Path:

Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

doch nicht vertragen, vielleicht habe ich doch ein Herz 
leiden von dem der Herr Doctor nichts weiss. Und 
wenn ich nun nicht mehr erwache? Aber hauptsächlich 
Deinetwegen, was würde mein armes kleines Paulchen 
dabei ausstehen (engelhaft) es würde sich zu sehr 
ängstigen.“ 
Emils Verhältnis. 
Von Max Hirsclifeld. 
(Nachdruck verboten.) 
Noch heute sehe ich ihn vor mir, wie er damals 
herankam — Hans und ich, seine Freunde, sassen in 
einem Gartenlokal — und uns strahlenden Auges seine 
Mieze vorstellte. Er hatte sich immer nach einer jungen 
holden Weiblichkeit gesehnt, die er Abends und Sonn 
tags „aus dem Geschäft“ abholen konnte, und nun 
hatte er sie gefunden. Mieze war wirklich ein Pracht 
mädel. Nur einen Fehler hatte sie — der Emil, er 
war Germanist — unglücklich machte. Man wird 
gleich sehen. 
„Freut uns sehr, Sie kennen zu lernen“, sagte ich. 
„Mir auch“, nickte Mieze freundlich. 
„Mich auch“ flüsterte Emil ihr erregt zu. 
„So, ich dachte, Du kennst sie schon?“ 
„Natürlich kenne ich sie, Mieze, es sind ja meine 
langjährigen Freunde. Aber — “ 
„Na nu quatsch doch nich, ich bin so durstig.“ 
„Ja, ja, — Kellner, Bier.“ 
„Aber sag dem Kellner jleich, dass er den Tisch 
abwischt, der is ja janz dreckig.“ 
„Schmutzig“, sagte Emil ihr ins Ohr. 
„Na, so doll is ’s ja nich, Emil. Aber nu setz 
Dir mal hin.“ 
„Setz Dich hin.“ 
„Ick sitze ja schon.“ 
Ich meine, setzen regiert den Accusativ — —“ 
„Nu fang mir blos nich mit Politik an, da hab’ ick 
die Neese voll.“ 
„Nase.“ *■ 
„Wat sagste?“ 
„Nase heist es.“ 
„Jloobste, ick weess des nich? Aber bin ick hier uffn 
Hofball oder bin ick mit deine Freunde zusammen? Für 
die is doch jut jenug, wie ick mir ausquatsche.“ 
„Erlauben Sie mal, Fräulein,“ warf ich lachend ein 
„so was Gewöhnliches sind wir auch nicht. Hier mein 
Freund Hans ist Arzt und ich bin Astronom.“ 
Mieze sah mich ganz erstaunt an. 
„Ast — Ast —“ 
„Astronom — das ist einer, der mit dem Fernrohr 
nach dem Himmel guckt.“ 
„Ach, een Sternkieker, das hätten sie gleich sagen 
sollen. Aber mir importieren Sie doch nich damit. — 
Ick hab’ schon einmal ein Verhältnis mit einem Lito-Jrafen 
gehabt, und auch mit einem — nee, mit zwei Doctors — 
und denn mit — —“ 
„Mieze,“ sagte Emil ganz entzwei, „Das glaubst Du 
ja selbst nicht. Du hast mir doch gesagt, dass Du nur 
mit dem jungen Manne aus Eurem Geschäft ein paar 
mal ausgegangen bist, sonst überhaupt mit Nie 
mandem —“ 
„Na ja, da haste janz richtig, — een Bisken uff- 
schneiden kann man ja — unter Kameraden is das janz 
eenjal.“ 
Dabei zwinkerte sie aber Hans und mir mit schlauer 
Miene zu, als wollte sie sagen: Du da brauchst ja 
nicht alles zu wissen. 
Unterdessen hatte der Kellner die Speisekarte ge 
bracht, welche Mieze emsig studierte. 
„Hast Du schon gewählt?“ fragte Emil nach etwa 
einer Viertelstunde. 
„Nee, lass mir doch.“ 
„Lass mich“. 
„Na, Du kannst doch woll noch warten. Damen 
jehn voran.“ 
„Aber es ist ganz unnütz, ich weiss, Du nimmst 
zuletzt doch Wiener Schnitzel.“ 
„Nu jerade nich! Gänsebraten — nee, das is zu 
eklich mit die Knochen. — Rehkeule. 
„Na endlich! Kellner, bringen Sie dem Fräulein 
Rehkeule und mir Gulasch.“ 
„Mir Kalbsbraten“, bestellte ich. 
„Und ich möchte ein Wiener Schnitzel“ beschloss 
Hans. 
Mieze starrte ihn ganz betroffen an. 
„Ach, Sie essen Wiener Schnitzel —, Herr Ober —■ 
Herr Ober!“ 
Der Kellner kehrte um. 
„Bringen Sie mir auch ein Wiener Schnitzel, — 
keine Rehkeule“. 
Emil lächelte. 
