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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

der Verdurstende trinkt mit Wollust das ekelste 
Schlaminwasser. Leben ist Krieg, nnd im Kriege 
gelten alle Vorteile. Du hast einen reichen Mann 
geheiratet — nun wohl, ich will von seinem Ver 
mögen profitieren.“ 
„Schuft!“ 
Sie wendete ihm den Rücken zu und ging. Als 
sie draussen auf der Strasse war, erlosch das Stroh 
feuer ihres erborgten Stolzes, die Tränen stürzten ihr 
in die Augen, so dass ihr Häuser und Menschen nur 
in verschwommenen Umrissen erschienen. Sie winkte 
einer Droschke und fuhr nach Hause. 
In quälender Angst lebte sie die Tage, denn jeder 
Augenblick konnte ihr wieder eine drohende Mitteilung 
von Barnas bringen. Aber sie war fest entschlossen, 
ihm nicht ein gefügiges Erpressungsobjekt zu sein; 
vermochte es auch nicht, denn über Ersparnisse ver 
fügte sie nicht und eine Motivierung für die Forderung 
grösserer Geldbeträge konnte sie ihrem Gatten nicht 
geben. Wohl dachte sie einen Moment daran, sich 
ihm anzuvertrauen. Aber sie verwarf den Gedanken 
wieder, denn ihres Mannes Eifersucht hätte Beziehungen 
zwischen ihr und dem früheren Verlobten zu entdecken 
gesucht, die nie bestanden hatten. Irrimer angstvoller 
sagte sie sich, dass ihr Mann das Verschweigen ihres 
erstmaligen Verlöbnisses ihr nie verzeihen würde. Das 
stand für sie fest, wie das Amen in der Kirche. 
So pendelte sie dahin zwischen Furcht und Unge 
wissheit; ein Zustand, der ihre Nerven rebellisch machte 
und Alice in eine hochgradige Gereiztheit versetzte. 
Zwei quälende Wochen krochen langsam dahin. Bei 
jedem Schallen der Hausglocke schrak Alice zusammen. 
Aber am bohrendsten wühlte die Angst in ihr, wenn 
sie mit ihrem Mann bei den Mahlzeiten sass. Wie 
leicht konnte es geschehen, dass gerade dann der 
erpresserische Brief eintraf. Und wie sollte sie ihn 
ihrem Mann verheimlichen, oder wie sich ausreden, 
wenn er einen Einblick in den Brief verlangte. 
So empfand sie es schliesslich fast als eine Er 
lösung, als das Erwartete und ach! so Gefürchtete 
eintraf. Barnas heischte sofort die Summe von tausend 
Mark. Er erwartete Alice um die sechste Stunde an 
einer näher bezeichneten Stelle des Tiergartens. 
Alice raffte alles bare Geld zusammen, das sie 
besass. Es waren dreihuudert Mark. Damit wollte 
sie ihn abspeisen, — ein für allemal. Nun war sie 
fest entschlossen, sich nicht weiter von ihm ein- 
schiichtem zu lassen und nichts mehr zu opfern, 
mochte geschehen, was da wollte. 
Ein linder Winternachmittag. Man konnte beinahe 
des Mantels entraten. Alice war pünktlich zur Stelle. 
Es war sehr dunkel in diesem Teil des Parks; wenige 
Flammen warfen ein unsicheres, flackerndes Licht 
durch die massiven alten Baumstämme, 
Barnas erwartete sie bereits. „Nun,“ fragte er, 
„hast Du den Mammon? Ich bin in einer fatalen 
Geldklemme.“ 
Sie gab ihm das Geld; er nahm es enttäuscht. 
„Fehlen siebenhundert Mark.“ 
„Ich habe nicht mehr,“ erwiderte sie gepresst. 
„So lass es Dir von Deinem Manne geben.“ 
„Nie!“ 
„Dann werde ich’s mir von ihm geben lassen.“ 
Sie blickte ihn wild an. „Wagen Sie es nur!“ 
Er lachte spöttisch. „Wer will mich denn hindern?“ 
„Ich!“ Das klang so entschlossen, dass er sie ver 
wundert anstarrte; im nächsten Augenblick schon ver 
flog sein Erstaunen. 
„Du?“ meinte er wegwerfend. 
Sein Ton reizte sie. „Ja, ich! Ich lasse mir nicht 
die Daumenschrauben ansetzen, lasse mir kein Geld 
mehr erpressen.“ 
„Sei froh, dass ich nicht noch mehr von Dir ver 
lange!“ Seine Blicke umfingen ihre Gestalt — Alices 
Trotz hatte seine Leidenschaft entfesselt. Er sah sich 
um — menschenleer. — O, sie sollte ihm nicht ent 
gehen. Mit einem Schritt war er ganz dicht neben 
ihr. Brutal presste er die Ueberraschte an sich und 
küsste sie glühend auf Mund, Stirn und Wangen. 
Vergebens wehrte sie sich. „Lass mich los!“ bat 
sie. Er drückte sie noch wilder. 
