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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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Unsere Bilder. 
Einer der hervorragendsten deutschen Gelehrten, der 
Geheime Medizinalrat Prof. Dr. Theodor Wilhelm 
Engel mann tritt am 1. April in den Ruhestand. 
Geheimrat Engelmann, der Direktor des physiologischen 
Institutes unserer Universität hat eine lange Reihe von 
Jahren eine unendlich erfolgreiche, wissenschaftliche 
Tätigkeit entwickelt. Man sieht seinem Scheiden mit 
allgemeinen Bedauern entgegen. — Am 15. Januar kam 
die gänzlich unerwartete Trauerkunde: Ernst von 
Wildenbruch ist plötzlich gestorben. In ihm verliert 
Deutschland einen seiner Grössten, der als Dramatiker 
und Novellist so viele wunderbare Werke von bleibenden 
Wert geschaffen. Seine „Karolinger“ „Harold“ 
„Menonit“, „Quitzows“, „König Heinrich“, „Hauben 
lerche“ und zuletzt „Die Rabensteinerin“, gehören zu 
den besten und wirkungsvollsten Bühnendichtungen und 
seine erzählenden Arbeiten, wie „Kindertränen“, „Das 
edle Blut“, „Eifernde Liebe“, „Schwesterseele“ u. a. 
gaben ihm auch unter den Romanschriftstellern einen 
allerersten Platz. Unerreicht sind seine Humoresken, 
kein zweiter hatte diesen echten, natürlichen Humor. 
In Wildenbruchs Adern floss Hohenzollernblut. Sein 
Vater war der Sohn des Prinzen Louis Ferdinand von 
Preussen und der Henriette Fromm und wurde am 
4. April 1810, 7 Jahre alt, von Friedrich Wilhelm III. 
unter dem Namen von Wildenbruch geadelt; er hat 
sich als General und Diplomat zuletzt als Gesandter 
in Konstantinopel einen angesehenen Namen gemacht. 
Geboren ist Ernst v. Wildenbruch am 3. Februar 1845 
zu Beirut in Syrien, wo sein Vater damals Konsul war. 
1857 nach Deutschland übergesiedelt, besuchte er die 
Gymnasien zu Halle und Berlin und kam dann in das 
Kadettenkorps, aus dem er 1863 als Offizier in die 
Armee übertrat. Doch nahm er schon 1865 seinen 
Abschied, machte aber die Kriege von 1866 und 1870 
mit. Von 1867 bis 1870 studierte er in Berlin die 
Rechte, wurde Referendar am Apellationsgericht in 
Frankfurt a. 0, 1876 Assessor und im folgenden Jahre 
Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt. Im Jahre 1888 
wurde er Legationsrat, 1897 Geheimer Legationsrat mit 
dem Range eines Rates dritter Klasse. Die philo 
sophische Fakultät der Universität Jena machte ihn im 
Jahre 1889 zu ihrem Ehrendoktor. 1900 schied er aus 
dem Staatsdienst, um ganz und gar seinem dichterischen 
Schaffen zu leben. Leider nur so kurze Zeit. Mit 
seiner Gattin, einer Enkelin Karl Maria von Webers, 
trauert ganz Deutschland. — Einer unserer begabtesten 
jüngeren Landschaftsmaler ist Fritz Wildhagen. 
1878 in Moskau geboren, studierte er erst Kunst- und 
Literaturgeschichte, um sich dann ganz der Landschafts 
malerei zu widmen. Seine Bilder, deren Motive vorzugs 
weise aus Mitteldeutschland und der Mark gewählt 
sind, haben den grossen Reiz wahrer poetischer 
Stimmung. Fritz Wildhagen ist mit der Tochter 
Paul Doberts, des Chefredakteurs der „Woche“ 
vermählt. — Professor Friedrich Klein-Chevalier 
hat der Kunst eine' Fülle von bedeutenden Werken 
geschenkt. Seine ausgezeichneten Fresken in den Rat 
häusern Düsseldorf, Halle, Cassel, Essen u. s. w. sind 
ebenso bekannt und geschätzt, wie seine Bilder. Er ist 
am 18. Juni 1862 in Düsseldorf geboren und studierte 
dort bei Peter Janssen und Schill. — Ein Landsmann 
von ihm ist der Lieblingsmaler der Frauenwelt, Pro 
fessor Konrad Kiesel, einer der bedeutendsten 
Portraitmaler der Jetztzeit. Am 29. November 1846 
in Düsseldorf geboren, wurde er zuerst Bildhauer und 
war ein Schüler von Schaper. Dann ging er zur Mal 
kunst über, in der er sehr schnell bedeutende Erfolge 
errang. — Geborener Berliner ist der grosse Vorkämpfer 
der modernen Richtung, Professor Franz Skarbina. 
