Path:

Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

1 
Hoteltypen. 
Wladislaw Rabski. 
Uebertrapung aus dem Polnischen von Henny Bock-Neumann. 
Nachdruck verboten. 
Die Provinzlöwin. 
Sie ist gewöhnlich brünett und hat dunkle, brennende 
Augen, die Gestalt einer Pallas Athene. Beim Früh 
stück erscheint sie abwechselnd in rosa oder creme 
farbener, spitzenbesetzter Matinee. Sie meidet Damen 
gesellschaft und ist auf der Promenade ständig von 
einer Garde der goldenen Jugend umgeben. Wenn 
der Morgen milde und warm ist, liebt sie es, mit 
offenem Haar in der Hängematte zu liegen und einen 
französischen Roman in gelbem Umschlag für 3 Fr. 50 C. 
zu lesen. Sobald sie menschliche Schritte hört, schliesst 
sie die Augen und lässt die Mundwinkel herabhängen. 
Sie ist scheinbar eingeschlafen und träumt. Vielleicht 
von den Romeos des Romans, vielleicht von den 
Don Juans im Hotel. 
Sie liebt es, darüber zu klagen, dass die Gesellschaft 
wenig distinguiert sei, und wenn sie von den Frauen 
an der table d’höte spricht, gebraucht sie mit Vorliebe 
die Ausdrücke „Köchin“, „mauvais genre“, „Kokotte“. 
Wenn ihr Tischnachbar die Sezessions-Malerei lobt, 
fragt die schöne Frau lächelnd: „Haben Sie schon 
jemals grünen Schnee und blaue Bäume gesehen?“ 
Aber sie setzt sofort hinzu, dass sie nicht Kleinstädterin 
sei, dass Fulda „süss“ wäre, dass Kadelburg „geleckt“ 
sei und dass Gabriele Reuter „passee“ wäre, im Ge 
heimen bekennt sie, dass Frank Wedekind interessant 
sei, dass sie ihn aber vor der jüngeren Schwester — 
einem ganz jungen Mädchen — sorgfältig verbergen 
müsse. 
Abends geht sie in den einsamsten Parkalleen 
spazieren, sagt aber zuvor dem Portier genau Bescheid, 
wo sie hingehen würde. Und dann wartet sie. Wenn 
sie von weitem einen männlichen Schatten erblickt, 
setzt sie sich auf eine Bank und träumt. Dann blickt 
sie ihn später mit verschleierten Augen an, und dann 
beklagt sie sich, dass Niemand sie verstände, am 
wenigsten der eigene Gatte und schliesslich sagt sie: 
„Sie haben etwas Dämonisches an sich“ und setzt 
hinzu: „Gehen wir, gehen wir, ich ängstige mich!“ 
Zuweilen streckt sie ihm beide Hände hin: „Kalt wie 
Eis, nicht wahr?“ Zuweilen hebt sie seine Hand an 
ihre Stirn: „Fühlen Sie, wie sie glüht? O, so — so, 
jetzt ist mir wohl . . . Sprechen Sie nichts . . .“ 
Am nächsten Tage hat sie Migräne und ihr Platz 
an der table d’höte bleibt leer. 
* * 
* 
Der Blagueur. 
Er trägt Hosen nur bis zu den Knieen, lange 
Strümpfe und nägelbeschlagene Stiefel. In der Tatra 
trägt er einen echten Bauernkittel und in den Alpen 
einen Eispickel. Bei Tisch erzählt er furchtbare Ge 
schichten von Wegen über Abgründe, von Gletscher 
spalten, Nebeln, Schnee und zerbröckelnden, verräte 
Agnes hartstein, 
die Diva des Hartstein-Ensembles, das im Apollo-Theater gastiert. 
rischen Felsen. Vom Morgen bis zum Abend promeniert 
er durch die Hauptalleen und hält die Passanten an, 
mit denen er laute Gespräche über Hochtouren führt. 
