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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

Das junge Mädchen dankte ihm mit einem seelen 
vollen Blick und der Professor griff berauscht nach 
Hut und Stock und stürzte davon. 
Eine Stunde später kam der Wagen mit den beiden 
Herren zurück und sie stiegen die Treppen empor, der 
Professor voller Hitze in den Polizeikommissar hinein 
redend, der sich weitaus ruhiger verhielt aber doch mit 
grösstem Interesse der vorbereitenden Erzählung seines 
Freundes lauschte. Der alte Diener öffnete ihnen. 
Beide eilten an ihm vorüber in das Ordinationszimmer. 
„Hier bringe ich . . begann der Arzt schon auf der 
Schwelle, aber merkwürdigerweise war das Zimmer leer. 
„Sie wird im Wartezimmer sein“, meinte er etwas 
erstaunt, aber auch in diesem fand sich keine Spur von 
der Dame. Er machte ein unsäglich verblüfftes Gesicht, 
der Polizeikommissar, um dessen Mund ein ironisches 
Lächeln zu spielen begann, drückte auf den Knopf der 
elektrischen Klingel. Der Diener erschien. 
„Wo ist die Dame hin?“ fragte der Arzt athemlos. 
„Wenn Herr Professor die junge Dame in Schwarz 
meinen, die ist bald nach dem Herrn Professor fort 
gegangen. Sie meinte, sie könne doch nicht länger 
warten, man würde zu Hause über ihr Fortbleiben be 
sorgt sein. Uebrigens eine sehr feine Dame, sie gab 
ein Goldstück beim Weggehen . . . .“ 
Der Polizeikommissar brach in ein unauslöschliches 
Gelächter aus und klopfte dem gebrochen aussehenden 
Freunde auf die Schulter. 
„Na, Dein romantisches Abenteuer ist ja nun in 
blauem Dunst aufgegangen, Du Armer! Ich muss ge 
stehen, dass mir die Geschichte gleich ein bischen 
spanisch vorkam. Da hat Dir wieder einmal Dein 
jugendliches Feuer einen Streich gespielt“. 
„Halt“, sagte er, plötzlich ernster werdend. — „wir 
wollen doch einmal ein bischen näher Zusehen“, und 
er trat in das Cabinet zurück, wo er mit geschärften 
Augen herumspähte. Plötzlich rief er ins Nebenzimmer: 
„Du, sag mal, hast Du irgendwo in diesem Zimmer 
Geld aufbewahrt?“ 
„Wie kommst Du auf einmal darauf“, schrie der 
Professor ärgerlich. „Natürlich ist das Honorar, das 
ich heute von meinen Patienten bekam, in meinem 
Schreibtisch.“ 
„War vielleicht, mein lieber Freund, war“ sagte der 
Beamte mit eigentümlicher Betonung, nachdem er die 
Lade des Schreibtisch’s aufgezogen hatte. „Jetzt ist 
nichts mehr darin.“ 
„Was?!! 
Im nächsten Augenblick stand der Professor vor 
seinem Schreibtisch und starrte in das gähnend leere 
Fach, das sich vor seinen Blicken auftat. 
„Sehr geistreich sieht Dein Gesicht nun gerade nicht 
aus, mein Lieber! Fasse Dich in Ergebung und sei 
froh, eine gute Lehre, wenn auch durch teures Geld, 
erkauft zu haben“, meinte lächelnd der Polizeikommissar. 
„Du hast gut reden, es waren doch fast tausend 
Mark und richtig, mein Ring, der Brillant vom Fürsten 
Alma Saccur, 
gastiert im Kgl. Opernhause. 
Mirski! O diese Elende, auch den Ring hat sie mit 
genommen. Es ist unerhört! Wenn ich sie hier hätte, 
die schändliche Betrügerin, mit diesen meinen Händen 
würde ich sie ... . 
Der Kommissar sah überlegen auf den Erregten 
herab, der noch fieberhaft in dem leeren Fach suchte. 
„Das wird Dich wenigstens abhalten, Dich in Zukunft 
von dem Reiz fremder Generalstöchter umstricken zu 
lassen, wenn sie auch noch so verführerisch aussehen. 
Den pekuniären Verlust musst Du als Sühne für Deine 
Leichtgläubigkeit verschmerzen.“ 
„Wer redet denn davon? . . . aber der Ring und 
die Blamage! Die entsetzliche Blamage und die Frech 
heit dieser Person, meinem Diener eines der mir ge 
stohlenen Goldstücke zu geben! Das geht doch über 
die Hutschnur“, wütete der Professor. 
„Schrei nicht so, lieber Freund, es hilft ja nichts 
mehr, aber gucke das nächste Mal nicht so tief in 
schöne Augen, Du bist Deiner noch nicht sicher. Was 
mich betrifft, ich verspreche Dir strengste Verschwiegen 
heit!“ — — 
Wie es scheint, hat der Polizeikommissar sein Ver 
sprechen nicht gehalten oder das kleine Erlebnis 
wenigstens seiner Frau mitgeteilt, die es ihren ir.timsten 
Freundinnen erzählte, auf welchem Umwege es auch 
mir zu Ohren kam und ich, durch berufliche Indiskretion 
verpflichtet, überliefere es hiermit der Oeffentlichkeit. 
LUJ 
Sonnenuntergang. 
(Nachdruck verboten). 
Mit tausend Purpurfarben übergossen 
Liegt still das Meer im letzten Sonnenschein, 
Und lädt zur Ruh’ den müden Wandrer ein, 
Dem schon der Wehmut erste Tränen flössen. 
In holder Schöne geht der Tag zu Ende, 
Wie Gold erglänzt der Sonne letztes Rot, 
Doch, wenn den Blick ich jetzt hinunterwende, 
Seh ich die Nacht, die ihr Verderben droht. 
Die dunkle Wand der schwarzen Nebelmassen 
Nimmt jetzt die rote Feuerkugel auf, 
Dort endet sie den langen Tageslauf, 
Dort muss selbst ihre Glut im Dunst 
erblassen 
Doch durch die dunklen Wolken bricht sie 
wieder 
Hervor und sendet ihren letzten Gruss 
Und senkt ins Meer sich endlich nun 
hernieder, 
Das tief errötet unter ihrem Kuss. 
So sinken der Begeistrung schönste Gluten, 
So unsrer Liebe heilig Gut hinab. 
In der Alltäglichkeiten träge Fluten 
Und suchen in der Seele still ihr Grab. 
Doch wenn uns die Natur noch einmal wieder 
Des Lebens ganze Herrlichkeiten weist, 
Dann tönen in der Seele alte Lieder, 
Dann träumt in uns der jugendliche Geist. 
Ernst Heller.
        
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