Seine Bilder, die eine seltene Vollendung in Stimmung, 
Farbe und Leuchtkraft aufweisen, atmen wirkliches Leben. 
Skarbina ist in Berlin am 24. Februar 1849 geboren und 
war Schüler unserer Kunstakademie. — Voll frischen 
Humors und sonniger Laune sind die Werke Heinrich 
Lee’s, der jetzt mit der Wiederaufführung seines 
reizenden Lustspiels „Der Schlagbaum“ im König 
lichen Schauspielhaus einen wirklich grossen Erfolg 
hatte. Vor kurzem bewies er in seinem „Am grünen 
Weg“, dass er das Zeug hat eine echte Berliner Posse zu 
schreiben, obgleich er nicht vom grünen Strand der 
Spree, sondern aus dem ehrwürdigen Hirschberg in 
Schlesien stammt. Auch als Romanschriftsteller und 
Journalist gehört er zu den bekanntesten und beliebtesten. 
Lee ist am 24. Juni 1862 geboren und ging zuerst zum 
Bankfach, das er aber bald aufgab, um Jura und 
Ernst von Wildenbruch, t 
Philosophie zu studieren. 1887 erschien sein erstes 
Buch »Wilhelm Meister«. — Eine ganz aussergewöhn- 
1 ich grosse Machtstellung im Reiche des Theaters hat 
sich Adolf Sliwinski durch ausserordentliche Tüchtig 
keit und Klugheit erworben. Er ist heute der 
bedeutendste dramatische Verleger Deutschlands und 
der Verlag Felix Bloch Erben, dessen Chef er durch 
die Heirat mit der schönen Witwe des Begründers 
seiner Zeit wurde, marschiert heute an der Spitze. Die 
erfolgreichsten Werke nicht nur der dramatischen 
Literatur, sondern auch Operetten, wie „Lustige Witwe“, 
„Walzertraum“ u. a. werden von Sliwinski in geschickter 
Weise durch die ganze Welt lanziert. Sein vom Glück 
gekrönter Wagemut hat ihm auch bei vielen Theater 
unternehmungen an denen er beteiligt ist, erfreuliche 
Resultate bescheert, wie beim „Theater des Westens“, 
beim „Trianon-Theater“ und mehreren anderen aus 
wärtigen Bühnen. Jetzt gründet Adolf Sliwinski auch 
in Paris eine Operettenbühne um die Werke seines 
Verlages dort aufzuführen. — Es ist stets ein voll 
endeter Genuss Maria Knüpfer-Egli und Margarete 
Knüpfer, die Gattin und die Schwester unseres trefflichen 
stimmgehaltigen Bassisten Paul Knüpfer, singen zu 
hören. Beide Künstlerinnen besitzen herrliche Stimmen 
von wunderbarer Reinheit und in ihren Duetten 
schmiegen sich dieselben unendlich klangvoll inein 
ander. Auch steht beider technisches Können auf 
seltener Höhe. — Paul Otto vom Hebbel-Theater 
hat sich in der letzten Zeit eine erste Stellung durch 
seine vortrefflichen Leistungen errungen und so hat 
das Hebbel-Theater doch wenigstens etwas gutes er 
zielt. In dem nicht ganz bekannten Pölitz bei Stettin 
geboren, kam Otto nach diversen Engagements in 
Städten von der Bedeutung seines Geburtsortes, nach 
Halle und von dort nach Berlin, wo er zwei Jahre im 
Schiller-Theater wirkte. Jetzt in dem modernen Repertoir 
des neuen Theaters in der Königgrätzerstrasse ist er 
am rechten Platz und es ist nur zu bedauern, dass 
sich so wenige Menschen an seinem Können erfreuen. 
