Path:

Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

3 
The Sisters Lorrison 
(Passage-Theater.) 
hat er uns am Königlichen Schauspielhause Helden 
der Geschichte, der Sage und der dichterischen Phan 
tasie vor die Sinne und vor die Seele gestellt; die Reihe 
der Gestalten ist endlos, die wir, fast eine ganze 
Generation, uns heute kaum anders vorstellen können, 
als wie Matkowsky sie gebildet hat. Doch war er 
kein Bühnen-Proteus. Sein eigenes Temperament 
schaute deutlich erkennhar aus jeder Vermummung, 
und dies Temperament war gewaltig, ganz auf das 
Heroische gerichtet. Gerade darum war er stets ein 
Gegenstand der Bewunderung, ja der Begeisterung für 
die Jugend, deren Empfinden hinausdrängt aus dem 
wohlumhegten Frieden moderner Zivilisation. Man 
muss die Beifallsstürme selbst erlebt haben, die ganze 
Zwischenakte hindurch das Schauspielhaus durchdröhnten, 
wenn Matkowsky den Teil oder den Wallenstein spielte! 
Seine Heldengestalt hatte ihresgleichen nicht unter allen 
Schauspielern, die wir kennen. Seine Stimme hatte im 
verhaltenen Flüstern wie im orkanartigen Ausbruch 
der Feidenschaft einen Klang, der das Herz erbeben 
machte. Sein Spiel war zu Zeiten von einer krafterfüllten, 
männlichen Schönheit, wie sie aus Beethovens Musik 
und aus manchem Werke der griechischen Plastik zu 
uns spricht. Je reifer er wurde, desto vollkommener 
gelang es ihm, den Ueberschwang seiner Kraft zu 
bändigen, ohne ihn zu verbergen. Wir durften von 
ihm noch das Grösste erwarten, dessen seine Kunst 
fähig war. Da versagte sein Körper, den zu schonen 
Matkowsky nie gewöhnt war. Für den Fernstehenden 
ganz unerwartet und plötzlich brach der Riese zusammen, 
und wer seine Grösse bisher nicht ganz ermessen konnte, 
der weiss heute: „Wir werden nimmer seines Gleichen 
sehen“, ln Königsberg i. Pr. am 6. Dezember 1858 ge 
boren, von seiner verwitweten armen Mutter, die sich 
durch Näharbeit ernähren musste, mit zärtlicher Liebe und 
Sorgfalt erzogen, fühlte Matkowsky früh den unbe 
stimmten Drang zur Kunst und brannte 
schon als Knabe mit einerZirkusgesellschaft, 
die in der Nähe seines Heims in Königs 
berg ihre Zelte aufgeschlagen hatte, durch. 
Zur Mutter zurückgebracht, konnte er bald 
mit dieser nach Berlin übersiedeln. Zu 
nächst zum Kaufmannslehrling bestimmt, 
als welcher er im Importhaus Schönlank 
und Söhne hier, nicht eben erfolgreich 
tätig war, fühlte sich Matkowsky mächtig 
zur Bühnenkunst hingezogen und auf der 
Schule bereits organisierte er Gymnasiasten- 
Aufführungen, in denen er den Regisseur, 
den Heldendarsteller, den Dramaturgen 
machte. Von unserm Oberländer für die 
Bühne ausgebildet, machte Matkowsky, 
gleich so mancher späteren Kunstgrösse, 
auf der Liebhaberbühne der „Urania“ in 
Berlin seine ersten Versuche. Kaum neun 
zehnjährig durfte er dann in Dresden das 
Fach der ersten jugendlichen Helden über 
nehmen. Von Dresden ging der Künstler 
nach Hamburgundkamdannan unser König 
liches Schauspielhaus, an dem er bis drei 
Monate vor seinem so früh erfolgten Tode 
wirkte. — Issay Barmas,einerdergrössten 
Meister auf der Violine, ist in Odessa ge 
boren und genoss seine Ausbildung zuerst 
am Kaiserlichen Konservatorium in Moskau 
und dann hier bei Joachim. Seit seinem 
ersten Auftreten im Jahre 1899 in Berlin, 
spielte er in ganz Deutschland, Oesterreich- 
Ungarn, Dänemark, Rumänien u. s. w. mit 
allergrösstem Erfolge. 1901 übernahm 
Barmas die Violinausbildungsschule im 
Sternschen Konservatorium und 1905 wurde 
er in gleicher Eigenschaft für das Klindworth-Scharwenka 
Konservatorium gewonnen. — Kapellmeister Robert 
Robitschek, einer der anerkanntesten Musiker, seit 
einigen Jahren Besitzerund Direktordes Konservatoriums 
Klindworth-Scharwenka, wurde am 13. Dezember 1874 in 
Praggeboren. Er erhielt eine umfassende, in jeder Hinscht 
sorgfältige, wissenschaftliche Bildung, bezog dann das 
Prager Konservatorium und absolvierte die dortige Orgel-, 
Kompositions- und Dirigentenschule mit solchem Erfolge, 
dass er in die am Prager Konservatorium bestehende 
