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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

Das klingende Herz. 
Ein Märchen von Leonie Peppier. 
(Nachdruck verboten.) 
In dem weiten, alten, steinernen Haus, ausserhalb 
der grossen Stadt, da wo der Wald beginnt, wohnt der 
alte, reiche, gelehrte Mann. Da er noch jung war, wohnte 
er in einem glänzenden, hellen Palast in der grossen 
Stadt. In dem hellen Hause herrschte damals lauter 
Freude, und der junge Egbert hatte damals eine schöne, 
lustige Frau, die er über alles liebte. Die schöne Frau 
war aber von böser Art, denn eines Nachts lief sie da 
von und kam nicht wieder. Egbert suchte das böse 
Weib in der ganzen Welt; er sandte Boten in alle grossen 
Städte, er selbst irrte in den Wäldern umher und such 
te — umsonst. Und er weinte Tag und Nacht um das 
böse schöne Weib! endlich aber versiegte der Quell’ 
der Tränen; er wurde hart und kalt. Es war als ob 
die Tränen in seinem Aug’ zu Stein würden. Und der 
Stein im Auge trübte seinen Blick; er sah’ nicht mehr 
die Sonne so licht wie sie war, er sah auch nicht mehr 
die Menschen so wie sie waren, er sah nicht mehr Not 
und Elend, die er ehedem so gern linderte, er hatte 
den liebenden Blick verloren — und das kam Alles von 
den versteinerten Tränen. — So ist der junge Egbert 
ein alter Mann geworden, der einsam mit seinen 
Büchern da oben in dem weiten Hause am Waldes 
saum wohnt. — Von Zeit zu Zeit schmerzen ihm die 
Augen, es kommt über ihn wie ein Krampf, aber keine 
lindernde Träne dringt ans dem versteinten Blick! 
Nach und nach empfindet er gar keine Schmerzen mehr, 
er hat sich gewöhnt zn sehen mit steinernem Blick. 
Oktoberstürme hatten in der Nacht gewütet! Am 
Morgen öffnete der alte Egbert seine Tür — da lag 
ein Weib auf der Schwelle, bewusstlos, halb erfroren. 
Der Alte schilt: „Pack Dich, landstreichende Dirnel“ — 
Das Weib rührt sich nicht. Er stösst mit dem Fuss 
nach ihr, da hebt sie den Kopf: „Ach hilf’, guter 
Mann — gleich geh’ ich weiter — die Sonne ging 
unter, da verlor’ ich den Weg — aber sieh’ da scheint 
sie wieder — gleich wird mir besser sein.“ — Aus 
grossen sonnenwarmen Augen blickt das Weib ihn an 
— und da — ganz leise hört ers klingen, als ob der 
Wind an ein silbernes Glöcklein streift — „kling“ — 
das war das klingende Herz des Weibes. Und der 
Alte blickte auf das Weib mit seinen kalten steinernen 
Augen, doch wie das Weib den Blick erschaut, klingt 
das Herz laut in ihrer Brust als ob es sagt: „Du 
armer Mann“. 
Wie heisst Du?“ frägt auch der Alte. „Lela“, sagte 
das Weib. 
„Deine Kleidung ist fremd, so gehen hier nicht die 
Frauen — woher kommst Du?“ „Daher wo keine 
Nacht nie Tage kürzt. Da zog ich mit Vätern durchs 
Land — er strich die Fiedel und mein Herz klang und 
sang dazu. Als er das schönste Lied aufgespielt hatte, 
fielen ihm die Augen zu — und wir legten ihn in die 
Wilhelm Hartstein, 
der beliebte Kölnische Komiker, gastiert ab 1. Mai mit seiner 
Burleske ,,Er oder Er“ im Apollo-Theater. 
Erde und deckten ihn mit Veilchen. Als Vater fort 
war, mochte ich das nie wechselnde Licht der ewigen 
Tage nicht mehr sehen — ich sehnte mich nach 
Schatten. Die Brüder sagten zu mir: Du hast ja das 
klingende Herz! Geh’ hin, da wo die Nacht länger 
ist als der Tag, wo die Menschen schwer und müde 
sind; doch die Dich sehen und das Klingen Deines 
Herzens hören, werden leicht und froh werden, und 
so zog ich fort. Du bist auch müd’ und schwer, 
armer Mann, hör’ auf das Klingen — auch Du sollst 
gesunden — gesunden“. 
Voll und tief senken sich die strahlenden Sonnen- 
augen in des Mannes versteinten Blick — Da, nach 
langen lahren wieder fühlt er, wie einsam und traurig 
er lebt. Die welke Hand greift zitternd nach Lelas 
voller Rechten und er führt sie ins Haus. 
Bald will es Frühling sein! Lela weilte noch in 
des alten Egbert’s Haus. Segen ist mit ihr! Sonst 
wollte da oben Nacht, Frost und Schneegetreibe nicht 
enden — nun lag über der Nacht ein blauer Schein! 
Kein Vöglein lag erfroren im Garten, und der Schnee 
fiel weich und lind. 
In den grossen kalten Stuben hatten die Scheite im 
Ofen noch nie so lustig geprasselt und so schnell ge 
wärmt, als seit Lelas Hand dabei tätig war. Kein 
Bettler ging mehr unerquickt von der Schwelle — ein 
warmer Hauch — ein Streifen der Sonne war überall! 
Des alten Mannes Seele kehrte sich von gütiger 
Gewalt, von reinster Menschenliebe getrieben, wieder 
dem Leben zu! — In Vollmondnächten, wo die Seele 
der Menschen sich weitet und weicht, schlich der 
alte Egbert sich wohl in das Gemach, in welchem 
Lela ihren jungen gesunden Schlaf schlief. Wie eine 
vergessene Blüte ruht das Weib in dem, aus fernen 
Tagen stammenden breiten Himmelbette — weiss 
wallte das Mondlicht durch das hohe Fenster der 
Alte sitzt auf dem Bettrand und horcht auf die Nacht. 
Der Holzwurm tickt — die entlaubten Zweige klopfen 
an die Scheiben — über allen weht eine grosse Stille. 
Er sieht der Schläferin in das von Friede und Güte 
verklärte Angesicht und da — plötzlich hört’ ers 
klingen — mit kleinem, weichem Klang — das Herz! 
das klingende Herz des Weibes! Und an was der 
Alte in all’ den Jahren nicht gedacht, das kommt ihm 
in den Sinn: Liebe alte Lieder der Mutter — Freunde 
— treue — verlorene Liebe! schmerzlich süss wird das 
Erinnern — heiss wallt es im Herzen des Mannes auf 
und will den Stein im Auge sprengen! — aber noch 
ist die Zeit nicht da, Grösseres muss noch geschehen — 
nur wenige kalte Tropfen lösten sich von dem ver 
steinerten Blick. 
Und der Frühling kam. — Unter dem offenen Fenster 
Lelas hat die Nachtigall geschlagen! — Beim Morgen 
grauen schleicht der Alte vom Bette Lelas, Gram und 
Schatten auf der Stirn. — Süsser denn je hatte das 
Herz geklungen — aber im Traum hatte das Weib die 
Arme ausgebreitet und gelächelt so hold — wie in Er 
wartung und Verlangen — — — 
Ich suche, ich suche 
Die wonnige Maid, 
Mit klingendem Herzen 
lm Frühlingskleid! 
Und hab’ ich und halt’ ich 
Mein zitterndes Glück 
In schützendem Arme, 
Ich trag’ es zurück! —
        
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