— Gar vielseitig ist Hans Hubert Dietzch, der neue 
Star des Lustspielhauses, der jetzt in Auernheimer’s 
„Die glücklichste Zeit“ mehr Beifall fand als das Stück. 
In Sachsenhausen bei Waldeck geboren, wurde er nach 
bestandenem Abiturienten-Examen Schüler der Kunst 
akademie bei Professor Carl Begas. Dann ging 
Dietzsch zur Bühne und war an verschiedenen guten 
Stadttheatern mit Erfolg tätig. An das Neue Schau 
spielhaus engagiert, erlitt er auf der Bühne gleich zu 
Beginn der Saison 1906 einen schweren Unfall und 
widmete sich wieder der Bildhauerkunst. Eine Büste 
von Harry Waiden, die er im vorigen Jahre an 
fertigte, wurde auch in unserem Blatte abgebildet. Dann 
wurde Hans Hubert Dietzsch durch einen Zufall wieder 
der Bühne zurückgewonnen. Bei der Generalprobe 
von „Cyprienne“ im Hebbel-Theater, bekam der Dar 
steller des „Prunelles“ plötzlich sehr grosse Angst und 
meldete sich krank. Dietzsch wurde gebeten aus der 
Verlegenheit zu helfen und durch den Erfolg veranlasst, 
nahm er ein Engagement am Lustspielhaus an. Er ist 
auch jetzt noch bildhauerisch tätig und hat soeben 
das Marmorgrabmal für den Senatspräsidenten 
Schember in Karlsruhe vollendet und fertigt jetzt 
die Marmorbüste der Frau des bekannten Chirurgen 
Rudolf Klapp an. Auch die Dichtkunst wird von ihm 
ausgeübt. 1906 erschienen „Bunte Blätter“, Gedichte 
und Novellen und demnächst kommt ein Bühnenroman 
„Höhenkunst“. — Albert Bo ree, der beliebte Komiker 
des „Neuen Schauspielhauses“, ist literarisch vielfach 
tätig, und nicht nur als Rufer im Streit fiir die „Genossen 
schaft“ sondern auch als flotter Humorist bekannt. Ein 
geborener Prager wurde Boree zuerst Apotheker, ging 
dann als Schauspieler an verschiedene Schmieren und 
kleine Theater, bis er an das Strassburger Stadt 
theater kam, von dort an das Königl. Theater in 
Hannover und vor drei Jahren an das „Neue Schau 
spielhaus“, wo er viele Proben seines bedeutenden 
Könnens abgelegt hat. — Im Königlichen Opernhaus 
ist seit September 1908 Erna Denera mit fünfjährigem 
Kontrakte nach erfolgreichen Gastspielen engagiert. 
Fräulein Denera, die hier als „Senta“, „Sieglinde“, 
„Venus“, „Elisabeth“ und als „Gräfin“ in „Figaros 
Hochzeit“ bei Publikum und Kritik allgemeine An 
erkennung fand, kam vom Wiesbadener Hoftheater, wo 
sie 1907—1908 hauptsächlich in Wagnerrollen auftrat. 
Als Kind wurde sie von Max Reger im Klavierspiel 
ausgebildet und wirkte als ganz junges Mädchen in 
vielen Konzerten mit. Ihre gesangliche Ausbildung hatte 
sie bei Kammersänger Hermann Rosenberg in Karlsruhe. 
Ihr erstes Auftreten war im Mai 1906 als „Senta“ im 
Kasseler Königlichen Theater. Man sieht, dass Erna 
Denera glücklicher Weise eine leichte und nicht dornen 
volle Laufbahn hatte und in sehr kurzer Zeit in eine 
angesehene und sicher vielbeneidete Position kam. 
Dt. Hugo Riissak
        
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