Besonders wenn Damen seiner Bekanntschaft sich 
nähern, spricht er mit Vorliebe laut von: Eisblöcken, 
Lawinen, Schneewehen. Er scheut gefährliche Partien 
wie die Pest, wenn er aber in Gesellschaft schöner 
Damen einen kleinen Berg erklimmt, dann bläht er sich 
auf und sagt, dass der Kampf mit Zwergen ihn lang 
weile, dass er heute um des schönen Geschlechts 
willen nachgegeben habe, dass er aber morgen wieder 
dem Tode ins Auge blicken würde, indem er einen 
riesigen Gipfel besteigen wolle. Und dann drückt er 
den Bergbewohnern heimlich seine Visitenkarte in die 
Hand, gibt ein ansehnliches Trinkgeld und bittet, die 
Karte oben auf schwindelnder Höhe in den Blechkasten 
zu legen. Dort soll sie von seiner Anwesenheit zeugen! 
Einst würde irgend ein kühner Tourist sie finden und 
der Welt verkünden, dass Herr Ildefonso Meyer bis 
zu einer Höhe emporgestiegen sei, wie sie nur die 
kühnsten Bergsteiger zu erklimmen wagten. 
* * 
* 
Der Unzufriedene. 
Kaum ist er aus der Droschke gestiegen und hat 
im Hotel ein Zimmer verlangt, so fängt er schon an 
den Portier und die Kellner zu peinigen. Man hat 
ihm ein kleines Zimmer gegeben — man wolle ihn 
ersticken lassen — klagt er; man gibt ihm ein grosses 
Zimmer — er brummt, dass er nicht gewohnt sei in 
einer Scheune zu wohnen. Im Parterre ist es ihm zu 
geräuschvoll, die erste Etage zu hoch, der Wein bei 
Tisch zu sauer, das Fleisch ausgekocht oder hart. 
Wenn Jemand im Lesezimmer zu sprechen wagt, steht 
er demonstrativ auf, schleudert die Zeitung auf den 
Tisch und fragt den Bibliothekar giftig: ob hier ein 
Jahrmarkt oder eine Bibliothek sei? Bei Tische stellt 
er sich keinem vor, seinen Tischnachbaren antwortet 
er heftig, nach der Suppe zischt er „Giftmischer!“, 
nach dem Braten sagt er, das sei Schuhleder in 
Margarine geschmort. Dreimal täglich verlangt er das 
Beschwerdebuch. Wenn er abreist, stimmt die Diener 
schaft eine Dankeshymne an und tanzt vor Freude den 
„cake-walk.“ 
* 
Die Hochzeitsreisenden. 
Sie haben ganz neue Koffer, Kleider und Mäntel 
frisch von der Nadel. Sind immer freundlich und immer 
lächelnd. Sie ist von Zeit zu Zeit leidend, er geht 
dann trübe durch den Park und erzählt den Bekannten 
hundertmal täglich, dass sein Frauchen nicht ganz 
wohl sei. Bei Tisch blicken sie sich fortwährend ver 
liebt an und traktieren sich gegenseitig mit „Süssig- 
keiten“. Sie sind mit Allem zufrieden, haben für 
Jeden ein gutes Wort. Er liest ihr das „Journal amüsant“ 
vor und gibt seine eigenen Witze zu, sie schliesst ihm 
mit ihrem kleinen Händchen den Mund und errötet 
wie auf Befehl. Sie gehen früh schlafen, stehen sehr 
spät auf. 
* 
Die Frau Gräfin. 
Sie isst an einem Seitentischchen, zieht sich dreimal 
täglich um, abonniert die Kreuzzeitung und die Kölnische 
Volkszeitung, den Tee lässt sie im eigenen Zimmer 
servieren. Sie liebt es, sich mit Künstlern zu umgeben 
und sagt allen Bekannten, sobald Fürst Phili ankäme, 
würde sie einen Wohltätigkeitsbazar arrangieren. 
Manchmal mischt sie sich unters „Volk“ und fährt sogar 
mit den Töchtern des Bankiers spazieren. Abends 
spielt sie Bezique oder legt die Napoleons-Patience. 
* * 
*
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.