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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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musste, wenn die junge Dame ihre Schritte nach dem 
Konservatorium lenkte, und obgleich beide sich nur 
schlecht verständlich machen konnten, hatte er doch 
bald heraus, dass Mabel Blumen sehr liebte und sich 
gern von ihm welche schenken liess, Da beide grosse 
Verehrer des Schlittschuhsportes waren, trafen sie sich 
jeden Nachmittag im Eispalast, und wenn auch das 
Gespräch, der mangelnden Sprachkenntnis wegen, oft 
stockte, unterhielten sie sich doch immer brillant mit 
einander. 
Eines Tages brachte Severin Poigna, so hiess der 
junge Rumäne, mit strahlendem Lächeln zwei Opern- 
hausbillets mit, und verkündete Mabel freudig, dass 
beider Lieblingskomponist „Wagner“ zu Gehör kommen 
sollte mit seinem Lohengrin. Zu dieser feierlichen 
Gelegenheit schmückte Mabel sich mit besonderer 
Sorgfalt, und sie hatte denn auch die Genugtuung, 
dass sie in ihrem chicken, tadellos sitzenden Spitzen 
kleide, —■ das in weichen Wellen über rosa Seide 
rieselte und durch einen grossen Ausschnitt den vollen, 
blendend weissen Hals freigab, — unter den Damen 
des Parketts Aufsehen erregte. Bald aber vergass sie 
diese Äusserlichkeiten ganz und gar, denn die Ouvertüre 
begann. Glückselig sassen die beiden Menschenkinder 
nebeneinander und lauschten den herrlichen Melodien, 
ln ihnen sang und klang es mit. Eine überschäumende 
Begeisterung riss sie hin und jeder gab dieser Wonne 
in seiner eigenen Sprache Ausdruck, und obgleich sie 
die Worte nicht begriffen, verstanden sie sich doch. 
Als sie sich abends mit leuchtenden Augen trennten, 
sagte ein warmer, fester Händedruck ihnen gegenseitig 
mehr Dank, als viele wohlüberlegte Worte es vermocht 
hätten. — 
Am nächsten Tag bei Tisch ärgerte Mabel sich 
wirklich ganz abscheulich über den zudringlichen Russen, 
der sie mit seinen missglückenden Versuchen, sie zu 
unterhalten, langweilte, und zuletzt, um ihn zum 
Schweigen zu bringen, rief sie ihm zu: „Wenn Sie 
wollen unterhalten sich mit mir, Sie müssen lernen: 
Esperanto!“ 
Esperanto, die neue Weltsprache! das war eine 
Rettung! diese interessante, geniale Sprache konnte 
man ja in ein paar Stunden lernen und beherrschen! 
Sofort lief der Russe in einen Buchladen, kaufte sich 
ein kleines, gelbes Buch, auf dem stand: Leitfaden 
zur Erlernung der Lingoo internacia Esperanto und 
setzte sich hin zum eifrigen Lernen. 
Mabel Sanders war unterdessen in ihr Zimmer ge 
gangen, hatte etwas geruht, bestellte sich dann ihren 
Tee, und sah nun träumend auf die herrlichen Rosen, 
die Severin Poigna ihr am Morgen gebracht hatte. Sie 
stand auf, nahm aus der Vase eine der leuchtenden, 
dunkelroten Blüten und befestigte sie an dem fichu- 
artigen Spitzenarrangement ihrer Bluse. Eine zweite 
Rose steckte sie mit vorsichtigen Fingern in die dunklen, 
lockigen Haare und betrachtete nun zufrieden ihr an 
mutiges Bild im Spiegel. Da begann plötzlich 
Coquelin der Aeltere f. 
nebenan ein feines, leises Klingen, und aus dem Chaos 
von Tönen entwickelte sich die Melodie: „Atmest du 
nicht dieselben Düfte?“ Lohengrins Liebesgeständnis 
begann, — zwar nicht meisterlich aber mit Begeisterung 
und Verständnis gespielt, — Mabel’s Ohr zu um 
schmeicheln. Sie lauschte wie gebannt. Die Geigen 
töne sprachen zu ihr eine Sprache, die alle Menschen 
verstehen, sie sangen leise von Liebe, von Sehnsucht 
und verschwiegenen Wünschen. Und leise stahl sich 
sein Name von ihren Lippen, und sie sprach ihn noch 
einmal vor sich hin, ganz leise und langsam, — wie 
gut er doch klang! — „Severin“. Als die Töne ver 
klungen, litt es Mabel nicht länger in ihrem Zimmer, 
sie fühlte sich so verlassen, so allein, so unruhig. 
Vielleicht fand sie irgend einen Menschen im Gesell 
schaftsraum. 
Sie ging hinüber und fand das Zimmer leer. Schon 
schritt Mabel zum Flügel, um durch eigenes Spiel 
ihre erregten Nerven zu beruhigen, da öffnete sich die 
Tür, und Severin Poigna trat herein. Er hatte sie aus 
ihrem Zimmer gehen hören, war ihr gefolgt, und 
stand ihr nun mit bittenden Augen gegenüber. Und 
diese Augen sprachen eine so eigene, dringende 
Sprache, dass Mabel selbst nicht wusste, wie ihr 
geschah, aber sie barg ihren Kopf an seiner Schulter, 
und er flüsterte in ihr kleines, rosiges Ohr: „Ich 
liebe Dich!“ 
Und wieder fanden sie eine Weltsprache, die jeder 
Mund spricht, sie küssten sich heiss und innig — 
Am Abend nahm der Russe mit triumphierender 
Miene seinen Platz neben der verehrten jungen Dame 
— die heute wie zu einem ganz besonderen Fest mit 
grösster Anmut und Eleganz gekleidet schien — ein, 
und begann sofort: 
„Mia fraulino!“ 
Aber er musste mehrere Male seine Stimme ver 
nehmlich erheben, ehe Mabel ihm ihr reizendes, glück 
strahlendes Gesicht zuwandte. 
Endlich fand er Gehör und fing nun an, seine 
schön auswendig gelernten Phrasen herzusagen: 
„Mia fraulino, kiel bi fartas? Mi jam longe ne 
havis plezuron vidi bin!“ 
Mabel aber lachte ihm ins Gesicht, hielt sich die 
Ohren zu und rief immer wieder: „Kannitverstan, 
kannitverstan!“ 
Der Russe schwieg schwer gekränkt und beobachtete 
mit Eifersucht die verliebten Blicke, die seine Nach 
barin mit dem jungen Rumänen tauschte. 
Nach dem Essen trat Leutnant Severin Poigna auf 
den Russen zu und bedeutete ihm höflich, von heute 
ab die Plätze zu wechseln, denn er hätte den grossen 
Wunsch, neben Fräulein Mabel Sanders, seiner lieben 
Braut, zu sitzen. 
Obgleich er das alles in sehr schlechtem Deutsch 
sprach, verstanden ihn doch alle, und seine Eröffnung 
rief ein grosses Hailoh unter der kleinen Gesellschaft 
hervor und mit der Frau Professor an der Spitze 
gratulierten alle dem jungen Paar aufs Herzlichste. 
Nur der Russe war ärgerlich überrascht, riss die 
schläfrigen Augen weit auf und stotterte endlich die 
Frage: „Sie können doch auch nichts Englisch, nichts 
deutsch, wie Sie sich haben verständigt?“ Da lachte 
Severin Poigna ihn mit seinen Spitzbubenaugen lustig 
an und sagte: „Aber, Herr Nywarczk, ich denke, Sie
        
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