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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

wurde es mir langweilig. Und als mein Roman sich 
dem Ende zuneigte, schrieb ich der Kleinen einen 
wirklich hübschen schurkigen Brief mit vielen netten 
Redensarten, in dem ich ihr sagte, dass es zu Ende 
wäre mit uns Beiden. . . . 
Ich war ein wenig unruhig. — 
Bei diesen Verliebten weiss man nie, wozu solch 
ein Bruch führen kann! Und mit etwas Herzklopfen 
öffnete ich am nächsten Morgen ein Kuvert, auf dem 
ich ihre Handschrift erkannte. 
Doch statt aller Vorwiiife und Klagen, die ich 
fürchtete, fand ich ein resigniertes Schreiben, worin 
mich die arme Kleine nur um eine letzte Zusammen 
kunft bittet, und mir beteuert, mir dann nie mehr 
lästig zu fallen. 
Mein Gott! Ich konnte ihr dieses kleine Vergnügen 
nicht abschlagen — und dann konnte es mir immerhin 
einen hübschen, lebenswahren Schluss für „Mirette“ 
liefern. 
Da stand ich also zum letzten Male in dem Zimmer 
der rue Legendre der Kleinen gegenüber, die ihre 
Tränen bezwang. 
Sie hatte ihr kleines Zimmerchen sorgfältig auf 
geräumt und ein nettes Feuer entzündet, um mich zu 
empfangen. Nur um mein Bild war ein schwarzer 
Schleier geschlungen. — Ich sah dies alles nur flüchtig 
und brachte dabei nichtige Trostworte heraus, die falsch 
klangen und denen sie kein Gehör schenkte. 
Mir war die Situation recht peinlich. 
Und als sie mich mit kaum hörbarer Stimme bat, ein 
wenig bei ihr zu bleiben, tat ich es. 
Ich bemerkte wohl, dass die Kleine lange brauchte, 
ehe sie sich zu mir setzte und dass sie etwas auf der 
Erde am Fussende des Bettes vorbereitete, aber ich 
legte dem weiter keine Bedeutung bei. Uebrigens, von 
dem Augenblick an, da sie neben mir war, hatte ich 
nicht mehr Müsse viel nachzudenken. 
Wir plauderten innig wie früher zusammen, doch 
sie lehnte ihr Köpfchen traurig an meine Schulter. 
Mein Kopf begann etwas zu schmerzen, das Blut 
klopfte in den Schläfen, aber ich glaubte, es sei Ueber- 
müdung. Allmählich übermannte mich der Schlaf, ich 
fühlte langsam meine Sinne schwinden. Mein Blick 
fiel auf sie. Sie sah sehr rot im Gesicht aus und ich 
sagte: ,,Ich werde ein wenig das Fenster öffnen.“ 
„Nein ich will nicht!“ schrie sie wild auf und 
klammerte sich fest an meinen Arm, um mich am 
Aufstehen zu hindern. 
„Aber warum denn nicht?“ fragte ich erstaunt. 
„Weil . . . weil ich will, dass Du mit mir sterben 
sollst, weil Du nie mehr einer anderen Frau angehören 
darfst!“ 
Ich erriet alles: Das Kohlenbecken am Fussende des 
Bettes und die Ursache dieser fremdartigen Betäubung. 
Ich wollte mich erheben, die Kleine riss mich verzweifelt 
zurück. Es gab eine Minute wilden Kampfes. Endlich 
konnte ich mich frei machen und aufstehen. Aber 
u 
kaum hatte ich mich erhoben, als mein Bewusstsein 
schwand und ich ohnmächtig auf dem Fussboden 
zusammenbrach. 
Das Ende weisst Du. Die Nachbarn, die Polizei, 
der Reporter (oh, der Reporter!) und die Berichte über 
meinen „Selbstmord aus unglücklicher Liebe". 
Was musste diese arme Madame K. denken, mein Gott! 
Wird sie mir vergeben? Bemühe Dich doch mal zu 
ihr, um ihr zu erklären, dass ich das Opfer meiner 
Liebe zur Arbeit gewesen bin, dann wird sie mir 
vielleicht verzeihen. — Auf jeden Fall kannst Du ihr 
schwören, dass sie zu Ende sind, die Abenteuer mit 
kleinen Näherinnen, sie sind zu gefährlich. 
Es klingelt, mein Arzt kommt. 
Komme mich bitte bald einmal besuchen! 
Ich drücke Dir die Hand mit aller Kraft, deren ich 
fähig bin und die ist noch gering. 
Dein Georges. 
Ich vergass das Drolligste des Abenteuers. Die 
Nachbarn, denen der Kommissar die Kleine, nachdem 
man mich nach Hause gebracht hatte, anvertraute, haben 
nichts besseres gewusst, um sie wieder zu sich zu 
bringen als sie eine Stunde lang auf dem Balkon im 
Flenid auf einem Stuhl im schönsten Regen hinzusetzen! 
Das hat sie wieder lebendig gemacht, aber sie hat sich 
einen tüchtigen Schnupfen dabei geholt! — Arme 
Kleine! Sie hat mich sehr geliebt, aber entschieden 
zu heftig! 
Schnee-Heil. 
Humoreske von Carl Timpf. 
(Nachdruck verboten.) 