Kompositions-Abteilung für hervorragend Begabte kam, 
in welcher der Grossmeister Dr. Anton Dvoiäk den 
Unterricht erteilte. Hier betrieb er sein Studium mit 
so ausgezeichnetem Erfolge, dass anlässlich seiner 
Absolvierung seine Kompositionen von dem vorzüglichen 
Konservatoriums-Orchester aufgeführt wurden und dass 
Meister Dvoiäk sich angelegentlich um den Verlag 
seiner Werke bemühte. Bald darauf wurde er als 
Chordirektor und Kapellmeister an das Prager Volks 
theater engagiert und war dann später an mehreren 
Hoftheatern als Kapellmeister tätig. Im Jahre 1902 
wurde er von Dr. Richard Strauss sehr warm an 
das damals von letzterem geleitete „Berliner Ton 
künstler-Orchester“ empfohlen, und war im Jahre 
1904 eine zeitlang ständiger Dirigent desselben 
Orchesters, dessen Leitung er schliesslich freiwillig 
niederlegte. Von Robitscheks Kompositionen seien 
genannt: Lieder für eine Singstimme, Duette, Klavier 
stücke, darunter besonders eine Ballade in Fis; ferner 
Karnmermusikwerke, darunter ein Heft kleiner Trio 
stücke, ein Quartett, ein Quintett, weiter ein Trio, eine 
Suite für Streichorchester und ein Menuett für grosses 
Orchester, endlich symphonische Variationen über ein 
Original-Thema, eine Symphonie und eine Ouvertüre 
zu Grillparzers „Esther“ für grosses Orchester. 
Es ist der Tatkraft Robitscheks gelungen, an dem 
uff die erste Klasse jewesen sind, sprechen 
noch richtijer. Und die Berliner Jemeinde- 
schule is durch die janze Welt berühmt, 
das müsstest Du doch wissen. Und nu 
is die Sache für mir erledicht. Schwamm 
drüber! Atcheh!“ 
Sie kehrte noch einmal zurück. 
„Hier haste den Ring wieder, den Du 
mir jeschenkt hast, Ick hab’ mir bei’n Jold- 
fritzen erkundigt, es is jarkeen richtjer Ver 
lobungsring. Atcheh!“ 
Stolz ging sie davon, geradezu zur Garten 
türe hinaus. Emil eilte ihr nach. 
Was aus dem Verhältnis geworden ist, 
weiss ich nicht, aber lange kann es nicht 
mehr gedauert haben, denn als ich Mieze 
ein Vierteljahr später auf der Strasse traf, 
erzählte sie: 
„Mit Emiln ist das janz aus, schon 
lange. Aber jetzt“, sagte sie triumphierend, 
„spreche ich schon janz richtig. Ich hab’ 
seit vier Wochen ein Verhältnis mit einem 
und der hat mir perfekt deutsch gelernt“. 
Ich beglückwünschte sie zu ihren Fort 
schritten. 
Unsere Bilder. 
Zu den hervorragendsten Vertretern der Wissenschaft 
gehört der berühmte Botaniker Geheimrat Professor 
Simon Schwendener, der vor Kurzem seinen 80. 
Geburtstag feierte. Seit 1887 hat die Berliner Universität 
das Glück, ihn zu den ihrigen zu zählen. Geheimrat 
Schwendener, der auch Mitglied der Akademie ist, hat 
sich besonders grosse Verdienste um die Pflanzen 
physiologie erworben und ist Begründer der neueren 
Blattstellungstheorie und der „anatomisch-physiologischen 
Richtung“. — Dr. Otto Weddigen, geboren am 
9. Februar 1851 zu Minden i. W., stammt aus altwest 
fälischem Geschlecht und ist der Sohn eines Land 
wirtes und der Urenkel des geistlichen Liederdichters 
und westfälischen Gerichtsschreibers Dr. P. F. Weddigen. 
Otto Weddigen nahm als Oberprimaner freiwillig an 
dem Feldzug von 1870/71 teil und gab durch Wieder 
belebung der Anfangsverse, Juli 1870, zum allbekannten 
„Kutschkeliede“ den Anstoss. Vor Metz dichtete er 
dann seine „Schwertlieder“, die ihn in die Literatur 
eiuführten, und aus denen R. Siemering ein Motiv für 
seinen „Auszug des deutschen Volkes im Jahre 1870“ 
schöpfte. Nach vollendeten Studien wirkte Dr. Weddigen 
an verschiedenen Gymnasien, zuletzt in Wiesbaden, und 
zog nach nachgesuchter Pensionierung 1897 nach 
Charlottenburg, um sich ganz wissenschaftlichen und 
poetischen Arbeiten zu widmen. — Ueber Rudolf 
Elcho haben wir in unserer vorigen Nummer aus 
führlich geschrieben, jetzt bringen wir eine Aufnahme 
von dem Bankett, dass der Verein „Berliner Presse“ 
zur Feier des 70. Geburtstages des so allgemein be 
liebten und verehrten Schriftstellers gab. — Adalbert 
Matkowsky ist dahingeschieden. Ein wirklich unersetz 
licher Verlust für die Kunst. Zwanzig Jahre hindurch
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.