„Musst Du mir wieder verulken?“ 
„Mich, mich“, ächzte Emil. 
„Na, Dir selber kannste verulken, soville Du willst, 
aber mir lass in Ruhe“. 
„Mich, mich!“ 
„Er hat nämlich ’nen kleenen Lititi“, wandte sich 
Mieze zu uns. „Immer quält er mir, ich soll „mir“ 
sagen. Heute, wo Sie dabei sind, denkt er wieder, es 
is feiner, wenn man „mich“ sagt. Ich mein, es ist am 
besten, Jeder redet, wie ihm seine Schnauze ge 
wachsen ist“. 
„Sag doch wenigstens „Schnabel“.“ 
„Quatsch! Ihr seid doch keine Vöjel.“ 
„Ich komme gleich wieder“, sagte Emil und erhob 
sich. Als er gegangen war, begann Mieze ihr Herz 
auszuschütten. 
„Een janz juter Kerl is er ja“, sagte sie, „aber er 
muss mir immer mit seine Sprachfehler quälen. Bei 
ihm muss es doch ooch nich jrade jut damit bestellt 
sein, sonst würde er do h nich deutsche Sprachen stu 
dieren, das muss er doch schon kennen.“ 
„Hören Sie mal, Fräulein Mieze“, warf Hans ein, 
„dass ist ja alles ganz schön, aber wir wollen dem 
guten Emil doch eine Freude bereiten. Wenn sie also 
„mir“ sagen und ich hebe den Zeigefinger auf, dann 
verbessern sie sich rasch und sagen „mich“, und um 
gekehrt.“ 
„Ja, das is ja janz jut, aber Sie können doch ooch 
nich wissen, wenn der Emil will, dass ich „mir“ sage, 
oder wenn er will, dass ich „mich“ sage.“ 
„O ja, wir kennen ihn ja schon lange. Das wissen 
wir,“ sagte Hans hastig, denn Emil kehrte zurück. 
Gleichzeitig kam auch der Kellner mit dem Essen. 
„Ach, Compott hab’ ich ja janz verjessen. Emil, sag’ 
doch den Kellner“ (Hans hob den Finger empor) „er 
soll mir — ach, ich wollte sagen, mich Jurkensalat 
bringen.“ 
„Aber Mieze, jetzt war „mir“ richtig.“ 
„Sehnse,“ wandte sich das junge Mädchen befriedigt 
zu Hans, „Sie können’s ihm ooch nich recht machen.“ 
Nach dem Essen holte Mieze ein Schächtelchen 
Cigaretten hervor und zündete eine an. 
„ln diesem Garten darfst Du aber nicht rauchen.“ 
„Lass man, Emil, ick werde mich schon zu benehmen 
wissen .... ick wollte sagen, ick werde mir zu benehmen 
wissen.“ 
Hans hatte nämlich den Finger emporgehoben, um 
den Kellner herbeizuwinken. 
„Wenn Du Dich wenigstens nicht verbessern wolltest, 
Mieze. Du verbesserst Dich ja gerade immer falsch.“ 
„Oder Dein Freund spricht falsch,“ wobei sie auf Hans 
deutete. „Aber jetzt wird mir das zu bunt. Wenn Du 
partuh Unterricht jeben willst, denn fang’ doch een Ver- 
hältniss mit meine Schwester an, die jeht noch nach 
Schule. Und überhaupt, jetzt werd’ ich Dir mal immer 
verbessern, denn wirste ja sehen, wie Dir det jefallen 
wird.“ 
Vielleicht quälst Du sie wirklich ein bischen zu sehr 
damit,“ wandte ich mich an Emil. 
„Mag sein! Ich bin einmal so. Es mag ja vergebene 
Mühesein,aberich möchtegern ein Ideal ausihrmachen—“ 
„Aus sie,“ verbesserte Mieze malitiös. 
„Ich sehe ja auch alles ein,“ fuhr Emil fort, „ich 
sollte es ihr nicht so direkt sagen —“ 
„Dich rekt,“ warf Mieze ein. 
Jetzt hör’ doch aber auf mit Deinen Albernheiten.“ 
Mieze wurde krebsrot und erhob sich: 
„Wat? Bei mich sind das also Albernheiten, und 
Du kommst aus solche Albernheiten jarnich raus- 
Denkste vielleicht, ick bin Dein Affe? Da haste Dir 
jewaltig jeirrt. Und überhaupt werd ick Dir man sagen, 
Du halst mir für janz unjebildet, da bist Du aber jänzlich 
irr! Ich hab’ ganz grosse Bücher gelesen, wo bei 
unsern Zimmerherrn aufs Rejal stehen, nich blos so’ne 
Zehnpfennighefte, da bin ick überhaupt drüber wech. 
Und wejen falsch sprechen, da bild’ Dir doch blos nich 
ein, dass Du das besser kannst. Ick hab’ die janze 
Berliner Jemeindeschule durchjemacht und bin ein Jahr 
uff de erste Klasse jewesen, Blos die, die zwei Jahre
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.