lehrer des Neugriechischen 
berufen wurde. Mehrere philologische und historische 
Arbeiten sind in griechischen und deutschen Zeitschriften 
oder Sammelwerken erschienen. — Prof. Dr. Forke 
ist am 12. Januar 1867 in Schöningen, Herzogtum 
Braunschweig, geboren, besuchte das Gymnasium in 
Braunschweig und hatte schon als Schüler grosses 
Interesse für Sprachen. Er ve tauschte das juristische 
Studium mit dem der neueren Sprachen, um sich für 
dsn Dolmetscherdienst in China vorzubereiten. Zugleich 
studierte er chinesisch in dem neu errichteten Orien 
talischen Seminar. Nach Ablegung der ersten juristischen 
Prüfung vom Auswärtigen Amt nach China geschickt, 
war er bei der Gesandtschaft in Peking und bei ver 
schiedenen deutschen Konsulaten, zuletzt in Schanghei, 
als Dolmetscher tätig. Als Dr. Forke im Jahre 1902 dabei 
war, sein Konsulatsexanien zu machen, um Konsul zu 
werden, erhielt ereinen Ruf als ProfessordesChinesischen 
an das Seminar für orientalische Sprachen. Er erhielt jetzt 
zusammen mit dem französischen Sinologen, Professor E. 
Huber von der Akademie des Inscriptions et Beiles Lettres 
den Preis des Stanislaus Julie. Der Preis führt seinen 
Namen nach dem grössten französischen Sinologen der 
Vergangenheit und ist für die beste Arbeit auf dem 
Gebiete der Chinaforschung bestimmt. Bis jetzt hatte 
noch kein deutscher Sinologe diese seltene Auszeich 
nung empfangen. — Die Baumblüte in Werder 
lockte selbst bei dem kühlsten Mailüfterl täglich viele 
Tausende hinaus. Der herrliche Anblick des weissen 
Blütenmeeres lohnt auch reich die Mühe der kleinen 
Reise. — Zur jetzigen Zeit ist unser Tiergarten am 
schönsten und wohl denen, die ihn so fleissig besuchen 
können, wie alle die auf Seite 14 abgebildeten. — Ein 
imposantes und architektonisch wirklich schönes Bau 
werk ist die neue Charlottenburger Brücke. 
Auf derselben stehend hat man sowohl nach 
vorwärts wie nach rückwärts eine prachtvolle Perspek 
tive. — Die Schuhmacher-Börse in Dräsels Festsälen 
ist eine sehr alte Berliner Einrichtung. An jedem 
Montag eilen zahlreiche Kollegen des alten Hans Sachs 
auf Schusters Rappen dorthin, um mehr oder minder 
gute Geschäfte zu machen. Denn Börse bleibt Börse! 
Dr. Hugo Ritt sah. 
Im Ausverkauf. 
Skizze von Fritz Reutter. 
(Nachdruck verboten.) 
Von Anfang an war mir die Geschichte in innerster 
Seele verhasst und ich hatte es Lina schon hundert 
Mal erklärt. Aber natürlich setzte sie am ersten Tage 
des Ausverkaufs ihren Kopf durch: 
„Du weisst, Karl, mit diesem furchtbaren Schnupfen 
kann ich nicht ausgehen, und ich habe niemand —“ 
„Aber Fräulein Irene geht doch hin.“ 
„Aber, Karl — gewiss ist Irene mir lieb und wert. 
Aber es ist nicht logisch, es geht einfach nicht an, 
jemand anders — und wäre es die beste Freundin — 
in einen solchen Ausverkauf zu schicken, um billig und 
vorteilhaft für dich einzukaufen. Selbstverständlich 
würde sie die besten Sachen für sich behalten — und 
ich könnte ihr nicht einmal darob zürnen! Und in 
diese Versuchung möchte ich sie nicht führen.“ 
„Aber du brauchst doch die Sachen nicht alle auf 
ein Mal, die du da aufgeschrieben hast“, erwiderte ich, 
„zum Beispiel den Morgenrock und das Nachthemd —“ 
„Bitte, Karl, sei nicht anzüglich.“ 
„Durchaus- nicht, liebe Lina, aber ich weigere mich, 
derartige Dinge für dich zu besorgen.“ 
„Sie begann zu weinen: nicht zu schluchzen oder 
zu seufzen; nein, zwei höchstens drei grosse Tränen 
rollten ihr aus den weitgeöffneten Augen, die mich 
immer ansahen, als wollten sie mir zurufen: „ein so 
hässlicher Mann!“ 
„Aber lass das, Lina.“ 
„Ich kann nicht anders, Karl. Wenn du nicht hin 
gehen willst, so lass es eben. Ich liebte dich innig 
genug, um dich zn heiraten, und du liebst mich nicht 
einmal so sehr, um für mich zu May & Hauser zu gehen 
und mir einige Einkäufe zu besorgen.
        
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