„Gib mich frei!“ schrie sie. Er achtete nicht 
darauf. Mit äusserster Kraftanstrengung stiess sie ihn 
von sich. 
Wieder wollte er sich auf sie stürzen. Da entnahm 
sie ihrem Täschchen einen kleinen, scharfgeschliffenen 
Dolch. Sie drückte ihn fest in die Hand. „Ich nahm 
ihn mit — für alle Fälle — also lasse mich.“ 
Er höhnte. „Leere Drohungen, Madame. Wir 
sind nicht auf Sizilien.“ 
Aufs neue stürzte er auf Alice zu — ein lauter 
Schrei — er taumelte zurück — fuhr mit der Haud 
nach dem Herzen — blieb einen Moment kerzen 
gerade stehen — und fiel dann schwerfällig auf die 
Erde. — Tot. — 
Mit der Kraft der Verzweifelnden und mit traum 
wandelnder Sicherheit hatte sie ihm den Dolch mitten 
ins Herz gestossen. . . . 
Niemals hat die Polizei den Schleier von diesem 
rätselhaften Mord lüften können. 
Lena allein ahnte den Zusammenhang. 
Alice aber lebt glücklich und zufrieden wie vordem. 
Nur etwas stiller ist sie geworden. 
Esperanto. 
Skizze von F. Blindow. 
(Nachdruck verboten.) 
Mabel Sanders amüsierte sich köstlich. 
Sie hatte nicht erwartet, dass ihr Aufenthalt hier 
in Deutschland so abwechselungsreich und unterhaltend 
werden würde. 
Da es in Amerika momentan nun einmal zum guten 
Ton gehörte, ein Jahr in Deutschland, in Berlin, Dresden 
oder Leipzig, Musik zu studieren, so war Mabel denn 
Anfang Oktober nach Berlin gegangen, in die von 
Bekannten warm empfohlene Pension der Frau 
Professor Neumann. 
Sie nahm in einem Konservatorium technischen und 
theoretischen Klavierunterricht, übte zu Hause einige 
Stunden, behielt aber immer noch genügend Zeit, sich 
Berlin gründlich anzusehen und sich, wie bereits ge 
sagt, köstlich zu amüsieren. 
Frau Professor Neumann hatte eine reizende Art, 
die jungen Ausländerinnen, die nach deutschen, gut 
bürgerlichen Begriffen etwas frei erzogen waren, unter 
ihre Fittiche zu nehmen. Sie begriisste alle Herren 
bekanntschaften, die ihr unter dem Titel „Freund“ 
oder „Vetter“ zugeführt wurden, sehr liebenswürdig 
bei sich, lud sie ein, und gab dadurch all diesen Be 
kanntschaften einen soliden, häuslichen Hintergrund. 
Keine der jungen Damen hatte nötig, ihren 
Freunden auf der Strasse Rendez-vous zu geben, nein, 
sie kamen einfach zu Frau Professor in die Pension, 
die sie freundlich zur Teestunde einlud, oder einen 
Konzertbesuch vorschlug. 
Sie selbst hatte einige Zimmer an junge Ausländer 
vermietet, die im Pensionat bei den gemeinsamen 
Mahlzeiten Deutseh zu lernen hofften, aber mehr 
Französisch, Englisch und Italienisch zu hören bekamen, 
als die Landessprache. 
Neben Mabel Sanders sass bei Tisch ein junger 
Russe, der sich zum Studium der Physik in Berlin 
aufhielt. Er hatte sich auf den ersten Blick in seine 
hübsche Nachbarin verliebt, die mit ihrem rosigen 
Teint im Kontrast zu den dunklen Haaren gerade sein 
Genre war, — und gab sich nun jeden Tag die 
erdenklichste Mühe, sie zu unterhalten. Er radebrechte 
ein entsetzliches Deutsch, und da Mabel in den 
3 Wochen ihres Aufenthaltes auch noch nicht sehr 
viel gelernt hatte, so kamen die Beiden nie über die 
üblichen Erörterungen: „Wie geht es Ihnen?“ „Danke, 
gut!“ und über die Erledigung der Wetterfrage hinaus. 
Mabel wusste ausserdem ganz genau, dass sie nie 
weiter kommen würden in der Unterhaltung, denn sie 
konnte den Russen nun einmal nicht leiden, und be 
mühte sich garnicht, seine verzweifelten Anstrengungen, 
ein Gespräch in Gang zu bringen, zu unterstützen. 
Er gefiel ihr absolut nicht mit seinen schläfrigen Augen, 
seinen langsamen Bewegungen und dem vernach 
lässigten, unsauberen Anzuge. 
Ein weit grösseres Interesse gewann der jungen 
Amerikanerin ihr vis ä vis ab, ein rumänischer Leutnant, 
ein flotter, bildhübscher, liebenswürdiger Mensch mit 
funkelnden Spitzbubenaugen. Leider konnte dieser 
noch weniger deutsch, um so beredter aber war die 
Sprache seiner galanten Höflichkeiten, mit denen er 
Mabel auszeichnete. Sehr sonderbar traf es sich fast 
jeden Tag, dass er gerade zur selben Zeit zum Dienst
        
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