Es war geradezu auffallend! Emanuel Müller, dessen 
behäbiges Bäuchlein jede Sympathie für irgendwelche 
Sportübungen ostentativ abzuleugnen schien, verriet seit 
einiger Zeit ein ausserordentliches Interesse und, was 
noch wunderbarer war,eine bemerkenswerte Sachkenntnis, 
wenn die Rede auf den Wintersport kam. 
„Dahinter muss etwas stecken!“ sagten sich Emanuels 
Bekannte. Und es stak wirklich etwas dahinter. 
Bald war es ein offenes Geheimnis, dass Emanuel 
nicht nur in allen illustrierten Zeitschriften eifrig auf 
Wintersportbilder fahndete, sondern sogar — man 
denke! — ein Fachblatt für Wintersport abonniert hatte. 
Dazu kam, dass er schon mehrfach vor Schaufenstern 
ertappt worden war, in denen Schneeschuhe, Rodel 
schlitten und Bobsleighs sich gar lieblich präsentierten. 
Ja, Einer wollte ihn sogar eines Sonntags morgens mit 
einem Paar mächtiger Schneeschuhe auf dem Potsdamer 
Bahnhof gesehen haben. 
Diese letzte Behauptung war, um es gleich zu sagen, 
erstunken und erlogen. Im übrigen aber kamen die 
Gerüchte der Wirklichkeit sehr nahe. Zu einer prak. 
tischen Sportsbetätigung war Emanuel allerdings noch 
nicht gekommen, dafür aber war sein theoretisches In 
c 
teresse ein ganz enormes. Der Ursprung dieser für 
den bequemen Emanuel immerhin etwas merkwürdigen 
Leidenschaft war nicht so leicht zu ergründen. Vielleicht 
stammte sie noch aus der Zeit, da Emanuel in seinem 
Heimatstädtchen den schneebedeckten, steilen Wallab 
hang auf derben Jungenshosen sooft und so eifrig hin 
untergerutscht war, wie es der Respekt vor Vaters 
Rohrstock nur immer erlaubte. Erst als Emanuel im 
zehnten Jahre seines Erdenwallens nach Berlin verpflanzt 
wurde, fand diese denkwürdige Betätigung ein Ende, 
um nun, nach einem Vierteljahrhundert, in der Erinnerung 
mit leuchtenden Farben wieder aufzuleben. 
Wie schon erwähnt, war in Emanuels Gestalt das 
Streben nach einem Ausgleich zwischen den vertikalen 
und den horizontalen Körpermaßen nicht zu verkennen. 
Emanuel war aber wirklich nicht stolz darauf. Jeder 
Zentimeter, der seiner Taillenweite zuwuchs, entpresste 
ihm ungezählte Seufzer, und jedem dieser Seufzer folgte 
der Vorsatz, etwas dagegen zu tun. Aber es blieb bei 
dem Vorsatze, bis er neulich irgendwo gelesen hatte, 
dass kein besseres Mittel gegen die Fettsucht zu finden 
sei als der Wintersport. Da tauchte der heimatliche 
Wallabhang wieder vor ihm auf. Und der ehrsame 
Herr Müller liess sich nieder auf seine eleganten Sonn 
tagshosen und rutschte, und rutschte, bis ihm der Lohn 
für diese aufreibende Tätigkeit nicht länger vorenthalten 
wurde . . . Gewicht: 130 Pfund! 
So träumte Emanuel Müller. 
Seit diesem Tage aber glühte sein Herz für den 
Wintersport. Nur wagte er sich an eine praktische 
Betätigung nicht heran. 
Aber auch dazu sollte sich die Gelegenheit finden. 
Eines Tages erhielt Emanuel von seinem Bruder aus 
Nürnberg einen Brief, in dem er folgendes zu lesen 
bekam: 
„Meine zukünftigen Schwiegereltern werden Mitte 
Februar nach Tegernsee übersiedeln. Gleichzeitig mit 
der Einweihung ihres Hauses soll dort unsere Hoch 
zeit stattfinden. Wir hoffen, dass Du dabei nicht fehlen 
wirst. Die Schwester meiner Braut wäre übrigens etwas 
für Dich. Sie tanzt sehr gern, worauf Du Dich ja ein 
richten kannst.“ 
Bei dem Worte „Tanzen“ überlief den Lesenden 
ein gelinder Schauer, aber dann ging ihm plötzlich ein 
verwegener Gedanke durch den Kopf. Was hinderte 
ihn daran, schon vierzehn Tage vor der Hochzeit nach 
Tegernsee zu fahren und diese Zeit dem Wintersport 
zu widmen? Zwei Wochen mussten doch wenigstens 
eine kleine Wirkung auf seine Beleibtheit ausiiben und 
mit dem Tanzen würde es dann schon gehen. 
Eine unruhige Zeit begann jetzt für Herrn Emanuel 
Müller. Auf seinem Schreibtische häuften sich die 
Kataloge über Wintersportgeräte und seine Studien vor 
den Schaufenstern nahmen an Gründlichkeit zu. Nach 
langem Schwanken entschied er sich für einen Rodel 
schlitten, der ihm zur Fahrt in die Gefilde der Schlankheit 
als das geeignetste Gefährt erschien.
	        
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